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Matt Ridley-Eros und Evolution – Die Naturgeschichte der Sexualität - Droemer Knaur, München 1995, 550.S Matt Ridley

Eros und Evolution – Die Naturgeschichte der Sexualität
Droemer Knaur, München 1995, 550.S [PDF - DATEI - 82 KB]

Eine Zusammenfassung und Besprechung1)

1. Einführung

Als mir das Buch vor einiger Zeit auf der Suche nach brauchbarer Evolutionsliteratur in die Hände fiel, war mein erster Eindruck: Wichtiger als die Bibel2)! Und dies ist auch mein letzter Eindruck geblieben – wobei meinem Urteil als Maßstab wohl die ›Erhellung der menschlichen Natur‹ zu Grunde liegt. Das Buch strotzt von originellen Ideen, was bei den über 500 Literaturtiteln, die Ridley in dem Buch verarbeitet hat, schlicht daran zu liegen scheint, dass er ein besonders belesener Kopf ist, der zudem mit vielen bedeutenden Evolutionstheoretikern korrespondiert. Aufgrund seiner gründlichen Recherchen und der eleganten Darstellung seiner Themen unterscheidet sich Ridley positiv von vielen anderen Sachbuchautoren, die mit einem guten Dutzend zufällig ausgewählter Literaturtitel sowie einer gehörigen Portion Sendungsbewusstsein die Wissenschaftsgeschichte umschreiben wollen. Als Beispiel aus der populären Sparte ›Darwinismuskritik‹ sei das erst kürzlich erschienene Sachbuch »Das Darwin-Komplott« von Reinhard Eichelbeck genannt. Dem Sachbuchautor gelingt es hier nur dank der mageren Literaturgrundlage und dem unerschütterlichen Bewusstsein, einem Komplott auf der Spur zu sein, die evolutionstheoretisch und wissenschaftsgeschichtlich anspruchsvolle Aufgabenstellung zu ›bewältigen‹.

Ridleys Buch »Eros und Evolution« ist inhaltlich eine anthropologische Anwendung der Evolutionstheorie auf die Naturgeschichte der Sexualität. Vom konzeptionellen Ansatz her kann es als gelungene Synthese und Weiterführung von Richard Dawkins´ provokantem Klassiker »Das egoistische Gen« und David Buss´ kontroversem Standardwerk »Die Evolution des Begehrens« bezeichnet werden. Zum Glück schreibt Ridley nicht so egoman wie der Evolutionstheoretiker Dawkins und nicht so ungelenk und trocken wie der Evolutionspsychologe Buss. Und dies mag auch der Grund dafür sein, dass ich mit Stil und Inhalt von Ridleys Buch stark sympathisiere. Im Folgenden werde ich wesentliche Gedanken seines Buches referieren und nur dort kommentieren, wo ich Ungereimtheiten sehe oder ergänzende Hinweise für angebracht halte. Insbesondere das sechste Kapitel dieses Beitrages mag bei manchem Leser den Eindruck erwecken, er habe statt dem vertrauten Zeitensprünge-Bulletin ein Brevier für Seitensprünge in der Hand. Wer sich diese Erfahrung ersparen möchte, sollte dieses Kapitel überschlagen oder am besten nach der Einführung direkt den Ausblick lesen. Dort diskutiere ich Ridleys Thesen vor dem Hintergrund chronologiekritischer und den Evolutionsmechanismus betreffender Aspekte. Zur Strukturierung von Ridleys Ideenfeuerwerk habe ich aus rein praktischen Erwägungen eine Frage-Antwort-Schema gewählt, das mit etwas Abstand betrachtet doch stark an den katholischen Einheits-Katechismus erinnert (»Wozu sind wir auf Erden? Wir sind auf Erden, um Gott zu erkennen.« etc.). Das eingängige Schema darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele von Ridleys Geschichten zwar geistreich, spannend und wahrscheinlich aber durchaus nicht final bewiesen sind.

2. Wer ist der Autor?

Der britische Zoologe und Soziobiologe Matt Ridley (nicht zu verwechseln mit dem scholastischen britischen Evolutionsbiologen Mark Ridley) ist einer der prominentesten Wissenschaftsautoren. Seine Sachbücher (»Eros und Evolution«, engl. 1993, vollständige deutsche Taschenbuchausgabe 1998; »Biologie der Tugend«, 1996 oder »Alphabet des Lebens«, 1999) sind ebenso fundiert wie leichhändig geschrieben und sind schon öfter ausgezeichnet worden. Der Autor lebt als freier Journalist und Sachbuchautor auf einer Farm in Nordengland. Ridley ist verheiratet und hat zwei Kinder. Dass es sich dabei um einen Sohn und eine Tochter handelt, scheint seinem massiven Interesse an der Beobachtung der Entwicklung von Geschlechtsunterschieden sehr entgegen zu kommen.

3. Worum geht es in dem Buch?

Es geht in dem Buch nicht ausschließlich wie der deutsche Titel suggeriert um Sexualität, sondern grundsätzlich um die Beschaffenheit der menschlichen Natur. Ridley versucht, die Frage zu beantworten, warum reiche Männer schöne Frauen heiraten, und schöne Frauen reiche Männer bevorzugen; warum Männer was Aussehen und Alter von Frauen angeht so wählerisch sind und Frauen mehr auf Status statt auf Aussehen von Männern achten; warum die Knaus-Ogino-Methode versagt und ein verborgener Eisprung die Untreue von Frauen erleichtert; warum die Menschen im Unterschied zu ihren nächsten Verwandten, den Schimpansen, in der Regel in monogamen Beziehungen mit Hang zur Untreue leben und ein erheblicher Teil der Kinder aus intakten Familien ihren genetischen Vater nicht kennen; warum der Mensch ein Erfolgsaffe ist und warum er ein so großes Gehirn hat. Für diese und viele weitere interessante Fragen liefert Ridley uns die neusten Antworten, die allesamt gemeinsam haben, dass sie weniger auf humanwissenschaftlichen als auf soziobiologischen Erklärungsmodellen basieren. Anders formuliert: Es handelt sich um Antworten, die mehr mit der menschlichen Instinktnatur als mit psychischen, kulturellen oder religiösen Unterschieden der Menschen zusammenhängen.

Die Grundthese von Ridleys Buch lautet: Es gibt so etwas wie eine universale men-schliche Natur und es ist unmöglich, den Grundstock an Ähnlichkeiten unter den Menschen zu verstehen, ohne verstanden zu haben, wie sich die Instinktnatur des Menschen im Laufe der Evolution entwickelt hat und weshalb die Sexualität ein Zentralthema der Evolution der menschlichen Natur ist. Ridley scheut sich nicht bei der Erforschung der menschlichen Natur auf die Kenntnisse über die Lebensweise von Tieren, wie z. B. Menschenaffen, Pavianen und Gibbons, Busch-, Birk- und Blatthühnern, Paradies- und Laubenvögeln, Pfauen, Lemmingen, Blauwalen, Rädertierchen und Regenwürmern zurückzugreifen. Genauso wie es unmöglich ist das Sozialverhalten eines australischen Buschhuhns (das aus Gründen der Reproduktion zwei Tonnen Blätter, Zweige und Sand zu einem Hügel aufschichtet) isoliert, d. h. ohne den Vergleich mit anderen Tieren zu verstehen, ist auch die Lebensweise des Menschen nur zur verstehen, wenn man seine historischen Lasten, d. h. das Paarungsverhalten, die Investitionen beider Elternteile in die Kinder, die Lebensräume oder die Ernährungsweisen mit denen anderer Lebewesen vergleicht. Nach Ridley ist die Auffassung der Mensch sei das einzige Geschöpf, dass sich nach Lust und Laune entwickle, ist ein typisches Kennzeichen menschlicher Unwissenheit.

Es geht Ridley im Übrigen nicht darum, die Bedeutung von Kultur- und Umwelteinflüssen abzustreiten (kein vernünftiger Mensch würde dies tun) sondern der Bedeutung genetischer Einflüsse Anerkennung zu verschaffen (was viele vernünftige Menschen insbesondere Humanwissenschaftler nicht tun). Ridley stützt sich bei der Interpretation der menschlichen Natur nicht nur auf biologische Erkenntnisse, sondern er lässt auch Soziologen, Psychologen und Anthropologen zu Wort kommen. Die Erklärungsmodelle dieser Disziplinen werden von Ridley allerdings heftig kritisiert, weil in deren Untersuchungen der Einfluss der Gene auf menschlichen Verhalten meistens übersehen wurde. Und dies gilt für Sigmund Freuds Inzesttabu genauso wie für Skinners Behaviorismus und Meads Gruppendruck-Determinismus. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die soziobiologischen Erklärungsansätze von den traditionellen Seelenkundlern und Sozialwissenschaftlern heftig attackiert werden. Dies konnte allerdings nicht verhindern, dass diese Erklärungsmodelle seit Ende der siebziger Jahre auf breiter Front auf dem Vormarsch sind, was durch den Erfolg der Bücher von David Buss, Richard Dawkins, Matt Ridley oder Edward O. Wilson eindrücklich belegt wird. Auch der SPIEGEL-Titel »Sex und Evolution – Das animalische Erbe des Menschen« vom 17. April diesen Jahres zeigt, dass die Soziobiologie zwischenzeitlich den Zeitgeist erobert hat.

4. Warum spielt die Sexualität eine so wichtige Rolle in der menschlichen Natur?

Die wichtige Rolle der Sexualität in der menschlichen Natur hängt damit zusammen, dass der Reproduktionserfolg der einzige (wissenschaftlich) erkennbare Zweck ist, zu dem ein menschliches Wesen (ebenso wie jedes andere Lebewesen) konstruiert ist – alles andere ist Mittel zum Zweck (auf die teleologische Formulierung dieser Feststellung komme ich zurück). Die erfolgreiche Reproduktion ist die Prüfung, die alle menschlichen Gene bestehen müssen, wenn sie nicht durch natürliche Selektion ausgesiebt werden sollen. Im Zentrum der Untersuchung von Ridley steht daher die menschliche Reproduktion, d. h. die sexuelle Fortpflanzung. Ridley zeigt, dass es nur wenige Eigenschaften der menschlichen Natur (inklusive der Psyche) gibt, die sich vor einem anderen Hintergrund als vor der Reproduktionsfähigkeit erklären lassen. Die ungeheuer große Bedeutung der sexuellen Reproduktion (oder genauer gesagt der von der Reproduktion zwischenzeitlich weitgehend entkoppelten Sexualität) zeigt sich auch darin, dass man die Frage, worüber die Menschen und insbesondere die Männer am häufigsten reden, wohl mit »das andere Geschlecht«, »Liebe« oder gleich mit »Sex« beantworten muss3). Und diesem beredten Zeugnis der menschlichen Instinktnatur ist, da es eine erstaunliche Übereinstimmung mit evolutionsbiologischen Forschungserkenntnissen zeigt, durchaus eine Indikatorfunktion einzuräumen.

Die besondere Bedeutung des Faktors erfolgreiche Reproduktion ist bereits von Darwin erkannt worden. Seine Theorie der sexuellen Selektion ist eine seiner weniger bekannten, lange Zeit ignorierten Thesen: Ihre Grunderkenntnis besteht darin, dass das Ziel eines Lebewesen nicht das bloße Überleben, sondern die Fortpflanzung ist. Alles, was den Reproduktionserfolg erhöht, wird sich auf Kosten anderer Dinge ausbreiten, die solches nicht tun – selbst dann, wenn dadurch das Überleben von Individuen gefährdet wird. Dies ist von so zentraler Bedeutung für die Entwicklung von Leben, dass es nicht nur den Bauplan des Körpers beeinflusst hat, sondern auch die Beschaffenheit der Psyche. Beispielsweise erhöht Testosteron das Elixier aller Männlichkeit die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten. Auch die Psyche eines Mannes ist darauf ausgerichtet, Dinge zu tun, die zwar sein Überleben gefährden, aber seine Chancen erhöhen, eine oder mehrere ›wertvolle‹ Geschlechtspartnerinnen zu gewinnen. Wenn Frauen gefährlich leben, dann gefährden sie dadurch ›lediglich‹ die Kinder, die sie bereits haben. Das relativ zu Frauen stärker wettbewerbsorientierte (und aggressivere) Wesen des Mannes ist also das Ergebnis sexueller Selektion.

Die sexuelle Selektion lässt wie die natürliche Selektion den Eindruck einer ›zweckgerichteten‹ Planung entstehen. Tatsächlich betrachten mehr und mehr Biologen Gene als etwas, das aktiven und denkenden Einzelwesen vergleichbar ist. Dies bedeutet nicht, dass Gene ein Bewusstsein besäßen oder gar von irgendwelchen Zukunftsgedanken getrieben würden. Aber die teleologische Wahrheit ist, dass Gene, die ihr eigenes Überleben zu sichern versuchen, eher überleben. Ein Gen ist per definitionem der Nachfahr eines Gens, das es geschafft hat, in die nächste Generation zu gelangen. Um dieses Ziel zu erreichen, wirken Gene in Körpern zusammen, um die Chance zu erhöhen, in die nächste Generation zu gelangen. Dies ist eine ebenso wirksame Überlebensstrategie, wie das soziale Zusammenwirken von Menschen in einer Stadt. Insofern hat die teleologische Sichtweise bei Genen, obwohl es sich um seelenlose Moleküle handelt und die Evolution kein Ziel hat, eine gewisse, wenn auch m. E. nicht unproblematische Berechtigung. Die Parallele kann sogar noch weitergeführt werden: Gemeinweisen bestehen bekanntlich nicht nur aus Kooperation, sondern auch aus Wettbewerb, und es ist schwieriges Problem zwischen beiden Polen einen vernünftigen Ausgleich zu schaffen. Die Gen-Gesellschaft steht vor genau demselben Problem, weil Gene nicht nur kooperieren, sondern jedes Gen natürlich auch ein Nachfahr eines Gens ist, das unbeabsichtigt mit allen Mitteln gerempelt und geschoben hat, um die nächste Generation zu gelangen.

5. Was hat die »Rote Königin« mit Parasiten und Sex zu tun?

In der englischen Originalausgabe erschien das Buch unter dem Titel »The Red Queen«. Der Originaltitel wirft wie häufig ein bezeichnenderes Licht auf den Inhalt des Buches als die deutsche Version des Titels: Die »Rote Königin« ist eine furchterregende Frau aus Lewis Carrolls bekannten Kinderbuch-Klassiker »Alice im Wunderland«. Sie rennt ständig, ohne dabei vom Fleck zu kommen: »Hierzulande musst du so schnell rennen wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst«. In der Biologie ist die »Rote Königin« zwischenzeitlich bei Theorien zur Existenz und Funktion von Sexualität zu einer geachteten Persönlichkeit geworden. Theorien im Sinne der »Roten Königin« gehen davon aus, dass die Welt mit dem Tode um die Wette läuft. Und zwar nicht in erster Linie, wie man früher glaubte, um bessere Anpassung an die physische Umgebung (Kälte, Wärme, Nahrungsressourcen etc.), sondern im Kampf gegen Parasiten: Hunger oder ein Unfall mögen Menschen geschwächt haben, aber gestorben sind sie meistens an Infektionen.

Parasiten und Wirte sind durch enge evolutionäre Bande miteinander verknüpft. Je besser sich der Wirt verteidigt, umso stärker wird die natürliche Selektion solche Parasiten fördern, die in der Lage sind diese Abwehr zu durchbrechen. Je erfolgreicher der Angriff des Parasiten, um so eher wird der Wirt eine Verteidigungsstrategie entwickeln. Der Vorteil wird also immer von einem zum anderen pendeln und niemand wird einen Sieg davon tragen, sondern stets nur einen zeitweiligen Aufschub erwirken. Parasiten werden zwischenzeitlich von Evolutionstheoretikern als hauptsächliche Ursache für die Evolution von Sexualität gehandelt, weil die sexuelle Fortpflanzung eine der wichtigsten Verteidigungsmöglichkeiten gegen Parasiten ist. Hier deutet sich eine überraschend banale Antwort auf die Frage aller Fragen »Warum Sexualität und nicht die praktische asexuelle Vermehrung?« an. Parasiten (hier Viren, Bakterien und Pilze) sind darauf spe¬zialisiert in Zellen einzudringen, indem sie sich bestimmter Proteinschlüssel bedienen, die in Proteinschlösser der Zelloberfläche des Wirtes passen. Parasiten erfinden ständig neue Schlüssel und Wirte ändern ständig alte Schlösser. Hier setzt die neue Hypothese an: Eine Art, die sich sexuell fortpflanzt, verfügt über viele verschiedene Schlösser, eine Art die sich asexuell fortpflanzt, hat dagegen – von Mutationen einmal abgesehen – nur ein Schloss. Ein Parasit mit dem richtigen Schlüssel könnte daher eine sich asexuell vermehrende Art binnen kurzem ausrotten. Arten mit sexueller Fortpflanzung können demgegenüber auf eine Bibliothek verschiedenster Schlösser zurückgreifen.

Tatsächlich sind wir vollgestopft mit verschiedensten Versionen von Genen, was für tiefgläubige Darwinisten ein Sakrileg ist, weil das beste Gen alle anderen hätte verdrängen müssen. Dass dies nicht so ist, bewirkt eine mächtige Kraft mit Namen »Infektionskrankheit«, die dafür sorgt, dass die meisten Versionen eines Gens überleben. Sobald nämlich ein Schloss-Gen selten wird, wird auch der passende Parasiten-Schlüssel selten, so dass dieses Schloss wieder im Vorteil ist und vor dem Verschwinden bewahrt wird. Dieses funktioniert allerdings nur, wenn sich die Genome der beteiligten Individuen mittels geschlechtlicher Fortpflanzung ständig durchmischen. Bezüglich des anderen großen Gegenspielers von Infektionskrankheiten bei höheren Tieren, dem Immunsystem, sei hier nur angedeutet, dass es zwischenzeitlich Theorien gibt, die das Immunsystem mit Sexualität in einer übergreifenden »Rote-Königin-Hypothese« zusammenführen.

6. Wie unterscheidet sich die sexuelle Natur von Männern und Frauen?

Angesichts der Tatsache, dass Männer ihren Fortpflanzungserfolg durch das Eingehen mehrerer Beziehungen erhöhen können, Frauen hingegen nicht, sollte man aus Gründen des Reproduktionserfolgs annehmen, dass männliches Verhalten grundsätzlich angelegt ist, jede sich bietende Gelegenheit zu polygamen Verhalten bereitwillig auszunutzen, und dass männliches Handeln nichts anderes zum Ziel hat. Dass dies nur bedingt zutrifft, hängt nicht nur damit zusammen, dass Frauen aktive Gegnerinnen im sexuellen Schachspiel sind, sondern dass mit einem komplexen Sozialverhalten ausgestattete, größere und intelligentere Tiere (denen der Mensch zuzurechnen ist) hinsichtlich ihrer Paarungssysteme flexibler sind.

Die heutige Monogamie der westlichen Gesellschaft ist daher nach Ridley nur eine von mehreren Varianten im Repertoire der Paarungssysteme, aus denen wir in Abhängigkeit von ökonomischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen schöpfen können. Bezüglich der historischen Entwicklung der Paarungssysteme gehen die meisten Evolutionsbiologen heute davon aus, dass der überwiegende Teil unserer pleistozänen Vorfahren, d. h. der Jäger und Sammler des Eiszeitalters in Verhältnissen lebten, die nur gelegentlich polygam waren. Die heute noch existierenden Jäger- und Sammlergemeinschaften unterscheiden sich nämlich nicht wesentlich von modernen westlichen Kulturen. Die meisten Männer leben monogam, viele sind untreu, und einige wenige schaffen es polygam zu leben.

Die Ursache, weshalb Lebensformen der Jäger und Sammler nur ein geringes Maß an Polygamie begünstigt, besteht darin, dass Glück für den Jagderfolg eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie Geschicklichkeit. Da Glück nie von Dauer und sich zudem Fleisch schlecht lagern lässt, konnte es in Jäger- und Sammlerkulturen nicht zur Anhäufung von Reichtum kommen. Jägerkulturen zeichnen sich daher meist durch eine gerechte Aufteilung erlegter Beute aus, die ein gutes Beispiel für einen reziproken Altruismus ist.

Erst mit der Einführung des Ackerbaus ergab sich für Männer schlagartig die Gelegenheit zur Polygamie. Die Landwirtschaft macht es dem besten Bauern plötzlich möglich, nicht nur einen großen Nahrungsvorrat zu horten, sondern konnte ihm auch dazu verhelfen, einen verlässlichen Nachschub zu haben. Im Unterschied zu den auf gegenseitige Gefälligkeit aufbauenden Jägergemeinschaften waren gute Bauern nicht darauf angewiesen, mit anderen zu teilen. Die Ungleichverteilung von Reichtümern ist eng an die Ungleichverteilung sexueller Möglichkeiten geknüpft. Tatsächlich findet man laut Ridley in einfachen Agrargesellschaften häufig Harems mit bis zu hundert Frauen. Da Reichtum und Macht oder das Streben danach oft identisch waren, wurden die Frauen nicht nur gekauft, sondern auch über Macht erworben, wodurch die Ungleichverteilung noch gesteigert wurde.

Zum Wesen des Mannes (von dem hier zunächst fast zwangsläufig die Rede ist, weil das Wesen der Frau in polygamen Gesellschaften überwiegend ignoriert wurde) gehört es also, Gelegenheiten zu polygamen Beziehungen beim Schopf zu packen – so sie ihm gewährt werden – und im Wettstreit mit anderen Männern Reichtum, Macht und Gewalt zu Erreichung sexueller Ziele einzusetzen.

Im Westen hat das Zwischenspiel menschlicher Polygamie, das vermutlich mit der Erfindung des Ackerbaus begann und auch im Mittelalter bei den Herrscherklassen weit verbreitet war mehr oder weniger sein Ende gefunden. Offizielle Kurtisanen sind zu inoffiziellen Geliebten geworden, die vor Ehefrauen versteckt werden müssen. Ridley ist der Ansicht, dass bislang kein Historiker befriedigend erklären konnte, was tatsächlich geschehen ist. Das Christentum hat eine Jahrhunderte lange friedliche Koexistenz mit der Polygamie geführt und die Frauenrechte kamen zu spät. Vermutungen gehen unter anderem dahin, dass Herrscher irgendwann darauf angewiesen waren, ausreichend interne Verbündete zu haben, so dass sie der despotischen Machtausübung entsagen mussten. Damit war nach Ridley so etwas wie die Demokratie geboren, in der monogame Männer die Gelegenheit hatten (auch wenn sie eigentlich selbst nach polygamen Lebensformen strebten) gegen Polygamisten, d. h. erfolgreiche Konkurrenten zu stimmen, womit deren Schicksal besiegelt war. Ridley spannt hier ausgehend von genetischen Determinismen einen m. E. etwas zu weiten kulturgeschichtlichen Bogen und übersieht dabei, dass z. B. das Clanwesen ein ausgesprochen effektives Machterhaltungssystem für Despoten ist. Seiner Einschätzung, dass Demokratien polygamiefeindlich sind, stimme ich allerdings zu. Die Sexskandale der letzten Jahre haben reichlich bewiesen, dass demokratische Machtinhaber ihre polygamen Neigungen nur selten ungestraft ausleben können.

In vieler Hinsicht leben Menschen heute vermutlich in einem sozialen System, das dem ihrer pleistozänen Jäger und Sammler-Vorfahren eher ähnelt als dem der neolithischen Ackerbaugesellschaften. Keine Jäger- und Sammler-Kultur gestattet mehr als nur gelegentliche Episoden der Polygamie. Die Ehe scheint in den meisten Kulturen ein universelles Phänomen zur Produktion, Betreuung und Erziehung von Kindern zu sein. Überall wo es sie gibt, beteiligt sich der Vater zumindest teilweise an der Aufzucht der Kinder und sei es nur, indem er die Familie ernährt. Dies ist durchaus überraschend, denn die – normalerweise gelebte – Monogamie und nicht etwa die (gelegentliche) Polygamie unterscheidet uns erheblich von unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen. Nach Ridley ist die Menschheit selbst in den polygamsten Momenten menschlicher Geschichte der Institution der monogamen Ehe treu geblieben. Als Beispiel führt er an, dass auch Despoten in der Regel eine Königin und viele Konkubinen hatten. Auch hier übersieht Ridley, dass die Ehe bei Despoten ein Instrument zur Machterhaltung etwa im Zusammenhang mit Erbfolgen oder der Vereinigung von Königshäusern ist. Dass Frauen keine passiven Güter im sexuellen Schachspiel sind, wie es polygame Gesellschaften glauben machen könnten, wird vor allem in demokratisch aufgebauten Gesellschaften deutlich. Frauen sind zwar aus Gründen des Reproduktionserfolges weniger als Männer (›Ehebrecher haben mehr Nachwuchs‹) an polygamen Verhältnissen interessiert; aber die Theorie vom begehrlichen Mann und der keuschen Frau versagt, wenn es darum geht die einfache Frage zu beantworten, warum Frauen untreu sind?

In einer außerordentlich interessanten Untersuchung, die vor kurzem in Westeuropa durchgeführt wurde, traten folgende Tatsachen zutage: Frauen haben mit sehr viel größerer Wahrscheinlichkeit dann eine Affäre, wenn ihre Partner eher fügsam sind, nicht besonders gut aussehen und ihr Erscheinungsbild in irgendeiner Form asymmetrisch ist. Wenn verheiratete Frauen eine Affäre eingehen, dann entscheiden sie sich für dominante Männer, die älter und verheiratet sind, gut aussehen und ein symmetrisches Erscheinungsbild haben. Je attraktiver allerdings ein Mann ist, umso weniger aufmerksam ist er als Vater. Nahezu jedes dritte Kind, das in Westeuropa geboren wird, stammt aus einer außerehelichen Beziehung. Bereits zu Beginn dieses Beitrages habe ich erwähnt, dass Ridley sich nicht scheut, bei der Erforschung der menschlichen Natur auf Erkenntnisse über die Lebensweise von Tieren zurückzugreifen und so berichtet diese Studie nicht von Menschen, sondern von Vögeln genauer gesagt Schwalben!

Aber sind Menschen – bei denen schätzungsweise trotz moderner Verhütungsmethoden immerhin noch jedes zehnte Kind einem Seitensprung sein Dasein verdankt – ganz anders als Schwalben? Ridley glaubt das nicht. Auch Frauen sind – wenn auch im geringeren Umfang als Männer – sexuelle Opportunisten und verfolgen ihre eigenen Ziele im sexuellen Schachspiel.

Bei der Beschreibung der sexuellen Natur des Mannes wurde bereits erwähnt, dass das Sexualverhalten unserer nächsten Verwandten, der Menschenaffen nur wenige Parallelen zu den Paarungssystemen menschlicher Gesellschaften zeigt. Ganz anders bei Vögeln: Viele Vögel leben – wie Menschen – in Kolonien und verhalten sich innerhalb dieser Kolonien jedoch weitgehend monogam. Und diese Parallele aus der Vogelwelt liefert eine interessante biologische Erklärung dafür, weshalb nicht nur Männer sondern auch Frauen an sexueller Abwechslung interessiert sein können. Obwohl Frauen dazu neigen, ihren Mann sorgfältig aussuchen, ist der Mann, den eine Frau heiratet, fast zwangsläufig nicht der beste mögliche Mann. (Auch eine Schwälbin, die einen Ehemann braucht, der ihr bei der Aufzucht ihrer Jungen hilft, kommt häufig erst ins Brutgebiet, wenn die besten Männer schon vergeben sind!). Der Wert eines Mannes besteht aus der biologischen Perspektive einer Frau betrachtet zunächst einmal darin, dass er guter Ernährer ist und monogam lebt; dies hat den Vorzug, dass er sein gutes Einkommen oder seinen Einsatz bei der Kindererziehung nicht auf mehrere Familien aufteilen muss. Warum soll aber eine Frau seine Gene akzeptieren wenn es bessere gibt? Anders formuliert: Wenn ein respektabler Ehemann und ein hübscher Liebhaber in einer Person eine seltene schwer zu bekommende Chimäre ist, weshalb soll eine Frau dann nicht die Pflege von einem treuen Mann beanspruchen, aber die Gene von einem anderen attraktiveren Mann nehmen? Gemäß der »sexy-son-Theorie« bekommen untreue Frauen Söhne, die bessere Liebhaber sind und einen größeren Reproduktionserfolg haben.

Frauen können im Unterschied zu Männern ihr Fortpflanzungspotenzial, das von der Länge der Schwangerschaft begrenzt wird, durch Untreue allerdings nur unwesentlich steigern. Die Untreue verschafft ihnen biologisch betrachtet nur den Vorteil ›besseren‹, d. h. sich erfolgreicher reproduzierenden Nachwuchs zu haben. Tatsächlich haben Feldstudien bewiesen, dass Frauen im Unterschied zu Männern im geringeren Umfang untreu sind.

Dieses Ergebnis wird durch Untersuchungen bei lesbischen Frauen bestätigt, die einer Beeinflussung durch die männliche Natur weitgehend enthoben sind. Durch Befragungen wurde hier keine verstärkte Promiskuität, sondern ein überraschend hoher Grad an Monogamie festgestellt. Ganz anders übrigens männliche Homosexuelle, die jeglicher Einschränkung durch die weibliche Natur enthoben sind. Ihre Promiskuität scheint die wahre Natur des Mannes zu entlarven! Das Paarungssystem der Menschheit ist wie das anderer Tiere ein Kompromiss zwischen männlichen und weiblichen Strategien. Das promiske Verhalten männlicher Homosexueller zeigt allerdings, dass Männer trotz ihrer aktiven Verführerrolle im großen und ganzen weitgehend passive Zuschauer ihres partnerschaftlichen Schicksals sind, solange es für Frauen von Vorteil ist, möglichst monogame, treue Männer zu wählen. Andererseits soll die gelebte oder gar ›erzwungene‹ Monogamie, der in ihrem Innersten latent promisken Männer, die Ursache für ihr übertrieben wählerisches Verhalten bei der Partnerwahl sein (Schönheits- und Jugendkult). Es spricht einiges dafür, dass die männliche Instinktnatur in der pleistozänen Monogamiephase durch das Motto: »Wähle sorgfältig, denn vielleicht ist es deine einzige Chance« geprägt wurde. Jugend- und Schönheitsstandards stehen dabei nach den inzwischen weithin bekannten Erklärungsmustern für einen hohen Reproduktionswert.

