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  Naturerbe
Jörg Haafke

»Scheinwelt Naturschutz: Eine Zweiklassen-Landschaft. Was hinter dem Schutzgebietsschild zum Schutz des Naturerbes strengstens verboten ist, soll unmittelbar davor unbedenklich sein!«

 
Unter Tränen Töten für den Artenschutz

Laut wissenschaftliche Expertise ist Taskan, der Vater der getöteten Tigerbabys, kein erbreiner Sibirischer Tiger
Laut wissenschaftliche Expertise ist Taskan, der Vater der getöteten Tigerbabys, kein erbreiner Sibirischer Tiger

In dem Beitrag »Cappuccino-Bären – ›Kinder des Klimawandels‹« hatte ich darüber berichtet, dass zwei Polar-Braunbärenmischlinge im Osnabrücker Zoo von einem peinlichen Betriebsunfall zu einem Symbol für den menschengemachten Klimawandel veredelt wurden und dass solche Mischlinge in Zoologischen Gärten nicht selten mit der Begründung den Artenschutzes zu gefährden, getötet werden.

Jetzt sind der Direktor des Magdeburger Zoos und drei seiner Mitarbeiter wegen eines Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz verwarnt worden, weil sie gemeinschaftlich drei kerngesunde Tigerbabys kurz nach ihrer Geburt getötet hatten. Die drei Jungtiere waren aus ihrer Sicht zur Zucht nicht geeignet, weil ihr Vater Taskan kein reinrassiger sibirischer Tiger sei und sie Platz für eine reinerbige Erhaltungszucht blockiert hätten.

Die Angeklagten betonten, sie hätten sich die Entscheidung nicht leicht gemacht, es seien Tränen geflossen. Der Richter räumte zwar ein, dass sich die Zooverantwortlichen in einem schwierigen Dilemma befunden hätten, bemängelte aber, sie hätten nicht ausreichend geprüft, ob die Jungtiere nicht in anderen Zoos hätten artgerecht untergebracht werden können. Es sei kein triftiger Grund, Leben zu töten, nur weil man denkt, da können Schwierigkeiten kommen.

Das pikante an der Geschichte ist, dass die Paarung nicht wie bei den Osnabrücker ›Cappuccino‹-Bären ein Betriebsunfall war, sondern vom Zoodirektor als Meisterleistung der Tierpfleger bezeichnet wurde. Die beiden Eltern der Tigerbabys seien auf Empfehlung des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) zusammengestellt worden. Der Kater Taskan stamme aus dem Tierpark Hagenbeck und die Katze Kolina aus dem Zoo Hannover.

Nach äußerst schwieriger zweijähriger Ein- und Zusammengewöhnungsphase sei es gelungen, beide erfolgreich zu paaren. Die Tigerin wurde im Januar 2008 trächtig. Im Februar erhielt die Zoodirektion vom zuständigen EEP-Koordinator die Nachricht, genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Vater nicht reinrassig ist, weil einer seiner Vorfahren ein Sumatra-Tiger sei. Von den ca. 260 registrierten Sibirischen Tigern seien 31 weitere von dieser Hiobsbotschaft betroffen.

Die Zucht reinerbiger Tiere, vor allem auch sehr seltener, hoch bedrohter Arten sei eine der obersten Ziele der internationalen Zoogemeinschaft. Mischlinge seien in jedem Fall zu vermeiden. Sie würden den eingeschränkten zur Verfügung stehenden Platz für die wichtige Erhaltungszucht blockieren und seien an verantwortliche Halter kaum zu vermitteln. Es sei keine Option, diese Tiere an Zirkusunternehmen oder sogar an undurchsichtige Tierhändler weiterzugeben.

Eine Abortinduktion bei der Tigerin wurde aufgrund möglicher Komplikationen ausgeschlossen, da diese unter Umständen eine weitere Zuchtunfähigkeit der genetisch wertvollen Katze zur Folge gehabt hätte. Von einer Kommission des Unternehmens (Direktor, Zootierarzt, Zooinspektor, Tierpfleger)sei aus diesen Gründen die Entscheidung getroffen, die Jungtiere unmittelbar nach der Geburt einzuschläfern und den nicht reinerbigen Kater zu kastrieren.

Anthropozentrische Ansätze und daraus resultierende vermenschlichte Betrachtungsweisen seien bei der Frage, ob Tiere einzuschläfern sind, in keiner Weise hilfreich. Die Entscheidung der Zooverantwortlichen befände sich im Einklang mit der ökologischen Ethik. Die betrachte nicht nur den Wert oder die Rechte von individuellen Lebewesen, sondern auch das Übergeordnete, das ökologische Gesamtgefüge, in welches jedes Leben von einander abhängend eingebunden sei.

Zu dieser Darstellung des Magdeburger Zoos ist einiges zu ergänzen und richtig zu stellen:

1) Zoos sind kommerzielle Unternehmen, die in der Regel von den Kommunen subventioniert werden. Es geht bei ihnen in erster Linie nicht um Arterhaltung oder Naturschutz, sondern darum, durch die Zurschaustellung attraktiver Tiere, Besucher anzulocken. Knuddelige Jungtiere gehören zu den zuverlässigsten Publikumsmagneten. Schon aus diesem Grund werden mehr Tierbabys produziert, als man eigentlich zur Nachzucht benötigt1). Wenn das Kindchenschema und tapsige Verhalten schwindet, schwindet auch die Aufmerksamkeit der Zoobesucher für die halbstarken Tierjugendlichen. Parallel steigt das Interesse des Zoos, sich überflüssiger Tiere zu entledigen.

2) Die Möglichkeiten, seriöse Abnehmer für Zoonachwuchs zu finden, sind begrenzt. Über dubiose Händler landen Zootiere nicht selten auf Schlachthöfen oder sogenannten Hunting-Farmen. Das Töten überzähliger Tiere mit Bolzenschussgerät oder Giftspritze gehört bei fortpflanzungsfreudigen Arten wie z. B. Huftieren, Löwen oder Bären zum normalen, allerdings oft verschwiegenen Zooalltag. Es gibt zwar verschiedene Formen der Empfängnisverhütung, die sind jedoch nicht immer erwünscht (siehe Pkt. 1) oder praktikabel und können sogar mit Risiken verbunden sein. Eine völlige Kinderlosigkeit kann z. B. bei langlebigen Arten zu Erkrankungen der reproduktiven Organe führen.