Der ›Erfolg‹ weiblicher und männlicher Untreue wird durch verschiedene biologische Mechanismen gefördert: So hat der Zeitpunkt des weiblichen Orgasmus einen erheblichen Einfluss auf die Empfängnisbereitschaft. Erstaunlicherweise haben Befragungen bestätigt, dass bei Seitensprüngen ein größerer Prozentsatz als beim ehelichen Geschlechtsverkehr dem fruchtbaren Typus zuzuordnen ist. Zudem verkehrten Frauen – ob bewusst oder unbewusst an den fruchtbarsten Tagen ihres Zyklus mit ihrem Liebhaber. Der verborgene Eisprung ist eine effektive Waffe der Frau im Kampf um Treue und Untreue. Geht man davon aus, dass sein Zeitpunkt den Frauen weniger verborgen als den Männern ist, erleichtert er der Frau ›fruchtbare‹ Untreue, während der Ehemann zur Treue gezwungen wird, weil er nie weiß, wann sie fruchtbar ist.

Auch hier scheint sich ein »Rote-Königin-Wettstreit«, d. h. ein evolutionärgeschichtliches Wettrüsten zwischen Männern und Frauen abzuspielen, denn auch der Mann versucht, seine Chancen auf eine Vaterschaft gegenüber Konkurrenten zu erhöhen. So macht ein großer Teil der Spermien, nicht einmal den Versuch, ein Ei zu befruchten, sondern greift stattdessen andere Spermien an oder blockiert deren Durchtritt (Stichwort: »Spermienkonkurrenz«). Natürlich geschieht dieser evolutionärgeschichtliche Wettstreit weitgehend unbewusst und ist darüber hinaus durch psychische, soziale und kulturelle Determinanten überlagert. Erstaunlich bleibt aber, dass das tatsächliche sexuelle Verhalten von Mann und Frau bezüglich Treue und Untreue – auch wenn das eigentliche Ziel der Gene, nämlich die Fortpflanzung durch die modernen Verhütungsmethoden weitgehend unterminiert wird – in etwa dem Muster entspricht, dass man aufgrund der genetischen Determinanten erwarten würde.

7. Was hat das große Gehirn des Menschen mit der »Roten Königin« und sexueller Selektion zu tun?

Das menschliche Gehirn ist eine beinahe ebenso › kostenaufwendige‹ Erfindung wie die Sexualität, woraus folgt, dass sein Vorteil genauso unmittelbar und weitreichend sein musste, wie der Vorteil der Sexualität. Es mag daher überraschen, dass es abgesehen von der überdimensionierten Gehirngröße gar nicht so einfach ist, den Menschen qualitativ von Affen oder anderen Tieren zu unterscheiden, da nahezu jeder Aspekt der menschlichen Intelligenz in gewissem Umfang auch auf Tiere zu trifft:

Hunde haben ein Bewusstsein, Elefanten trauern, Finken verwenden Werkzeuge, Ratten lernen, Delphine bedienen sich einer Sprache und Affen tradieren kulturelle Gepflogenheiten. Auch die alte Dichotomie »Lernen= Mensch« und »Instinkt= Tier« ist durch die Erkenntnis zerstört worden, dass der Mensch über einen ausgeprägten Lerninstinkt (insbesondere bezüglich des Spracherwerbs) verfügt. Tatsächlich ist der Mensch nicht der lernende sondern ein schlauer ›Affe‹, der sich im Vergleich zu seinen nächsten Verwandten durch mehr und stärker von Erfahrungen prägbare Instinkte auszeichnet. Und an den Mythos vom Werkzeugmacher oder jagenden Mann mag heute niemand mehr glauben, weil ein so großes Gehirn mit der Werkzeugherstellung völlig unausgelastet ist und ein Löwenrudel nicht minder listig und wirkungsvoll jagt, wie eine Gruppe menschlicher Jäger. Etwas gehaltvoller scheint da schon die Theorie zu sein, dass der Mensch eines so großen Gehirnes bedarf, um Wissen zu speichern und weiterzugeben. Aber auch bezüglich dieser Fähigkeit hat der Mensch kein Monopol, weil Tiere Wissen speichern und z. B. über simple Imitation tradieren. Was also fehlt ist eine intellektuelle Herausforderung, die dem größtmöglichen Gehirn bei der Reproduktion einen entscheidenden Vorteil verschaffte.

Wenn für diese Herausforderung nicht die »feindlichen Kräfte der Natur« (Charles Darwin) infrage kommen, konnte nur der Mensch selbst eine zur Erklärung seiner Evolution hinreichende Herausforderung für den Menschen darstellen. Der wahre Feind des ökologisch dominanten Menschen ist also nicht die umgebende Natur sondern der Mensch. Ridley unterstützt die Auffassung, dass der menschliche Intellekt sich in einem »Rote-Königin-Wettstreit« bei der Bewältigung immer komplizierter werdender sozialer Situationen entwickelt hat. Die Interaktion mit Menschen von annähernd denselben intellektuellen Qualitäten, deren Motive zudem von offener oder gar versteckter Bosheit geleitet sein können, stellt ungeheure und ständig wachsende Anforderungen an das Erkenntnisvermögen des einzelnen Menschen dar. Ein Ergebnis dieser Entwicklung besteht darin, dass die heutigen Menschen von der geistigen und seelischen Beschaffenheit des anderen nahezu besessen sein können. Dadurch wird verständlich, dass unsere intuitive Psychologie des gesunden Menschenverstandes, was Treffsicherheit und Weitblick in Alltagsituationen angeht, die wissenschaftliche Psychologie um Längen übertrifft. Tatsächlich sind wir in dem Maße intelligent wie wir natürliche Psychologen sind. Dies alles lässt darauf schließen, dass bezüglich der Evolution des Gehirns ein innerartliches Wettrüsten stattgefunden hat.

In diesem Zusammenhang wird auch die Entwicklung von Sprache verständlich, die nicht in erster Linie zum sachlichen Informationstransfer benötigt wurde, sondern für die soziale Interaktion. Tratsch und Klatsch sind bekanntlich ein universelles menschliches Phänomen und fast unerschöpflich, wenn sich das Gespräch um das Verhalten, Ambitionen, Motive, Schwächen oder Affären anwesender oder abwesender Gruppenmitglieder dreht. Vor der Egoismus-Revolution in der Verhaltensforschung wurde Kommunikation überwiegend als im beiderseitigen Interesse liegender Informationstransfer gesehen. Heute hat sich dagegen die Auffassung durchgesetzt, dass das Ziel der reinen Redekunst nicht die Wahrheit, sondern die Überredung ist. Selbst die wohlgesonnenste Form der Kommunikation ist häufig nichts wie schiere Manipulation, und dies trifft im übrigen auf einen flirtendes Hominidenmännchen genauso zu wie ein herzzerreißend singendes Amselmännchen.

Die Theorie, das ein innerartliches Wettrüsten für die Entwicklung eines großen und intelligenten Gehirns beim Menschen verantwortlich ist, hat allerdings einen Haken: Der Evolutionsdruck bei der Lösung sozialer Probleme, d. h. beim Erahnen der Reaktionen und Absichten anderer immer besser zu werden, ist bereits bei Schimpansen und Pavianen vorhanden. Eine auf soziale Komplexitäten basierender »Rote-Königin-Wettstreit« müsste daher auch bei verschiedenen Affen ein weit aus größeres Gehirn fordern als tatsächlich vorhandenen ist. (Dass für die Entwicklung eines großen Gehirns auch noch eine Neotenie (Stichwort: »Babyaffe«) verursachende Zufallsmutation zur Vergrößerung der Schädelkapsel erforderlich ist, soll an dieser Stelle nur angedeutet aber nicht weiter diskutiert werden). Zu vorgenannten Problemen hat es bisher verschiedene aber noch keine völlig überzeugenden Antworten gegeben. Einige Soziobiologen vermuten, dass der Schlüssel zum Erfolg des Menschen in der Bildung von Allianzen zwischen nicht verwandten Individuen und dadurch komplexer werdenden Sozialstrukturen zu suchen ist. Tatsächlich kommen solche Bündnisse jedoch auch im Tierreich z. B. bei Schimpansen oder Delphinen vor. Hinzu kommt, dass solche Theorien, zwar Argumente für die Entstehung von Sprache, taktischem Denken, sozialem Austausch und ähnlichem bieten können, für viele andere Dinge aber, denen Menschen einen großen Teil ihrer mentalen Energien widmen – Musik und Humor, um nur zwei zu nennen – keine passende Erklärung haben.

In Anlehnung an den Evolutionspsychologen Geoffrey Miller vertritt Ridley die Auffassung, dass die sexuelle Selektion die einzige Kraft ist, die aus heiterem Himmel einen hinreichenden Evolutionsdruck innerhalb einer Art schaffen kann, der ein Organ weit über seine normale Größe anwachsen lässt. In Analogie zu anderen durch sexuelle Selektion verursachten übertriebenen Entwicklungen ergibt sich folgende Erklärung für die Entstehung des menschlichen Gehirns: Vergleichbar den Pfauen, wo die Pfauenhenne selbst mit dem brillantesten Feuerwerk der Farben der Federn des Pfauenhahnes nicht dauerhaft zufrieden zustellen ist, so könnten auch Männer und Frauen immer höhere Ansprüche an Intelligenz, Sinn für Humor, Sprachgewandtheit und Kreativität ihrer Gefährten gestellt und dadurch die übertriebene Größe des Gehirns bewirkt haben. (Es scheint mir ein Zugeständnis an die ›political correctness‹ zu sein, dass Ridley hier die Analogie nicht konsequent anwendet und das Gehirn vergleichbar der Pfauenfeder als repräsentatives männliches Balzornament bezeichnet, das nebenbei auch noch gelernt hat, Differenzialgleichungen zu lösen.)

Dieser »Selbstläufer-These« wird häufig spontan entgegengehalten, dass die meisten Leute weder geistreich und kreativ sondern einfallslos und langweilig seien. Diesen Einwand kann man damit ausräumen, dass sich unser Ansprüche mindestens ebenso schnell wie die Güte unserer Witze entwickelt haben. Ihre beste Bestätigung erfährt die These dadurch, dass eine ausgeprägte Selektivität des einen oder anderen Geschlechts beim Menschen und somit die Voraussetzung für übertriebene Entwicklungen geradezu vorbildlich gegeben ist. Ob aber gerade die Witzigsten und besten Unterhalter eine hohe Reputation genossen und daher einen großen Fortpflanzungserfolg zu verbuchen hatten, mag bezweifelt werden. Denkbar wäre aber, dass sowohl der »General« als auch der »Conferencier« reproduktiv erfolgreicher als durchschnittliche Männer waren. Hier scheint sich ohne weitere handfeste Indizien ein weites Feld für jeden Hobbypsychologen aufzutun. An dieser Stelle mag ich mir die Bemerkung nicht verkneifen, dass sich die Soziobiologie bei lückenhaften evolutionsbiologischen oder genetischen Grundlagen häufig in einem wilden Spekulieren verliert4).

8. Wird die menschliche Gesellschaft durch die Instinktnatur determiniert?

Ridley ist ein überzeugter Verfechter der Auffassung, dass die menschliche Instinktnatur tiefer in unser Leben eingreift als manchem Gesellschaftswissenschaftler lieb ist. Der gravierende Einfluss der menschlichen Natur zeigt sich darin, dass Männer und Frauen überall in der Welt ein ähnliches sexuelles Rollenverhalten zeigen: Um es etwas plakativ zu beschreiben: In allen Kulturen dieser Welt sind es die Männer, die handeln und erwerben, während Frauen beschützt und verschachert werden. Söhne stoßen sich die Hörner ab, Töchter laufen Gefahr, ihr Leben zu ruinieren. Wo mit Sex gehandelt wird, sind meistens Männer die Käufer. Männer kämpfen, konkurrieren, jagen und geben auf der ganzen Welt an.

Die übliche Behauptung, dies sei alles kulturell bedingt oder die menschliche Natur sei ein Produkt von Gesellschaftsformen, kann erst ernst genommen werden, wenn es Berichte über plündernde Frauen gibt, die Dörfer verwüsten, um Männer gefangen zunehmen (von den sagenhaften Amazonen einmal abgesehen), die sie zu Ehemännern machen; wenn Eltern ihre Söhne ins Kloster stecken statt ihre Töchter, um deren Tugend zu erhalten; oder wenn die Verteilung von männlichen Präferenzen hinsichtlich physischer Attraktivität und des relativen Alters von Frauen in gleich vielen Kulturen in die oder eine Richtung vorbelastet ist.

Tatsächlich gibt es aber keine Gesellschaften, in denen Frauen einander häufiger umbringen als Männer, in denen alte Menschen schöner gälten als zwanzigjährige oder in denen Reichtum es nicht ermöglichte, Macht über andere zu erwerben. Dass die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau in Ridleys Beispielen mehr oder weniger klischeehaft dargestellt wird, hängt weniger mit seiner männlichen Perspektive als der ›Instinktnatur‹ der Sache zusammen und spiegelt natürlich nicht die tatsächliche Rollenverteilung in der modernen Gesellschaft wider. Im Übrigen übersieht die feministische Kritik an dem Phänomen, dass Männer die gesellschaftlichen Ressourcen (einschließlich der Sexualität der Frau) weithin kontrollieren, dass dies auch eine Folge der weiblichen Präferenzen bei der Partnerwahl ist. Über viele Generationen hinweg haben nämlich Frauen Männer, die über Macht und Besitz verfügen, gegenüber anderen bevorzugt.

Angesichts der Flut von Ähnlichkeiten in den verschiedenen Kulturen wäre es geradezu töricht zu leugnen, dass es geschlechtspezifische Unterschiede gibt und dass das Gehirn ein Organ mit angeborenem Geschlecht ist5). Es wäre aber nicht weniger töricht, die Unterschiede zu übertreiben. Was z. B. die Intelligenz angeht, so gibt es keinen Grund, anzunehmen, Männer seien dümmer als Frauen oder umgekehrt. Ohne Zweifel gibt es aber auch bei der Intelligenz Unterschiede (z. B. beim räumlichen Denken oder Erinnern von Gegenständen). Die Feststellung, dass Mann und Frau nicht gleich sind, wird von vielen Humanwissenschaftlern oder Frauenrechtlerrinnen bereits als geschlechtlicher Rassismus betrachtet; dabei leitet sich aus der Aussage, dass die Geschlechter nicht gleich sind, aber keinesfalls ab, dass sie nicht gleichwertig sind. Die Berufung auf geschlechtsspezifische Unterschiede darf auch nicht als Entschuldigung für irgendwelche gesellschaftlich geächteten Verbrechen herhalten: Das Natürliche darf keinesfalls heilig gesprochen werden, nur weil es biologische Realität ist. Männer beispielsweise haben eine natürliche Veranlagung zu Mord und Promiskuität, weil es ihren Reproduktionserfolg erhöht. Wenn eine Gesellschaft Mord gesetzlich verbietet und hart bestraft oder geschlechtsspezifische Unterschiede zwischen männlicher und weiblicher Psyche (Männer sind z. B. in der Regel von Natur aus ehrgeiziger als Frauen) durch politische Maßnahmen auszugleichen versucht, dann handeln wir zwar der Natur zuwider – aber zweifellos gesellschaftskonform, weil z. B. Mord oder auch berufliche Unterdrückung kein Überlebensrezept für eine intakte Gesellschaft sein kann.

Die menschliche Gesellschaft baut darauf auf, dass jeder Mensch die volle Verantwortung für die eigenen Handlungen hat. Ohne diese notwendige Erfindung würden alle Gesetze zu wackeln beginnen. Dass letzteres eintreten kann, wurde in der Vergangenheit allerdings weniger durch die Berücksichtigung der menschlichen Instinktnatur als durch die Berücksichtigung psychologischer, sozialer oder gar kultureller Determinismen bei der Festlegung des Strafmaßes bewiesen. Die von Ridley postulierte, weitgehende Programmierung der Menschen durch die Instinktnatur schließt Entscheidungsfähigkeit bzw. die Existenz eines freien Willens keineswegs aus. Ein freier Wille kann z. B. entstanden sein, weil er ein Vorteil bei der sexuellen Konkurrenz bzw. beim Reproduktionserfolg oder weil er ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt der Evolution des menschlichen Gehirnes war. Andererseits ist es eine Illusion zu glauben, der Mensch liebe den freien Willen; vielmehr sind wir eine Spezies, die sich freiwillig unterwirft, so oft sie kann. Dies zeigt sich auch dann, wenn es darum geht, mit psychologischen, sozialen, kulturellen oder auch neuerdings mit genetischen Determinismen das eigene Handeln zu rechtfertigen. Tatsächlich ist aber genetischer Determinismus genauso wenig wie sozialer Determinismus mit Unausweichlichkeit gleichzusetzen, so dass bei Rechtfertigungen dieser Art immer ein schaler Beigeschmack bleibt. Aufgrund des großen und gutfunktionierenden Gehirns ist kein Mensch seiner Instinktnatur unausweichlich ausgeliefert. Wir können unsere egoistischen Gene austricksen oder ihnen sogar befehlen, von der Brücke zu springen, in dem wir z. B. erheblich mehr Energie in unser individuelles Überleben als in unsere Reproduktion investieren, uns der Fortpflanzung verweigern und darauf verzichten erfolgreiche Nebenbuhler zu verprügeln oder Partner wählen, die so gar nicht zu evolutionsbiologischen Standards passen wollen. Kurz: Determinismus besagt nichts darüber, was ich tun kann oder nicht tun kann, sondern blickt rückwärts auf die Ursachen des gegenwärtigen Zustandes, aber nicht vorwärts auf seine Folgen.

9. Ausblick

In meiner bisherigen Darstellung und Besprechung von Ridleys Thesen habe ich seinen darwinistisch geprägten Begriffsapparat relativ unbefangen übernommen, weil die Geschichten seines Buches nicht von der Artentstehung sondern vorwiegend von innerartlichen Entwicklungen handeln. Genau hier hatte bereits Velikovsky dem darwinistischen Selektionsmechanismus seine eigentliche Funktion im Überlebenskampf zwischen Individuen, Rassen oder Arten und gegen die sich ständig ändernden Lebensbedingungen zugestanden. Diese Einschätzung von Velikovsky ist – abgesehen davon, dass die moderne Evolutionsbiologie den eigentlichen Überlebenskampf auf die Ebene der Gene verlagert hat – bis heute nicht hinzuzufügen. Man unterscheidet beim darwinistischen Evolutionsmechanismus zwischen natürlicher und sexueller Selektion. Die sexuelle Auslese bewirkt, dass nicht alle Individuen (oder Gene), die den »Kampf ums Dasein« überstehen, auch zur Fortpflanzung gelangen. Der Bedeutung der sexuellen Auslese wurde in der Vergangenheit häufig unterschätzt. Heute wird sie als die einzige Kraft gehandelt, die einen solch starken Evolutionsdruck erzeugen kann, wie er für die Entstehung von »Balzornamenten«, d. h. übertriebener oder übermäßig vergrößerter Strukturen bei Lebewesen notwendig ist. Eine weitere Eigenart der sexuellen Selektion besteht darin, dass die von ihr verursachten übertriebenen Entwicklungen häufig keine Überlebensprobleme lösen, sondern sie unter Umständen sogar verstärken. So zeigt die höhere Todesrate von Männern, dass die sexuelle Selektion sie zu Lebensstrategien zwingt, die ihrem individuellen Überlebenserfolg nicht gerade förderlich ist6). Neben der sexuellen Selektion wird von Ridley die zunehmende Bedeutung des »Rote-Königin-Wettstreites« für evolutionsbiologische Erklärungsmodelle hervorgehoben. Überall, wo die ruhelose »Rote Königin« oder die sexuelle Selektion im Spiel sind, schreitet die Evolution schnell voran.

Ridley geht davon aus, dass sich auch unser Gehirn aufgrund dieser beiden Evolutionsmechanismen relativ schnell entwickelt hat. Eine schnelle Evolution des Gehirns, ist aber wenn man von dem morphologischen Merkmal einer großen Schädelkapsel absieht, archäologisch nur schwer nachweisbar, da sich so etwas wie die Fähigkeit soziale Probleme zu bewältigen nur selten in fossilen Funden konserviert. Geht man aber davon aus, dass sich die zunehmende soziale Kompetenz und Intelligenz der Hominiden auch einen positiven Einfluss auf die technologische Entwicklung hatte, gerät Ridley mit seiner Argumentation in arge Schwierigkeiten. So muss er feststellen, dass die Geschichte der Werkzeuge weit davon entfernt ist, den Lobpreis unermüdlichen menschlichen Erfindungsreichtum zu singen sondern im Gegenteil von einem ermüdenden Konservatismus erzählt, bei dem es wenig Erfindungsreichtums und kaum schöpferische Prozesse gab. An anderer Stelle bemerkt er: Eine ganze Millionen Jahre lang produzierten die Menschen dieselben langweiligen Faustkeile. M. E. hätten Ridley angesichts dieser Faktenlage Zweifel kommen müssen, ob die Hominiden über Millionen von Jahren hinweg, ihr immer besser funktionierendes Gehirn ausschließlich für einen immer anspruchsvolleren sozialen Konkurrenzkampf verwendet haben, statt sich mit Hilfe von technologischen Entwicklungen den täglichen Überlebenskampf zu erleichtern oder gar den ein oder anderen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Mit anderen Worten: Da die langweilige Artefaktengeschichte so gar nicht zur schnellen Evolution des Gehirns passen will, hat Ridley hier die Chance verpasst, die herrschende Chronologie kritisch zu hinterfragen. Dies macht deutlich, dass auch Ridley nur so gut und originell ist, wie die Literatur, auf die er sich beruft. Tatsächlich ist Ridley ein außergewöhnlich guter Kenner der wissenschaftlichen Literatur zur Gen- und Verhaltensforschung, was er auch mit seinem jüngsten Buch »Alphabet des Lebens – Die Geschichte des menschlichen Genoms« wieder eindrücklich belegt hat. Weniger kenntnisreich scheint er allerdings bezüglich der paläontologischen und paläoanthropologischen Forschungsliteratur zu sein, was sich nicht nur in dem hier besprochenen sondern auch auf einige Themenbereiche seines prämierten Buches »Die Biologie der Tugend – Warum es sich lohnt, gut zu sein« negativ ausgewirkt hat.

10. Nachbemerkung

Die Naturgeschichte der Sexualität wurde hier aus doppelter männlicher Perspektive dargestellt: Erstens vom Autor des Buches und zweitens vom Berichterstatter und Rezensenten. Dieser zweifache männliche Filterung könnte einen erheblichen Einfluss auf die Darstellung des Themas haben, denn in Ridleys Buch geht es um Fragen, die unsere Existenz, d. h. unsere persönlichen Sinnstiftungen und Selbstdeutungen unmittelbar berühren – und die sind bekanntermaßen weder personen- noch geschlechtsneutral. Vor diesem Hintergrund wäre es sicher ein Gewinn zu erfahren, wie die soziobiologischen Erklärungsmodelle aus der weiblichen Perspektive beurteilt werden. Es ist kein Geheimnis, dass Feministinnen diesen Modellen eher ablehnend bis abschätzig gegenüber stehen. Dies liegt wohl daran, dass sie geschlechtsspezifische Gefälle in der Gesellschaft zwar beschreiben und erklären aber nicht verurteilen. Darin unterscheiden sie sich deutlich von soziologischen oder psychologischen Erklärungsmodellen, die nicht nur dazu tendieren, Alltagssituationen bis zur Unkenntlichkeit zu entstellen, sondern auch noch moralisch zu beurteilen. Aufgrund der rasanten Fortschritte in der Genforschung ist absehbar, dass Soziobiologie und Evolutionspsychologie auch zukünftig unsere vertrauten Selbst- und Weltdeutungen mit provokanten Thesen verunsichern, also bereichern werden.

Anmerkungen

1) Leicht überarbeitete Fassung eines im Zeitensprünge-Bulletin (ZS 2/2000) veröffentlichten Artikels. Das chronologiekritische Zeitensprünge-Bulletin wird von Heribert Illig und Gunnar Heinsohn herausgegeben.

2) In einem in ZS 3/2000 veröffentlichten Leserbrief kommentierte eine Chronologiekritikerin, dass mein »Ausruf ›Wichtiger als die Bibel!‹ in seiner Bösartigkeit – leider ungewollt – fast an englischen Humor erreicht«. Ich betrachte dies trotz der Einschränkung als Kompliment.

3) Natürlich reden Männer auch viel über Fußball! Aber auch den versuchen die Massenmedien zunehmend zu sexualisieren und erotisieren, indem z. B. kaum ein Tag vergeht, an dem nicht über hübsche Spielerfrauen oder Affären unserer Topp-Profispieler berichtet wird.

4) Im Hinblick auf den Mechanismus der natürlichen Selektion wird diese Unsitte als »adaptive storytelling« bezeichnet. Damit ist gemeint, dass Darwinisten dazu neigen, jedes bei Lebewesen vorhandene Merkmal als optimierte durch natürliche Selektion entstandene Struktur zu interpretieren bzw. durch hanebüchene Geschichten, die von Adaption und Selektion handeln, zu erklären.

5) Wie aktuell Ridleys Bezeichnung des Gehirns als Organ mit angeborenem Geschlecht ist, zeigt der lesenswerte Augusttitel 2010 von »bild der wissenschaft«. Der lautet »Geschlechtsorgan Gehirn – Was uns wirklich zu Mann und Frau macht«. Darin wird auch über die neue Erkenntnis berichtet, dass männliches oder weibliches Verhalten im Gehirn nicht fest verdrahtet ist, sondern unter bestimmten Umständen durch Umlegen von biochemischen Schaltern von einem ›Betriebsmodus‹ in den anderen wechseln kann. Und hierbei kann auch Lebenserfahrung eine große Rolle spielen.

6) Selbst unser laut Soziobiologie als Balzornament entstandenes überdimensioniertes Gehirn ist der Alltags- oder Lebensbewältigung nicht immer förderlich und neigt z. B. dazu, Entscheidungen unnötig zu verkomplizieren. Dies ist wohl jedem Leser aus seinem persönlichen Erfahrungsbereich bekannt.

G.M., 18.08.2010

 

 

Über die Instinktnatur des Menschen, von Monogamie und Untreue und was uns mit Vögeln verbindet.

 

Ulrich Kutschera-Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte - Deutscher Taschenbuch Verlag – München 2009, 339 S. Arno Kleinebeckel

Seufzende Sterne - Die Weltmaschine im Darwinjahr - Eine Streitschrift zum Jubiläum.
ATHENA-Verlag - Oberhausen 2009, 66 S.

Ende 2009 rief eines Abends ein Herr Kleinebeckel bei mir an, der, wie er einleitend bemerkte, ein regelmäßiger Leser meiner Website sei. Wir führten ein interessantes, ausgesprochen kurzweiliges Gespräch über Gott und die Welt im Allgemeinen und den stupiden Geist der neodarwinistischen Wortführer im Besonderen. Am Ende des Gesprächs fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, sein neustes Buch zum Darwin-Jubiläum zu besprechen. Eigentlich hatte ich nicht, da mich in der späten Adventszeit andere Dinge beschäftigten, die dringend einer Lösung bedurften, vor allem die alljährlich wiederkehrende Frage: Was schenke ich den Lieben daheim und den anderen in nah und fern? Und außerdem hatte ich im auslaufenden Jahr schon so endlos viel über Darwin und sein doppeltes Jubiläum gelesen. Da konnte ich mir kaum vorstellen, dass ein Journalist und Lyriker irgendetwas substanziell Neues darüber schreiben könnte.

Nun kommt es nicht so häufig vor, dass sich jemand bei mir als regelmäßiger Leser oder sogar Fan meiner Website vorstellt. Und da dachte ich, du kannst es dir eigentlich nicht leisten, einem so freundlichen Menschen einen Wunsch abzuschlagen und schon gar nicht vor Weihnachten, das ja bekanntlich das Fest der Liebe sein soll. Folglich bat ich Herrn Kleinebeckel, mir sein Werk zuzusenden - und zwar möglichst unverzüglich, da ich es zur Lektüre in meinen Jahresendurlaub mitnehmen wollte. Herr Kleinebeckel schien zu merken, dass ich von seinem Ansinnen nicht völlig begeistert war und wies beschwichtigend darauf hin, dass sein Buch nur von geringem Umfang also eigentlich nur ein Büchlein sei. Na ja, dachte ich, da wird es mir zumindest keine zusätzlichen Probleme beim Kofferpacken bereiten.

Wider erwarten, habe ich es dann tatsächlich im Urlaub gelesen und schon nach der Lektüre weniger Seiten Gefallen daran gefunden. Schlussendlich bedauerte ich sogar, dass es nicht umfangreicher ist! Allerdings habe ich es - wie so viele Sachbücher - mehr von hinten als von vorne gelesen. Und so bin ich erst spät auf das titel- und leitmotivgebende Gedicht des spanischen Lyrikers Dámaso Alonso (1898 -1990) gestoßen:

Gebt Raum! Platz, Platz dem Menschen!
Unter der Bleihaube der Nacht, bedrückt von der
einmütigen Anklage,
der Gestirne, die lautlos seufzen,
wohin wirst du deinen Schritt lenken?

Ein wunderbar schwermütiges Gedicht, in dem sich die zentrale Hoffnung und Botschaft des Buches verdichtet: Es gibt einen Weltgeist, dem unser Handeln nicht egal ist und der ›seufzt‹, wenn wir unsere Schritte in die falsche Richtung lenken. Kleinebeckel plädiert daran anknüpfend für eine neue Sinnkonstruktion und radikale Ethik der Verantwortung, die ein Gegenentwurf zum neuzeitlichen Alleinvertretungsanspruch der neodarwinistischen Weltsicht sein will, in der das Universum stumm wie ein seelenloser Stein und stumpf materialistisch organisiert ist. Die Journalistin Christiane Willsch kommentiert in factum (2/2009) wie folgt: »Arno Kleinebeckel [...] setzt mit seiner Streitschrift ›Seufzende Sterne‹ einen erfrischenden Kontrapunkt mitten ins Geburtstagsgetöse um den Biologen Darwin. [...] Mit gelungenem Wortspiel treibt Kleinebeckel vor allem eine Frage um: Wohin entwickelt sich eine Gesellschaft, die wohl eine ›Informationsgesellschaft‹, aber keine ›Wissensgesellschaft‹ ist?«

Kleinebeckels Werk ist durchgängig von angenehmer Reflexion getragen und hebt sich damit erfreulich von einem von sich selbst berauschten weltanschaulichen evolutionären Materialismus ab, der die führende sinngebende Autorität der Moderne sein will. Dieser bornierte Anspruch gipfelte darin, dass die Giordano-Bruno-Stiftung, die deutsche Speerspitze der »organisierten Konfessionslosigkeit« (Reinhard Bingener, FAZ), im Darwin-Jahr 2009 für den 22. März einen »Evolutionsfeiertag« forderte, der ›Christi Himmelfahrt‹ ersetzen soll. An diesem Tag soll die Menschheit fortan feiern, dass wir vom Affen abstammen. Da fragt sich der verblüffte Laie bei allem Respekt vor unseren nächsten Verwandten, was es da zu feiern gibt und ob die Affen wohl auch von so einem Feiertag begeistert sind? Ich fürchte nicht! Werden sie nicht vielmehr denken, auf diese ›pucklige Verwandtschaft‹ können wir gerne verzichten und feiern lieber mit den Halbaffen, die ihnen höchstwahrscheinlich die angenehmeren nahen Angehörigen sind?