3) Die Erhaltungszuchtprogramme sind eine Reaktion auf den weitgehenden Zusammenbruch des Handels mit wilden Tieren in den 1980er Jahren. Sie dienten ursprünglich dazu, auch ohne die Blutauffrischung mit Wildfängen gesunde Populationen in Zoos zu erhalten. Die Arterhaltung bei bedrohten Wildpopulationen ist eher ein sekundäres Ziel, dessen Hervorhebung seit den 1990er Jahren mehr der Imagepflege (Zoo als Arche Noah oder Naturschutzzentrum) dient2). Gerade die Zuchtprogramme für Sumatra- oder Sibirische Tiger sind ein Beispiel dafür, denn bisher wurde noch kein Tiger aus europäischen Zoos ausgewildert. Und dies ist auch in Zukunft nicht absehbar, weil es mit kaum lösbaren Problemen verbunden ist.3)

4) Gemessen an ihrem Gesamttierbestand und an der Gesamtzahl der vom Aussterben bedrohten Arten werden Zoos nur sehr untergeordnet ihrem Anspruch gerecht, ein ökologisches Reservoir für bedrohte Arten zu sein. Eine Studie über den Beitrag der Zoologischen Gärten in der Schweiz zum Artenschutz kam zu dem ernüchternden Ergebnis, dass nur wenige Auswilderungsprojekte bestehen. Realistisch betrachtet, sind Zoos Freilichtmuseen für (seltene) Arten mit hohem Schauwert. Das Ziel reinrassige Tiger zu züchten, bildet da keine Ausnahme, weil die Teilnahme an Erhaltungszuchtprogramme gerade bei attraktiven Arten mehr eine prestigeträchtige Unternehmung als eine artenschützerische Notwendigkeit ist.4)

5) Der Kater Taskan galt bis zu dem Zeitpunkt als durch eine genetische Studie ein Makel in seiner Ahnentafel diagnostiziert wurde, aufgrund seines Zuchtbuches und seines äußeren Erscheinungsbildes als reinrassiger Sibirischer Tiger. Weder für das Publikum noch für Tigerexperten war zuvor erkennbar, dass irgendeiner seiner Ur- oder Ur-Urgroßväter ein Sumatratiger gewesen sein soll. Dabei unterscheiden sich diese beiden Unterarten deutlich voneinander: Der Sibirische Tiger ist der größte und am hellsten gefärbte Tiger, während der Sumatratiger der kleinste und dunkelste ist. Taskans Nachwuchs hätte daher dem von den Zooverbänden vielbemühten Leitbild, das Zootiere Botschafter für ihre wilden Verwandten in Dschungel oder Savanne sein sollen, vollauf genügt.5)

6) Der Tigernachwuchs war kein Betriebsunfall, sondern das erwünschte Produkt einer vom Magdeburger Zoo umgesetzten Empfehlung des Koordinators des Erhaltungszuchtprogramms für Sibirische Tiger. Sowohl die Zoodirektion als auch der Koordinator hatten daher eine besondere Verantwortung für den Nachwuchs. Als bekannt wurde, dass der Vater Taskan nicht reinerbig ist, sondern ein paar Prozent Sumatra-Tigerblut in sich trägt, hat sich die Zoodirektion dieser Verantwortung mit Einverständnis des Koordinator durch Tötung der neugeborenen Tiger entledigt. Da Tigerjunge erst nach zwei bis drei Jahren von der Mutter getrennt werden, wollte man auf diese Weise verhindern, dass die Anlage für diesen Zeitraum durch genetisch minderwertigen Nachwuchs blockiert würde.6)

7) Die Zoodirektion rechtfertigt die Tötung der Tigerbabys damit, dass sie sich im Einklang mit einer ökologischen Ethik befinde. Diese berücksichtige nicht nur die Rechte individueller Lebewesen, sondern auch das Übergeordnete, das ökologische Gesamtgefüge. Das ist natürlich völliger Unsinn, weil die Tiere in Zoos – wenn man den Begriff Ökologie nicht völlig sinnentleert verwendet – ja gar nicht in ökologische Gefüge eingebunden sind, sondern in isolierten Anlagen unter intensiver menschlicher Obhut zur Schau gestellt werden. Zudem ist der Begriff »ökologisches Gesamtgefüge« ein naturwissenschaftlich nicht ausweisbares holistisches Konstrukt. Solche inhaltsleeren Sinngebungskonstrukte werden immer dann bemüht, wenn es gilt, höchst eigennützige Entscheidungen als gemeinwohlverträglich zu legitimieren.

Der Hengdaohezi Siberian Tiger-Park
Der Hengdaohezi Siberian Tiger Park
In China gibt es etwa 5.000 in Gefangenschaft gezüchtete Tiger. Vergleicht man Chinas Arterhaltungsbemühungen für Sibirische Tiger mit denen in europäischen Zoos, dann wirken letztere vergleichsweise bescheiden. Allein in der weltgrößten Tigerzuchtanlage, dem »Hengdaohezi Feline Breeding Centre«, im Nordosten Chinas leben derzeit knapp 1.000 Sibirische Tiger, während in allen europäischen Zoos zusammen etwas mehr als 200 Exemplare gibt. Da in chinesischen Tigerfarmen ausreichend Großkatzen vorhanden sind und es sogar mehr oder weniger erfolgreiche Versuche gibt, Tiger auszuwildern, liefert das europäische Erhaltungszuchtprogramm keine überzeugende Begründung dafür, Tiger mit kleinen Makeln in der Ahnentafel auszumerzen.
Die chinesische Anlage gilt allerdings als umstritten, weil in ihr der Artenschutz auf allzu augenscheinliche Weise mit dem Kommerz verquickt ist, internationale Standards zur Vermeidung von Inzucht nicht eingehalten werden und weil immer wieder über Verstöße gegen den Tierschutz berichtet wird. So wird z. B. für zahlungskräftige Schaulustige ohne viel Umschweife ein Bulle als Lebendfutter ins Tigergehege getrieben. Der Handel mit Produkten aus Farm-Tigern für die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist zwar offiziell verboten, doch weil er so lukrativ ist, kaum zu unterbinden. Chinesische Fachleute vertreten die Auffassung, dass es besser ist, die Ressourcen der Farm- als der wildlebenden Tiger zu nutzen. Allein in den Kühlhäusern der Hengdaohezi-Farm sollen über 200 Tiger für eine spätere Vermarktung eingefroren sein.