Zurück zu Kleinebeckels Gegenentwurf, der sich in einem Punkt nach meinem Geschmack zu wenig von dem die alleinige Deutungshoheit beanspruchenden evolutionären Materialismus absetzt. Ich vermisse die klare Ansage, dass es das ureigenste Recht eines jeden Menschen ist, selber zu entscheiden, mit welchem Weltbild er leben und glücklich werden will. Dies müssen wir uns weder von stumpfsinnigen Naturalisten, die glauben, aufgrund ihrer vermeintlich überlegenen wissenschaftlichen Methodik, im Besitz existenzieller Wahrheiten zu sein, vorschreiben lassen, noch von tiefgläubigen Theisten, die meinen in der Bibel oder auch anderen Überlieferungen die letztgültige Quelle der Wahrheit gefunden zu haben. Es gibt auf diesem Planeten kein für alle verbindliches und allein selig machendes Weltbild. Die Frage, ob die Welt beseelt ist und ob uns da jemand hört, wenn wir vor Freude oder Verzweifelung in Dunkelheit hinausrufen, können wir nur selbst und kein anderer für uns beantworten. Natürlich ist die Antwort auch mehr oder weniger stark von kulturellen Tradierungen vorformuliert.

Für einen überschlägigen Einblick in Kleinebeckels Werk lasse ich nun den Verlag zu Wort kommen. Auf der Einbandrückseite lesen wir:

Als CHARLES DARWIN 1859 mit seinem Buch ›Die Entstehung der Arten‹ (›On the Origin of Species‹) die moderne Evolutionslehre begründete, betraf das nicht nur die Naturforschung. Die Evolutionstheorie und ihr Wandel sind Teil unserer Kultur- und Geistesgeschichte.

Die Konzeption schloss einen permanenten Kriegszustand ein. Von diesem erbarmungslosen Wettstreit - von Darwin als ›struggle for life‹ bezeichnet - nahm er den Menschen nicht aus. Spätestens hier dürfte die Evolutionslehre als universelles Erklärungsmodell für Kosmos und menschliches Verhalten an ihre Grenzen stoßen.

Darwin wäre 2009 zweihundert Jahre alt geworden. Ist das Leben in der »Weltmaschine« Zeichen eines unaufhaltsamen Fortschritts, oder sind wir längst zu ohnmächtigen Zeugen eines kalten Universums nackter Funktionen geworden? ›Seufzende Sterne‹, als Motto nach einem Gedichttext von Dámaso Alonso, ist poetischer Ausdruck der Phantasie, dass das All nicht stumm zusieht, wie die Welt zu einem sinnlosen und absurden Automaten verkommt - einer Phantasie, die zu Ethos und Verantwortung verpflichtet.

Dieser Text enthält Passagen, denen ich voll beipflichten kann und solche, bei denen ich Widerspruch einlegen muss: Ohne Frage hatte und hat die Darwinsche Evolutionslehre einen erheblichen Einfluss auf die Kultur- und Geistesgeschichte. So hat sie maßgeblich dazu beigetragen, dass die Physikotheologen, die lange Zeit die naturgeschichtliche Forschung dominierten, aus den Universitäten zurückgedrängt wurden. Die Naturalisten riefen ihnen höhnisch nach, ihr lügt für Gott! Heute ist der Darwinismus allerdings so dominant geworden, dass er alle Züge einer zivilen Ersatzreligion trägt. Von seinen Gralshütern wird dies zwar bestritten, aber zugleich betont, dass er ein Prüfstein ist, an dem sich jede andere Weltanschauung messen lassen muss. Das ist natürlich purer Blödsinn! Die naturwissenschaftliche Forschung ist nur eine von vielen Möglichkeiten, die Welt zu beschreiben. Und wer glaubt, ausgerechnet im Neodarwinismus den Stein der Weisen gefunden zu haben und daraus sogar eine allgemeinverbindliche Ethik ableiten zu können, der ist aus dem Spiel der Wissenschaft aus- und in eine quasireligiöse Sekte eingetreten.

Roman Nies hat in einer auf amazon.de veröffentlichten Kundenrezension von Kleinebeckels Werk die negative Wirkung von Darwins Thesen auf das gesellschaftliche Zusammenleben und Selbstverständnis wie folgt formuliert: »Mit Darwins Thesen oder der moderneren These von der Selbstorganisation der Materie entleert man sich quasi jeglicher eigenen Daseinsberechtigung, da man sich nur als Produkt von Selektion, Mutation und Zufall sieht. In allen Lebensbereichen werden die Schlagsätze der Evolutionslehre eingeschleust und verbreitet. Die Medien helfen mit, als ob sie dafür bezahlt würden. Man denkt ›evolutiv‹ und handelt auch so. Nichts ist verbindlich, alles muss der Vorteilsnahme dienen. Und das hat verheerende Auswirkungen auf die Gesellschaft.« Dieser harschen Abrechnung ist zwar weithin zuzustimmen, allerdings mit der Einschränkung, dass sie weniger Darwins Thesen als deren dogmatische Rezeption durch seine Epigonen betrifft.*)

Kommen wir nun zu den Punkten, wo ich Widerspruch einlegen muss. Nies wie auch Kleinebeckel beurteilen die Darwinsche Evolutionslehre nur danach, was die Neodarwinisten aus ihr gemacht haben. Dabei gerät aus dem Blick, dass die Naturforschung durch Darwins Werk maßgeblich an Rationalität gewonnen hat, weil Gott als Argument keine Rolle mehr spielte. Dass mit der Theologie nicht auch die Magie aus der Wissenschaft verbannt war, steht auf einem anderen Blatt. So war Darwins Behauptung, dass der Artenwandel sich in kleinsten Schritten und unendlich langen Zeiträumen vollziehen sollte, eher eine magische denn eine rationale Formel. Es trifft zwar zu, dass jede neue Theorie gezwungen ist, zu flunkern und ordentlich auf die Pauke zu hauen, um zementierte alte Vorstellungen zu überwinden, aber was Darwin uns da als neues Erklärungsschema angepriesen hat, ist forschungslogisch als mindestens grenzwertig zu bezeichnen.

Kleinebeckel bemängelt - wie schon so viele vor ihm - den »permanenten Kriegszustand« oder »erbarmungslosen Wettstreit«, der seit Darwin das gesellschaftliche Klima vergiftet habe. Auch dies ist nicht ohne weiteres Darwin anzulasten. So hat die leitende FAZ-Redakteurin Julia Voss in ihrem - anlässlich der Überreichung des Sigmund-Freud-Preises an sie - am 31.10.2009 gehaltenen Festvortrag »Die Sprachen der Evolutionstheorie« darauf aufmerksam gemacht, dass Darwin in seinem Werk »Die Abstammung des Menschen« (1871) ein ganz anderes Bild von der Urzeithorde entwirft: »In Bezug auf die körperliche Größe oder Kraft wissen wir nicht, ob der Mensch von irgend einer vergleichsweise kleinen Art, wie der Schimpanse, abstammt oder von einer so mächtigen wie der Gorilla ( ...) Wir müssen indes im Auge behalten, dass ein Thier, welches bedeutende Größe, Kraft und Wildheit besitzt und welches, wie der Gorilla, sich gegen alle Feinde verteidigen kann, wahrscheinlich nicht social geworden sein wird, und dies würde in äußerst wirksamer Weise die Entwicklung jener höheren Eigenschaften beim Menschen, wie Sympathie und Liebe zu seinen Mitgeschöpfen, gehemmt haben. Es dürfte daher von einem unendlichen Vortheil für den Menschen gewesen sein, von irgend einer verhältnissmässig schwachen Form abgestammt zu sein.«

Kurioserweise sind die heutigen Kritiker und Befürworter Darwins offenbar erheblich ›darwinistischer‹ als er es selber war und man kann ihnen daher nur dringend raten, ihren Darwin weniger zu instrumentalisieren als ihn gründlich zu lesen! Doch zurück zu den unzweifelhaften Vorzügen des Buches, zu denen zählt, dass es aus reichhaltigen Quellen schöpft. Die Literaturliste umfasst knapp 90 Titel. Auch wenn einige der angeführten Titel den Eindruck erwecken, dass Kleinebeckel hier dokumentieren möchte, was so alles in seinen Bücherregalen steht, so ist sie doch von imposanten Umfang. Manch anderem Autoren wäre sie sicherlich Ansporn und Legitimation gewesen, daraus ein voluminöses Werk zu zimmern. Nicht so Kleinebeckel, der nicht ausufernd herumschwafelt, sondern daran interessiert ist, uns die Essenz aus seinen Quellen zu präsentieren. Aber Kleinebeckel zitiert nicht nur, sondern er formuliert auch selber auf hohem Niveau. Bei der Beschreibung der GEO-Titelseite »Das Rätsel des Charles Darwin - Eine abenteuerliche Weltreise auf den Spuren des Genies« (11/2008) läuft er zur analytischen Höchstform auf.

Er zeigt auf eindrucksvolle Weise, was im Verhältnis zwischen Wissenschaft, Wissenschaftsjournalismus und Leserschaft falsch läuft: »Das ahistorisch-mythische, überzeitliche und weltschwangere Zeugnis der modernen Ikonographie, wie GEO es betreibt, ist beabsichtigt. Und die Suggestion ist auch von der Zielgruppe so gewünscht und gewollt: Kauft Weisheit!« Nach der Lektüre dieser Passage habe ich mich gefragt, wieso jemand, der soviel Begabung zur Bildanalyse in die Wiege gelegt bekommen oder sich im Leben erarbeitet hat, nicht mehr Bilder moderner, darwinistischer Ikonographie - mit der wir im Darwin-Jubiläumsjahr regelrecht zugemüllt wurden - in seinem Buch bespricht. Leider findet sich in Kleinebeckels Buch neben dem GEO-Titel nur noch das obligatorische Bild Darwins. Es zeigt einen alternden Darwin, der ziemlich griesgrämig und wenig vertrauensvoll in eine ungewisse Zukunft zu schauen scheint. Nach Auskunft des Autors war dies keine Absicht, sondern das Ergebnis der unzureichenden Wiedergabe eines im Original dezent farbigen, durchaus ästhetischen und dabei eher leicht melancholisch anmutenden Porträts.

Im letzten Kapitel des Buches »Abgesang: Im Sturz durch Hyperräume« fährt Kleinebeckel schweres Geschütz von hoher intellektueller Durchschlagskraft gegen die Neodarwinisten auf. Er argumentiert mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche, um die schale Trivialität derjenigen zu entblößen, die des Darwinismus bedürfen, um dem Atheismus zu huldigen. Laut Christoph Markschies, Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin, sind existenzielle Atheisten im Sinne Nietzsches davon überzeugt, »fortwährend durch ein unendliches Nichts zu stürzen«. Dagegen erscheinen die neuen Atheisten, deren prominentester Vertreter der Biologe Richard Dawkins ist, wie ein billiger Abklatsch. Sie meinen den christlichen Gott als mentales Beiprodukt der Evolution (wer religiös ist, hat einen Fitnessvorteil und vermehrt sich besser...) weginterpretieren zu können und machen sogar exakte Angaben über die Wahrscheinlichkeit, dass es keinen Gott gibt (98 %!).**)

Angesichts dieses Unsinns ist es nicht weiter verwunderlich, dass Nietzsche auch heute noch zum Thema Wissenschaft und Darwin interessantes zu sagen hat. In Sachen Wissenschaft stützt sich Kleinebeckel auf Nietzsches Werk »Die fröhliche Wissenschaft« und bemerkt: »Zunächst einmal tat es ihm leid um die ›kleinen Mittelstandsgelehrten‹, Leute die ›die eigentlich großen Probleme und Fragezeichen gar nicht in Sicht bekommen‹. Lustvoll räumt Nietzsche auf mit den ›materialistischen Stubenhockern‹ und ihrer ›Welt der Wahrheit‹. Lässt sie spöttisch vor die Wand fahren mit ihrer ›viereckigen kleinen Menschenvernunft‹. Nietzsche liebte diese ›Mittelstandsgelehrten‹ nicht, ein Ausdruck der Geringschätzung, den er eigens für sie erfand, und er hasste den bloß vulgären, risikofreien gewöhnlichen Materialismus, den er als Abklatsch des echten erkannte.«***)

In Sachen Kritik an den von Darwin beschworenen unendlich langen Zeiträumen, in denen sich der Artenwandel vollziehen soll, zitiert Kleinebeckel aus dem Nachlass-Werk »Der Wille zur Macht«. Darin spöttelt Nietzsche »[ ...] man zeigt, dass, bei gehöriger Zeitdauer, alles aus allem werden kann, man verbirgt ein schadenfrohes Schmunzeln nicht, wenn wieder einmal die ›anscheinende Ähnlichkeit im Schicksale‹ einer Pflanze oder eines Eidotters auf Druck und Stoß zurückgeführt ist: kurz man huldigt von ganzem Herzen, wenn in einer so ernsthaften Angelegenheit ein scherzhafter Ausdruck erlaubt ist, dem Prinzip der größtmöglichen Dummheit.« ****) Zeitlos aktuelle Worte in einem wackeren Büchlein, dem auch nach dem Ende des Darwin-Jubiläumsjahres eine große Leserschaft zu wünschen ist!

Anmerkungen

*) Darwin selbst hat 1861- in zwar weiser aber wie wir heute Wissen vergeblicher Voraussicht - folgende mahnende Worte an den großen Weltanschauungs-Darwinisten Ernst Haeckel geschrieben: »Vielleicht darf ich noch hinzufügen, dass wir täglich Männer die umgekehrten Schlüsse aufgrund derselben Vorrausetzungen ziehen sehen und es mir daher eine zweifelhafte Angelegenheit scheint, allzu überzeugt von irgendeinem komplexen Sachverhalt zu sprechen, auch wenn man noch so überzeugt von der Wahrheit der eigenen Schlüsse ist.«

**) Es ist diese alle existenziellen Fragen nivellierende, einfältige Rationalität, die uns die Manifeste dieser neuen Atheisten, die hierzulande in der Giordano-Bruno-Stiftung (unter maßgeblicher Führung ihres umtriebigen Funktionärs Michael Schmidt-Salomon) organisiert sind, so trostlos und lebensfremd erscheinen lässt. Und weil sie diese innere Leere wohl selbst nicht ertragen können, brauchen auch sie ihre Säulenheiligen. Allen voran ist dies natürlich der Namenspatron der Stiftung Giordano Bruno, der vor über 400 Jahren von der katholischen Kirche wegen Ketzerei auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Heute wird er von der Stiftung als frühneuzeitliche Speerspitze der Aufklärung instrumentalisiert und gefeiert. Tatsächlich taugt er als den Rationalismus vorwegnehmende Märtyrergestalt nicht, denn bei Bruno hätten, wie der Philosoph Schmidt-Biggemann bei der Einweihung eines Giordano-Bruno-Denkmals süffisant bemerkte, Metaphysik und Religion aus allen Löchern getropft. (vgl. hierzu den Beitrag »Auch der Atheismus pflegt seine Heiligen« von Thomas Thiel in der FAZ vom 05.03.2008)

***) ›Kleine Mittelstandsgelehrte‹ scheint mir auch eine treffliche Bezeichnung für die vielen schmalgeistigen und philosophisch völlig ahnungslosen Kleinakademiker zu sein, die heutzutage die Wissenschaftsblogs bevölkern. Darin ringen sie in immer neuen ebenso enthusiastischen wie reflexionsarmen Beiträgen um Anerkennung und Aufmerksamkeit für sich und ihre angeblich von Pseudowissenschaftlichern bedrohte reine Wissenschaft.

****) Interessanterweise findet sich in dem 1901 erschienenen Werk »Entstehen und Vergehen der Welt als kosmischer Kreisprozeß« des Naturphilosophen Johann Gustav Vogt eine in Teilen verblüffend ähnliche Wortwahl bei seiner spöttisch paraphrasierenden Beschreibung des Darwinschen Evolutionsmechanismus: »Aller Scharfsinn der Darwinianer wurde darauf verwendet, die äußeren Entwicklungsfaktoren festzunageln; die organische Materie wurde geschoben, gedrückt, geknetet, gestoßen (...)«. Ist dies Zufall oder sollte auch Vogt seinen Nietzsche gelesen haben?

G.M., 24.03.2010

   

 

Ulrich Kutschera-Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte - Deutscher Taschenbuch Verlag – München 2009, 339 S. Ulrich Kutschera
Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte1)
Deutscher Taschenbuch Verlag – München 2009, 339 S.

Das große Buch der Schrullen

Das Darwin-Jubiläumsjahr hat nicht nur die Wissenschafts- und Feuilleton-Spalten der Presse mit Berichten bis zum Überdruss rund um Darwin gefüllt, sondern auch eine regelrechte Darwin-Buchindustrie hervorgebracht. Natürlich hat sich auch Deutschlands ambitioniertester Evolutionsbiologe, der gelernte Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera, an dem Darwin-Hype beteiligt. Und zwar, wie der DTV-Verlag verkündet, nicht mit irgendeinem, sondern »dem wohl wichtigsten Buch zum Darwin-Jahr«. Tatsächlich ist es eines der schrulligsten Bücher, das ich je in meinen Händen gehalten habe. Was Kutschera, der ganz unbescheiden von einem »Zehn-Kapitel-Opus« spricht, da zusammengeschrieben hat, ist milde formuliert, ein Buch im ungehobelten Rohzustand; ein Manuskriptentwurf, der vielleicht vorzeitig aus dem Fertigstellungsprozess entlassen wurde, um pünktlich zum Darwin-Jahr zu erscheinen. Als eine der wenigen Rezensenten hat die Deutschlandradio-Redakteurin Susanne Billig den Mumm gehabt, sich nicht von den superlativen Verlagsankündigungen beeindrucken zu lassen und den katastrophalen Zustand des Buches auf den Punkt zu bringen: »Überhaupt wirkt Kutscheras Buch in vielen Teilen fragmentarisch kleinteilig. Es springt von einem zum anderen Gedanken, scheint immer wieder den roten Faden zu verlieren (…) – mehr Klarheit und Struktur hätten dem Buch nicht geschadet.«

Außer dem geleimtem Einband wird das Werk nur durch Kutscheras bis zum Überdruss bekannte objektivistisch-naturalistische Botschaft zusammengehalten: »Naturwissenschaft und somit Evolutionsforschung ist ein auf objektiven Fakten basierendes ideologiefreies Unternehmen, bei dem subjektive Glaubensinhalte (Götter, Geister und Designer) aus erkenntnistheoretischen und methodologischen Gründen ausgeklammert werden.«2) Der Wissenschaftsjournalist Benno Kirsch bezeichnet das Buch als »Bekenntnisliteratur«, die »manchmal amüsant sein [kann], meistens aber ärgerlich ist, weil sie im Gewand der Wissenschaftlichkeit daherkommt«. Amüsant, weil voller unfreiwilliger Komik, ist das Buch allerdings nur, wenn man es zur Erheiterung liest und nicht etwa, um es zu besprechen. Die fast durchgängig verworren-verschrobene Argumentation macht es nahezu unrezensierbar. Jede gewissenhafte Besprechung würde nicht nur Umfang des Buches, sondern auch ein vertretbares Zeitbudget des Rezensenten übersteigen. Ich habe mich daher entschlossen, das Werk Schrullenweise abzuarbeiten, wobei die Auswahl der Schrullen vor allem von ihrem Unterhaltungs- und Richtigstellungswert bestimmt ist und ihre Reihenfolge weitgehend zufällig ist.

Trotz des hohen Amüsierfaktors kann ich die Lektüre des Werkes nicht uneingeschränkt empfehlen. Kutschera neigt dazu, ziemlich oberflächlich und verquer über Darwin, die Evolutionsbiologie und die Weltgeschichte herumzuschwadronieren. Um von den kontextarmen Ad-hoc-Darstellungen nicht völlig ›Kirre‹ zu werden, empfiehlt es sich, parallel zwei Bücher zu lesen, die Darwins Leben und Werk und das, was er über moderne evolutionsbiologische Forschungsfronten nicht wissen konnte, gewinnbringend und erkenntnisvertiefend darstellen: »Das kooperative Gen – Abschied vom Darwinismus« von Joachim Bauer und »Charles Darwin – Der Große Naturforscher und seine Theorie der Evolution« von David Quammen. Die eindrucksvolle Beschreibung des Menschen Charles Darwin und seines Werkes durch den Wissenschaftsjournalisten Quammen wird von der deutschen Evolutionsbiologie weitgehend ignoriert, vermutlich weil er kein ausgewiesener Wissenschaftler ist und den disziplinären Mainstream nicht bedroht. Das Werk des Molekular- und Neurobiologen Bauer wird dagegen vernichtend kritisiert, weil der sich als disziplinärer Quereinsteiger nicht nur erlaubt hatte, darwinistische Dogmen in Frage zu stellen, sondern seine Thesen auch noch erfolgreich zu vermarkten. Für diesen doppelten Tabubruch wird er von den evolutionsbiologischen Wortführern aufs Übelste herabgesetzt.

Besonders negativ hervorgetan hat sich bei diesem Bauer-Bashing der renommierte Molekulargenetiker Axel Meyer. Er bescheinigt Bauer in einer schmalen Rezension, dass er »keine Ahnung von Evolutionsbiologie«, »wirres Zeug postuliert« und in seiner »Klausur Evolutionsbiologie sicherlich durchfallen« würde und zwar ohne diese schweren Vorwürfe, auch nur ansatzweise inhaltlich zu begründen3). Diese Entgleisung kann ich mir nur wie folgt erklären: Der bislang hellste Stern am deutschen evolutionsbiologischen Himmel Meyer fühlt sich von dem Außenseiter Bauer überrumpelt, weil der völlig unerwartet das mit Abstand erfolgreichste und beste fachwissenschaftliche Buch zum Darwin-Jubiläumsjahr geschrieben hat. Dies fuchst Meyer, weil der in den letzten Jahren zunehmend selber versucht hat, sich als Darwin-Experte und Wissenschaftspopularisierer zu etablieren. Nun hat Bauer ihm offenbar die Butter vom Brot genommen. Wie so oft scheint der Neid das dominierende Motiv für die unappetitliche Kollegenschelte zu sein. Natürlich missgönnt auch unser Protagonist Kutschera seinem Konkurrenten Bauer den Erfolg. In einem erbosten Kommentar auf der Amazon-Website verunglimpft er Bauers Werk als »wirre Sachbuch-Spekulationen eines Alzheimer-Forschers«, die »in aktuellen Bio-Lehrbüchern nichts verloren« hätten. Anlass genug, sich einmal näher mit seinem eigenen Werk zu beschäftigen.

Schrulle 1

Kutschera (2001, 2004, 2006, 2008a...) oder warum Kutschera penetrant auf eigene Werke verweist

Wer Kutscheras Buch liest, muss sich auf diverse Zumutungen gefasst machen. Hilfreich für die Lektüre ist, wenn sich der Leser durch die permanenten Verweise auf die Werke des Autors nicht nerven, sondern freundlich stimmen lässt. Der bringt das unglaubliche Kunststück fertig, sich auf kaum mehr als 300 Seiten Buchumfang über 140 (in Worten einhundertundvierzig) Mal selbst zu zitieren. Zweifellos ein Rekord in der Geschichte des populärwissenschaftlichen Taschenbuches hinter dem selbst als egozentrisch bekannte Autoren wie Däniken, v. Buttlar oder Zillmer um Lichtjahre zurückfallen. Rekordverdächtig ist die Seite 305, auf der er allein 8 Mal auf eigene Werke verweist. Konkret sieht das dann so aus: »(Kutschera 2001, 2004, 2008 a, c; Kutschera und Niklas 2004, 2005, 2008«). Schauen wir einmal genauer hin, was Kutschera eigentlich mit solchen monomanen Zitierexzessen bezwecken will? Im zuvor angeführten Fall versucht er, den von ihm kreierten Terminus »Erweiterte Synthetische Theorie« mit einer Vielzahl von selbstreferenziellen Belegen zu unterfüttern und hoffähig zu machen. Dabei wirft er ein bezeichnendes Licht auf seine wenig konstruktive Art, zur wissenschaftlichen Theoriebildung beizutragen.

In seinem Lehrbuch »Evolutionsbiologie« verwendet er den Terminus »Erweiterte Synthetische Theorie« synonym mit den Begriffen »moderne Evolutionstheorie« und sogar »Evolutionsbiologie« selber, was schon dessen Sinnentleertheit unterstreicht. In einer erläuternden Abbildung subsumiert er darunter zehn mehr oder weniger aktuelle evolutionsbiologische Forschungsfelder, wie z. B. die »Entwicklungsbiologie (Hox-gene)«, die »Soziobiologie (Verwandtenselektion)« oder die »Geologie (Massensterben)«. Diese Forschungsfelder, die außer durch dürftige Stichworte in Klammern, nicht näher spezifiziert sind, pfropft er dem alten Standardmodell der Evolution (der »Synthetischen Theorie«) auf. Dies soll wohl suggerieren, dass in der modernen Evolutionsbiologie alte und neue Erkenntnisse nicht konkurrieren, sondern aufeinander aufbauen und sich bei der Erklärung »verschiedener Aspekte des dokumentierten Artenwandels« zu einem fruchtbaren Ganzen vereinen. Das ist natürlich eine naive Vorstellung und ein frommer Wunsch. Damit dies nicht unmittelbar deutlich wird, werden brisante Theorien, wie die »Neutrale Theorie der molekularen Evolution« oder die »Hydraulik-Evolutionstheorie der Frankfurter Schule«, erst gar nicht aufgelistet. Kutscheras Bemühen, den Terminus »Erweiterte Synthetische Theorie« zu etablieren, ist folglich ein leicht durchschaubarer Versuch, sein trivialisierendes Verständnis der ebenso komplexen wie widersprüchlichen evolutionsbiologischen Theoriebildung hoffähig zu machen.

Von den bereits erwähnten 140 Verweisen auf seine eigenen Werke entfallen allein über 40 auf das Lehrbuch »Evolutionsbiologie« (»2008 a«). Er behandelt es damit geradeso, als wenn es sich bei seinem Lehrbuch um von ihm erarbeitete und publizierte weiterführende Forschungsliteratur handeln würde und nicht um das, was Lehrbücher im Allgemeinen sind, nämlich eine eher konventionelle Auswertung und Zusammenfassung der einschlägigen Forschungsliteratur. Fast alle Lehrbuchverweise hängen zudem in der Luft, d. h. sind ohne spezielle Seiten- oder Kapitelangabe. Da wird sich wohl selbst ein von Kutscheras Qualitäten als Lehrbuchautor überzeugter Leser fragen, ob nicht der bereits in der Einleitung vorhandene Hinweis auf das Werk völlig ausgereicht hätte, um alle anderen Verweise überflüssig zu machen. Kutscheras ungenierte Zitierexzesse sind von diversen Rezensenten gerügt worden, auch von solchen, die seiner atheistischen Mission ansonsten wohlwollend gegenüberstehen. Es ist zu befürchten, dass Kutschera sich davon nicht weiter irritieren lässt. Er scheint von der Vorstellung berauscht zu sein, dass er seit seiner kurzen evolutionsbiologischen Karriere in nahezu allen evolutionären Forschungsfeldern ein bedeutender Akteur ist. Und auf diese selbstillusionierte Größe kann er den Leser offenbar nicht oft genug aufmerksam machen!

Schrulle 2

»Darwin (1859/1872)« oder »was Darwin wirklich sagte«

Seit dem Beginn des Darwin-Jahres 2009 ist auch einem Laienpublikum bekannt, dass Darwins epochales Werk über die Entstehung der Arten erstmals 1859 erschienen ist. Nicht ganz so bekannt ist, dass der Erstveröffentlichung bis 1872 fünf weitere Auflagen folgten. Die Ausgaben unterscheiden sich z. T. erheblich voneinander. Z. B. fügte er in dritte Auflage eine Aufzählung seiner theoretischen Vorgänger bei, um Anschuldigungen zu begegnen, er beanspruche die Urheberschaft von Ideen anderer Naturforscher. Nicht jede Veränderung stellte auch eine Verbesserung dar. Quammen (2008) lobt z. B. die couragierte Erstausgabe und bemängelt, dass Darwin in späteren Ausgaben auf Kritik überreagiert habe, indem er zuvor klare Aussagen durch »Spitzfindigkeiten« und »Abmilderungen« verwässert habe. Es ist also gar nicht so einfach zu rekonstruieren, welche Meinung Darwin denn nun tatsächlich vertreten hat. Natürlich gilt das nicht für unseren Protagonisten Kutschera. Der kündigt schon in der Einleitung seines Werkes großspurig an, darzulegen, was »Darwin wirklich sagte«. Um dies herauszufinden, genügt ihm ein trivialer statistischer Vergleich des Vorkommens bestimmter Begriffe wie »evolution«, »descent with modifikation«, »survial of the fittest« oder »creation« in der ersten und in der letzten Ausgabe des Werkes.

Aus dem zahlenmäßigen Ergebnis seiner ›Analyse‹ zieht er abenteuerliche Schlüsse, z. B. dass Darwin in 1859 noch über keine Evolutionstheorie verfügte, weil er in der Erstausgabe seines Artenbuches noch nicht die Phrase »survial of the fittest« verwendete. Leider versäumt Kutschera, uns darüber aufzuklären, warum erst diese von dem Philosophen Herbert Spencer übernommene Formulierung, die bekanntermaßen nichts an den Grundfesten des Variations-/Selektionsmechanismus geändert hat, aus Darwins Theorie eine richtige Evolutionstheorie gemacht hat. Ferner erfahren wir, dass Darwin weder in der ersten noch in der letzten Ausgabe den Begriff »Bible« verwendet hätte. Auch hier überrascht Kutschera den Leser mit einer verblüffenden Interpretation: »Die Kreationisten seiner Zeit hätten dem ängstlich-zurückgezogen lebenden Naturforscher wohl großen Ärger bereitet (Protestaufmärsche vor seinem Anwesen etc.).« Woher weiß Kutschera so konkret von Gefahren, die nicht einmal Darwin selber in Erwägung gezogen hat? Quammen (2008) führt in seinem sorgfältig recherchierten Werk ein ganzes Bündel von möglichen Gründen dafür an, warum sich Darwin bezüglich der theologischen Implikationen seiner Theorie so vorsichtig verhalten hat. Die Angst vor Protestmärschen von fanatisierten Gläubigen, die seine »Villa umstellen«, zählt nicht dazu.3)

Abgesehen von diesen trivialen Vergleichen und Interpretationen bedient sich Kutschera nur der letzten Ausgabe, um herauszufinden, was »Darwin wirklich sagte«. Die ist aber – wie bereits bemerkt – aufgrund von Darwins überzogenen Relativierungen anlässlich von Kritik nicht unbedingt die Informativste. Kutschera begnügt sich aber auch hier nicht einmaligen Hinweis auf seine Vorgehensweise, sondern meint, seinen einzigartigen Zugang zu Darwins Werk damit dokumentieren zu müssen, indem er insgesamt über vierzig Mal auf die ungewöhnliche Literaturangabe »Darwin (1859/1872)« verweist. Zweifelsfrei hätte hier ein Hinweis in der Einleitung genügt, um dem Leser viele sperrig zu lesende Verweise zu ersparen. Vermutlich muss der Leser aber froh sein, dass Kutschera darauf verzichtet hat, die einzigartige Sorgfalt, mit der er Darwins »Artenbuch« studiert hat, nicht mit der 40-maligen Wiederholung der Formulierung Darwin (1859, 1860, 1861, 1866, 1868 & 1872) zu dokumentieren. Mit Blick auf die bereits in Schrulle 1 angeführten monomanen Zitierexzesse können wir resümieren, dass das laut DTV-Verlag »wichtigste Buch zum Darwin-Jahr« im erheblichen Umfang aus überflüssigen Verweisen besteht, entweder auf den ehrwürdigen Jubilar oder den nach eigener Einschätzung ›wohl größten Evolutionsbiologen und Darwin-Kenner aller Zeiten‹, nämlich Kutschera selber.

Schrulle 3

Die per Akklamation von ›Ismen‹ befreite, einheitlich paradigmatisierte evolutionsbiologische Lehre

Kutschera impft dem Leser immer wieder ein, dass die Evolutionsbiologie eine völlig rationale, auf Fakten und Tatsachen fest gegründete naturwissenschaftliche Fachdisziplin ist, die heute weit davon entfernt ist, in konkurrierende Denkrichtungen zerfallen zu sein. Wie wir bereits gesehen haben, räumt er zwar ein, dass es unterschiedliche Theorien (›Forschungsfelder‹) gibt, die würden aber nicht konkurrieren, sondern sich bei Erklärung der Vielfalt evolutiver Prozesse ergänzen. Damit keine Zweifel an seiner Darstellung einer einheitlich paradigmatisierten Fachdisziplin »Evolutionsbiologie« aufkommen, versteigt er sich im Kapitel »Abschied von der Evolutionstheorie und den biologischen Ismen« zu dem Resümee: »Als Schlussfolgerung dieses Abschnittes wollen wir festhalten, dass populäre Begriffe wie z. B. Lamarck-, Darwin-, Weismann-Ismus und andere‚›Ismen‹ in der Fachdisziplin Evolutionsbiologie seit Jahren nicht mehr in Gebrauch sind, da diese Termini u. a. an politisch-religiöse Ideologie erinnern (z. B. Sozialismus, Marxismus, Katholizismus usw.)«. Das ist natürlich keine Aussage über die Praxis des evolutionsbiologischen Wissenschaftsbetriebes, sondern eine von Kutscheras durchsichtigen Wirklichkeitsbeschwörungen. Tatsächlich streiten sich die in unterschiedliche Denkrichtungen zerfallenen Evolutionsbiologen wie die Pfaffen um die wahre Lehre.

Das beginnt schon mit dem Streit darum, wer eine neue Erkenntnis überhaupt verkünden darf. So meint der schon zitierte Molekulargenetiker Meyer seinen Kollegen Bauer dafür herabsetzen zu müssen, dass er sich anmaßt, zur bisher unterschätzten evolutiven Bedeutung von Genomverdopplungen das Gleiche wie er zu sagen. Merke: ›Was ein führender deutscher Evolutionsbiologe darf, darf ein erfolgreicher Außenseiter noch lange nicht‹. Die Auseinandersetzungen nehmen geradezu groteske Formen an, wenn der international bedeutende Evolutionstheoretiker Richard Dawkins seine Leser davor warnt, auf Schriften des ebenso bedeutenden Evolutionstheoretikers Stephen Jay Gould hereinzufallen, weil der im Unterschied zu ihm »schlechte poetische Naturwissenschaft in Reinkultur« verbreiten würde. Goulds poetisches Vergehen besteht darin, dass er während dramatischer evolutiver Phasen, wie z. B. im Kambrium, auch Makromutationen in seine Erklärungsmodelle mit einbezieht. Dawkins ist darüber erbost, weil solche »sprunghaften Veränderungen« nicht mit dem von ihm favorisierten überkommenen gradualistischen Standardmodell der Evolution kompatibel sind. Der amerikanische Molekularbiologe James A. Shapiro bezeichnete kürzlich das Festhalten an der darwinistischen Evolutionstheorie in einem Interview mit dem Magazin »Bild der Wissenschaft« als »schizophren«: »Vielen Biologen ist mehr oder weniger bewusst, dass die konventionelle Sicht nicht mehr zu halten ist. Aber kaum einer sagt es öffentlich. Es ist praktisch ein Tabu.«

Doch zurück zu Kutschera, der schafft zwar die ›Ismen‹ und damit die konkurrierenden Denkrichtungen in der Evolutionsbiologie per Akklamation ab, findet aber in seinem Werk selbst großen Gefallen daran, nicht nur ›Ismen‹ zu verwenden, sondern sogar neue zu kreieren. Er tut also genau das, was er eigentlich verhindern will, nämlich die biologischen ›Ismen‹ noch populärer zu machen. Das beginnt mit der vielfachen Verwendung von geläufigen Begriffen wie »Lamarckismus«, »Darwinismus« oder »Neo-Darwinismus«, setzt sich fort in der Verwendung von eher seltenen Begriffen wie »Cuvierismus«, »Mendelismus«, »Weismannismus« oder »Geoffroyismus« und endet in so skurrilen Neuschöpfungen von Wortungetümen wie »Dobzhanskyismus«, »Dobzhansky-Mayr-Ismus« oder gar »Merezhkowskyismus«. Ferner gibt es sogar eine Kapitelüberschrift, die nur aus ›Ismen‹ besteht, die angeblich seit Jahren nicht mehr im Gebrauch sind. Es ist ein charakteristisches Merkmal von Kutscheras Argumentationsstil, dass seine eigene Praxis weit hinter dem elitären Bild zurückfällt, dass er dem Leser von der Fachdisziplin »Evolutionsbiologie« vermitteln möchte5). Dieser krude Mischung aus einer irrealen Zustandsbeschreibung und seiner eigenen Disziplinlosigkeit in der Formulierung und Argumentation trägt wesentlich dazu bei, das Buch unbesprechbar zu machen. Fast auf jeder Seite, ja oft in jedem Satz steht verworrenes oder widersprüchliches. Es übersteigt die Kraft eines jeden Rezensenten, den Sinn dieses fortlaufenden Unsinnes zu rekonstruieren.

Schrulle 4

Kutschera erklärt uns die Weltgeschichte

Im Kapitel »Eine kurze Zeitreise und das Diluvium« erklärt Kutschera uns im trivialisierenden Jugendbuch-Stil das Leben unserer Vorfahren. Gleich zu Beginn lesen wir: »In der ›guten alten Zeit‹ als Charles Darwin noch Student war (um 1830) hatten die Menschen im christlich geprägten Europa keine ›Zeit-Probleme‹. Die durchschnittlich 50 Jahre dauernde Lebenszeit war mit Arbeiten, Beten, Kinderaufzucht und dem damit verbundenen harten Daseins-Wettbewerb (Struggle for Life) ausgefüllt.« Was an dieser Zeit ›gut‹ und ›alt‹ gewesen sein soll, bleibt Kutscheras Geheimnis, denn in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhundert strebte in Europa die industrielle Revolution ihrem ersten Höhepunkt entgegen und zwar mit all ihren negativen Folgen für die Arbeiterschichten. Die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten ist mit »Arbeiten, Beten und Kinderaufzucht«, »ausgefüllter Lebenszeit« und einem »harten Daseinswettbewerb« (Gibt es den nicht schon seit dem die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden?) nur sehr oberflächlich beschrieben. Stichworte, wie Siechtum, 12-Stunden Arbeitstage, Kinderarbeit (wurde bezeichnenderweise in England schon 1830 für Kinder unter 9 Jahren verboten), hohe Kindersterblichkeit, Massenarbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Verschuldung, Verrohung der Sitten und Vereinzelung durch den Zerfall überlasteter Familien sind unverzichtbar, um nicht fahrlässig, die »gute alte Zeit« zu einer idealisierten Karikatur frommer und arbeitsamer Erfüllung zu verklären.

Begleiten wir Kutschera noch tiefer in die Geschichte: »Vor nur 16 Menschen-Generationen [Jahr 1600] waren unsere in kleinen Dörfern wohnenden Vorfahren noch an eine weitgehend intakte Umwelt angepasst. Es gab damals z. B. noch Wölfe, Bären und an der heute von ›zivilisierten Menschen‹ im Mitteleuropa weitgehend ausgerotteten Säugetiere, mit denen sich unsere Vorfahren auseinandersetzen mussten (Konkurrenz um begrenzte Nahrungsressourcen usw.).« Nun ja, um 1600 war die Umwelt für unsere Vorfahren keineswegs so »intakt« wie Kutschera vermutet und schon gar nicht kämpften unsere Altvorderen mit Bären (die es damals ohnehin nur noch in entlegenen, unzugänglichen Regionen gab) um knappe Nahrungsressourcen. Die Bauern litten damals unter der maßlos übertriebenen Jagdleidenschaft ihrer Landesfürsten. Die Saat oder Ernte auf den Äckern wurde von den Jagdgesellschaften, die rücksichtslos durch Feld und Flur ritten, zerstört oder durch Rehe und Hirsche aufgefressen. Zudem waren die jagdlichen Frondienste eine drückende Last. Dazu zählten auch aufwendige, von den Jagdherren angeordnete Treibjagden auf Wölfe, aber nicht – wie Kutschera wohl vermutet – weil sie die Dörfer bedrohten, sondern die Jagdbeute der Landesfürsten. Diejenigen, die gegen das Jagdrecht verstießen, mussten mit härtesten Strafen rechnen. Kein Wunder, dass das bedrückende Jagdrecht als eine Hauptauslöser der Bauernkriege gilt.

Gehen wir mit Kutschera noch vier weitere Jahrhunderte in die Geschichte zurück: »Die [...] Naturlandschaft aus dem Jahre 1200, in der noch relativ kleine, Ackerbau und Jagd betreibende Menschenpopulationen lebten, verliert sich für uns ›in der grauen Vorzeitgeschichte‹«. [...] Es fällt uns daher heute schwer, in diese natürliche Umwelt europäischer «Eingeborener zurückzukehren, da wir uns buchstäblich ›meilenweit‹ von diesem ursprünglichen Zustand entfernt haben. »Meilenweit entfernt« ist wiedereinmal Kutscheras Darstellung vom tatsächlichen Zustand der Landschaft um 1200. Das klimatische angenehme Hochmittelalter (1050-1250) ist das Zeitalter der Siedlungsexpansion und der Ausdehnung der Ackerflächen bis hin zu landwirtschaftlichen Grenzstandorten. Die dafür notwendigen Rodungsaktivitäten erreichten vielerorts schon Ende des 12. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Der enormen Ausweitung der Siedlungsräume folgte dann im 14. Jhdt. eine Ära des Niedergangs, die sogenannte »Agrarkrise des Spätmittelalters«. Sie war durch eine Klimaverschlechterung, Hungersnöte, Pestepidemien und einen damit verbundenen starken Bevölkerungsrückgang gekennzeichnet. Die Folge war eine Rückeroberung von Siedlungsräumen durch den Wald. Der Anteil der wüstfallenden Siedlungen betrug in Mittelgebirgslagen über 50 %. Schon dieser kurze Abriss zeigt, dass die Besiedlungsgeschichte Mitteleuropas keineswegs so linear (je älter desto natürlicher) verlaufen ist, wie Kutschera uns hier weismachen will. Tatsächlich würde uns die stark kultivierte Landschaft des 12. Jhdts. weniger »ursprünglich« und »natürlich« erscheinen als die von Wüstungs- und Entvölkerungsvorgängen betroffenen Landschaften der darauf folgenden Jahrhunderte.

Schließen wir Kutscheras »virtuelle Zeitreise« mit seiner Bewertung des gegenwärtigen Zustandes der Landschaft ab: »Autobahnen und Bahngleise durchkreuzen die Landschaft, so dass für die Tier- und Pflanzenwelt nur noch Inseln übrig bleiben. Großstädte und Industriegebiete, aus denen die Vegetation fast vollständig eliminiert ist, bieten den Menschen un-natürliche aber bequeme Lebensbedingungen.« Auch hier verbreitet Kutschera überkommene, sprachlich verfestigte Klischees, die im krassen Widerspruch zu den gesicherten Erkenntnissen ökologischer Experten stehen: Die sprechen von einer »Landflucht der Arten«, weil die Peaks der biologischen Vielfalt heute im Umkreis der großen Agglomerationen liegen. Verantwortlich dafür ist die städtische Flächenutzung, die viel heterogener als die moderne agrarwirtschaftliche Nutzung ist. Eine ausufernde Vorstadtsiedlung oder ein Bahngelände ist für Tiere und Pflanzen allemal attraktiver als ein riesiges Mais- oder Rapsfeld. Und Autobahnen mögen zwar für manche Arten zerschneidende Wirkung haben, für viele andere sind sie Lebensraum und Ausbreitungskorridor. Der Bussard, der geduldig auf einem Verkehrsschild sitzt und die Fahrbahnen nach Aas abscannt oder der Fuchs, der in der Morgendämmerung eine innerstädtische Straße auf dem Weg zu seinem Tageseinstand in einer Parkanlage überquert, sind vielerorts schon ein vertrautes Bild. Zweifelsfrei bieten die verstädterten Lebensräume nicht nur dem Menschen sondern, auch der Tier- und Pflanzenwelt »bequeme Lebensbedingungen«. »Un-natürlich« erscheinen sie nur bei oberflächlicher Betrachtung, wenn mit »natürlich« nicht die originären ökologischen Ansprüche einer Art gemeint sind, sondern die rückblickend als »natürlich« verklärten Umwelten der vorindustriellen Kulturlandschaft. Das ist aber eine Geschichte, die bereits in einem anderem Zusammenhang erzählt wurde.

Schrulle 5

Wenn der große Vorsitzende einen »kleinen Fehler« einräumt...

Im Kapitel »Der blinde Käfermacher: Warum gibt es so viele Coleopteren auf der Erde?« zitiert Kutschera – sich wie immer ungeniert als Forscher mit hohem internationalen Renommee darstellend – aus einem Interview, das er »im Februar 2007 in San Francisco Kalifornien (USA) am Rande einer internationalen Wissenschaftskonferenz« gegeben hatte: »Der Schöpfer war ein Käfermacher! Warum sonst hätte er Hunderttausende verschiedene Käferspezies erschaffen ... und nur etwa 4600 Säugetierarten zustandegebracht? Der Kreationismus liefert dazu keine Antwort, die moderne Evolutionstheorie sehr wohl.« Erläuternd fügt er hinzu: »Da das Interview im auflagenstarken Magazin Stern [...] unter der Überschrift ›Der Schöpfer ist ein Käfermacher‹ veröffentlicht wurde, erhielt ich bald darauf zahlreiche Protestbriefe bibelgläubiger Bundesbürger, die sich bei mir u. a. über diesen ›arroganten gottlosen Käfermacher-Ausspruch‹ beschwert haben.« Im darauf folgenden Kapitel »Fehlerkorrektur: Von Elefantenherden und Käferhorden« korrigiert Kutschera dann einen »kleinen Fehler«, der ihm in dem Interview unterlaufen wäre: »Die von mir damals aus dem Gedächtnis wiedergegebene Säuger-Artenzahl von 4600 stammt aus dem Jahr 1993. 15 Jahre später (2008) waren bereits rund 5480 Säugetierspezies beschrieben.« Was hier auf den ersten Blick wie eine zwar belanglose, für Kutschera allerdings schon bemerkenswerte Einsicht in die eigene Fehlbarkeit aussieht, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als gewieftes Manöver, mit dem er von gezielt irreführenden Behauptungen in seinem Interview ablenkt.

Kutschera hatte in dem Interview – vermutlich aus Ärger über den Erfolg eines ihm verhassten evolutionskritischen Lehrbuches – behauptet: »Ich habe die Kopie eines Briefs in meinen Unterlagen, in dem ein Wort- und Wissen-Mitglied einen Schulleiter explizit darum bittet, dieses Buch in der Schulbibliothek zu deponieren, es zu verwenden, und der sogar anbietet, Geldspenden an die Schulen zu geben. Unter der Auflage, dass dieses ›hervorragende Buch‹ doch bitte schön benutzt wird.« Eine glatte Falschinformation, wie sich später herausstellte. Nachdem die evangelikale Studiengemeinschaft »Wort und Wissen« sich gegen diese »unwahre Behauptung« verwahrt hatte und sowohl Kutschera als auch dem von ihm instrumentalisierten Magazin Stern rechtliche Schritte angedroht hatte, beeilte sich der Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie Martin Neukamm, die Falschdarstellung auf der AG eigenen Website zu korrigieren: »Zu den genannten Vorwürfen ist zunächst festzustellen, dass in dem Interview, welches in San Francisco auf Tonband aufgezeichnet wurde, tatsächlich zwei irrtümlich erhobene Behauptungen abgedruckt wurden: Zwar liegt uns ein Brief vor, aus dem hervorgeht, dass ein Mitglied von Wort und Wissen einem Gymnasium ein kostenloses Exemplar des ›evolutionskritischen Lehrbuchs‹ von Junker und Scherer zur Verfügung stellte. Von Geldspenden ist dort aber nicht die Rede. Des Weiteren war die Bücherspende nicht, wie behauptet wurde, an einen Zweck gebunden - tatsächlich ging die Schule mit der Annahme der Spende keinerlei Verpflichtungen ein. Wir bedauern diesen Irrtum und haben die Redaktion des ›Stern‹ bereits um eine Richtigstellung gebeten.«

Wir sehen, dass der große Vorsitzende sich in seinem ›Tatsachenwerk‹ über die von ihm in die Welt gesetzten, wirklich gravierenden und der Richtigstellung bedürftigen Falschinformationen ausschweigt. Stattdessen berichtet er lieber – weil das besser zu seiner selbstgefälligen Kampagne passt – über Protestschreiben, in denen »bibelgläubige Bundesbürger« sich angeblich bei ihm über seinen »arroganten gottlosen Käfermacher-Ausspruch« beschwert hätten. Ich vermute, dass die meisten Beschwerden nicht seinen Ausspruch, sondern seine gezielte Falschinformation betrafen. Dafür spricht auch, dass die Geschichte vom (blinden) Käfermacher nicht originell ist, sondern eine Verballhornung von Richard Dawkins Bestseller-Titel »Der blinde Urmacher« und einem Bonmot des berühmten Biologen J. B. S. Haldane (1892–1964). Als der einmal gefragt wurde, was ihm seine biologischen Studien über Gott gelehrt hätten, soll er geantwortet haben: »Der Schöpfer, falls er existiert, muss eine ganz außergewöhnliche Vorliebe für Käfer gehabt haben, denn es gibt mehr Käferarten als Arten irgendeiner anderen Tiergruppe.« Mir ist nicht bekannt, dass Dawkins Bestseller-Titel oder Haldanes pfiffige Bemerkung die Gefühle irgendeines »bibelgläubigen« Christen verletzt haben. Im Gegenteil, sogar der versierte, schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionskritiker Wolf-Ekkehardt Lönnig sieht die Sache sportlich und liefert eine verblüffend einfache Erklärung für die vielen Käferspezies. Sie lautet: Wir haben diese riesige Artenzahl bei den Käfern, weil die Systematiker jahrhundertelang jede unterscheidbare Population von Mendelschen Rekombinanten als eigene Arten beschrieben haben. Und solange Systematiker genetische Rekombinanten als eigenständige Arten beschreiben, dürfte der Schöpfer ein Käfermacher bleiben.

Schrulle 6

»Evolution ist eine Tatsache, das Schnabeltier existiert.«

Schrulle 7

Den Elefanten zu wenig Zähne gemacht

Fortsetzung folgt...

Anmerkungen

1) Kreativität ist nicht die Sache Kutscheras. Dass zeigt sich schon beim von ihm gewählten Titel, der wohl eine Kombination von Ernst Mayrs populären Credo »Evolution ist eine Tatsache« und Gerd & Heidi von Wahlerts Buch »Was Darwin noch nicht wissen konnte« (ebenfalls bei DTV erschienen) ist. Alternativ könnte er den Untertitel auch von dem 2004 verfilmten Vortragstitel »Was Darwin nicht wissen konnte« des schöpfungsgeschichtlich motivierten Evolutionskritikers Siegfried Scherer (TU München) abgekupfert haben. Da der renommierte Molekulargenetiker Scherer zu den beliebtesten Zielobjekten von Kutscheras antikreationistischen Attacken zählt, wäre das nicht nur unoriginell, sondern auch noch geschmacklos.

2) Diese Botschaft ist trivial, wenn sie darauf abhebt, dass der Wissenschaftsbetrieb ein naturalistisches Unternehmen ist und naiv, wenn sie meint, dass sich wissenschaftliche Forschung ausschließlich über eine objektiv erfassbare Wirklichkeit und nicht ebenso über philosophische Grundüberzeugungen und andere gesellschaftliche Verwicklungen definiert.

3) Meyer hat seine vernichtende Kritik an Bauer im Laborjournal (1-2/2009) unter dem Titel »Nonstop Nonsens« und in seiner Handelsblatt-Kolumne »Quantensprung« vom 04.12.2008 unter der Überschrift »Dummes Zeug über Darwin« veröffentlicht. Zur Entstehungsgeschichte dieser Rezensionen gibt der Chefredakteur des Laborjournals Ralf Neumann in einer Auseinandersetzung mit Bauer auf einem österreichischen Scienceblog etwas unbeabsichtigt interessante Hintergrundinformationen preis.

4) Die Unterstellung, dass Gläubige randalieren, ist für Kutschera eine beliebte Polemik. Er hat sich ihr schon früher bedient, um Vorurteile zu schüren oder auch seine mangelnde Courage zu verbergen, sich mit Kreationisten öffentlich auseinander zu setzen. Im Magazin »Der Spiegel« (52/2005) behauptet er z. B.: »Wenn die Zeugen Jehovas in den Saal kommen, dann kann ich einpacken. Die stören und rufen rein, bis keine Diskussion mehr möglich ist.« Dahinter verbirgt sich keine konkrete Erfahrung, sondern wohl eher die Befürchtung, dass ruchbar werden könnte, dass der Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie aus Mangel an fachlichem Selbstvertrauen die öffentliche Diskussion mit Kreationisten scheut.

5) Im Kapitel »Darwins Korallen und das moderne Baum-Denken« stellt Kutschera in (mit dem selben Brustton der Überzeugung, wie bei seiner Abschaffung der ›Ismen‹) fest: »Alt-Darwinsche Begriffe wie ›primitiv‹, ›höher‹ oder ›Perfektionierung‹ existieren seit Jahrzehnten in der Evolutionsbiologie nicht mehr«. Selbst wenn wir großzügig davon absehen, dass dies keine »alt-Darwinschen« Begriffe sind, weil Darwin selbst es war, der vehement vor der Annahme einer »Höherentwicklung« warnte, irritiert uns Kutschera, wenn er nur wenige Seiten später formuliert: »Neben dem Schnabeltier (...) lebt in Australien ein zweiter Eier legender primitiver Säuger...«. Wer offenbar nicht weiß, was er wenige Seiten vorher verkündet hat, sollte sich hüten, das Buch einen missliebigen Kontrahenten gezielt missverständlich als »wirre Sachbuch-Spekulationen eines Alzheimer-Forschers« zu bezeichnen.

G.M., 18.07.2009

   

 

Edgar L. Gärtner:
Öko-Nihilismus. Eine Kritik der Politischen Ökologie
TvR Medienverlag – Jena 2007, 284 S.

Dieses Buch ist ein ›Muss‹ für alle Bürger, die sich im Klimaschutz engagieren oder in der Klimapolitik einen informierten Standpunkt einnehmen möchten. Wer sich vor überraschenden, ja wahrscheinlich sogar schmerzlichen Einsichten fürchtet, sollte allerdings die Finger von Gärtners Werk lassen.

»Die spinnen die Ökos!« oder vorsorgender Klimaschutz als total oder auch totalitär verrückte Hauswirtschaft...

von Franziska Grübner-Schweickhoff

»Edgar L. Gärtner kennt viele unbekannte Hintergründe und Details aus der Geschichte der internationalen Umweltpolitik als ehemaliger Chef eines großen deutschen Öko-Magazins aus eigener Anschauung. Um diese für viele Außenstehende sicherlich neuen Zusammenhänge geht es in ›Öko-Nihilismus‹, seinem neuestem Werk. So kann er sehr gut belegen, dass der beinahe zeitgleiche Start der ›grünen‹ Politik in allen führenden Industrieländern keine Frucht einer irgendwie gearteten Verschwörung, sondern überwiegend Ergebnis der Nachahmung eines zuerst in den USA unter dem damaligen Präsidenten Richard Nixon erfolgreich erprobten Politikmodells war.

Es überrascht, dass gerade ihre eindrucksvollen Ergebnisse bei der Reinhaltung der Gewässer und der Luft die Umweltpolitik in die Falle des Populismus, in eine von Katastrophenangst und Hysterie getriebene mentale und tendenziell auch ökonomische Abwärtsspirale lockten. Mit anderen Worten: Als die Bekämpfung konkreter, messbarer Belastungen von Wasser und Luft bereits große Fortschritte gemacht hatte und die Umweltpolitik somit dabei war, sich selbst überflüssig zu machen, begannen sich Politiker um ungelegte Eier zu sorgen, indem sie sich im Namen des ›Vorsorgeprinzips‹ der vorgeblichen Bekämpfung hypothetischer Zukunftsprobleme wie dem als Bedrohung hingestellten Klimawandel zuwandten.

Gärtner zeigt auch, dass die dem ›Vorsorgeprinzip‹ zugrunde liegende Denkfigur des Alles oder Nichts ein Kind des Kalten Krieges zwischen dem mehr oder weniger marktwirtschaftlich verfassten Westen und der Befehlswirtschaft des kommunistischen Ostens ist. Es ließen sich damit Investitionen rechtfertigen, die sich – rein ökonomisch gesehen – bei weitem nicht rechneten. Ging es dabei doch um den Fortbestand der westlichen Welt als solche, d.h. um eine reale Bedrohung von Freiheit und Demokratie. Werde diese Logik jedoch auf hypothetische Gefahren angewandt, drohe das Abgleiten in den Nihilismus, warnt Gärtner.

Nihilist sein heißt nach Albert Camus, irgendetwas für wichtiger zu erachten als das menschliche Leben in Freiheit und Würde. Aktuelle Musterbeispiele dafür sind ohne Frage islamistische Selbstmord-Attentäter. Weniger offenkundig ist die nihilistische Tendenz bei vielen Umweltschützern. Doch auch sie stellen, wie Gärtner nachweist, nicht selten fragwürdige Ziele wie den Schutz des (nicht definierbaren) ›Weltklimas‹ durch eine drastische Drosselung des Ausstoßes des angeblichen ›Klimakillers‹ Kohlendioxid (CO2) und die Förderung so genannter erneuerbarer Energien mithilfe von Zwangsabgaben über das Ziel der Bewahrung von Freiheit und Menschenwürde. Sie nehmen dabei, so Gärtner, nicht nur in Kauf, dass die Armen infolge der Verteuerung von Nahrung und Energie noch ärmer werden, sondern verschlechtern auch allgemein die Voraussetzungen für den Fortgang technischer Innovationen und des wirtschaftlichen Wohlstands.

Noch boomt die deutsche Wirtschaft. Noch sind Strom, Gas und Benzin für die meisten einigermaßen erschwinglich. Aber wenn das von der Bundesregierung bereits beschlossene Programm einer 40-prozentigen CO2-Einsparung bis zum Jahre 2020 bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Nutzung er Atomenergie umgesetzt wird, könnte das ganz anders aussehen, mahnt Gärtner. Er zeichnet nach, wie der ›Klimaschutz‹ zur letzten Bastion derer wurde, die auch im Zeitalter der Raumfahrt, der Globalisierung der Märkte und des Internet an der Fiktion einer geschlossenen Welt festhalten und Politik weiterhin im Sinne einer paternalistischen und protektionistischen Hauswirtschaft betreiben wollen. In diesem Sinne, so Gärtner, ist der Ansatz vieler heutiger Ökologen ›verrückt‹. Doch eine Welt, in der für Glaubensfreiheit und individuelle Verantwortung kein Platz ist, sei weder erstrebenswert noch genüge sie dem Anspruch der Nachhaltigkeit, betont Gärtner

Wer jetzt noch zweifelt, ob er sich Gärtners Werk zulegen soll, dem empfehle ich die Rezension »Statt Atomstaat der Karbonstaat?« von Ulli Kulke zu lesen. Kulke ist eine engagierter Wissenschaftsjournalist, der in der reichlich überhitzten Klimadebatte einen ausgesprochen kühlen Kopf bewahrt. Es erstaunt daher nicht, dass er auf der ›Schwarzen Liste‹ des rabiaten Klimaschützers Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) steht.