8) Die Tötung von Hybriden hat nichts mit einer ökologischen Ethik zu tun, sondern sie ist das Ergebnis einer von Marketing-Überlegungen bestimmten speziellen europäischen Zooethik. Im konkreten Fall wurde der erhebliche Schauwert von drei tapsigen Tigerbabys mit dem Prestige abgewogen, möglichst schnell wieder am europäischen Erhaltungszuchtprogramm für Sibirische Tiger teilzunehmen. Als kürzlich im Leipziger Zoo drei Schneeleoparden geboren wurden, sprach der Direktor von einem »großen Schatz« und dies darf man ruhig monetär verstehen. Kein Wunder, dass bei der Tötung der Tigerbabys Tränen geflossen sind, denn in der Erwartung langfristiger Vorteile wurde ein erheblicher Schauwert vernichtet.8)

9) In diversen Stellungnahmen von Zooorganisationen wird betont, dass die Verantwortlichen des Magdeburger Zoos aus fachlicher Sicht keine andere Wahl hatten oder dass sie aufgrund von Gesetzen oder Richtlinien zur Tötung der Jungtiere verpflichtet gewesen wären. Das trifft nicht zu, denn das Europäische Erhaltungszuchtprogramm spricht nur Empfehlungen aus und kein Naturschutzgesetz und keine EU-Richtlinie zwingt Zoos dazu, hybriden Nachwuchs zu töten. Zudem können auch wissenschaftliche Studien irren. Es ist daher völlig unverhältnismäßig, dass aufgrund einer einzigen genetischen Untersuchung so weitreichende und endgültige Maßnahmen wie die Kastration des Katers und die Tötung von Jungtieren vorgenommen wurden.

10) Es ist kein Geheimnis, dass gerade bei spektakulären Arten wie Tigern, die Rassegesetze besonders streng angewendet werden, während bei anderen weniger populären Arten sich kaum ein Zoo für die Züchtung oder Haltung von reinerbigen Unterarten stark macht. Z. B. gibt es in deutschen Zoos eine relativ große Population eines aus diversen Unterarten bastardierten Einheits-Mähnenschafes, während die Unterarten in nordafrikanischen Freilandvorkommen zum Teil vom Aussterben bedroht sind. Kein Zoodirektor käme auf die Idee, deshalb den bastardierten Nachwuchs zu töten oder seine Pflicht, Artenschutz zu betreiben, vernachlässigt zu haben. Es ist höchste Zeit, dass dem Unterartenwahn bei spektakulären Zoo-Arten und seinen tödlichen Folgen einen Riegel vorzuschieben.

Resümee

Zoos sind kommerzielle Unternehmen mit artenschützerischen und umweltpädagogischen Ansprüchen, deren Handeln allerdings maßgeblich von finanziellen Zwängen bestimmt ist. Spektakuläre bedrohte Arten oder kuschelige Jungtiere, die als Publikumsmagneten dienen, haben für Zoos eine existenzielle Bedeutung. Um den ökologischen Schauwert der gefangenen Tiere zu erhöhen, werden sie zu Botschaftern ihrer wildlebenden Verwandten verklärt. Tatsächlich haben unter menschlicher Obhut lebende Zootiere mit ihren in freier Wildbahn Verwandten aber nur das Aussehen gemeinsam. Ihr umweltpädagogischer und artenschützerischer Wert sind eher dürftig. Das Erhaltungszuchtprogramm für Sibirische Tiger ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür. Bis heute wurde noch kein in europäischen Zoos gezüchtetes Exemplar ausgewildert und dies ist auch in Zukunft nicht absehbar. Trotzdem werden absurde Maßstäbe an ihre Erbreinheit angelegt und man scheut nicht davor zurück, gesunden mit genetischen Makeln behafteten Nachwuchs zu töten. Solche Formen von rassistischem Artenschutz sind auch einem dem Naturschutz aufgeschlossenen Publikum kaum mehr zu vermitteln. Konsequenten Artenschutz betreibt man nicht in umzäunten Gehegen, sondern den Lebensräumen von bedrohten Arten. Dazu bedarf es vieler Anstrengungen, allerdings keiner genetisch makellosen Botschafter in Zoos.

Anmerkungen

1) Um die Überproduktion zu rechtfertigen, wird häufig argumentiert, dass die Reproduktion für die Tiere zentral sei und Paarfindung, Brunftverhalten, Paarung, Aufzucht der Jungen, den Alltag der Tiere ausfüllt. Eine beliebige Argumentation, denn obwohl auch die Freiheit für Wildtiere zentral ist, werden sie in Zoos eingesperrt. Im übrigen können kastrierte Tiere ein sehr erfülltes Leben führen, wie viele Haustiere zeigen.

2) Die Betonung der Aufgabe des Artenschutzes soll zudem von der massiven Kritik an den aus tierschutzrelevanter Sicht vielfach nicht artgerechten Haltungsbedingungen der Zootiere ablenken.

3) Will man Tiger auswildern, müssen sie isoliert vom Menschen nur von ihren Eltern groß gezogen werden, in einem Gebiet mit ausreichend Platz und ausreichend Beute. Wenn man Tiger freilässt, die Menschen mit Nahrung verbinden, geht dies für beide Seiten unglücklich aus. Wenn Zoos also etwas für die Erhaltung von Sibirischen Tigern tun wollen, dann sollten sie in die Erhaltung und Schaffung von geeigneten Lebensräumen, statt in erbreine Tigerzuchten investieren.

4) Der Wunsch erbreine Tiger zu züchten, ist mit dem Bestreben eines Kunstmuseums vergleichbar, einen echten Rembrandt (und keinen, wo noch einer seiner Schüler drin rumgemalt hat) zu besitzen.

5) Der Betreiber des Tiererlebnisparks Memleben, der zwei nicht reinerbige Sibirische Tiger aus dem Erhaltungsprogramm des Leipziger Zoos aufgenommen hatte, betonte, für ihn seien die prächtigen Raubkatzen trotz der genetischen Schönheitsfehler Sibirische Tiger: »Sibirischer geht’s gar nicht!« Da die Tiere nicht ausgewildert, sondern wie in allen Zoos zur Schau gestellt werden sollen, eine völlig realistische Einstellung.

6) Der Mensch trägt für Tiere, die in seiner Obhut groß geworden sind, eine besondere Verantwortung. Wenn die Zoodirektion von ihrem prestigeträchtigen Ziel, erbreine Tiger zu züchten, partout nicht loslassen konnte, so wäre eine angemessene Lösung gewesen, die gesunden Jungen am Leben zu lassen und die Zeit der Aufzucht dafür zu nutzen, sich um ihre Unterbringung in anderen Tiergärten zu kümmern.

7) Wegen der großen (negativen) Publizität, die diese Entscheidung anlässlich der juristischen Ahndung erlangt hat, darf man vermuten, dass die Verantwortlichen sie wohl zwischenzeitlich bereuen oder doch zumindest heute anders treffen würden.

Literatur

dpa (2010): Zoodirektor für Tötung von Tigerbabys verwarnt. – In: FAZ.NET vom 17.06.2010

Guo, Jerry und Wilke, Thomas (2008): Tigerzucht um jeden Preis. – In: Bild der Wissenschaft, H. 1: 38-48

Lohse, Stephan (2010): »Keine andere Wahl«: Leipziger-Zuchtexperte verteidigt Tigertötung in Magdeburg. – In: LVZ.Online vom 18.06.2010

Luo, Shu-Jin et al. (2008): Subspecies Genetic Assignment of Worldwide Captive Tigers Increase Conservation Value of Captive Populations. – In: Current Biology 18: 592-596

Rüschemeyer, Georg (2008): Leben und sterben lassen im Zoo. – In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, Nr. 13: 61

Sommer, Reto (2005): Beitrag der wissenschaftlich geleiteten Schweizer Zoos zur Arterhaltung. – Bundesamt für Veterinärwesen. – Bern/CH

G.M., 12.07.2010


 

 

Tigerbabys

Im Magdeburger Zoo wurden drei putzmuntere Tigerbabys wegen eines Makels in der Ahnentafel kurz nach der Geburt eingeschläfert. Da Tigerbabys die ersten Tage blind sind, haben sie das Licht der Welt nie erblickt. Warum und ob es soweit kommen musste, wird in nebenstehenden Geschichte erzählt.

 
Was uns eine stinkende Müllkippe auf La Gomera über die persönlichen Wohlfühlideologien eines altlinken Umweltministers, resozialisierten Aussteigern und eines notorischen Querulanten lehrt:

Wer im Valle Gran Rey einen Wanderführer oder ein Reisemagazin zur Hand nimmt, um sich über eine durchaus anstrengende, aber dafür auch sehr idyllische Wanderung von La Calera über Arure und ggf. weiter nach Taguluche (oder auch umgekehrt) zu informieren, der kann schon mal – wenn er in Westeuropa und insbesondere Deutschland sozialisiert wurde – etwas irritiert sein, wenn er liest:

»In Arure angekommen, kann man eine schöne Pause beim Mirador ›el Santo‹ machen und den grandiosen Ausblick auf Taguluche bestaunen und diesen speichern bis man die Müllkippe hinter sich gelassen hat. Dann geht’s wieder wunderschön weiter, geschlängelt an großen roten mächtigen Felswänden vorbei zum offenen Plateau ›la Merica‹.«

»Wir entschließen uns weiter nach Arure zu wandern. Es geht nochmals 250 m aufwärts (sanft!). Leichter Nieselregen fällt, die Anoraks werden angezogen. Vorbei an Ziegenhöhle und Müllkippe erreichen wir die Bar Conchita in Arure. Uns wird Brot und Ziegenkäse serviert.«

»Zunächst fällt der Blick auf das tieferliegende Meer und die sattgrünen Felder um Taguluche. Sie passieren die Müllkippe von La Gomera und steigen dann über Steinstufen aufwärts zur Hochebene, die sie nach einer halben Stunde Gehzeit erreichen.«

Bereichsmüllkippe Valle Gran Rey 2005 Da gibt (oder genauer gesagt gab es) also eine Müllkippe im Valle Gran Rey, die so direkt an einem Wanderweg gelegen war, dass sie von keinem Reise- oder Wanderführer verschwiegen werden konnte. Diese Müllkippe war bis 2007 in Betrieb und machte den naturverbundenen Wanderer, da sie meistens brannte, schon aus weiter Entfernung auf sich aufmerksam. Interessanterweise haben die Autoren der Reise- und Wanderführer verschiedene Möglichkeiten entwickelt, mit diesem landschaftlich ungewöhnlichen Objekt umzugehen.
 

La Gomeras bekanntester Rebell der Guanchenhäuptling Hautacuperche
Wikipedia

Auch La Gomeras bekanntester Rebellenführer, der Guanchenhäuptling Hautacuperche, ist mehr eine touristische Attraktion denn eine Integrationsfigur. Gerüchten zu Folge stammt das Modell des zerbrochenen Kruges, den er in der rechten Hand trägt, von der ehemaligen Bereichsmüllkippe VGR in Arure.

 

Erstens, wir nutzen es zur besseren Orientierung (»vorbei an Ziegenhöhle und Müllkippe«). Auch ein kritischer Naturfreund wird einräumen müssen, dass der Unterschied zwischen einem in einer Vulkangesteinhöhle gebauten Ziegenstall und einer Müllkippe im Hinblick auf den erbärmlichen Gestank so groß nicht ist. Aber eine brennende Müllkippe ist zweifellos die eindeutigere und schon von weitem sichtbarere Wegmarke, denn stinkende Ziegen und Ziegenställe gibt es viele im Valle Gran Rey, eine zentrale Müllkippe dagegen nur einmal. Zweitens, wir ignorieren sie oder tun so, als wenn sie nicht da wäre. Laut Reiseführer funktioniert das wie folgt: An einem überwältigenden, vor der Müllkippe gelegenen Ausblick nehmen wir einen tiefen Schluck Landschaft zu uns. Wir versenken uns darin und wandern solange weiter, bis wir den Schandfleck hinter uns gelassen haben. Nach dieser Durststrecke holen wir tief Luft und saugen erneut einen wunderschönen Ausblick ins uns auf. Im Original liest sich das so: »Wir speichern den grandiosen Ausblick auf Taguluche bis man die Müllkippe hinter sich gelassen...«.

Ich sag’s gleich, die zweite Variante mag zwar für einen erholsamen Wanderurlaub der Königsweg sein, ist aber nicht mein Ding! Erstens habe ich eine gewisse, durchaus nicht immer vorteilhafte Neigung, die Dinge etwas zu realistisch zu betrachten. Schon als Kind konnte ich mich z. B. im Unterschied zu meinen Freunden nicht völlig ungebrochen in die Fernseh-Kultserie »Bonanza« versenken, wenn am nächsten Tag eine Klassenarbeit in einem Problemfach geschrieben wurde. Und zweitens war ich, als ich die Müllkippe kurz vor der Jahreswende 2001/2002 auf einer Wanderung zufällig entdeckte, in einem kommunalen Umweltamt beschäftigt und durfte mich schon seit Jahren mit der Umsetzung der ökologisch und ökonomisch absurden Standards der peniblen deutschen Abfallgesetzgebung herumschlagen1). Kurzum: Ich hielt – als ich die brennende Müllkippe entdeckte und später passierte – nicht die Luft an, sondern prustete laut vor Entrüstung über diesen Umweltfrevel. Der bestand nicht nur in einer wild-wüst-brennenden Müllkippe auf einer Insel, die zweifelsfrei zu einem Kernland der EU gehörte2), sondern auch darin, dass sie ins Meer entwässerte. Dies war unschwer an den ausgedehnten Schlieren auf der 800 m tiefer gelegenen Wasseroberfläche zu erkennen.