   

 

Andreas Otte (Hrsg.):
Zeitenspringer – Heribert Illig zum 60. Geburtstag
Verlag Andreas Otte – Oerlinghausen 2007,
171 S., Preis: 19,95 €

Dr. Heribert Illig – versierter Karlsleugner und Herausgeber des renommierten Zeitensprünge-Bulletins – verdient unser Mitgefühl. Lang- und weniger langjährige Weggefährten haben ihm anlässlich seines sechzigsten Geburtstags einen Festband gewidmet. Darin erzählen sie, wie sie zur Chronologiekritik im Allgemeinen und zu Illig im Besonderen gefunden haben. Herausgeber der Festschrift ist Andreas Otte, ein Organisationstalent mit außergewöhnlich guten Informatikkenntnissen und ein Opportunist vor dem Herrn. Er gehört zu einer umtriebigen, im ostwestfälischen Raum beheimateten Zeitenspringer-Gruppe, die sich zwischenzeitlich »Freundeskreis karolingischer Baukunst« nennt.

Es ist zweifellos ein Verdienst von Otte, längst überfälligen frischen Wind in die Öffentlichkeitsarbeit der Chronologiekritik gebracht zu haben. Mit der von ihm betriebenen Website http://www.fantomzeit.de/ hat er Illig eine attraktive Internetplattform zur Verfügung gestellt. Die Website soll den bisherigen Internetauftritt http://www.mantisverlag.de mittelfristig ablösen, was zeigt, dass Illig mit Otte wohl seinen idealen Internetadlatus gefunden hat. Ob Illig allerdings davon begeistert ist, dass Otte auch Herausgeber seiner Festschrift ist, kann bezweifelt werden. Dazu bedarf es – das weiß niemand besser als Illig selbst – mehr als Organisationstalent und guter Informatikkenntnisse.

Otte hat die Festschrift-Beiträge entsprechend seiner Möglichkeiten nicht redigiert, sondern nur Rechtschreibfehler korrigiert. Wohl eher unbeabsichtigt verrät die Festschrift daher mehr über die persönlichen Motive und Befindlichkeiten einiger Chronologiekritiker, als dem Jubilar lieb sein kann. So haben verschiedene Autoren die Gelegenheit genutzt, zu zeigen, auf welch schicksalhafte Weise ihre Lebensgeschichte mit der Chronologiekritik verwoben ist. Andere wiederum meinten, mit der Preisgabe privater Details aus dem Leben des Jubilars dokumentieren zu müssen, dass sie zum innersten Zirkel der Zeitenspringer gehören.

Nicht wenige Beiträge wirken daher auf den Leser befremdlich, weil sie voller kryptisch anmutender Selbststilisierungen aber auch voller unfreiwilliger Komik sind. Vor allem bei Außenstehenden mögen einige Beiträge sogar manches Vorurteil über die emotional verirrte und intellektuell verwirrte Anhängerschaft der Chronologiekritik bestärken. Und so gereicht die Festschrift dem Jubilar nicht nur zur Ehre, sondern auch zur Warnung. Auf eindrucksvolle Weise zeigt sie, was dabei herauskommt, wenn Illig das mit seiner äußerst heterogenen Anhängerschaft besetzte Narrenschiff nicht selber durch Klippen und Untiefen steuert.

Belegen wir die Eindrücke mit einigen Beispielen. Besonders hervorheben werde ich Beiträge aus dem »Freundeskreis karolingischer Baukunst«, einer Gruppe, der ich mich als Ostwestfale besonders verbunden fühle. Beginnen wir mit Anga H.. Sie ist mütterlicherseits mit okkulter Runenmagie vorbelastet und lässt keine Gelegenheit aus, Horoskope in rosaroten Blättchen zu studieren. Anga H. macht keinen Hehl daraus, dass sie dem Sternzeichen Jungfrau zugeneigt ist. Leider merkt sie nicht, dass ihr die astrologische Annäherung an den Jubilar zu einer vereinnahmenden Bedrohung entartet:

»Astrologisch zugeordnet ist Heribert Illig eine Jungfrau. Dazu könnte ich schon aus persönlicher Betroffenheit [jetzt wird es spannend] eine ganze Menge sagen, denn Herbert [ach so ihr Gatterich] ist auch eine und sein Vorgänger war es ebenfalls [der wird sich doch wohl nicht in ein anderes Sternzeichen geflüchtet haben?]. Ich halte mich aber gepflegt zurück [keine Kunst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist]. Mein Sternzeichen ist der Skorpion. Ihm wird bedauerlicherweise viel Übles nachgesagt [vor allem, dass er Kochwaschgänge und Backofenaufenthalte problemlos überlebt...], und angeblich gibt es nur wenige Sternzeichen, die zu ihm passen. In einem sind sich aber sämtliche Astrologen in den Boulevardblättern einig: Die Jungfrau und der Skorpion harmonieren prächtig!«

Schön für die kantig-verkannte ›Skorpionin‹ – allerdings habe ich große Zweifel, dass der ›jungfräuliche‹ Jubilar es auf einen Praxisversuch ankommen lassen möchte, zumal er schon seit Jahren bestens bedient ist. Fahren wir aber mit Marianne K. fort, die wegen ihres Ticks, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit über den mittelalterlichen Mönch Wibald von Stablo zu dozieren, auch Marianne von Stablo genannt wird. Von Stablo wurde bereits pubertär von der Chronologiekritik infiziert und als Spätfolge eines familiären Initiationsritus erlebt sie Illigs mittelalterliche Enthüllungen als ganz persönliche körperliche Schockwellen.

»Unbemerkt hat sich das Velikovskygift bereits in pubertärer Zeit in mein Weltbild eingeschlichen und meine Wissenschaftsgläubigkeit häretisch zersetzt (…). Die Initiationsszene steht mir plötzlich vor Augen: Väterstreit über ein ›Amibuch‹ im Familienzeltlager (…) an der Ostsee 1959, Weltuntergangsphantasien konkretisiert durch Fluchterlebnisse und brennendem Dresden (...). Heribert Illig mit seinem Mantisverlag und den um ihn versammelten Autoren ist ein Lebenselixier, das beinahe körperlich die kindliche Neugier auf Welterfassung in meinen Buchhändleralltag zurück bringt (…). So hätte es weitergehen können (…). Doch dann der Schock des Jahres 1991, er rollt in Wellen mit jeder VFG-Ausgabe auf mich ganz persönlich zu und gipfelt in Illigs Sonderveröffentlichung »Karl der Fiktive, genannt Karl der Große

Nach soviel magischer Umgarnung (Anga H.) und unverblümter Entzückung (von Stablo) zurück zu Otte. Der belegt mit seinem einleitenden Beitrag »Statistik der Zeitschrift Zeitensprünge«, dass er nicht nur ein Organisationstalent, sondern auch ein Langweiler und Erbsenzähler ist. Wer hier erwartet hat, dass Otte von Illig autorisiert wurde, das bislang streng gehütete Geheimnis der Entwicklung der Auflage des Magazins zu lüften, wird arg enttäuscht. Otte lüftet nicht, sondern dokumentiert lediglich in großformatigen Tabellen die Entwicklung der Zahl der Seiten, Beiträge und Autoren des Bulletins. Doch damit nicht genug, er versteigt sich in folgende sinnentleerte Auswertung:

»Auch die Zahl der Beiträge weist eine wenn auch weniger klare Tendenz nach oben aus. In der Summe sind es über 800 Beiträge unterschiedlicher Autoren. Die durchschnittliche Seitenzahl liegt bei etwas mehr als 12 Seiten pro Beitrag. Der Anteil von Heribert Illigs Beiträgen schwankt dabei absolut zwischen 8 und 16 pro Jahrgang, relativ zwischen 16% und 36% ohne klare Tendenz. In der Summe sind es über 200 also etwa 25% der berücksichtigten Zeitensprünge-Beiträge. Die Anzahl der Autoren orientiert sich grob an der Anzahl der Beiträge pro Jahr (…).«

Kurz: Groteske Zahlenakrobatik, die die Welt nicht braucht. Otte zeigt hier, dass er die Tabellenkalkulation beherrscht, mehr nicht. Erika Vierling, Quasi-Gründungsmitglied und so etwas wie gutbürgerliche Seele der deutschen Chronologiekritik, beherrscht sie vermutlich nicht. Trotzdem bringt sie in ihrem Beitrag die Sache auf den Punkt, in dem sie kurz und knapp bemerkt: Die Begeisterung für die Chronologiekritik zeigt sich darin, dass die Bulletins stets umfangreicher wurden! Bleiben wir bei Otte, den ich einleitend als Opportunisten bezeichnet habe. Dies zeigt sich u. a. darin, dass er als Herausgeber der Festschrift ziemlich überfordert ist, mit den diversen Interessenkonflikten, Anfeindungen und Abspaltungen innerhalb der Chronologiekritiker angemessen umzugehen.

Nehmen wir als Beispiel Ottes Umgang mit Christoph Marx. Marx ist einerseits Velikovsky-Übersetzer und Gründungsmitglied der Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte (GRMNG). Andererseits hat er sich seit seinem Zerwürfnis mit Illig eine Einmann-Weltanschauung mit radikaler Kalenderreform, eigener Physik und Kollektivpsychologie sowie kryptischen Sprachkürzeln zugelegt. Er hat sich in dieser seiner Welt eingeigelt und nahezu unkommunizierbar gemacht. Otte beschreibt im Nachwort seine Schwierigkeiten bei der Erstellung der Festschrift am Beispiel des von Marx eingereichten (wie zu erwarten ziemlich kryptischen) Beitrages:

»Was macht man z. B. mit einem Beitrag wie dem von Christoph Marx? Bringt man ihn überhaupt und wenn ja, wo? Oder lässt man ihn weg? Wenn man ihn bringt, muss der Kontext für den Leser verstehbar sein. Wie stellt man den sinnvoll her? Am Ende habe ich ihn hereingenommen, er spricht für sich selbst.«

Otte lässt den Leser hier an einem wunderbaren Monolog in Form einer klassisch zirkulär-paradoxen Argumentationskette teilhaben. Man könnte sie als zwangsläufiges Produkt eines Konfliktes deuten, der u. a. dadurch genährt wird, dass er erst seit wenigen Jahren und Marx seit über einem viertel Jahrhundert Chronologiekritiker ist. Vor diesem Hintergrund ist Ottes Unvermögen, sich eine eigene Position zu erarbeiten, in diesem Fall sogar entschuldbar. Auf seine Neigung zum Opportunismus angesprochen, beschreibt Otte sich gern als Opfer, der bei Konflikten zwischen allen Stühlen sitzt. Auf die Idee, dass er selber auch Täter ist, kommt er nicht.

Otte kritisiert in einem einleitenden Beitrag über die GRMNG e.V., dass Marx sich nach der Auflösung des Vereins dessen Namen angeeignet hat, ohne dafür autorisiert zu sein. Genau das macht aber er selber, wenn es nur zu seinem Vorteil ist. Otte ist Mitbegründer der in Ostwestfalen beheimateten Gruppe »Freunde der karolingischen Baukunst« (FdkB). Nach einem Konflikt zwischen den Mitgliedern (eine absurde Zickenintrige, bei der Otte sich mal wieder zwischen alle Stühlen platziert hatte…) hat der Urheber des Gruppennamens Otte untersagt, die Bezeichnung weiter zu benutzen. ›Ideenreich‹, wie Otte nun mal ist, hat er den Namen geringfügigst in »Freundeskreis karolingischer Baukunst« geändert und ohne Skrupel weiter verwendet.

Resümee: Man kann Illig nur wünschen, dass seine (ostwestfälischen) Anhänger ihm zu seinem nächsten Jubelfest – statt ihm eine ziemlich teuere Festschrift zu widmen – aus seinen chronologiekritischen Werken vorlesen, um weiteren Schaden von der Chronologiekritik abzuwenden.

G.M., 26.11.2007

   

 

Nigel Calder
Die launische Sonne – widerlegt Klimatheorien
Dr. Böttiger Verlags-GmbH – Wiesbaden 1997, 208 S.

Der englische Wissenschaftsautor Nigel Calder zeigt in diesem Buch, dass globale Klimaveränderungen kein menschengemachtes Phänomen sind, sondern ein Produkt des Zusammenspiels von kosmischer Strahlung und Veränderungen der Sonnenaktivität. Kurz: Unser Klima wird nicht auf der Erde, sondern im Himmel gemacht!

Calder schildert, wie die dänischen Meteorologen Friis-Christensen, Henrik Svensmark und Knud Lassen herausgefunden haben, dass es einen Zusammenhang zwischen der kosmischen Strahlung und der Wolkenbildung gibt und wie die Vertreter der dominierenden Treibhausklima-Theorie versucht haben, diesen evidenten Befund zu unterdrücken.

Calder ist ein scharfsinniger und unbestechlicher Autor. Im Schlusskapitel analysiert er »Was schief gelaufen ist«. Die Treibhausgeschichte ist für ihn ein Lehrbeispiel dafür, wie und wodurch Wissenschaft auf Abwege geraten kann. Nach seiner Auffassung geschieht dies vor allem dann, wenn Wissenschaftler sich in den Dienst der Politik stellen und die Politik dies durch Fördergelder honoriert.

   

 

Kutschera-Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera
Evolutionsbiologie
2., aktualisierte und erweiterte Auflage Verlag Eugen Ulmer Stuttgart 2006, 283 S. [PDF - DATEI - 52 KB]

›Des Kaisers neues Lehrbuch‹ – Einige randständige Bemerkungen zu der ersten und zweiten Auflage von Kutscheras Lehrbuch »Evolutionsbiologie«

Fast ein Jahr lang habe ich gezögert, mir die zweite Auflage von Kutscheras Lehrbuch »Evolutionsbiologie« zuzulegen. Die erste vom Umfang magere, vom Inhalt lückige und von der Gestaltung schlichte Auflage motivierte kaum, sich noch eine weitere Auflage dieses Werkes zuzumuten. Wann immer ich einen relevanten evolutionsbiologischen Sachverhalt genauer und differenzierter betrachten wollte, war ich gezwungen, in Junkers & Scherers kritischem Lehrbuch »Evolution« nachzuschlagen. Ja noch heute bin ich verwundert, wie es Kutschera gelungen ist, für die erste Auflage seines Kurzlehrbuches einen Verlag zu finden. Vielleicht hat den Ausschlag gegeben, dass Kutschera sich durch seine heftigen öffentlichen Attacken gegen deutsche Kreationisten einen gewissen Bekanntheitsgrad erarbeitet hatte und sich in den beiden letzten Kapiteln seines Buches dieser Thematik annimmt. Mag sein, dass dem Parey Buchverlag das unternehmerische Risiko deshalb kalkulierbar erschien. Kutschera selber bemerkt: »Die Darstellung und Offenlegung eines bisher tabuisierten Problems hat zur weiten Verbreitung dieses Buches beigetragen«. Im Klartext bedeutet dies: Kutschera verdankt seinen publizistischen Erfolg wohl weniger den eher dürftigen evolutionsbiologischen Inhalten seines Buches als der populistischen, für ein naturwissenschaftliches Lehrbuch eher ungewöhnlichen Auseinandersetzung mit dem Kreationismus.

Auf seiner universitären Website preist Kutschera die erste Auflage seines Kurzlehrbuches damit an, dass es ca. 15 Mal in verschiedenen Fachzeitschriften positiv rezensiert wurde. Da Kutschera hinsichtlich seiner fachlichen Kompetenz keine Zweifel und deshalb bei seiner Selbstvermarktung auch keine Skrupel kennt, lohnt sich hier genauer hinzuschauen. Folgendes fällt auf: Drei der »Fachzeitschriften« sind regionale und überregionale Tageszeitungen. Darunter die sozialistische Tageszeitung »Neues Deutschland«, die vor der Wende als Propagandawerkzeug der SED diente. Positive Besprechungen in Tageszeitungen steigern zwar die Verkaufszahlen, sind aber nicht dazu geeignet, die Qualität eines naturwissenschaftlichen Fachbuches zu dokumentieren. Dies betrifft auch die Rezension in dem nur in geringer Auflage erscheinenden Magazin »Pterodactylos«. Hinter diesem Namen verbirgt sich das »erste deutsche Magazin zur Kryptozoologie, Paläontologie und Evolutionsforschung«. Den Herausgeber interessieren nach eigenem Bekunden am meisten »die Rätsel um Bigfoot, Yeti und Nessie«. Hier fragt sich, wie die Veröffentlichung dieser positiven Kurzrezension aus einem parawissenschaftlichen Insiderblättchen auf der offiziellen Website der Universität Kassel mit Kutscheras erbitterten Kampf gegen wissenschaftliche Institute zusammenpasst, die kreationistischer Evolutionskritik eine Plattform bieten (vgl. die Affäre Kutschera gegen Lönnig/Max-Planck-Institut)? Daraus kann man doch nur folgern, dass er offenbar keine Skrupel kennt, sein Credo zu ignorieren, wenn es um Verbreitung seiner Werke, also seinen Ruhm geht.

Ferner befinden sich unter Kutscheras so genannten »Fachzeitschriften« schulbiologische Zeitschriften (z. B. Biologie heute oder Praxis der Naturwissenschaften), Zeitschriften für biologische Spezialgebiete (z. B. Mikrokosmos oder Journal of Ornithologie) und eine biologiepraktische Zeitschrift (Gesunde Pflanzen). Erstaunlichweise aber keine einzige ausgewiesene evolutionsbiologische Publikation. Fünf der Rezensenten stammen aus dem engeren Umfeld des Kutschera-Clubs (AG Evolutionsbiologiemitglieder Hossfeld, Jacobsen, Junker (2x), Mahner u. Neukamm). Positive Besprechungen sind hier wohl eine Erfordernis des gemeinsamen Kampfes gegen Kreationisten oder auch eine Sache der Kollegialität. Eine rühmliche Ausnahme bildet Mahners Rezension im »Skeptiker«, einer Zeitschrift für Wissenschaft und kritisches Denken. Der scheut sich nicht, Schwächen und Fehler in Kutscheras Buch deutlich anzusprechen. Kutschera zitiert auf seiner Website auch Mahner, aber so verkürzend bzw. verfälschend, dass von der Kritik nichts zu lesen ist. So verbirgt sich hinter drei Pünktchen in der zensierten Website-Version folgende aufschlussreiche Passage aus Mahners Originalrezension: »Neben den positiv zu vermerkenden Aspekten weist das Buch aber leider auch Schwächen auf, die geeignet sind, sein lobenswertes Anliegen zu beeinträchtigen. Zunächst macht das Buch den Eindruck, als sei es unter großem Zeitdruck zustande gekommen. So wirkt die Präsentation oft etwas gehetzt, und manchmal folgen Abschnitte verschiedenen Inhalts überleitungslos aufeinander, sodass nicht immer klar ist, was das eine mit dem anderen zu tun hat, warum gerade dieser Aspekt wichtig ist oder worauf der Autor damit später hinaus will. Vielleicht haben sich auch deshalb einige sachliche Fehler eingeschlichen (…)«.

Bei der Rezension in der renommierten Naturwissenschaftlichen Rundschau stößt auch Kutscheras ›Schnippelverschönerungsmethode‹ an ihre Grenzen. Darin werden die Schwächen des Lehrbuches so schonungslos aufgezeigt, dass Kutschera sich offenbar gezwungen sah, auf ihren Abdruck gleich vollständig zu verzichten. Stattdessen hat er – ein wohl einmaliges Vorgehen – eine Richtigstellung zu der Rezension auf seiner Website eingestellt! Wer so unverfroren mit Kritik umgeht, muss ein tiefes Misstrauen gegen seine Leser haben. Zumindest fürchtet er, dass diese sich ein eigenes, von ihm nicht manipuliertes Urteil bilden können. Tatsächlich kommt der Bielefelder Biologe Andreas Schmidt-Rhaesa zu einer wenig schmeichelhaften Bewertung des Lehrbuches. Zwei zentrale Kapitel (»Stammbaumanalyse und molekulare Uhren« sowie »Rekonstruktion der Phylogenese durch Beobachtung und Vergleich«) bezeichnet er schlicht als »misslungen« und fügt erläuternd hinzu: »So schwanken Kapitel 7 und 8 zwischen phylogenetischem und typologisch-klassifikatorischem Vokabular hin und her. Auch die Darstellung molekularer Methoden ist verwirrend«. Schmidt-Rhaesa resümiert wie folgt: »Die Auswahl von Themen für ein kurzes Lehrbuch zur Evolutionsbiologie ist mit Sicherheit extrem schwierig. Ob es sich ein modernes Buch aber leisten kann, Gebiete wie die Phylogenetische Systematik, Kladistik, Biogeographie, Populationsgenetik, Grundlagen der molekularen Evolution, molekulare Systematik oder den Artbegriff auszulassen, ist fraglich«. Was Herr Schmidt-Rhaesa hier in vorsichtig-zurückhaltender Weise formuliert hat, heißt wohl im Klartext: Fast alles Wichtige fehlt!

Mein Sinneswandel bezüglich der Frage, ob es sich lohnt, mir die zweite Auflage zuzulegen, setzte ein als mich der Intelligent Design-Theoretiker Markus Rammerstorfer darauf aufmerksam machte, dass Kutschera auf der Website der AG Evolutionsbiologie einen neuen antikreationistischen Diskussionsbeitrag eingestellt hat. Sein Titel lautet »Gegendarstellung zum Wort-und-Wissen-Beitrag 6/06. Was ist ein Lehrbuch?«. Diese Streitschrift ist eine Reaktion auf den Beitrag »Punkt für Punkt widerlegt?« des kreationistischen Lehrbuchautors Reinhard Junker. Der stellt darin einige wenig stichhaltige Behauptungen und nicht nachvollziehbare Verdrehungen Kutscheras zu den Inhalten des kritischen Lehrbuches »Evolution« richtig. Kutschera hatte sich zuvor damit gerühmt (auf gerade einmal 18 Seiten seiner ›Evolutionsbiologie‹!), die Aussagen des (300 Seiten umfassenden!) kritischen Lehrbuches von Junker & Scherer »Punkt für Punkt« widerlegt zu haben. Kutschera nutzt seine Entgegnung dazu, grundsätzlich klar zu stellen, »was man üblicherweise unter einem ›Lehrbuch‹ versteht«. Wie nicht anders zu erwarten, kommt er zu dem Ergebnis, dass sein Lehrbuch die gestellten Anforderungen erfüllt, während von den schöpfungsgeschichtlich motivierten Lehrbuchautoren Junker & Scherer die »genannten Prinzipien und Grundsätze [...] offensichtlich nicht eingehalten« werden. Diese allzu selbstgefällige Evaluierung, die augenscheinlich von dem Ziel getragen ist, Junkers & Scherers kritisches Lehrbuch zu disqualifizieren und diffamieren, lohnt näher betrachtet zu werden, weshalb für mich der Kauf der zweiten Auflage unvermeidlich war!

Kutschera hat die Kriterien dafür, was man »üblicherweise« unter einem »seriösen Lehrbuch« versteht, so formuliert, dass sie a) zielgenau auf die 2. Auflage seines Lehrbuches »Evolutionsbiologie« zugeschnitten sind und b) Junkers & Scherers kritisches Lehrbuch als unseriös einstufen. Dabei hat er allerdings übersehen oder in Kauf genommen, dass auch die erste Auflage seines Lehrbuches die von ihm formulierten Anforderungen nicht erfüllt. So fordert Kutschera, dass der Autor in dem Gebiet, über das er ein Lehrbuch schreibt, eigene Forschungsarbeiten publiziert hat. Bis 2001 hat Kutschera selbst jedoch gar keine erkennbaren Fachbeiträge zum Thema »Evolution« publiziert. So tauchen in seiner umfangreichen, im Internet veröffentlichten Publikationsliste erstmalig ab 2001 Beiträge auf, die eindeutig auf evolutionsrelevante Themen hinweisen*. Sollte dies der Grund dafür sein, dass Kutschera in die Literaturliste der ersten Auflage keine Zeitschriftenaufsätze aufgenommen hat? Wie dem auch sei, immerhin sind in den Abbildungslegenden 6 Aufsätze von ihm zitiert. Dabei handelt es sich um Studien, in denen es vorrangig um die Fortpflanzungsbiologie und Brutfürsorge bei seinen »Lieblingstieren«, den Egeln geht. Deren Vermehrungsstrategien werden auch im »Lichte der Evolution« betrachtet. Auf seiner universitären Website versucht Kutschera, diese randständige Beschäftigung mit evolutionären Fragen nachträglich zu einem evolutionären Forschungsprogramm zu stilisieren. Damit kann er aber nur notdürftig verschleiern, dass er selber die von ihm für einen Lehrbuchautor formulierten Anforderungen nicht erfüllt.

Als weitere Voraussetzung für die Erstellung eines seriösen Lehrbuches fordert Kutschera, dass »ein berufener, in der akademischen Lehre erfahrener Universitätsprofessor« seine »über Jahre hinweg erstellten, auf Originalliteratur basierenden Vorlesungsaufzeichnungen« zusammen schreibt und »einem Fachverlag« anbietet. Diese Anforderung zielt darauf ab, Junker, der nicht an einer Universität arbeitet und Scherer, dem an der TU München das Lehrgebiet »Mikrobielle Ökologie« anvertraut ist, als Lehrbuchautoren zu disqualifizieren. Wie sieht es aber um Kutschera selber aus? Im Lehrgebiet »Pflanzenphysiologie« mag er ein berufener und erfahrener Universitätsprofessor sein, aber zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der ersten Auflage seines Lehrbuches »Evolutionsbiologie« war er dies in dem, ihm erst Ende 2001 übertragenen Lehrgebiet »Evolution« sicherlich nicht. Nach eigenen Angaben hatte Kutschera in 1997/1998 einige öffentliche Vorträge zum Thema »Evolution und Kreationismus« gehalten. Ferner war er ab 1999 von Studenten gebeten worden, ersatzweise (ein Kollege war emeritiert worden und den anderen war die Aufgabe wohl lästig…) jeweils im Sommersemester eine doppelstündige Evolutionsvorlesung zu halten. Kaum zwei Jahre später hat Kutschera seine »ausformulierten Vorlesungsaufzeichnungen« mit ›Buchdeckeln‹ versehen und einem Verlag angeboten. Auch hier erfüllt sein eigenes Lehrbuch seine eigenen Kriterien nicht, denn hier hat ein Anfängerprofessor im Lehrgebiet »Evolution« eine Vorlesung für Anfängerstudenten in ein Lehrbuch verwandelt.

Kutschera hat bei seinem erbitterten Kampf gegen schöpfungsgeschichtlich motivierte Wissenschaftler und deren Produkte offenbar vergessen, dass er selbst ziemlich ›nackt‹ dasteht. Um seine eigenen Schwächen offen zulegen, braucht man daher nur seinen Argumentationsstil auf ihn selber anwenden. Wer einigermaßen unvoreingenommen die erste Auflage von seinem Lehrbuch Evolutionsbiologie mit dem kritischen Lehrbuch »Evolution« von Junker & Scherer vergleicht, wird feststellen, dass zwischen beiden Lehrbüchern Welten liegen. Dies zeigt schon ein Vergleich der Anzahl der Stichworte im Sach- und Personenregister. In Junkers & Scherers kritischem Lehrbuch sind es mehr als doppelt so viele als in Kutscheras Evolutionsbiologie. Viele wichtige evolutionsbiologischer Forschungsfelder, wie z. B. homeotische Regulatorgene, die ein zentrale Rolle bei der Gestaltbildung spielen oder Buntbarsche, an denen die explosive Artbildung bei Wirbeltieren studiert wird, kommen gar nicht vor, andere Bereiche, wie die molekulare Phylogenetik und Systematik oder die Artbegriffe werden nur rudimentär oder stark verkürzt dargestellt. Kutscheras allgemeine Einführung ist so lückig, dass man sie nicht einmal guten Gewissens einem Oberstufenschüler empfehlen kann. Vergleicht man sein Lehrbuch mit der knapp gefassten »mentor Abiturhilfe Evolution« so wird deutlich, dass einige Kapitel (z. B. dasjenige über die Evolution des Menschen) wahrscheinlich nicht einmal ausgereicht hätten, das Abitur zu bestehen. Und so resümiert Mahner, der Kutscheras vorrangiges Anliegen, die deutschen Kreationisten zu attackieren, grundsätzlich unterstützt, in seiner schon erwähnten Rezension im Skeptiker wie folgt: »Es ist jedoch zu befürchten, dass das Buch aufgrund seiner Mängel nicht den Erfolg haben kann, den sein Anliegen im Prinzip verdient. So bleibt zu hoffen, dass es bald in einer zweiten Auflage überarbeitet werden kann«.

Die von Mahner erhoffte zweite Auflage liegt nun seit 2006 vor. Kutschera hat darin, die meisten der von seinen kritischen Rezensenten angemahnten Schwächen und Auslassungen beseitigt. Ein wesentlicher Mangel bleibt allerdings bestehen und der besteht in dem ausgesprochen schlicht naturalistischen Wissenschaftsbild, das von Kutschera vermittelt wird. Kutschera ist – wie er in einem Interview mit der Zeitschrift »factum« (1/2003) einmal überdeutlich formulierte – davon überzeugt, dass in der Biologie als Naturwissenschaft »nur reale Dinge erforschbar sind und Bausteine von Theorien« werden können. Das ist eine primitive Auffassung, die meilenweit von jedweder Erkenntnis moderner Wissenschaftstheorie entfernt ist. Man kann Kutschera nur dringendst empfehlen, sich bei modernen Wissenschaftsphilosophen zu informieren, z. B. bei Rheinberger, H.-J. (2006): »Epistemologie des Konkreten. Studien zur Geschichte der modernen Biologie«. Da kann er dann nachlesen, dass die Gegenstände wissenschaftlicher Forschung nicht einfach, wie Ostereier im Nest herumliegen oder real vorhanden sind, sondern von der wissenschaftlichen Forschung konstruiert werden. Die Objekte der Wissenschaft sind keine realen Gegenstände, sondern immer epistemische Konstruktionen. Anders formuliert: Die Fakten, seien es nun gut bestätigte Evolutionstheorien oder gar unstrittige Interpretationen geologisch überlieferter Fossilien sind gemacht. »Un fait est fait« wie der französische Wissenschaftsphilosoph Gaston Bachelards einmal in einem Bonmot sagte. Jeder reflektierte Wissenschaftstheoretiker ist daher heute bereit zuzugeben, dass in allem Wissen auch immer Glauben ist. Diese aufklärerische Devise ist Kutschera fremd, weil für ihn der ›Glauben‹ die Trennlinie zwischen naturalistischer Wissenschaft und supranaturalistischem Kreationismus bildet. Doch hier sitzt Kutschera einem ›Köhlerglauben‹ auf.

In einem alten Lexikon habe ich über den ›Köhlerglauben‹folgendes gelesen: »Ein Köhler wurde von einem Theologen gefragt, was er glaube? Er antwortete: ›Was die Kirche glaubt‹. Und auf die weitere Frage, was die Kirche glaube, antwortete er: ›Was ich glaube!‹«. Ein solcher, lediglich auf die Aussagen anderer beruhender, unbedingter blinder Glaube wird nach dieser Legende auch als ›Köhlerglaube‹ bezeichnet. Auf Kutschera übertragen, würde man die Geschichte wie folgt formulieren: Er glaubt, was die Evolutionsbiologie glaubt. Und auf die Frage, was die Evolutionsbiologie glaubt, würde er antworten, was in meinem Lehrbuch steht. Wie wirkt sich nun Kutscheras ›Köhlerglaube‹ auf die Inhalte seines Lehrbuches aus? Darin neigt er dazu, konkurrierende Theorien entweder kommentarlos nebeneinander zu stellen (und eben nicht auf die historischen Implikationen ihrer jeweiligen Bevorzugung zu rekrutieren) oder sich ziemlich willkürlich für eine Theorie als »gesicherte Erkenntnis« zu entscheiden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist die Entwicklung des Vogelfluges. Nach einer schematischen Abbildung in Kutscheras neuem Lehrbuch hat er sich über den Flatterflug entwickelt. Tatsächlich gibt es aber auch viele Wissenschaftler, die den Gleitflug als Vorform des freien Fluges für wahrscheinlicher halten. Der führende amerikanische Forscher für gefiederte Dinosaurier Mark Norell kommentiert in seinem 2007 erschienenen Buch »Auf der Spur der Drachen - China und das Geheimnis der gefiederten Dynosaurier« wie folgt: »Eine Fülle von Befunden spricht für bzw. gegen die eine wie die andere dieser beiden Hypothesen. Leider gibt es nur wenige strenge Tests, und häufig spielt bei der Antwort auf die Frage nach der Entwicklung des Fluges ein tiefsitzender, fast religiöser Glaube an die eine oder andere These eine Rolle«.

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* Unter »erkennbar evolutionsrelevanten Beiträgen« werden hier Beiträge verstanden, in denen der Titel einen evolutionsrelevanten Begriff (z. B. Evolution, molekulare Phylogenetik, Sequenzanalyse, Endosymbiose, Ursprung) enthält oder Beiträge, die in einer evolutionsbiologischen Zeitschrift (z. B. »Trends in Ecology« and Evolution«, »International Journal of Systematic and Evolutionary Microbiology« oder »Evolutionary Biology«) veröffentlicht worden sind.

   

 

Reinhard Junker & Siegfried Scherer
Evolution – Ein kritisches Lehrbuch
Weyel-Verlag – Gießen 2001 (5. Auflage), 328 S.

Dieses Lehrbuch ist zweifelsfrei die derzeit mit Abstand beste Veröffentlichung zum Thema Evolution und insbesondere Evolutionskritik im deutschsprachigen Raum. Die Verfasser sind Dr. Reinhard Junker und Prof. Dr. Siegfried Scherer. Scherer ist Direktor des Instituts für Mikrobiologie an der Technischen Universität München und Junker ist ehemaliger Gymnasiallehrer für Biologie und Mathematik. Auch die neun weiteren Koautoren sind Biologen, Chemiker oder Mediziner. Neben ihrer wissenschaftlichen Ausbildung ist allen Autoren gemeinsam, dass sie der biblischen Schöpfungslehre eng verbunden sind.

Das Lehrbuch zeichnet sich dadurch aus, dass es die äußerst vielschichtigen Erkenntnisse und Problemstellungen evolutionsbiologischer Ursprungsforschung fundiert und systematisiert darstellt – und zwar auf dem aktuellsten Stand. Im Einzelnen beinhaltet es eine wissenschaftstheoretische und geschichtliche Einführung, eine Darstellung und Diskussion der Artbegriffe, der Grundtypenbiologie, der Evolutionsmechanismen sowie der Evolution auf organismischer, molekularer und chemischer Ebene. Ferner widmet es sich in zwei Kapiteln der historischen Evolutionsforschung, nämlich der vergleichenden Biologie und der Deutung der fossilen Überlieferung.

Ein besonderer Pluspunkt des kritischen Lehrbuches besteht darin, dass es die gravierenden Schwachstellen der konventionellen evolutionsbiologischen Erklärungsmodelle auf überzeugende Weise offen legt. Diese Schwachstellen werden in den schulwissenschaftlichen Lehrbüchern fast durchweg unterschlagen oder bagatellisiert. Die massive Kritik lässt sich wie folgt auf den Punkt bringen: Der darwinsche Mutations-/Selektionsmechanismus und seine neodarwinistischen Neuformulierungen taugen einigermaßen dazu, mikroevolutive Prozesse zu erklären. Völlig untauglich sind sie aber für die Erklärung makroevolutiver Prozesse, d. h. die evolutive Entstehung völlig neuer Strukturen oder Physiologien.

Jeder halbwegs unvoreingenommene Leser wird nach der Lektüre dieses Buches zu der Einsicht gelangen, dass es kein Zeichen von ignoranter Dummheit, sondern von kritischer Vernunft ist, wenn man die Frage nach der Entstehung der verschwenderischen Vielfalt der Lebewesen auf unserem Planeten als weiterhin ungelöst betrachtet. Die ›erlösende‹ Botschaft dieses Buches lautet daher: Wir dürfen über die Wunderwerke der Natur wieder staunen und müssen uns nicht durch dogmatisierte und die öffentliche Meinung tyrannisierende Evolutionslehren davon abhalten lassen.

Die enge Verbundenheit der Autoren mit der biblischen Schöpfungsgeschichte kommt explizit in farbig abgesetzten und durch den Begriff »Grenzüberschreitung« gekennzeichneten Passagen sowie im gleichnamigen Schlusskapitel zum Ausdruck. Hier werden aus der biblischen Offenbarung abgeleitete Schöpfungsmodelle und ihre Kompatibilität mit empirischen Daten diskutiert. Die Autoren beanspruchen, dass sich aus ihren Schöpfungsmodellen vergleichbar den Evolutionsmodellen testbare Schlussfolgerungen ableiten lassen. Dieser Anspruch ist methodisch bedenklich, weil hier in letzter Konsequenz »die Schöpfung« oder gar »Gott« getestet werden soll, womit jede seriöse Wissenschaft hoffnungslos überfordert ist.

Nicht ganz so offensichtlich – aber deswegen um so störender – zeigt sich die strikte Bibelorientierung der Autoren an ihrem beharrlichen Bemühen, Befunde in Frage zustellen, die auf eine gemeinsame Abstammung der Lebewesen hinweisen. Ihre Versuche, den offensichtlichen Reliktcharakter und die Funktionslosigkeit rudimentärer Strukturen (z. B. rückgebildete Hüftknochen bei Walen) wegzuinterpretieren, kann man nur als absurd bezeichnen. Statt sich an der Vorstellung einer funktionsoptimierten Schöpfung festzuklammern, hätten die Autoren sich besser an eine lakonische Bemerkung des Biochemikers Gottfried Schatz halten sollen: »Vieles in unserem Körper so unsinnig ist, wie die Grenzen der Schweiz, aber beides hat sich im Laufe der Zeit eingespielt und nicht mehr verändert«. Mit anderen Worten: Die heutigen Baupläne der Lebwesen sind sinnvoller Weise nur interpretierbar, wenn man berücksichtigt, dass bei ihrer Entstehung die Zufälle der Geschichte eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Auch die pessimistische Beurteilung der möglichen Reichweite und Bedeutung von neueren evolutionsbiologischen Forschungsergebnissen kann dem Leser gelegentlich Bauchschmerzen bereiten. Hier hätten die Autoren an Glaubwürdigkeit gewonnen, wenn sie sich eingestanden hätten, dass z. B. die erstaunlichen Befunde der Endosymbiontenforschung oder die faszinierenden Entdeckungen um die Homeobox-Gene nicht nur aus neodarwinistischer, sondern auch aus schöpfungstheoretischer Sicht völlig unerwartet waren. Solche ›missliebigen‹ Befunde müssen – auch wenn es die ›Forscherseele‹ schmerzt – dazu führen, die Standardmodelle und nicht etwa die Befunde in Frage zu stellen. Zur Ermutigung sei den Autoren hier eine Zeile aus Alfred Lord Tennysons berühmten Gedicht »In Memoriam« ans Herz gelegt: ›Rechtschaffener Zweifel hat mehr Glauben als das stupide Festhalten an Bekenntnissen‹. Diese Zeile richtet sich natürlich ebenso an bekennende Neodarwinisten.

Die zuvor geschilderten Reflexionsdefizite verderben dem geneigten Leser zwar gelegentlich den Spaß an der Lektüre des Lehrbuches; sie bleiben aber erträglich, wenn man die geradezu ignorante Überheblichkeit bedenkt, mit der in konventionellen Lehrbüchern der vermeintliche Siegeszug der darwinschen Evolutionslehre und seiner Neuformulierungen dargestellt wird. Folglich ist auch das vorliegende Lehrbuch ein Beleg dafür, dass die kreationistisch gesonnenen Evolutionstheoretiker in der Regel ein ernsthafteres Verständnis der Gegenseite an Tag legen als umgekehrt. Damit ist die Frage, ob man von man von kreationistischer oder darwinistischer Seite objektiver über evolutionsbiologische Probleme informiert wird, wieder einmal eindeutig zu Gunsten der Kreationisten beantwortet.

   

 

Robert M. Sapolsky
Mein Leben als Pavian – Erinnerungen eines Primaten
Claassen – München 2001, 456 S.

Autobiographischer Bericht des renommierten Stress- und Primatenforschers Robert M. Sapolsky, der sich seit seinem einundzwanzigsten Lebensjahr einer Pavianhorde in einem ostafrikanischen Nationalpark angeschlossen hat. Der Autor gewährt dem Leser mit scharfsinnigen Beobachtungen und haarsträubend komischen Geschichten Einblicke in das Forscherleben in der afrikanischen Savanne.

Seine eigentlichen Zielobjekte der Beobachtung sind »Mantelpaviane«, genauer gesagt, deren heimtückischer Kampf um Macht und Weibchen im Affenclan. Genauso viel, wie über das Leben der Paviane erfährt der Leser aber über das Leben seiner Helfer und Nachbarn, den »Massai«. Die »Massai« lassen nichts unversucht, dem Forscher alsbald einen Kulturschock zu verpassen, der sogar nichts mit unseren romantisch geprägten Vorstellungen des Lebens in der Weite der afrikanischen Savanne zu tun hat.

Der Autor lässt uns auf diese Weise miterleben, dass von den idealistischen Vorstellungen über das (Forscher-)Dasein in der Realität häufig nur ein klägliches ›Sosein‹ überbleibt. Sapolskys Buch könnte auch manchen entrückten Neodarwinisten helfen, die Wahrheit statt in Tempeln der Anbetung der darwinschen Evolutionslehre wieder in den Niederungen der Feldforschung zu suchen.

   

 

Debora Cadbury
Dinosaurierjäger – Der Wettlauf um die Erforschung der prähistorischen Welt
Rowohlt – Reinbek 2001, 439 S.

Die britische Buchautorin Deborah Cadbury begleitet bekannte und weniger bekannte Paläontologen des 19. Jahrhunderts bei der Erforschung der prähistorischen Welt. Diese zeigte sich den Forschern zu Beginn dieses Jahrhunderts als unerhörte Provokation, nämlich als Skelettrest eines ›Ungeheuers‹, das von der dreizehnjährigen Mary Anning an der Südküste Englands gefunden wurde. Ihr Fund, der später als Ichthyosaurus bekannt wird, setzt einen dramatischen Wettlauf um die Erforschung der »Zeit vor der Sinflut« in Gang, der nicht nur Karrieren begründet und zerstört, sondern eine neue Wissenschaft hervorbringt und das herrschende Weltbild von Grund auf ändert.

Cadbury schildert auf anschauliche Weise, wie die ersten Dinosaurierforscher, die neben der fossilen, vor allem der biblischen Überlieferung verpflichtet waren, sich mühten, die Funde mit dem Schöpfungsbericht in Einklang zu bringen. Im Zentrum des Buches steht der jahrzehntelange, hassgeladene Konflikt zwischen zwei höchst ungleichen Persönlichkeiten: Gideon Mantell, Sohn eines Schusters, der sich aus eigener Kraft zum Mediziner und Mitglied der Londoner Royal Society emporarbeitete, und Richard Owen, der sich frei von Geldsorgen ganz der Forschung widmen konnte. Cadbury macht keinen Hehl aus ihrer Sympathie für Mantell, den sie zum Held ihrer Geschichte kürt.

Das Buch endet damit, dass der intrigante Richard Owen zwar gegen den ehrbaren Gideon Mantell die Oberhand behält, aber später von den siegreichen Darwinisten systematisch aus der Geschichte hinausgeschrieben wird. Nicht zu unrecht wird er als »verdammter Lügner« abgestempelt: »Er log für Gott und aus Boshaftigkeit. Ein übler Fall«. Leider macht Cadbury nicht deutlich, dass der wissenschaftliche Diskurs im Zeitalter des Darwinismus kein bisschen fairer geworden ist. So steht das skrupellose Vorgehen des Darwinprotagonisten Thomas H. Huxley (»Darwins Bulldogge«) den intriganten Methoden eines Richard Owen in nichts nach. Analog müsste man aus heutiger Sicht für Huxley formulieren: »Er log für Darwin und aus Skrupellosigkeit. Ein ganz übler Fall«.

   

 

Bernhard Kegel
Die Ameise als Tramp – Von biologischen Invasionen
Ammann Verlag – Zürich 1999, 417 S.

Der promovierte Biologe Bernhard Kegel schreibt in diesem eindrucksvollen Buch über das Phänomen, dass Pflanzen und Tiere dazu neigen, sich über die räumlichen Grenzen ihrer bisherigen Existenz hinaus auszubreiten. In der natürlichen Umwelt gibt es normalerweise kaum überwindbare Hindernisse wie Gebirge, Wüsten oder Ozeane, die sich auch der ausgeprägtesten Reiselust entgegensetzen. So war es für eine europäische Ratte, ein Kaninchen oder einen Fuchs ziemlich lange unmöglich nach Australien zu gelangen. Dies hat sich mit dem Beginn der Neuzeit und der sich rapide ausbreitenden europäischen Zivilisation grundlegend geändert. Heute transportieren Schiffe, Flugzeuge, Eisenbahnen und Automobile nicht nur Menschen und unermessliche Warenmengen zu jedem noch so entfernten Ziel auf unserem Planeten, sondern auch »Natur«, die entweder legal oder als blinder Passagier mitreist

Nicht überall laufen biologische Invasionen so glimpflich wie in Europa ab. Hier hat es bisher noch keine Immigrantenart geschafft, eine alteingesessene Art völlig zu verdrängen. In Neuseeland oder Hawaii, wo der weitaus überwiegende Teil der Arten endemisch ist, sieht dies ganz anders aus. Hier werden die lokalen Populationen massiv von den konkurrenzkräftigen Einwandererarten bedrängt und oft sogar vollständig ausgelöscht. Dies liegt z. B. daran, dass es auf Neuseeland ursprünglich keine bodenlebenden Säugetiere gab. Dort vorkommende Vogelarten sind daher darauf programmiert, dass Gefahr nur aus der Luft droht und haben bis heute nicht gelernt, beim Anblick eines Wiesels oder einer Katze das Weite zu suchen. Wissenschaftler bezeichnen dieses Verhalten als »säugetiernaiv«. Engagierte Naturschützer versuchen, Jungtieren betroffener Arten diese verhängnisvolle ›Instinktlücke‹ in Angstseminaren abzutrainieren.

Dies ist aber bei weitem nicht der einzige Unterschied zu den üblichen Aufgaben eines mitteleuropäischen Naturschützers. Kegel bringt es auf den Punkt: »Naturschutz in Neuseeland heißt in erster Linie töten«! Dutzende Tonnen von Gift werden hier jährlich eingesetzt, um die biologischen Invasoren – und seien sie auch so niedlich wie die pelzigen australischen Fuchskusus – auszurotten. Auf uns ›brave‹ Mitteleuropäer, die wir uns gerade daran gewöhnt haben, den aus dem Kaukasus stammenden und unsere Gesundheit bedrohenden Riesen-Bärenklau mitleidlos zu bekämpfen, wirkt eine solch ›blutiger‹ Naturschutz befremdend. Andererseits geht es hier zweifelsfrei um die Bewahrung von bedrohten Naturerbe. Kegels Buch macht daher nachdenklich.

Zum Nachdenken regt dieses Buch aber auch noch aus einem anderen, von Kegel vermutlich weniger beabsichtigten Grund an: Lehrt der Darwinismus nicht seit über 150 Jahren, dass sich die Lebewesen im Laufe der Evolution immer optimaler in ihre jeweiligen Umwelten einnischen und Neuankömmlinge daher hoffnungslos benachteiligt sind? Die von Kegel angeführte, große Zahl von gelungenen biologischen Invasionen zeigt, dass dies offensichtlich völliger Quatsch ist. Tatsächlich gelingt es zwar nur einem Bruchteil der Neuankömmlinge, sich zu etablieren, aber diejenigen, die es schaffen, scheinen gerade zu leichtfüßig, entweder neue bisher nicht besetzte Nischen zu finden oder etablierte Arten aus ihren Nischen zu verdrängen. Die Vielzahl erfolgreicher biologischer Invasionen stellt daher eine erhebliche Herausforderung für die darwinistische Vorstellung von der optimalen Einnischung der Arten in ihren jeweiligen Umwelten dar.

Kegel erweckt nicht ganz zu Unrecht den Eindruck, dass der moderne Mensch durch den weltweiten Verkehr eine neue Qualität in das Phänomen biologische Invasionen gebracht hat. Schließlich können solche Invasionen – wie das Beispiel Neuseeland zeigt – das (endemische) Naturerbe ganzer Länder bedrohen. Dabei darf allerdings nicht vergessen werden, dass massive Invasionen in der bewegten Naturgeschichte unseres Planeten zwar kein alltäglicher aber doch ein relativ normaler Vorgang sind. Der Paläontologe Richard Fortey spricht den biologischen Invasionen der Naturgeschichte die Qualität »militärischer Feldzüge« zu, bei der die »Streitkräfte« mal in diese und mal in jene Richtung vorwärtsdrängen und »Friedensverträge« ganz nach Laune gebrochen werden. Ein bekanntes Beispiel für die Auslösung eines solch verheerenden Feldzuges ist die Bildung einer Landbrücke zwischen Nord- und Südamerika gegen Ende des Tertiärs. Diese Landbrücke hat es den überlegenen plazentalen Säugetieren Nordamerikas ermöglicht, nach Südamerika einzuwandern, und die dort überwiegend vorhandene Beuteltierfauna massiv zu dezimieren. Solche »Untaten« der Natur, werden von Autoren, die wie Kegel dem Naturschutz nahe stehen, aufgrund ihres positiven Natur- und pessimistischen Menschenbildes gerne verdrängt.

   

 

Georg Menting
Die kurze Geschichte des Waldes – Plädoyer für eine drastische Kürzung der nacheiszeitlichen Waldgeschichte
Mantis Verlag – Gräfelfing 2002, 164 S.

Da der Autor nicht zugleich der Rezensent sein sollte, folgt hier die Besprechung eines unverdächtigen, d. h. der Chronologiekritik nicht verbundenen Rezensenten. Dr. Hans-Gerd Michiels ist Mitarbeiter der Abteilung Waldökologie in der Forstlichen Versuchs- und Forschungsanstalt Baden-Württemberg in Freiburg. Die Rezension ist im August 2003 in den Mitteilungen des Vereins für Forstliche Standortskunde und Forstpflanzenzüchtung erschienen.

»Das Buch hat den Anspruch, die bisherigen Vorstellungen über die zeitliche Abfolge der nacheiszeitlichen Waldgeschichte in Mitteleuropa auf den Prüfstand zu stellen. Mit den Ergebnissen will der Autor den Beweis führen, dass die zeitlichen Abschnitte des Holozäns insgesamt wesentlich kürzer waren, als es bisher in der wissenschaftlichen Lehrmeinung dargestellt wurde.

In einem Abschnitt »Grundlagen und Methoden« beschreibt das Buch verschiedene Arbeitsweisen der Paläoökologie und der Paläobotanik, auf denen die gängigen Ansichten über die prähistorische Waldgeschichte beruhen. Neben der Pollen- und Großrestanalyse ist auch die Radiokarbon-Datierung und der Dendrochronologie ein eigener Abschnitt gewidmet. Gemäß seiner Intention beleuchtet der Autor vorrangig die Schwächen aller dieser Verfahren bei der Erstellung absoluter Chronologien und kommt zu dem Ergebnis, dass das für frühe Postglazial noch keine verlässliche Methode zur absoluten Altersbestimmung von Pollenkörnern und sonstigen Pflanzenresten zur Verfügung steht.

In den zwei folgenden Kapiteln werden die Ansichten über den Ablauf der nacheiszeitlichen Waldgeschichte diskutiert, die der konventionellen Interpretation der vorliegenden Daten entstammen. Die fokussierten Themen sind in erster Linie die vermuteten eiszeitlichen Refugien und die Ausbreitungsgeschichte einiger heimischer Baum- und Straucharten. Dabei ist der Autor auf verschiedene Merkwürdigkeiten gestoßen, die im Widerspruch zu sonstigem Faktenwissen aus der Erdgeschichts- oder der Ökosystemforschung stehen. Dann versucht er zu belegen, warum Klimaschwankungen oder der frühe Einfluss des Menschen als Erklärung für diese Phänomene nicht in Betracht kommen.

Im letzten Kapitel beleuchtet der Verfasser schließlich bisher ungeklärte Vorgänge wie Ulmenfall, Buchen-Stagnation und rätselhaftes Wanderverhalten von Gehölzen im Licht seiner eigenen Theorie einer verkürzten nacheiszeitlichen Waldgeschichte, und leitet daraus Argumente für die Richtigkeit dieser seiner Hypothese ab. Im Anhang findet sich dann ein allgemeiner Teil zur Historie naturgeschichtlicher Erklärungsmodelle und ein Glossar.

Das vorliegende Werk vermittelt anschaulich und verständlich Grundwissen zur Methodik der Vegetationsgeschichtsforschung. Weiterhin handelt es sich um eine sehr breit angelegte Zusammenstellung und Diskussion von verschiedenen waldhistorischen Daten und Erklärungsmodellen ohne originäre wissenschaftliche Beiträge. Verständlicherweise wird dabei auf die Tiefe in der Auseinandersetzung mit den Einzelthemen verzichtet, zumal der Verfasser bewusst eine deutliche Kontraposition zu hergebrachten Auffassungen besetzen wollte.

Nach der Lektüre bleibt dem Leser der Eindruck zurück, dass die Chronologie der nacheiszeitlichen Waldgeschichte doch noch für Überraschungen gut sein könnte. Das Buch ist geeignet, den an der Waldgeschichte Interessierten neue Aspekte zu vermitteln, auch wenn man der Schlussfolgerung des Autors, das Holozän gleich um mehrere Jahrtausende zu verkürzen, nicht sofort folgen möchte.«

   

 

Ulrich Kutschera
Evolutionsbiologie – Eine allgemeine Einführung
Parey Buchverlag Berlin 2001, 284 S., mit 104 überwiegend trivialen Abbildungen

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Die Evolutionsbiologie ist ein komplexes Wissenschaftsgebiet. Sie gewinnt ihre Erkenntnisse aus vielen Teilgebieten der Bio- und Geowissenschaften von der Molekular- und Populationsgenetik über die Morphologie, Physiologie und Embryologie bis hin zur Paläontologie und Biogeographie. Mit Bezug auf den von Neodarwinisten (und so auch in Kutscheras Lehrbuch) viel zitierten Satz des frühen ›Synthetikers‹ Theodosius Dobzhansky: »Nichts macht Sinn in der Biologie außer im Licht der Evolution« wird daraus gerne geschlossen, die Evolutionsbiologie sei die ›Königsdisziplin‹ der Biologie. Tatsächlich wird hier wird behauptet, was es erst noch zu beweisen gilt, denn bisher beschreibt die Evolutionsbiologie mehr als sie ›erhellt‹, d. h. es fehlt ihr an überzeugenden Theorien, um all die empirischen Daten der biologischen Teilgebiete plausibel zu interpretieren. Vor diesem Hintergrund hat sich der Pflanzenphysiologe Ulrich Kutschera mit seinem Versuch, eine allgemeine Einführung in die Evolutionsbiologie zu schreiben, sehr viel vorgenommen. Kutschera räumt zwar bereits im Vorwort ein, dass »einige Sachgebiete im Rahmen seiner recht kurzen Abhandlung« nicht näher diskutiert werden konnten, beansprucht aber paradoxerweise gleichzeitig, »eine möglichst repräsentative Auswahl eindrucksvoller Höhepunkte der aktuellen Forschung zu referieren«. Was motiviert einen Autor, sich einen solchen Herausforderung zu stellen und wie glaubt er, diese Aufgabe bewältigen zu können?

Ein Blick in das ziemlich ›magere‹ Literaturverzeichnis zeigt, dass Kutschera sich bei der Darstellung der evolutionsbiologischen Erkenntnisse weniger auf die Ergebnisse der aktuellen Forschungsliteratur als auf die gängige Übersichtsliteratur und seine persönlichen Steckenpferde verlassen hat. Sein erläuternd gemeinter aber irritierend wirkender Hinweis, dass »aufgrund des unermeßlichen Umfangs der Fachliteratur auf eine Auflistung von Zeitschriftenaufsätzen verzichtet werden musste«, lässt erste Zweifel an dem wissenschaftlichen Anspruch seines Projektes aufkommen. Bereits in den einleitenden Sätzen des Vorwortes wird deutlich, was den Autor motiviert, ein evolutionsbiologisches Lehrbuch zu schreiben. Kutschera zitiert dort die auf Sigmund Freud zurückgehende Behauptung, die Menschheit habe im Laufe ihrer Geschichte von der Wissenschaft drei empfindliche Kränkungen hinnehmen müssen: »Eine kosmologische durch das heliozentrische Weltsystem des Kopernikus, eine biologische durch Darwins Abstammungslehre und eine psychologische durch die Freudsche Hypothese von der relativen Ohnmacht des freien Willens gegenüber unstillbaren, aus dem archaischen Unbewussten aufsteigenden Triebwünschen«. Diese elende Geschichte haben wir schon tausendmal gehört und sie wird deswegen kein bisschen wahrer. Sie zählt zu den unausrottbaren Selbstidealisierungen und Selbststilisierungen einer allzu selbstgerechten und selbstgefälligen Wissenschaftszunft.

Zweifelsfrei haben die Erkenntnis, dass der Mensch weder im Zentrum des Sonnensystems steht, noch eine biologische Besonderheit ist, zu gewaltigen Veränderungen im Selbstbild des Menschen geführt. Aber weniger als »empfindliche Kränkungen«, sondern eher als Aufwertungen. Vor Kopernikus war die Erde zwar das Zentrum der Welt aber als sublunare Sphäre auch der minderwertigste Teil der Himmelsphären. Als sumpfiger Bodensatz und schlechtester Teil des Universums beherbergte die Erde womöglich unter der Erdoberfläche sogar die Hölle. Und vor Darwin konnte sich die Menschen den Himmel nur als von Gott regiert und sich selbst als von Gott geschaffen denken. Seit Jahrhunderten hatte der Klerus verkündet, dass der Mensch ein der göttlichen Vorbestimmung ausgeliefertes Wesen ist. Demgegenüber ermöglichte die darwinsche Abstammungslehre den Menschen, sich aus den göttlichen Fesseln zu befreien und sich und die Welt individueller zu interpretieren. Dabei war die Vorstellung, nicht nach Gottes Ebenbild geschaffen zu sein, sondern in die unmittelbare Verwandtschaft der Tiere in Stall und Zoo gerückt zu werden, vielleicht zunächst ein wenig gewöhnungsbedürftig aber insgesamt wohl eher nebensächlich.

»Empfindlichst gekränkt« waren wohl vor allem der Klerus und der Adel. Und dies aus sehr pragmatischen Gründen: Beide Stände beriefen sich zur Festigung ihrer Besitzstände und Macht seit Altersher auf die göttliche Vorbestimmung und hatten durch eine Weltanschauung, die Menschen ermutigte, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen und gegen ihr Schicksal aufzubegehren, nichts zu gewinnen. Die privilegierten Stände befürchteten, dass die alte Ordnung durch das neue darwinistische Weltbild in Frage gestellt werden könnte. Diese Angst vor einem neuen Weltbild hat sich besonders trefflich in dem bekannten Ausruf der Frau des Bischofs von Worcester überliefert: »Du meine Güte! Wir sollen vom Affen abstammen? Wir wollen hoffen, daß das nicht stimmt. Aber wenn es wahr ist, dann wollen wir beten, daß es nicht bekannt wird!« Leider wird diese amüsante Anekdote in der evolutionsbiologischen Literatur häufig so zitiert, als spiegele sie ein gesamtgesellschaftliches Stimmungsbild wider. Tatsächlich dokumentiert sie die Befürchtungen der privilegierten Stände vor der Verbreitung neuer Selbst- und Weltinterpretationen und ihr pragmatisches Interesse an einer biblisch geprägten Weltanschauung.

Bei der Lektüre des Vorwortes mag der Leser noch verwundert sein, dass in Kutscheras Lehrbuch solche Fragen weder gestellt noch diskutiert werden. Später wird er feststellen müssen, dass die trivialisierende Verkürzung von komplexen Sachverhalten ein durchgängiges Charakteristikum des gesamten Lehrbuches ist. Kutschera interessiert an den von Sigmund Freud angeführten Umbrüchen nur, dass mindestens zwei von ihnen zwischenzeitlich den »Status einer erwiesenen Tatsache« erreicht haben, nämlich das heliozentrische Weltbild des Kopernikus und Darwins Abstammungslehre. Er begrüßt, dass am heliozentrischen Weltbild im Zeitalter der Raumfahrt und dank so großartiger Naturforscher wie Johannes Kepler, Galileo Galilei oder Isaac Newton niemand mehr zweifeln würde. Um so mehr empört es ihn, dass bis heute massive Zweifel am evolutionistischen Weltbild geäußert werden: In der aktuellen Tagespresse würde es schon mal als »Denkmodell aus dem Dampfmaschinenzeitalter« verunglimpft und viele Menschenwürden sich immer noch weigern, die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen als »erwiesene Tatsache« anzuerkennen.