Wieder am Strand von La Playa angekommen, war meine Entrüstung schon in Empörung umgeschlagen und bedurfte dringend eines Gegenübers oder genauer gesagt Opfers, um sich Luft zu verschaffen. Nun heißt es zwar schuldig ist nicht der Verursacher, sondern der, den man erwischen kann – doch wie sollte ich auf einer Insel, die politisch zu Spanien, geographisch zu Afrika und neokolonial zu Deutschland gehört, jemanden auftreiben, den ich für diesen Umweltskandal verantwortlich machen konnte und der auch noch bereit war, meinen Ärger auf sich zu laden. Die Lage schien deprimierend und aussichtslos! Nicht immer in meinem Leben hatte das Schicksal es gut mit mir gemeint, aber diesmal schien es mir wohlgesonnen, denn das dringend benötigte Subjekt lief mir schon am nächsten Tag in Gestalt des damaligen grünen Bundesumweltministers Jürgen Trittin über den Weg. Der promenierte wie so viele Staatsbeamte, die es nach altlinker Vergangenheit zu einer gehobenen Position und einem regelmäßigen Einkommen gebracht hatten, lässig gekleidet und sichtlich entspannt am kultigen Strand von La Playa entlang. Noch konnte er nicht ahnen, dass da schon jemand in seiner unmittelbaren Nähe intensiv mit ersten Vorbereitungen für einen brieflichen Anschlag auf ihn beschäftigt war.

Ich war fest entschlossen, ihm den Aufenthalt in diesem altlinken Aussteigerparadies noch im Nachhinein zu vermiesen, zumal seine beiden durchaus imponierenden Bodygards weder von dieser Attacke ahnten, noch ihn davor schützen konnten. Ich fühlte mich wie Hans im Glück und dachte voller Freude: Das kann doch nicht wahr sein, Deutschlands oberster Hüter der Abfalltrennung, der Herr der Dosen und der aktuelle Cheforganisator der Sammlung von löffelreinen Yoghurt-Bechern in Gelben Säcken macht ausgerechnet dort Urlaub, wo der Müll unsortiert und brennend einen Barranco hinunter ins Meer gekippt wird. War das Rainer Zufall oder steckte vielleicht mehr dahinter? Erinnern wir uns: Den Grünen war es damals – obwohl sie bereits seit 1998 in der Regierung saßen – nicht gelungen, die Bürger der Bundesrepublik von ihrem konsumorientierten Lebensstil abzubringen und sie zum Konsumverzicht zu bekehren. Allerdings mussten die an ihrer gewohnten Lebensweise festhaltenden Bürger einen hohen Preis für ihre mangelnde Einsichtsfähigkeit bezahlen. Trittin hatte bekanntlich durchgesetzt, dass die Abfälle in Deutschland so aufwendig und teuer, wie sonst nirgendwo auf der Welt getrennt, entsorgt und auch vermieden werden mussten.

War Trittin also womöglich auf La Gomera, um seinen beachtlichen Teilerfolg im Kampf gegen den spätkapitalistischen Konsumterror in einem der letzten altlinken Hippie-Paradiese auf europäischen Boden auszukosten? Viele seiner altlinken Kumpanen hatten Ende der 1970er Jahre die Brocken hingeworfen und waren ins gomeranische Exil ausgewandert. Trittin dagegen hatte einen anderen Weg gewählt. Nunmehr im grünen Gewand hatte er den Marsch durch die Institutionen angetreten. Wollte er womöglich vor seinen Exil-Kumpanen damit strunzen, was er für Erfolge gegen den kapitalistischen Erzfeind erzielt hatte3). Wie dem auch sei, unser Bundesumweltminister war noch gar nicht außer Sichtweite, als der erste Entwurf eines geharnischten Protestschreibens an sein Berliner Büro in meiner Großhirnrinde schon darauf wartete, geschrieben und in den nächsten Postkasten geworfen zu werden. Wieder in der kalten Heimat angekommen, verzögerte sich das Projekt dann doch etwas. Daheim wehte einfach ein anderer Wind und der trug nur noch selten die Gerüche einer brennenden Müllkippe auf einer Insel des ewigen Frühlings in mein Bewusstsein.

So weit ich mich erinnere, bedurfte es der erneuten Novelle der Verpackungsverordnung oder auch einer anderen Abfallverordnung, mit der die deutsche Mülltrennung noch weiter perfektioniert werden sollte (und in der Folge die kommunale Arbeit noch schwieriger gemacht wurde), um wieder das Gesetz des Handelns (oder genauer gesagt des Nachtretens...) an mich zu reißen. Nur wenige Tage später schickte ich folgendes Schreiben in die Bundeshauptstadt:

 

Lippstadt, 12.02.02

Vorsintflutliche Abfallbeseitigung in Ihrem Urlaubsziel Valle Gran Rey auf La Gomera

Sehr geehrter Bundesumweltminister Trittin,

während meines Urlaubs auf La Gomera durfte ich zufällig erfahren, dass Sie einige Tage um die Jahreswende im Valle Gran Rey verbracht haben. Ich gratuliere Ihnen zu diesem faszinierend-verrückten Urlaubsziel!

Sollten Sie während Ihres Aufenthalts zufällig von La Calera nach Arure gewandert sein, dann ist Ihnen sicherlich auch die zentrale Müllkippe (Bereich VGR) aufgefallen, die schon von weitem an ihrer Rauchfahne zu erkennen ist und kurz vor Arure direkt am Wanderweg liegt. Am Ort des Geschehens angekommen, kann sich jeder Wanderer davon überzeugen, dass sämtlicher Müll unsortiert über eine Hangkante in ein riesiges Tal gekippt und angezündet wird. Ein Blick über die verrauchte Hangkante gleicht einem Blick in die Vorhölle. Dass das Tal mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar auch noch ins Meer entwässert, rundet den ›Skandal‹ ab!

Ich habe es bisher nicht für möglich gehalten, dass es im Euro-Europa bei all den vielen EU-Richtlinien noch solch krasse Differenzen bei der Abfallbeseitigung gibt. Hinzu kommt, dass das Mülltal, wenn es in Nordeuropa liegen würde, zweifelsfrei nach der EU-Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie als Naturschutzgebiet unter Schutz gestellt worden wäre.

Die ganze Angelegenheit hinterlässt den Eindruck, dass Süd- und Nordeuropa gemeinsam strenge Umweltrichtlinien verabschieden, die dann im Norden notfalls unter Androhung von Zwangsgeldern in Landesrecht umgesetzt werden, während die Richtlinien in den südlichen Staaten in den Schubladen verschwinden.