Für Kutschera liegen die Ursachen für den respektlosen Umgang mit der darwinistischen Wahrheit auf der Hand: Zum einen fühlten sich auch »viele Nichtbiologen (...) dazu berufen, über die Evolutionstheorie zu urteilen, während zu anderen großen Problemen der Biologie (...) der Laie mangels Sachkompetenz schweigt«. Zum anderen gäbe es zwischenzeitlich auch in Deutschland eine kleine Gruppe von »christlich-konservativ ausgerichteten Evolutionsgegnern«, die sich »fast unbemerkt von der Öffentlichkeit« etabliert habe und nichts unversucht lässt, mit ihren evolutionskritischen Schriften, die Akzeptierung des Darwinismus als naturgesetzliche Tatsache zu torpedieren. Beiden Ursachen will Kutschera mit seinem Kurzlehrbuch den Garaus machen, in dem er den Lesern in »prägnanter, anschaulicher Form« das zum Verständnis der Evolutionstheorie erforderliche »umfassende chemisch-biologische Grundlagenwissen« vermitteln will. Für ihn hat das Lehrbuch sein Ziel erreicht, wenn es Kritiker der Evolutionstheorie vom »Wahrheitsgehalt dieses grandiosen Gedankengebäudes« überzeugen kann. Schon im Vorwort wird deutlich: Dies ist nicht

Und die ›frohe Botschaft‹, die Kutschera der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie im Verband der deutschen Biologen und selbsternannte Hüter und Verbreiter der reinen evolutionsbiologischen Lehre in seinem Kurzlehrbuch ›an alle‹, d. h. an Biologen und gebildete Nichtbiologen richtet, lautet: Darwins Abstammungslehre und insbesondere ihre jüngste Neuformulierung in der sogenannten »erweiterten synthetischen Evolutionstheorie« ist durch wissenschaftliche Erkenntnisse so abgesichert, dass zum evolutionistischen Weltbild keine Alternativen mehr möglich sind. Menschen, die dies bezweifeln sind entweder so inkompetent, dass sie den »Wahrheitsgehalt dieses grandiosen Gedankengebäudes« nicht begreifen können oder wie die Kreationisten durch ihren Glauben an die biblische Offenbarung irregeleitet. Kurz: Darwins Abstammungslehre ist heute eine naturgesetzliche Tatsache und so wahr, wie es früher nur Gott war. Was Kutschera uns hier anträgt, charakterisiert ihn als ausgesprochen schlechten Wissenschaftler. Einen guten Wissenschaftler zeichnet bekanntlich aus, dass sein Hauptinteresse nicht darin besteht, recht zu behalten, sondern Unerwartetes zu entdecken und damit die Falsifizierung seiner bevorzugten und für besonders abgesichert gehaltenen Theorien zu riskieren.

Kutschera formuliert sein evolutionsbiologisches Credo derart doktrinär und einfältig, dass mich sein Lehrbuch spontan an den unsäglichen katholischen Katechismus meiner frühen Schulzeit in den 1960er Jahren erinnert hat. Die Parallelen betreffen nicht nur die apodiktisch verkündigte Botschaft, sondern auch die simplifizierende Verkürzung und den spröden Stil von Text und Abbildungen. Manchmal war ich regelrecht verwundert, dass keine führende, mahnende oder belehrende Hand von oben in die Abbildungen hineinragte. Im Text nimmt diese ›Hand‹ durch den unangenehm häufigen, weil vereinnahmenden Gebrauch des »wir« (wir wollen, wir wissen, wir werden usw.) Gestalt an. Kutschera will damit wohl suggerieren, dass er über einen so tiefen Einblick in die komplexe evolutionsbiologische Erkenntniswelt verfügt, dass der Leser ihm sorg- und gedankenlos vertrauen kann. Ich kann mir daher gut vorstellen, dass mancher Leser weniger Darwins berühmtes Werk über die Entstehung der Arten als Kutscheras katechetisches Kurzlehrbuch als intellektuelle ›Kränkung‹ empfinden wird. Tatsächlich kann man Kutscheras Auflistung der verbindlich anzuerkennenden evolutionsbiologischen Glaubensinhalte als Versuch betrachten, den Menschen wieder die persönliche Freiheit zu nehmen, die ihnen einst Darwins Abstammungslehre verschafft hat.

Das von Kutschera verkündete evolutionsbiologische Credo ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig: Erstens kann und soll uns die Wissenschaft nicht vorschreiben, mit welcher Weltanschauung wir glücklich werden. Begriffe wie »wahr« oder »falsch« haben da nichts zu suchen. Wenn Kutschera glaubt, dass die in der Tradition der darwinschen Abstammungslehre stehende »erweiterte synthetische Evolutionstheorie« für sein Seelenheil und seine Selbstinterpretation bekömmlich ist, dann soll dies so sein. Wenn andere aber die in der Tradition der biblischen Schöpfungslehre stehende kreationistische Grundtypentheorie für die bessere und ihr Leben bekömmlichere Lösung halten, dann soll dies auch so sein. Nur weil einige zentrale Annahmen der biblischen Schöpfungslehre sich einer wissenschaftlichen Überprüfung stärker entziehen als die Annahmen der darwinschen Abstammungslehre, folgt daraus noch lange nicht, dass die biblische Schöpfungslehre auch die schlechtere Weltanschauung ist. Selbst ein ausgewiesener Naturwissenschaftler wird es vorziehen, mit einer weniger rationalen Weltanschauung glücklich als mit einer rationaleren unglücklich zu werden.

Zweitens ist es – und das ist die von Neodarwinisten am meisten verleugnete Bilanz moderner evolutionsbiologischer Forschung – um die zwingende Beweiskraft der »synthetischen Evolutionstheorie« trotz ihrer vielen »Erweiterungen« ziemlich schlecht bestellt. Es gibt zwar eine Vielzahl von paläontologischen, entwicklungsbiologischen, morphologischen oder molekulargenetischen Indizien, die auf eine gemeinsame Abstammung der Lebewesen hinweisen. Diese Indizien sind aber, wie z. B. widersprüchliche morphologische Merkmalskombinationen oder abweichende molekulargenetische Stammbäume häufig so vieldeutig, dass unterschiedlichste Abstammungsverläufe denkbar sind und sogar eine Interpretation im Rahmen kreationistischer Grundtypen nicht völlig aus der Luft gegriffen erscheint. Als orthodoxer Neodarwinist ist Kutschera gar nicht willens, solche Probleme angemessen wahrzunehmen und zu diskutieren. Dies spiegelt sich in seiner naiv-erbaulichen Bewertung »klassischer Methoden der Beobachtung und Beschreibung rezenter Organismen für Einblicke in Evolutionsvorgänge« wider: »Auch ohne Fossilreihen, mikroskopische bzw. biochemische Studien und aufwendige Genomanalysen kann die Stammesgeschichte ausgewählter Organismengruppen rekonstruiert und anhand von Modellen plausibel gemacht werden«.

Zu der bisher unzureichend interpretierten Vieldeutigkeit der phylogenetischen Indizien passt, dass die »erweiterte synthetische Evolutionstheorie« bis heute keinen Mechanismus kennt, der die im paläontologischen Befund dokumentierte rapide variierende Geschwindigkeit der Entwicklung der Baupläne von Lebewesen auch nur einigermaßen plausibel erklären könnte. Es gibt keine überzeugende Theorie, die z. B. die Vervielfachung der Baupläne zu Beginn des Kambriums, die Radiation der Säugetiere zu Beginn des Tertiär, die explosive Artbildung von Buntbarschen gegen Ende des Quartär sowie die erstaunliche Stagnation der Baupläne der sogenannten lebenden Fossilien erklären könnte? Was man findet sind bestenfalls umstrittene Hypothesen oder Spekulationen zur Erklärung einzelner Teilphänomene. Doch damit nicht genug. Seit dem rasanten Zuwachs der Erkenntnisse über die Komplexität der mikrobiologischen bzw. molekulargenetischen Organisation des Lebens wird immer deutlicher, dass der neodarwinistische Mutations-/Selektionsmechanismus maximal dazu taugt, mikroevolutive Prozesse zu erklären, wie wir sie etwa bei der Züchtung von Haustieren oder der Entwicklung von Rassen durch geographische Isolation beobachten können. Für die Erklärung makroevolutiver Prozesse, also der Entwicklung neuer Baupläne greift er demgegenüber viel zu kurz!

Wie gelingt es nun Kutschera, sich und dem Leser diesen Erklärungsnotstand zu verheimlichen? Zunächst wiederholt er in alter darwinistischer Tradition die bis heute durch nichts belegte Behauptung, dass sowohl die Mikro- als auch die Makroevolution auf den selben Mechanismus zurückführbar sind, d. h. dass Makroevolution nichts anderes als Mikroevolution in der Zeit ist. Nachdem dies erst einmal ausgesprochen ist, hat er keine Skrupel mehr, dem Leser all die jämmerlichen und längst entzauberten Beleg-Ikonen der darwinschen Evolutionslehre von der adaptiven Radiation der Darwin-Finken über den Industrie-Melanismus bei Birkenspannern bis hin zur linearen Entwicklung des Pferdefußes wieder aufzutischen. Dieser Unsinn gipfelt darin, dass er die Züchtung des Kulturmais aus einer Wildform als »experimentellen Beleg« (!) für eine darwinistische Makroevolution anführt: »Durch wiederholte Variation und Selektion kann relativ rasch ein neuer Pflanzenbauplan entstehen. Die Makroevolution von Teosinte zum Kulturmais war somit ein Resultat weniger Mikroevolutionsschritte. Ein zentrales Postulat der Synthetischen Theorie der Evolution konnte so durch experimentelle Genomanalysen bestätigt werden«. Tatsächlich kann die Züchtung des Kulturmais, der zwar von seiner wahrscheinlichen Wildform (Teosinte) morphologisch stark abweicht, aber mit seiner Wildform problemlos kreuzbar ist, nicht einmal als Beispiel für die Entwicklung einer ›biologischen‹ Art herhalten.

Kutschera rundet die Anführung der neodarwinistischen Beleg-Ikonen dadurch ab, dass er wichtige Erkenntnisse der modernen evolutionsbiologischen Forschung nur sehr verkürzt oder gar nicht darstellt. So erfährt der Leser zwar, dass man aus dem Abgleich von DNA-Sequenz-Daten verschiedener Spezies Gen-Stammbäume erstellen kann. Er erfährt allerdings nicht, dass diese Methode auf der Theorie der neutralen molekularen Evolution des Genetikers Motoo Kimura basiert. Die neutrale Theorie besagt, dass die meisten Mutationen die Fitness eines Individuums nicht beeinträchtigen also selektionsneutral sind. Kutschera erwähnt die neutrale Theorie nur kurz im Glossar u nd begründet seinen Verzicht auf eine ausführlichere Darstellung damit, dass sie »kontrovers diskutiert« wird. Kontrovers werden aber vor allem die von ihm angeführten, neodarwinistischen Beleg-Ikonen diskutiert. Nach Auffassung vieler Forscher sind sie ziemlich nebensächliche Epi-Phänomene der Evolution. Entscheidend für die Auslassung war daher wohl, dass sich die neutrale Theorie nur sehr schwer mit dem Mutations- und Selektionskonzept der synthetischen Theorie vereinen lässt. Während für Neodarwinisten das wichtigste Mittel der evolutiven Veränderung die Selektion ist, ist dies für Kimura die auf neutrale Mutationen wirkende Zufallsdrift. Offensichtlich mag Kutschera seinen Lesern soviel Kontroverse nicht zu muten, weil sie womöglich den ›grandiosen Wahrheitsgehalt‹ seines evolutionsbiologischen Credos gefährden würde.

Doch damit nicht genug: Kutschera verschweigt dem Leser, dass auch ein zweiter Grundpfeiler der synthetischen Theorie wackelt. Der besagt, dass alle Erbinformation vom Gen ausgeht, d. h. dass die Übertragung von genetischer Information in Richtung Proteine eine Einbahnstraße ist. Das vererbliche »Rohmaterial für die Evolution« kann nach dieser auf den Zoologen August Weismann zurückgehenden Auffassung nur von spontanen, rein zufälligen Mutationen bereitgestellt werden. Originalton Kutschera: »Eine Vererbung erworbener Eigenschaften (...) wurde bisher nie nachgewiesen«. Diese Behauptung ist ein Beleg für seine neodarwinistisch verkürzte, selektive Wahrnehmung der einschlägigen Forschungsliteratur. Tatsächlich gibt es schon seit Ende der 1980er Jahre experimentelle Anhaltspunkte dafür, dass einzellige Organismen wie Bakterien oder Hefen ihre DNA in einer gerichteten, adaptiven Weise verändern können. So verlassen sich mit Antibiotika behandelte Bakterien zur Erzielung von Resistenzen nicht auf zufällige Mutationen, sondern spielen bei der mutativen Veränderung ihres Genoms eine aktive Rolle, in dem sie DNA-schädigende Proteine synthetisieren. Solche »adaptiven Mutationen« sind in der Mikrobiologie mittlerweile als existierendes Phänomen anerkannt. Auch bei höheren Lebewesen mehren sich die Hinweise dafür, dass es in der Zelle eine Schnittstelle gibt, an der sich Erbgut und Umwelteinflüsse wechselseitig verzahnen. Unter starken Verdacht stehen die Histone, die man bisher für einen simplen Verpackungsstoff der DNA hielt.

Die vielleicht schwerwiegendste Auslassung des Lehrbuches besteht darin, dass Kutschera den Lesern nicht über die schon in den 1980er Jahren entdeckten homeotischen Gene berichtet. Homeotische Gene sind ›Masterkontrollgene‹, die Identität und Reihenfolge der Körpersegmente in einer heranwachsenden Eizelle spezifizieren. Durch homeotische Mutationen können ganze Körperteile in einen anderen verwandelt werden. Bei fast allen Lebewesen, seien es nun Insekten oder Säugetieren erfolgt die Festlegung des Bauplans durch ähnliche homeotische Gene. Ihre Entdeckung hat daher einen universalen genetischen Kontrollmechanismus der Morphogenese ans Licht gebracht. Dieser Mechanismus ist so konservativ, dass z. B. bei Insekten und Säugetieren die für die Entwicklung des Auges zuständigen homeotischen Gene austauschbar identisch sind. Darüber hinaus scheinen Mutationen in homeotischen Genen für charakteristische stammesgeschichtliche Merkmalsunterschiede, wie z. B. die Anzahl der Halswirbel bei Reptilien und Säugern verantwortlich zu sein. Auch für die unterschiedlichen evolutiven Strategien der Gestaltbildung etwa bei Fischen und Säugern werden zwischenzeitlich partielle Genomduplikationen und anschließende Genverluste in homeotischen Gen-Clustern verantwortlich gemacht. Damit verfügt die moderne Evolutionsbiologie erstmals über ein zukunftsträchtiges Forschungsfeld, welches dazu beitragen könnte, die klaffende Lücke zwischen der Molekulargenetik und der Gestaltbildung zu schließen.

In den von einigen Rezensenten als »löblicher« Höhepunkt des Lehrbuches gefeierten Schlusskapiteln setzt sich Kutschera mit der kreationistischen Evolutionskritik auseinander. Spätestens hier erreicht das Buch seinen intellektuellen Tiefststand. Kutschera bemängelt, dass die Kreationisten mit ihrer »irrationalen Kritik« an der synthetischen Theorie der Evolution diesen »intellektuellen Prachtbau der Naturwissenschaften« auf »unakzeptable Art und Weise mit Schmutz beworfen« haben. Sich selbst an die Spitze der ›Säuberungsbewegung‹ setzend, kündigt er an, dass er in seinem Lehrbuch »die Argumente der deutschen Kreationisten und Evolutionskritiker zitiert und durch ausführliche Gegendarstellungen entkräftet«. In der Praxis sieht das dann so aus, dass er nur einen einzigen Satz aus dem Vorwort des 600 Seiten umfassenden Mammutwerk »Artbegriff, Evolution und Schö­pfung« des renommierten Genetikers und Evolutionskritikers Wolf-Ekkehard Lönnig zitiert. Dies hält er für ausreichend, um dieses voluminöse und den geistigen Nährwert seines eigenen ›Lehrbuches‹ um ein Vielfaches übersteigende Werk als unwissenschaftlich zu disqualifizieren. Man kann daher nur hoffen, dass Kutscheras Lehrbuch möglichst wenigen Biologen und Nichtbiologen in die Hände fällt, weil sie zurecht geneigt sein könnten, die viel pfiffiger, fundierter und fortschrittlicher argumentierenden Kreationisten für die eigentliche evolutionsbiologische Forschungsfront zu halten.

In seinem Epilog »Naturwissenschaft und Glaube« liefert uns Kutschera zu allem Überfluss dann auch noch eine ökologische Bibelkritik und so etwas wie eine universelle evolutionäre Ethik. Anklagend bilanziert er, dass die christliche Glaubenslehre mit ihrer Auffassung von der biologischen Sonderrolle des Menschen für die »seit 1950 zu beobachtende Massenvermehrung des Spezies Mensch« verantwortlich ist. Die Bevölkerungsexplosion habe »drastische Folgen für das gesamte Leben auf der Erde (Hunger, Artensterben etc.)«. Demgegenüber laute der aus der Evolutionsbiologie ableitbare moralische Grundsatz, »alle Spezies sind gleichwertig«. Auch diesen Unsinn haben wir schon oft gehört, weniger von Evolutionsbiologen als von Grün-Alternativen. Man kann es nicht oft genug wiederholen, zu Wertsetzungen und Bewertungen ist nur der Mensch in der Lage. Das ›gutgemeinte‹ Streben nach einer universellen biozentrischen Ethik, bei der alle Spezies die gleichen Rechte (und Pflichten), wie der Mensch haben, endet im Chaos oder um es biblisch auszudrücken, in ›Tod und Verderbnis‹: Dann sitzt etwa der verwundete Baum, den Kutschera fahrlässig mit seinem Auto angefahren hat, als Nebenkläger auf der Gerichtsbank und fordert zusätzlich zum Bußgeld, eine Verurteilung Kutscheras zur Zwangsarbeit in einer Baumschule. Dann wird das letzte tiefgefrorene Pockenvirus, nach dem es von der universalen evolutionsbiologischen Ethik erfahren hat, einen Asylantrag für den Aufenthalt in Kutscheras Körper stellen und eine Verfassungsklage für die ungehinderte Verbreitung seiner Erbinformation einreichen. Und der neue Alphalöwe, der gerade die Jungen seines Vorgängers umgebracht hat, wird wegen mehrfachen Mordes aus triebgesteuerten Motiven und einer negativen Verhaltensprognose zu einer lebenslangen Sicherheitsverwahrung in der von Kutschera neueingerichteten forensischen Abteilung eines Zoos verurteilt.

Lieber Herr Kutschera, viel Spaß in Ihrer schönen neuen evolutionsbiologisch ›erhellten‹ Welt wünscht Ihnen Ihr Georg Menting!

   

 

Thomas Gold (2000)
Biosphäre der heißen Tiefe,
edition steinherz, Wiesbaden, 256 S.


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Auf Existenz einer »Biosphäre der heißen Tiefe« bin ich erstmals durch den Spiegel-Artikel »Verlorene Welten« (43/1995) aufmerksam geworden. In dem Beitrag wurde berichtet, dass sich mindestens 10 % der irdischen Biomasse in Tiefenschichten der Erde und zwar unter ausgesprochen lebensfeindlichen Bedingungen in Öl- und Methangasvorkommen sowie in Ozeansedimenten befindet. Allein in den letzten Jahren haben Mikrobiologen schon zwischen 10.0000 und 15.000 neue Arten im »Keller der Erde« entdeckt - und ein Ende ist nicht abzusehen. Zwischenzeitlich schätzt man, dass die gesamte Menge der unterirdischen Lebensformen, die oberirdische locker erreicht und vielleicht sogar übertrifft. Von einem Thomas Gold und seinen faszinierenden Theorien war in diesem Artikel allerdings nicht die Rede und so habe ich den Artikel auch nur aufbewahrt, weil er mir als Argumentationshilfe bei Auseinandersetzungen mit Naturschützern nützlich erschien. Die »verlorenen Wel¬ten« waren ein kurioser Beleg dafür, dass der Naturschutz keineswegs dem gesamten irdischen Leben seine Aufmerksamkeit schenkt, sondern einen spektakulären Anteil des Lebens bisher nicht wahrgenommen, geschweige denn seine Zuneigung geschenkt hat.

Dass den »verlorenen Welten« tief unter der Erdoberfläche eine weitreichendere Bedeutung zukommt, wurde mir erst bewusst, als ich auf das Buch »Biosphäre der heißen Tiefe« von Thomas Gold (1920-2004) aufmerksam wurde. Schon nach der ersten flüchtigen Lektüre des Buches war mir klar, dass es sich bei den Lebewesen der Tiefe um bedeutend mehr als eine kuriose Randerscheinung des uns vertrauten irdischen Oberflächenlebens handelt. Und so formuliert Thomas Gold schon in seinem knappen Vorwort den Wunsch, der Leser möge begreifen, dass es genau umgekehrt ist: Wir an der Erdoberfläche sind es, die unter extremen Umweltbedingungen leben, während das Leben tief unter unseren Füßen nicht nur das ursprünglichere ist, sondern in gewisser Hinsicht sogar über die komfortableren Umweltbedingungen verfügt, da es u. a. nicht so schutzlos dem Beschuss durch kosmische Boliden ausgeliefert ist. Nach Golds Vermutung könnten wenigstens zehn Planeten und Monde unterirdisches Leben beherbergen, und Leben im Untergrund ist vielleicht nichts Ungewöhnliches im Universum. Und auf diese unterirdische Biosphäre, die bisher keineswegs nur vom Naturschutz, sondern auch von den Schulwissenschaften wenig beachtet wurde, möchte Thomas Gold seine Leser neugierig machen.

Gold gelingt es in seinem Buch mit nur wenigen zusätzlichen hypothetischen Grundannahmen, die Existenz von umfangreichen Leben in der Tiefen der Erdkruste zu erklären. Darüber hinaus kann er auch für viele andere, von der erdgeschichtlichen Forschung bisher nur wenig befriedigend gelöste Probleme überraschend plausible Lösungen anbieten – und zwar von der Entstehung von Gas-, Öl-, Kohle- oder Erzvorkommen über die Ursache von Erdbeben bis hin zur Entwicklung des Lebens auf unserem oder gar anderen Planeten. Golds zentrale von der Schulwissenschaft abweichende Grundannahme lautet: Kohlenwasserstoffe gehören zum Urmaterial der Erde, d. h. sie waren bereits ein Bestandteil des Staubes, aus dem sich vor Urzeiten die Erde gebildet hat. Kohlenwasserstoffe sollen daher nach Gold in großen Massen im porösen Gestein des Erdmantels vorkommen und bei den dort herrschenden hohen Drücken und hohen Temperaturen stabile Moleküle bilden. Aus den Tiefen der Erdkruste strömen diese Kohlenwasserstoffe dem abnehmenden Dichtegradienten folgend über Gesteinsporen in Richtung Erdoberfläche. Sie sind damit die direkte Quelle für Gas- oder Ölfelder und indirekt über Aufquell- und Auswaschungsvorgänge auch wesentlich an der Entstehung von Kohlevorkommen oder Erzlagern beteiligt. Aufsteigende Gase sind nach Gold auch die Hauptursache für Erdbeben.

Gold befindet sich mit seiner Hypothese vom abiogenetischen Ursprung der sogenannten ›fossilen‹ Brennstoffe im krassen Widerspruch zur schulwissenschaftlichen Forschung, die von einem biogenetischen Ursprung dieser Energieträger ausgeht. So wird z. B. der abiogenetischen Theorie für die Entstehung von Erdöl üblicherweise entgegengehalten, dass dieser Energieträger nachweislich auch Moleküle und Zellbestandteile organischer Herkunft enthält. Dies wird von Gold nicht bestritten, sondern nur anders gedeutet. Nach seiner Auffassung stammen die biologischen Spuren im Erdöl nämlich von Mikroben, die ihren Lebensraum in den oberen Schichten der Erdkruste im Strom der aufsteigenden Kohlenwasserstoffe haben. Diese druckresistenten thermophilen oder hyperthermophilen Mikroben können vermutlich Temperaturen von bis zu 150 Grad aushalten. Man kennt sie aus heißen Quellen oder aus dem Umfeld von Tiefseevulkanen (›Black- and White Smoker‹). Die heißen Tiefseevulkane sind jedoch nicht der ursprüngliche Lebensbereich der Biosphäre der heißen Tiefe. Der eigentliche Lebensbereich sind die Poren und Spalten in der oberen Erdkruste bis zu einer Tiefe von vielleicht maximal 10 km. Noch tiefer wird es auch für hyperthermophile Bakterien zu heiß.

Die Energiequelle für das Leben in der heißen Tiefe sind Kohlenwasserstoffverbindungen wie Methan oder Äthan. Diese organischen Molekülverbindungen werden von den Mikroben oxidiert, wobei Energie freigesetzt wird. Der für die Oxidation notwendige Sauerstoff kann dabei – wenn kein freier Sauerstoff in den Gesteinsporen vorhanden ist – auch aus hochoxidierten Eisen- und Schwefelverbindungen gewonnen werden. Die Oxidation von Kohlenwasserstoffen ist im Unterschied zur Photosynthese, für die das Sonnenlicht als Energiequelle notwendig ist, eine sehr primitive Form, um Energie für Lebensvorgänge verfügbar zu machen. Hierauf baut eine der interessantesten Thesen von Gold auf:

Die These besagt, dass die Erdoberfläche für die Primärprozesse, die für Entstehung des Lebens erforderlich sind, kein optimaler Standort war. Mit anderen Worten: Die warmtemperierte ›Ursuppe‹ oder Uratmosphäre (oder gar Darwins Idee von einem warmen Tümpel!) ist nicht das geeignete chemische Milieu, um die Entstehung komplexer Moleküle aus einfachen Molekülen zu ermöglichen. Auch die Photosynthese, d. h. die Umwandlung von Lichtenergie in chemische Energie ist so komplex und kompliziert, dass sie unmöglich als Ausgangspunkt für die Entstehung von Leben gedient haben kann. Demgegenüber herrscht in den Tiefen der Erdkruste bei hohen Temperaturen und Drücken sowie gleichmäßigem Zustrom von Kohlenwasserstoffen ein chemisches Milieu, das viel eher in der Lage ist zur Eigenkatalyse fähige, d. h. komplexe sich selbst kopierende Moleküle und darauf aufbauend einfachste Lebensformen zu erzeugen. Golds These kann sich auf neuere wissenschaftliche Forschungsergebnisse stützen. Zum Beispiel hat sich zwischenzeitlich bestätigt, dass hyperthermophile Lebensformen (Archaebakterien), diejenigen sind, deren Wurzeln am weitesten zurückreichen also die ältesten sind.

Auf seiner Theorie von der Entstehung des Lebens aufbauend, entwickelt Gold auch noch eine alternative Evolutionstheorie. Er vertritt die Auffassung, dass die neodarwinistischen Zufallsmutationen schon aus Gründen der Wahrscheinlichkeit allenfalls bei Mikroben mit hohen Fortpflanzungsraten und gewaltigen Individuenzahlen günstige Veränderungen bewirken können. Demgegenüber treten bei größeren Lebewesen positive Veränderungen viel zu langsam auf. In Überstimmung mit einigen anderen Evolutionsforschern (wie z. B. Lynn Margulis) vertritt Gold daher die Auffassung, dass alle wesentlichen Neuerungen bezüglich des Stoffwechsels von Lebenswesen nur im Lebensbereich der Mikroben erzielt worden sein können. Komplexere und höherentwickelte Lebensformen sind nach dieser Theorie dadurch entstanden, dass Mikroben mit unterschiedlichen Eigenschaften eine Symbiose eingegangen sind (Endosymbiontentheorie). Der Motor dieses evolutiven Prozesses ist nach Gold die Biosphäre der heißen Tiefe, weil hier der ursprünglichste und umfangreichste Lebensbereich für Mikroben existiert. Und daher ist nach Gold auch nicht ausgeschlossen, dass von dort noch weitere Neuerungen zu uns unterwegs sind. Hier begibt sich Gold auf das weite Feld der Spekulationen. Allerdings zähle ich seine Spekulationen zu den naturwissenschaftlich interessantesten und fundiertesten, die ich in den letzten Jahren zum Thema Evolution gelesen habe.

Natürlich werfen seine Antworten auch neue Fragen auf, die mir aber allesamt fruchtbarer erscheinen als die winzigen Problemstellungen, mit denen sich das große Heer scholastischer Naturgeschichtler und Evolutionsbiologen in mühsamer Kleinstarbeit ohne jeglichen philosophischen Weitblick und wesentlichen Fortschritt herumschlägt. Golds nur knapp 250 Seiten umfassendes Buch hat mich in der Originalität und Eleganz seiner Fragestellungen und Lösungsstrategien an Immanuel Velikovskys »Welten im Zusammenstoß« erinnert. Gold besitzt wie Velikovsky die Fähigkeit scheinbar unvereinbare Aspekte eines Problems zu assoziieren und seine Auffassungen so darzustellen, dass jeder seine Theorien auch ohne große naturwissenschaftliche Vorbildung verstehen kann. Dies irritiert manchmal, denn von den Forschungsergebnissen der scholastischen Wissenschaftler sind wir gewohnt, dass deren Lösungen wissenschaftlicher Probleme meistens sehr kompliziert, unverständlich und eben selten wie bei Velikovsky oder Gold von einer allgemeinverständlichen Plausibilität sind.