Als Bundesumweltminister fällt die Abfallbeseitigung in einem anderen EU-Staat zweifellos nicht in Ihre unmittelbare Zuständigkeit. Sie setzen sich aber dafür ein, dass Deutschland die Vorreiterrolle in Sachen ökologische Abfallbeseitigung einnimmt. Da kommt es nicht gut, wenn Sie offenbar nichtsahnend in einem EU-Mitgliedsland urlauben, das seinen Müll jenseits von allen Standards auf für die Umwelt bedrohliche Art und Weise entsorgt. Ich darf Sie daher bitten, zu den Gründen für die illegale Müllbeseitigung und zu meiner europapolitischen Bewertung der Angelegenheit Stellungnahme zu nehmen

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Georg Menting

Die Antwort des Ministers bzw. seiner persönlichen Referentin ließ nicht lange auf sich warten:

 

Berlin, 21.02.02  

 

Sehr geehrter Herr Menting,

Bundesminister Jürgen Trittin hat mich gebeten, Ihr Schreiben vom 12.02.2002 zu beantworten.

(...)

In der Sache haben Sie recht, dass gerade die Abfallbeseitigung in manchen EU-Mitgliedstaaten nicht den von der EU vorgegebenen Standards entspricht. Häufig mangelt es an einer konsequenten Umsetzung des geltenden Rechts, also im Vollzug und seiner Überwachung. Hier zu einer einheitlichen Rechtsanwendung zu kommen, ist Aufgabe der Europäischen Kommission, die hierin von der Bundesregierung unterstützt wird. Es liegt auch im deutschen Interesse, dass Standards einheitlich angewandt werden, um Umwelt-Dumping durch Entsorgung auf Billigdeponien zu vermeiden.

Mit freundlichen Grüßen

Lottermoser

Der Fisch hatte wie erwartet angebissen, aber das Ergebnis war für mich alles andere als befriedigend. Die persönliche Referentin des Ministers räumte zwar generös die Existenz von Missständen ein, zeigte aber überhaupt kein Interesse, im konkreten Fall nach den Ursachen dafür zu recherchieren. Vielmehr hatte sie aus Bequemlichkeit, oder um ihren Chef aus der Schusslinie zu ziehen, das Problem so verwässert, dass kein Zusammenhang mehr zwischen seinem Urlaubsort und dem schwelenden Umweltskandal erkennbar war. Kurz: Sie hatte Trittin genau dahin manövriert, wo ich ihn nicht haben wollte. Sie hätte sich denken können, dass es ihr mit solch einem, leicht durchschaubaren Manöver nicht gelingen würde, einem Querulanten, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Und so dachte ich bei mir: Wie, das soll jetzt alles gewesen sein? Hatten unsere grünen Umweltapostel nicht bei anderen Umweltskandalen vom Bürger erheblich mehr persönliches Engagement verlangt und z. B. für Malta die Parole ausgegeben: »Kein Urlaubsort, wo Vogelmord!«? Und das sollte jetzt, wenn es um unseren Bundesumweltminister und die Verseuchung diverser Umweltmedien durch eine brennende Müllkippe geht, plötzlich nicht mehr gelten? Kaum drei Tage später war mein nächstes Schreiben unterwegs:

 

 

 

Leckerer geräucherter Ziegenkäse
Christian Deyna

In jedem Reiseführer kann man nachlesen, dass man in der Conchita Bar in Arure, die bei Wanderern und Einheimischen sehr beliebt ist, leckeren Ziegenkäse essen kann. Wenn der mal früher nicht geräuchert war! Ich jedenfalls habe dort bei meiner ersten Einkehr, kurz nachdem ich die Müllkippe entdeckte, einen Riesenteller gekochten Thunfisch gegessen. Allerdings nicht aus Protest, sondern weil die Bedienung, als ich diverse deutsche, englische und spanische Vokabeln stammelnd, um die Speisekarte bat, schelmisch mit dem Finger auf sich zeigend, klarstellte: »La carta, c’est moi!« – oder so ähnlich... Und »bonito« und »thún« waren dann die einzigen Wörter, die ich in ihrer rasanten Aufzählung verstanden hatte.

 

Lippstadt, 24.02.02

Skandalöse Abfallbeseitigung in Ihrem Urlaubsziel Valle Gran Rey Bezug: Schreiben Ihrer persönlichen Referentin Dr. Lottermoser vom 21.02.02

Sehr geehrter Bundesumweltminister Trittin,

vielen Dank für die unverzügliche Beantwortung meiner Anfrage. Ich finde es erfreulich, dass Sie mir in der Sache voll zustimmen. Dies kann allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass wohl jedes zertifizierte deutsche Entsorgungsunternehmen beim Bekanntwerden eines solchen Missstandes mehr Initiative ergriffen hätte als Sie in der Stellungnahme Ihrer persönlichen Referentin erkennen lassen.

Von einem grünen Bundesumweltminister, der meines Wissens sogar festen Willens ist, die in Europa jetzt schon unübertroffen hohen Umweltstandards der deutschen Abfallwirtschaft noch weiter zu verschärfen, hätte ich schon etwas mehr Engagement bezüglich des Ihnen von mir geschilderten Umweltskandals erwartet. Da reicht mir ein etwas resignierend wirkender Hinweis auf die Zuständigkeit der Brüssler Bürokratie und gemeinsame europäische Interessen bei weitem nicht aus.

(...) Bin ich womöglich noch daran schuld, dass man von einem grünen Politiker etwas mehr Authentizität als von den Politikern anderer Parteien erwartet? Und hängt dies nicht ursächlich mit den idealistischen Programmen der Grünen zusammen, die so wenig zu einer fragmentierten Welt passen wollen, in der das Schöne (Urlaub im Valle Gran Rey) nicht mehr automatisch auch das Gute (Müllbeseitigung in Valle Gran Rey) ist?