Doch es gibt auch Unterschiede zwischen den beiden großen Außenseitern: So schreibt Gold zwar auch fesselnd aber eben doch nüchterner und weniger wortgewaltig als Velikovsky. Dies liegt wohl daran, dass Gold im Unterschied zum Psychiater Velikovsky habilitierter Astronom mit ausgeprägt ingenieurmäßigen Interessen ist, z. B. hat er den Bau des noch größten Radio-Observatorium der Welt in Arecibo verantwortlich geleitet. Darüber hinaus hat sich Gold zunächst in der wissenschaftlichen Gemeinde (und auch der Energieindustrie) einen Namen gemacht. Ende der 1940er Jahre nahm er an einem britischen Programm zur Erforschung und Anwendung der Radartechnik teil. Dadurch erhielt er ein tieferes Verständnis über die kosmophysikalischen Zusammenhänge. 1956 erhielt er einen Ruf an die Harvard University. Den Schulwissenschaftlern wird es daher erheblich schwerer fallen, seine bahnbrechenden Thesen wie im Falle des Chronologiekritikers Velikovsky zu ignorieren, tabuisieren oder lächerlich zu machen.

Zeitlebens galt der extrovertierte Gold als »Ideenmaschine«, der es liebte konventionelle Auffassungen in Frage zu stellen und in völlig neuer Weise zu betrachten. Gleichwohl war für ihn die Überwindung bisheriger Lehrmeinungen kein Selbstzweck, sondern nur eine selbstverständliche Einstellung für den Erkenntnisfortschritt: »Es ist wie bei der Religion« meinte er, »Häresie wird als etwas Schlechtes angesehen, dabei sollte sie gerade das Gegenteil sein«. Z. B. postulierte 1968, dass die neu entdeckten Pulsare rotierende Neutronensterne sind. Eine Fachkonferenz lehnte den entsprechenden Vortrag als so absurd ab, dass man ihn nicht einmal diskutierte: »Shortly after the discovery of pulsars I wished to present an interpretation of what pulsars were, at this first pulsar conference: namely that they were rotating neutron stars. The chief organiser of this conference said to me, ›Tommy, if i allow for that crazy interpretation, there is no limit to what I would have to allow‹. I was not allowed five minutes floor time, although I in fact spoke from the floor. A few months later, this same organiser started a paper with the sentence, ›It is now gennerally considered that pulsares are rotating neutron stars‹.«

Link zu:Wikipedia - Thomas Gold


   

 
Links

»Berliner Geschichtssalon«, veranstaltet von Christian Blöss und Hans-Ulrich Niemitz
http://www.berliner-geschichtssalon.de

Aus der Selbstdarstellung: »Der Berliner Geschichtssalon öffnet seit dem 3. September 1994 viermal im Jahr seine Tore, um seinem Publikum brandneue und ebenso umstrittene wie vorwärtsweisende Thesen zur Menschheits- und Naturgeschichte vorzustellen. Der Ort des Geschehens ist die Galerie Bellevue in Berlin. Vom ›Erfundenen Mittelalter‹ bis zur Evolution des Sonnensystems, von der Entstehung des Islam bis hin zum Mikrokosmos der Biophotonen wurde hier schon alles vorgestellt und diskutiert. Es gibt nichts, was nicht beleuchtet werden könnte - vorausgesetzt, es ist spannend und wirft ein Licht auf unsere Vergangenheit und damit auch in die Zukunft«. Die Veranstaltungen finden jeweils an einem Montagabend statt. Für Interessenten, die von weither anreisen müssen, ist dies kein günstig gewählter Termin. Von solcherlei Unbilden Betroffenen bleibt nur der Besuch der Internetseite des Geschichtssalons.

   

Links zu anderen Seiten werden manchmal zu Zerreissproben.

 

»Der Chiemgau-Impakt«, vom Chiemgau Impact Research Team (CIRT)
http://www.chiemgau-impakt.de/index.html

Worum geht es auf dieser spannenden Internetseite? Seit dem Jahr 2000 stieß eine Gruppe von Heimatforschern im Raum zwischen Altötting und Traunstein nahe dem Chiemsee immer wieder auf eigenartige metallische Stücke im Untergrund, die sich als die extrem seltenen bzw. auf der Erde in natürlicher Form nicht vorkommenden Eisensilizid-Minerale erwiesen. Die Gruppe der Entdecker um Werner Mayer, die einen offiziellen Auftrag und eine entsprechende Genehmigung zur Suche nach archäologisch bedeutenden Objekten in der Region besaß, stellte fest, dass das ungewöhnliche Material regelmäßig in der Nähe von auffälligen Kraterstrukturen und an Stellen gefunden wurde, für die ein menschlicher Eintrag nicht in Frage kam. Die Krater hatten meist einen ausgeprägten Ringwall.

Die Verbreitung der eigenartigen Funde und flächig korrespondierende (chemische) Auffälligkeiten eines Bienenhonig-Monitoring erregte auch bei einigen Universitäts-wissenschaftlern Interesse. In der Folge – kam es nach den üblichen wissenschafts-betriebstypischen Querelen – zu einem Zusammenschluss der Gruppe der Heimatforscher um Werner Mayer mit folgenden Wissenschaftlern zum Chiemgau Impact Research Team (CIRT): Dr. Michael Rappenglück, Astronom und Archäoastronom, Institut für Interdisziplinäre Forschung Gilching, Prof. Dr. Kord Ernstson, Geologe, Geophysiker und Impaktforscher von der Universität Würzburg, Dr. Uli Schüßler, Mineraloge und Petrologe, ebenfalls von der Universität Würzburg und der Historikerin Barbara Rappenglück. Im Verlauf der systematischen Erforschung der Geländebefunde nahm die Idee des Einschlages eines extraterrestrischen Körpers in historischer Zeit immer mehr Gestalt an. Im Oktober 2004 veröffentlichte die amerikanische Zeitschrift ASTRONOMY online einen Artikel über den »Chiemgau-Kometen«. Dieser und ein weiterer ausführlicher Artikel des CIRT wurde auch über das wissenschaftliche Internetforum CCNet (Cambridge Conference, Dr. Benny Peiser) verbreitet. Innerhalb kürzester Zeit setzte ein enormes Medieninteresse ein und der Chiemgau-Impakt wurde als »Big Bang of Bavaria« weltweit bekannt. (Der erwähnte Dr. Benny Peiser ist übrigens ein alter »Zeitensprüngler«, der sich vermutlich aus Karrieregründen frühzeitig von seinen alten Mitstreitern abgewendet hat.)

Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind durch die Gruppe der Heimatforscher um W. Mayer annähernd 100 Krater meteorischen Ursprungs identifiziert, vermessen und katalogisiert worden. Die Durchmesser der dokumentierten Krater bewegen sich zwischen 3 m und einigen 100 m. Die Krater-Streuellipse überdeckt mit eine Länge von ca. 58 km und einer Breite von 27 km eine Fläche von 1.200 qkm. Der größter bisher gefundene Einschlags-Krater ist der Tüttensee mit einem Durchmesser von über 400 m. Einige größere Krater befinden sich vermutlich auch im Chiemsee. Die Chiemgau-Streuellipse gehört damit zu den größten Kraterstreufeldern der Welt.

Aufgrund verschiedener Indizien vermutet das Research Team, dass ein im Durchmesser ca. 1.000 m großer Komet mit ca. 12 km/s im flachen Winkel die Erdatmosphäre eingedrungen und in einer gigantischen Methaneis-Explosion auseinandergebrochen bzw. verdampft ist. Nur kleinere ›überlebende‹ Brocken im Dekameter haben den Erdboden erreicht und die Einschlagskrater in der Streuellipse erzeugt. Wie verheerend sich das um etwa 350 vor der Zeitenwende angesiedelte Ereignis auf die Bevölkerung ausgewirkt hat, kann nur abgeschätzt werden. Eine völlige Verödung des betroffenen Gebiets für längere Zeit ist wahrscheinlich und für die betroffene Bevölkerung (Kelten) muss der Impakt wie der Einsturz des Himmels gewirkt haben.

Die oft kolportierte Äußerung der Kelten, dass sie ›nichts fürchteten, es sei denn dass der Himmel ihnen auf den Kopf fiele‹, wird bisher in erster Linie als Anekdote zur Illustration ihrer Furchtlosigkeit gedeutet. Alternativ kann sie jetzt als Furcht vor der Wiederkehr eines angsteinflößenden realhistorischen Ereignis gedeutet werden. Auch die legendäre Härte der keltischen Schwerter erscheint jetzt in einem neuen Licht gesehen, weil sie mit den seltenen extraterrestrischen Eisenverbindungen des Impaktors in Zusammenhang gebracht werden kann. Und möglicherweise können auch Berichte antike Autoren über auffällige Leuchterscheinungen ›jenseits‹ der Alpen als Hinweise auf den Chiemgau-Impakt gedeutet werden.

Die Geschichte der Entdeckung des Chiemgau-Impaktes ist auch ein eindrückliches Beispiel dafür, dass konservativen Schulwissenschaftlern immer wieder von Amateuren (diesmal engagierten Heimatforschern) auf die Sprünge geholfen werden muss, damit es zu nennenswerten Erkenntnisfortschritten kommt. Trotz der Vielzahl der Indizien, die für einen Impakt sprechen, vertreten noch heute akademisierte Mitarbeiter des Bayrischen geologischen Landesamtes die Auffassung, dass es sich bei den Impaktkratern um postglaziale Toteislöcher handelt. Sie versuchen also mit aller Kraft an dem überkommenen Paradigma festzuhalten, dass morphologische Strukturen nur aus der regionalen Geologie heraus erklärt werden dürfen. Zur ignoranten Weigerung großer Teile der Geologenschaft, Impaktstrukturen anzuerkennen, siehe auch den Diskussionsbeitrag von Prof. Dr. Kord Ernstson in der Rubrik »Forumbeiträge«.

   

 

»Chronologie-Rekonstruktion«, von Andreas Otte
http://www.chrono-rekonstruktion.de/

Aus der Selbstdarstellung: »Wieso Chronologie-Rekonstruktion? Was gibt es da zu rekonstruieren? Ist da etwas zu kritisieren, zu reparieren, zu korrigieren an unserer Chronologie? Es gibt tatsächlich Menschen, die sich mit solchen Fragen beschäftigen und die diese Fragen mit einem entschiedenen "Ja!" beantworten. Indizien für Fehler in unserer Chronologie gibt es genug. Und wir reden hier nicht über Kleinkram. Es geht nicht um einige wenige Jahre, es geht in der Summe um Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende«. Die Internetseite dient auch der Verbreitung der Inhalte des chronologiekritischen Zeitensprünge-Bulletins (vgl. Link zum »Mantis Verlag«). Auf der Seite http://www.chrono-rekonstruktion.de/links.html findet sich eine Übersicht zu interessanten Links zur Chronologiekritik und Geschichtsrekonstruktion.

   

 

»Cronologo«, von Uwe u. Ilya U. Topper
http://www.cronologo.net

Die Website »Cronologo« ist eine Initiative des deutschen Schriftstellers, (Lebens-)Künstlers, Altertumsforschers u. Chronologiekritikers Uwe Topper und (seines Sohnes) des spanischen Journalisten Ilya U. Topper, die einer neuen Sicht unserer Geschichte zum Durchbruch verhelfen will:

»Cronologo gibt einen Überblick über die Arbeit mehrerer Forscher aus verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, die die hergebrachten Daten unserer Geschichte, und vor allem die Chronologie, neu und kritisch analysieren.

Die bisher durchgeführten Debatten haben uns zu der Überzeugung geführt, daß die Chronologie unserer Geschichte, so wie wir sie in der Schule lernen, falsch ist und völlig neu überprüft werden muß.

Das geschichtliche Gerüst, an dem wir die Abfolge unserer Kulturen orientieren - Griechen, Römer, Christentum, Mittelalter... - beruht auf einer Übereinkunft, die im 14. und 15. Jahrhundert ausgearbeitet wurde. Sie hat wenig mit wirklichen Daten zu tun, sondern diente vor allem den Interessen bestimmter Mächte; diese wollten eine Geschichte nach Maß schaffen, die ihren Zwecken dienlich war«.

   

 

»AG Evolutionsbiologie«, von Ulrich Kutschera (Vorsitzender)
http://www.evolutionsbiologen.de/

Offizielle Seite des Arbeitskreises Evolutionsbiologie des Verbandes deutscher Biologen (vdbiol). Der Arbeitskreis hat sich zum Ziel gesetzt, dass die moderne Evolutionsbiologie in der Forschung und Lehre wieder die zentrale Stellung einnimmt, die ihr zusteht. Ferner soll dem zunehmenden »evolutionären Analphabetismus« in der Bevölkerung entgegen gearbeitet werden. Kurz: Der Besucher dieser Seite erfährt alles, was er schon in der Schule gelernt hat oder gelernt haben sollte, nämlich dass die darwinistische Evolutionslehre die Frage nach der Entstehung der Artenvielfalt und des Lebens abschließend gelöst hat und diese ewige Wahrheit allenfalls noch durch wenige, weltanschaulich verbohrte, allerdings gut organisierte (und teilweise sogar verdeckt arbeitende) Kreationisten in Frage gestellt wird. Wer mehr wissen will (der Arbeitskreis neigt dazu, kritische Passagen in der Auseinandersetzung mit Andersgläubigen zu unterschlagen), sollte parallel die Internetseiten »Internet Library«, »Intelligent Designer« oder »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« (vgl. die entsprechenden Links) besuchen.

   

 

»Information zur Altbau und Denkmalpflege« von Konrad Fischer
http://www.konrad-fischer-info.de/

Vielschichtige Internetseite des Architekten Konrad Fischer, auf der sachkundige klientenorientierte Information zur Altbau- und Denkmalpflege sowie frech-forsche Kritik am Klima-, Öko- und Energieschwindel eine faszinierende Verbindung eingehen. Prädikat: Unbedingt lesenswert.

   

 

»Intelligent Designer«, von Frieder Meis
http://www.intelligentdesigner.de/

Aus der Selbstdarstellung: »Der Kreationismus kränkelt an den gleichen Schwächen wie die Evolutionstheorie: Behauptungen oder Vermutungen ersetzen den experimentellen Beweis. Die Intelligent-Design-Theorie ist den beiden zuvor erwähnten weltanschaulichen Auffassungen vorgeschaltet. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Design-Signale, die ausschließlich auf eine intelligente Ursache zurückzuführen sind, als solche zu erkennen«.

Die Intelligent-Design-Theorie geht davon aus, dass es in Lebewesen »irrreduzible Komplexitäten« gibt, die nur durch einen »intelligenten Designer« erklärt werden können und deshalb auch am besten nur als Design-Signale (»Nachrichten eines Designers«) verstanden werden sollten. Von vielen Autoren wird die Intelligent Design-Theorie in Abgrenzung zur üblichen Schöpfungslehre auch als Neo-Kreationismus bezeichnet, weil sich Inhalte und Argumentation beider Denkrichtungen gleichen. Diese Internetseite interessiert hier vor allem in ihrer Funktion als kritischer Gegenpart zu diversen Inhalten der Internetseite der AG Evolutionsbiologie (vgl. den entsprechenden Link).

   

 

»Internet Libray«, von Wolf-Ekkehard Lönnig
http://www.weloennig.de/internetlibrary.html

Umfangreiche evolutionskritische Internetseite des am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung (MPIZ) in Köln arbeitenden renommierten Genetikers Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig. Inspiriert durch seine wissenschaftliche Arbeit und seinen Schöpfungsglauben ist er der wohl bedeutendste deutsche Kritiker der »Synthetischen Evolutionstheorie«. Diese Theorie wurde in den 1930er Jahren von den sogenannten Neodarwinisten entwickelt, um neue, den darwinschen Evolutionsvorstellungen z. T. massiv widersprechende Erkenntnisse der Mutations- und Vererbungsforschung sowie der Populationsgenetik mit dem darwinschen Variations- und Selektionsmechanismus zu versöhnen.

Lönnig, der seit über 25 Jahren am MPIZ arbeitet, ist Autor oder Koautor ein Vielzahl von fachwissenschaftlichen Beiträgen zur Mutations- und Transposongenetik. Darüber hinaus publiziert er auch in seinem Eigenverlag bzw. in seiner »Internet Library«. Seine wohl bedeutendste Monographie ist das 600 Seiten umfassende Mammutwerk »Artbegriff, Evolution und Schöpfung«. In dieser Arbeit entlarvt er die ignorante Gewissheit der Neodarwinisten, dass mit der »Synthetischen Evolutionstheorie« nicht nur mikro-, sondern auch makroevolutive Veränderungen, d. h. die evolutive Entstehung völlig neuer Baupläne und Strukturen erklärt werden können, als wissenschaftliche Scharlatanerie.

Die offiziellen Vertreter des Neodarwinismus scheuen bis heute eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Lönnigs naturwissenschaftlichen Einwänden gegen die »Synthetische Evolutionstheorie«. Durch seine Doppelfunktion als Genetiker an einem renommierten Forschungsinstitut und unermüdlicher Kritiker von Schwachstellen der »Synthetischen Evolutionstheorie« hat er sich zum Hauptfeind der deutschen Neodarwinisten gemacht. An die Spitze der Anti-Lönnig-Bewegung hat sich Ulrich Kutschera, der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie im Verband der deutschen Biologen, gesetzt. Unter seiner missionarischen Führung lässt die Arbeitsgemeinschaft bis hin zur Diffamierung nichts unversucht, ihn mundtot zu machen oder als Wissenschaftler zu disqualifizieren (vgl. den Link zur »AG Evolutionsbiologie«).

Wie alle Schöpfungsgeschichtler (und Wissenschaftler, die eine bestimmte Theorie zu ewigen Wahrheit erklären) ist allerdings auch Lönnig mehr an Bewahrung und Bekehrung als an umfassender kritischer Wahrheitsfindung interessiert. So besteht für ihn kein Zweifel daran, dass mit rein naturwissenschaftlicher Erkenntnis der darwinschen Evolutionsmechanismus ad absurdum geführt werden kann. Völlig undenkbar ist für ihn aber, dass mit den gleichen Erkenntnissen auch die wesentlichen Inhalte der biblischen Schöpfungsgeschichte obsolet werden könnten. Diese sind für ihn nämlich aufgrund ihres »Offenbarungscharakters« sakrosankt. Darin unterscheidet er sich allerdings nicht allzu sehr von den Neodarwinisten, für die wesentliche Inhalte von Darwins berühmtesten Werk ebenso unantastbar sind.

Forschungspsychologisch hängt dies wohl damit zusammen, dass der »Schöpfer« bei Schöpfungsgeschichtlern bereits als bedeutungsvoller vorwissenschaftlicher Bezugspunkt (z. B. als »Gott der Liebe«) da war, bevor sie überhaupt angefangen haben, sich wissenschaftlich mit der Evolution oder der Schöpfungsgeschichte zu beschäftigen. Die kritische Auseinandersetzung der Schöpfungsgeschichtler mit dem darwinschen Evolutionsmechanismus kann daher – wie schon die physikotheologischen Gottesbeweise der gläubigen Wissenschaftler des frühen 19. Jahrhunderts – am Besten als eine Art ›Lobpreisung Gottes› oder ›Gottesdienst‹ verstanden werden. Dies kann, wie das eindrucksvolle Beispiel Lönnig zeigt, in Teilen hervorragende Wissenschaft sein – dies kann aber auch, wie der s tupide ›Darwindienst‹ der Neodarwinisten zeigt, in Teilen scholastische Wissenschaft im übelsten Sinne sein.

 

»Mantis Verlag«, von Dr. Heribert Illig
http://www.mantis-verlag.de/

Internetseite des von schulwissenschaftlichen Historikern gefürchteten ›Mediävistenschreck‹ Dr. Heribert Illig. Illig ist zusammen mit Prof. Dr. Gunnar Heinsohn Herausgeber des interdisziplinären Zeitensprünge-Bulletin ist. Das seit nunmehr über 15 Jahren erscheinende Bulletin ist eine der wenigen ernstzunehmenden wissenschafts- und chronologiekritischen Zeitschriften in Deutschland.

Es kann als ein neokatastrophistisch und weltanschaulich nicht festgelegtes Forum kritischer Historiker und Naturgeschichtler bezeichnet werden, die vielfach von Immanuel Velikovsky (1895-1972) inspiriert wurden. Velikovsky hat die Theorie der kosmischen Katastrophen entwickelt und ist der wohl bedeutendste und zugleich umstrittenste Neokatastrophist des 20. Jahrhunderts.

Ein thematischer Schwerpunkt des Bulletins ist die von Illig entwickelte »Phantomzeitthese«. Sie besagt, dass das erste nachchristliche Jahrtausend um genau 297 Jahre zu lang war und die Zeit zwischen 614 und 911 n. Chr. als fiktiv, d. h. hier nachträglich erfunden einzustufen ist. Erstaunlicherweise hat diese auf den ersten Blick unglaubliche These bisher allen Angriffen von Schulwissenschaftlern standgehalten.

Die Herausgeber versuchen das Bulletin deutlich von schöpfungsgeschichtlich und eher esoterisch (Präastronautik etc.) orientierten wissenschaftskritischen Zeitschriften abzugrenzen. Ein erheblicher Schwachpunkt des Bulletins besteht darin, dass es über keine Fachredaktion verfügt bzw. der redigierende Herausgeber Dr. Heribert Illig glaubt, diese Funktion alleine ausüben zu können. Bei Themenbereichen, bei denen er fachlich nicht auf der Höhe ist (oder schlimmer noch glaubt auf der Höhe zu sein), verlässt er sich daher lieber auf seine Intuition als auf Fachleute, die etwas von der Sache verstehen. Auf die Intuition des Herausgebers ist aber insbesondere bei naturgeschichtlichen Themen wenig Verlass, weil sie von seiner fachlichen Selbstüberschätzung getrübt ist.

Auf meiner Internetseite habe ich die fachliche und redaktionelle »Halsstarrigkeit« des Herausgebers in der Rubrik Über Größen auf heitere Weise karikiert. Illig hat daraufhin umgehend von seiner Internetseite den Link entfernt, der bisher auf meine Internetseite verwiesen hat. Ein ›herber‹ Verlust für das ›Ranking‹ meiner Seite, der aber durch Links anderer Internetseiten wett gemacht wurde, deren Betreiber offensichtlich über mehr Humor als der Herausgeber verfügen.

Dies soll nicht heißen, dass der langjährig mit mir befreundete Herausgeber humorlos ist, aber leider hört der Humor bei ihm dort auf, wo er eigentlich so richtig anfängt, nämlich beim Lachen über die eigenen Schwächen. Trotz der genannten Defizite ist das Bulletin zu empfehlen, zumal es derzeit im deutschsprachigen Raum keine Alternative dazu gibt.

siehe hierzu auch folgenden Text

  Cronologo« von Uwe u. Ilya U. Topper  

Uwe Topper gehört neben Dr. Eugen Gabowitsch u. Christoph Pfister zu den streitbaren Chronologiekritikern, die sich schon frühzeitig mit Dr. Heribert Illig überworfen haben. Dies liegt nicht nur an Illigs speziellen Be- oder Empfindlichkeiten, sondern vor allem auch daran, dass diese Herren jederzeit bereit sind, den Spruch »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus« zu widerlegen. Dies durfte ich noch jüngst im Umgang mit Uwe Topper erfahren: Topper hatte mir in einer freundlichen Mail vorgeschlagen, unsere Internetseiten gegenseitig zu verlinken. Ich stimmte zu und nahm seine Anfrage zum Anlass, gleich auch noch einige alte Verstimmungen auszuräumen, die zwischenzeitlich schon reichlich ›Gilb‹ angesetzt hatten. Als ich dann aber zufällig auf seiner website die Beschreibung u. Kommentierung meiner Seite las, traf mich fast der Schlag: Eine völlig schräge, ja hingeschmierte Kurzbeschreibung, gefolgt von einer noch schrägeren verrissähnlichen Kommentierung. (»Obwohl von Überlegungen zur Evolution ausgegangen wird, ist der breiteste Raum der Naturschutz-Polemik gewidmet«). Ich war zunächst sprachlos: Profitierte Topper nicht in Sachen ›Ranking‹ erheblich mehr von meiner Verlinkung als ich von seiner, da meine Seite bereits ziemlich gut verlinkt ist? Und hatte mir Topper nicht in seiner ersten Mail geschrieben, dass er meine Internetseite sehr informativ findet? Trotz des andauernden (spröden) Mailverkehrs (der schlussendlich dazu geführt hat, dass Topper den Link auf meine Seite wieder aus seiner Seite entfernt hat) ist mir völlig schleierhaft, ob sich hinter Toppers irritierendem Verhalten, nur Gedanken- oder doch eher Skrupellosigkeit verbirgt. Als erstes Fazit darf ich aber warnend festhalten: Diese ›Krähen‹ neigen nicht nur dazu, Mitstreitern die Augen auszuhacken, sondern ihnen (ggf. sogar in umgekehrter Reihenfolge) auch noch den ›Speck‹ zu klauen.

 

»Planung in der Natur: Illusion oder Realität«,von Markus Rammerstorfer,
www.intelligentdesign.de.vu

Aus den allgemeinen Hinweisen des Autors: »Die Homepage wurde von mir Ende 2002 hochgeladen. Seitdem hat sich (neben ihrem Layout) auch das Konzept geändert: Damals hatte ich eigentlich primär vor, evolutionskritische Gedanken darauf zu präsentieren, obwohl ich bereits vom ID-Ansatz gehört hatte. Von Kritikern wurde ich jedoch dazu gedrängt, nicht nur evolutionäre Ansätze zu kritisieren, sondern Alternativen zu präsentieren. Ich begann damals, mir intensive Gedanken über den ID-Ansatz und seine Stellung im Bereich der Naturwissenschaften zu machen. Ich entwickle sowohl meine evolutionskritischen Ansätze als auch meine Auffassung von ID ständig weiter und hoffe, dass mir auch in Zukunft konstruktive Kritiken dabei behilflich sind«.

   

 

»Studiengemeinschaft Wort und Wissen«, inhaltlich verantwortlich: Reinhard Junker
http://www.wort-und-wissen.de/

Internetseite der Studiengemeinschaft Wort und Wissen, die sich selbst als ein wissenschaftlicher gemeinnütziger Verein bezeichnet. Thematische Schwerpunkte der Arbeit bilden nach eigener Darstellung Grundlagenforschung und Bildungsarbeit im Spannungsfeld »Naturwissenschaft und christlicher Glaube«. Kurz: Der Verein will zeigen, dass die Bibel und nicht die Naturwissenschaft recht hat. Thematische Schwerpunkte sind die naturwissenschaftliche Rekonstruktion der Erdgeschichte vor dem Hintergrund eines »Kurzzeit-Horizontes« sowie die umfassende Auseinandersetzung mit der darwinschen Evolutionslehre und ihren neodarwinistischen Neuformulierungen.

Die Studiengemeinschaft ist Herausgeber der Zeitschrift »Studium Integrale«. Das halbjährlich erscheinende Journal verfügt bezüglich evolutionsbiologischer, geologischer, paläontologischer und wissenschaftstheoretischer Fragestellungen über ein Autorenteam, das auch nach universitären Maßstäben als überdurchschnittlich kompetent zu bezeichnen ist. Leider wird der Lesegenuss dadurch getrübt, dass nach bestechender Herausarbeitung der Schwächen verschiedenster schulwissenschaftlicher Theorien die als Alternative angebotenen schöpfungsgeschichtlichen Erklärungsmodelle oft ziemlich ›stereotyp‹ daher kommen.

Dieser Mangel lässt sich wie folgt erklären: Einerseits ist das kompetente Autorenkollektiv motiviert durch seinen Schöpfungsglauben in der Lage, eine gewinnende, fundierte Kritik an den schulwissenschaftlichen Erklärungsmodellen zu üben. Andererseits kann (oder darf) das Autorenkollektiv aber keine ergebnisoffene Suche nach (naturalistischen) alternativen Erklärungsmodellen durchführen, weil die strikte Bibelorientierung der Autoren die Wahrheit immer schon vorgibt. Das geschilderte Defizit ließe sich abmildern, wenn sich die Autoren mit alternativen und schulwissenschaftlichen Erklärungsmodellen gleichermaßen intensiv auseinandersetzen würden. Sollten sich dann immer noch keine befriedigenden Lösungen abzeichnen, könnte niemand etwas dagegen haben, wenn als zusätzliche Lösungsmöglichkeit die »unhinterfragbare Wirklichkeit der biblischen Ur- und Heilsgeschichte« ins Spiel gebracht würde.

Kurioserweise nimmt die Internetseite allerdings genau dann, wenn in ihr Außenseitenmodelle vorgestellt und diskutiert werden, geradezu groteske Züge an. So wird die Leserschaft der Bücher des Neokatastrophisten Immanuel Velikovsky unter den Generalverdacht gestellt, eine »religiöse Splittergruppe« zu sein. Dieser Verdacht wird u. a. damit begründet, dass die Leser sich an ein »Kontaktzentrum« wenden können, dessen Ziel darin bestehe, »Anhänger (oder mit anderen Worten: Gläubige) zu rekrutieren«. Zufällig ist mir der Initiator dieses ›Rekrutierungszentrums‹ näher bekannt:

Als früherer Übersetzer von Velikovsky-Büchern ist er der wohl beste Velikovsky-Kenner im deutschsprachigen Raum. Für die missionarische Aufgabe, Anhänger zu »rekrutieren«, ist er aber völlig untauglich. Als äußerst scharfsinniger Analytiker, dem nichts außer dem Streit ›heilig‹ ist, ist es ihm in der Vergangenheit gelungen, fast jeden an Velikovsky Interessierten nachhaltig zu vergraulen. In dem er die Leute gegen sich aufbringt, erreicht er nämlich, was jeder Missionar mit allen Mitteln vermeidet: Er provoziert die Leute dazu, sich abzuwenden und sich ihre eigenen Gedanken zu machen!

Vor dem Hintergrund des albernen Generalverdachtes rät Wort und Wissen seiner eigenen Anhängerschaft, zu Velikovskys »verführerischen« Büchern auf Distanz zu gehen. Auf den Punkt gebracht: Hier warnen Rechtgläubige vor ›Falschgläubigen‹ – und dies hat immer, seien es nun die ignoranten Neodarwinisten, die vor Anhängern des Schöpfungsglauben oder die rechtgläubigen Schöpfungsgeschichtler, die vor Neodarwinisten oder Neokatastrophisten warnen, einen ziemlich faden Beigeschmack. Die fast ängstliche Aversion, mit der Schöpfungsgeschichtler auf Velikovsky reagieren, lässt sich damit erklären, dass er mit seinen naturalistisch-neokatastrophistischen Erklärungsmodellen, den Kurzzeitmodellen der Schöpfungsgeschichtler äußerst unangenehm in die Quere kommt.

   

 
   


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