Diese etwas nachdenklichen Fragen sollen Sie nicht davon abhalten, aus der idealistischen Erblast Ihrer grünen Partei das Vernünftigste zu machen, was man im praktischen Leben daraus machen kann, nämlich gezieltes Engagement. Ich bitte daher um Mitteilung, wie Sie in Sachen Beseitigung dieses Umweltskandals weiter vorgehen wollen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Georg Menting

Diesmal kam die Antwort des Ministers nicht umgehend, sondern ließ auf sich warten. Kein schlechtes Zeichen, dachte ich, sicherlich hat er sich – weil ich auf die parteiideologische Bedeutung der Angelegenheit aufmerksam gemacht hatte – jetzt persönlich eingeschaltet und seine Mitarbeiter angewiesen, bei der EU in Brüssel Informationen zu dem Skandal einzuholen. Trittin musste ja befürchten, dass ich die Geschichte – wenn es ihm oder seinen Mitarbeitern, nicht gelänge, mein Mütchen zu kühlen – an ein politisches Magazin weiterleite. Die publizieren solche bösartigen Anekdoten nur zu gerne, weil ihre Leser einen Gefallen daran finden, wenn einem, von ›denen da oben, die uns ja doch nur verarschen‹, der Spiegel vor die Nase gehalten wird. In diesem Fall einem Minister, der ein ganzes Volk dazu verdonnert hatte, den anfallenden Müll auf pedantische Weise zu trennen. Und tatsächlich knapp einen Monat später erreichte mich folgendes Schreiben, diesmal sogar auf dem persönlichen Bundestags-Briefkopf des Ministers:

 

 

Christian Deyna

Der mit Zivilisationsabfällen zugemüllte Barranco in Arure: Auf La Gomera durfte man noch bis vor wenigen Jahren weitestgehend unbehelligt von lästigen Sortierpflichten der alternativen Konsum- und Wegwerfgesellschaft frönen. Dem grünen Herzen unseres damaligen Bundesumweltminister Trittin schien dies kein hinreichender Anlass für einen Aufschrei zu sein.

 

 

Berlin, 19.03.02  

 

Sehr geehrter Herr Menting,

vielen Dank für Ihr Schreiben, auch im Namen von Herrn Trittin [hört, hört...,G.M.]. Leider konnten wir Ihr Schreiben nicht früher beantworten.

Natürlich handelt es sich bei der Müllkippe bei Arure um einen Mißstand, der zum Glück auch in Südeuropa eine Ausnahme darstellt. Auf Gomera gibt es eine jahrelange Auseinandersetzung um diese Müllkippe. Die Verwaltung möchte eine Müllverbrennungsanlage bauen – evtl. auf der Nachbarinsel Hierro, hiergegen wehren sich zahlreiche Gruppen, gerade auch aus dem Bereich der Umweltschützer

Auch in Spanien gelten die entsprechenden EU-Richtlinien, daher muss auch auf Gomera eine Lösung bis spätestens 2005 gefunden werden.

Mit freundlichen Grüßen

Olaf Denter

Nun hatte ich also ein Schreiben, das den Namen Antwort verdiente, und konnte relativ sicher sein, dass sich Trittin der Sache persönlich angenommen hatte. Die Antwort war zwar nicht lang, enthielt aber dafür einige brauchbare – wenn auch, wie sich später herausstellte, nicht unbedingt aktuelle – Informationen zu dem Umweltskandal. Ärgerlich allerdings der Versuch, die Geschichte auf gesamteuropäischer Ebene als wenig bedeutsam darzustellen. Trittins Behauptung, dass es sich bei der Müllkippe in Arure um einen Missstand handeln würde, der auch in Europa eine Ausnahme darstellt, war entweder eine grüne Wirklichkeitsbeschwörung oder glatt gelogen. Wer schon mal in Südeuropa Urlaub gemacht hat, weiß, dass dieser Missstand vielleicht krass, aber alles andere als eine Ausnahme ist4). Positiv dagegen das Eingeständnis des Ministers, dass es gerade die Umweltschützer sind, die hier einen sinnvollen Umweltschutz verhindern. Dies hätte ihn der Einsicht näher bringen können, dass sich auch hinter sogenannten Umweltkonflikten keine, wie von den Grünen oft vermutet wird, erst seit der Industrialisierung heraufbeschworene Mensch-Naturprobleme, sondern ganz banale Interessen- und Flächennutzungskonflikte verbergen.

Damit hätte die Geschichte eigentlich zu Ende sein können, wenn ich nicht Teile des Schriftverkehrs an das nach eigener Darstellung völlig beknackte internationale Inselmagazin »Der Valle-Bote« geschickt hätte – und zwar mit der Bitte, zu prüfen, ob sie ihn in ihrem von mir hochgeschätzten Magazin veröffentlichen wollen. Will man einer Angelegenheit den notwendigen Nachdruck verleihen, tut man bekanntlich gut daran, ›immer schön zu streuen‹. Nun zeigte die Redaktion des Valle-Boten aber nicht die geringste Lust, sich der Sache in irgendeiner für mich erkennbare Weise anzunehmen. Vielleicht dachten sie: Ist ja schließlich unser Müll, den wir auf der Bereichsmüllkippe in Arure in den Barranco kippen, oder: Lass den mal, der Heißsporn hat die Hitze hier nicht vertragen und kühlt sich in der kalten Heimat schon wieder ab. Vielleicht dachten sie auch gar nichts, denn wozu lebten sie schließlich in einem abgelegenen Aussteigerparadies?! Wie dem auch sei, ich fühlte mich in meinem Elan etwas ausgebremst, hatte aber den Eindruck, dass noch Zunder in der Geschichte ist. Und so schrieb ich am 22.03.02 folgende provozierende Mail an die Redaktion des Valle-Boten:

Müder Haufen

Schon aufgestanden Ihr schläfrigen Redakteure des Valle Boten?

Zunächst zur Sache: Bundesumweltminister Trittin hat mich zwischenzeitlich darüber informiert, dass es sich bei der Müllkippe bei Arure um einen Missstand handelt, der auch in Europa eine Ausnahme darstellt.(...)

Nun zu Euch: Ich vermute, dass Euch die eine oder andere Information, die ich erst auf Nachfrage aus dem Bundeshaus herauspressen konnte, bereits bekannt war bzw. trotz Eures schläfrigen Desinteresses nicht entgangen ist. Da frage ich mich natürlich, warum ich von Euch bisher nicht einmal eine schmale Reaktion, mit dem ein oder anderen Hinweis in der Angelegenheit bekommen habe? Wie dem auch sei, in La Gomera scheinen die Uhren langsamer zu gehen bis stehen zu bleiben, was ja unbestritten auch gewisse Vorzüge hat.

Es war übrigens nicht meine Absicht, die lethargische Redaktion des Valle Boten wachzurütteln, sondern nur, dem Bundesumweltminister auf den Zahn zu fühlen; also schlaft schön weiter in Eurem von EU-Normen bedrohten Biosphärenreservat!

Georg Menting

Auch auf diese Mail bekam ich keine Antwort und so ging ich davon aus, dass die schläfrigen Redakteure des Valle-Boten trotz meiner provozierenden Bemerkungen nicht beabsichtigten, aus der Deckung zu kommen. Und so wäre die Geschichte dann endgültig im Sande verlaufen, wenn da nicht ein werter Arbeitskollege aus seinem La Gomera-Urlaub die Ausgabe Nº 36 des Valle-Boten mitgebracht hätte. Darin war er zufällig auf den Abdruck meiner frechen Mail samt einer gepfefferten Antwort der Redaktion aufmerksam geworden. Eine Kopie der entsprechenden Seite wurde mir zu meiner völligen Verblüffung anlässlich eines Geburtstagskaffees im August 2002 von meinen Kollegen mit einem freundlichen Grinsen überreicht. Was soll ich sagen? Natürlich fühlte ich mich etwas gebauchpinselt, dass es mir gelungen war, nicht nur unseren damaligen Bundesumweltminister, sondern auch ein internationales Inselmagazin aus der Reserve zu locken Aber wirklich schön war das nicht, worin mir jeder zustimmen wird, der den folgenden Text liest:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

»Erscheinungsweise je nach Bock und Wetterlage!«

Über das auch »Zentralorgan der Deutsch-Gomerianer« genannte internationale Inselmagazin »Der Valle-Bote« liest man nur das Beste: »Mal ironisch, mal zynisch, mal kritisch, mal philosophisch, mal links, mal liberal, mal abgedreht, mal zornig, mal alles zusammen liefert er den hungrigen Gehirnen seiner Leserschaft unkonventionell aufbereitete Nahrung. Aber eins ist der Valle-Bote nie: neutral, angepasst oder langweilig. Deswegen gibt es dem Kultblatt gegenüber nur zwei Positionen: Man liebt den Valle-Boten abgöttisch oder kann damit nichts anfangen.« Tatsächlich übt er sich bei wirklichen Problemfragen auch schon mal gerne in der für Aussteigerinseln typischen Zurückhaltung. Schließlich will man da ja überwintern und kann es sich nicht mit allen verderben.

 

Schlafmüll

Leser Georg Menting macht uns Dampf

Guten Morgen, Du voll ausgeschlafener Georg Menting Du.

Sag mal, ist das Thema ›Müllverbrennungsanlagen‹ bei Euch immer noch aktuell? Müssen all die Trienekens und Schmitt-Tegges, die Reimers von der ABB, die Lentjes, die Pentags in Cham oder die Söhndeis in Böblingen jetzt schon die Fühler bis hier herunter zu den unscheinbaren Inseln vor der westafrikanischen Küste ausstrecken? Denn man tau! Allein auf Mallorca soll der Reimers ja bereits für die, von der Firma Babcock dort gebaute Müllverbrennungsanlage in Palma de Mallorca 1,28 Millionen Schweizer Franken an Schmiergeldern kassiert haben. Hört sich richtig gut an, schick uns doch mal die Typen ins Valle. Vielleicht können wir mit dem dann Halbe-Halbe machen. Oder hat der Hellmut Trinekens, nachdem sie ihn in Köln ja jetzt recht unangenehm an die Eier fassen, Interesse? Wir würden ihn – gegen entsprechendes Schmiergeld versteht sich – gern mal mit unseren zuständigen Politikern bekannt machen.

Vielleicht könnten wir unserer armen Insel auch den Charme einer 250-Millionen-Euro Müllverbrennungsanlage unter Palmen dadurch ersparen, dass wir – wie die cleveren Neapolitaner beispielsweise – unseren Müll einfach per Lufthansa ins schöne Rheinland schicken und so dazu beitragen, dass Eure Fluggesellschaften und Verbrennungsöfen endlich mal wieder richtig rentabel werden.*

Hier sind die Jungs bereits feste dabei, eine Müllverbrennungsanlage für ganz Gomera in der Nähe unserer Inselhauptstadt zu bauen. Das wird eine prima Angelegenheit, weil dann alle Müllwagen der ganzen Insel pausenlos zu dieser Anlage pendeln. Von Valle Gran Rey aus drei Stunden hin – drei Stunden zurück. Da brauchen wir dann mindestens fünf Müllkutschen, die 24 Stunden am Tag auf Achse sind, weil sonst in der Hochsaison zum Beispiel unsere Müllcontainer überlaufen und die Sonne für einen wirklich atmosphärischen Bio-Urlaub sorgt. Und wenn dann auch noch die tollen Müllautos aller anderen Inselgemeinden pausenlos unterwegs sind, dann macht es garantiert echt Spaß, als Tourist mit einem Mietwagen über die Insel zu fahren, um Land und Leute kennen zu lernen.

Du siehst, mein lieber Georg, ausgeschlafen sein allein reicht nicht. Wir schläfrigen Bananenesser in unserem Biosphärenreservat räkeln uns also lieber weiter in der Hängematte und träumen von den begeisterten Archäologen, die hier in 10 oder 20.000 Jahren mit Pinselchen und Löffelchen ganz tolle Fundstücke für die Wissenschaft ans Licht befördern werden.

Der Valle-Bote

 

 

 

 

 

 

* Da mag man zustimmend hinzufügen, dass Mülltransporte durch die Luft auch den La Gomera-eigenen Aeropuerto bei Playa Santiago erstmalig in schwarze Zahlen bringen könnten. Diese mit EU-Millionen gebaute höchstmoderne Subventionsruine mutet – nach einer hübschen Formulierung – wie ein ›gestrandeter Flugzeugträger‹ an. Er verfügt nur über ein Drittel der Passagierzahlen, die notwendig sind, um rentabel zu sein. Ein nicht geringer Teil des Flugverkehrs soll nur durchgeführt werden, damit die EU-Millionen nicht zurückgezahlt werden müssen. Da hätte es sich doch geradezu angeboten, die Flüge zum Abtransport von Müll zu nutzen.

 

Was lernen wir aus dieser Geschichte?

Erstens, dass Müllverbrennungsanlagen aus der Sicht von resozialisierten, d. h. zwischenzeitlich einer geregelten Beschäftigung nachgehenden und halbwegs zivilisiert lebenden Aussteigern einfach scheiße sind. Sie sind dazu geeignet, dass labile soziale Klima in einem sowieso schon durch Kommerzialisierung bedrohten Aussteigerreservat5), noch weiter zu gefährden, weil sie Korruption, Profitgier und verstopfte Touristen-Straßen6) nach sich ziehen. Hinzu kommt, dass Müllverbrennungsanlagen gegenüber einer wilden Müllkippe, die für Kinder ein Abenteuerspielplatz sind und auf der Ziegen nach Nahrhaftem suchen können, null Charme haben. Kurz: Das Valle Gran Rey (Tal des großen Königs) hat seinen Bewohnern, bisher Heimat, Auskommen und Identität gegeben. Für sie ist es daher am besten, wenn alles so bleibt, wie es ist: Der Müll wird vor der Haustür abgeholt, zu einer etwas abgelegenen Barranco-Kante gekarrt und in freier unberührter (also zumindest nicht von einer Müllverbrennungsanlage verschandelter) Natur verbrannt. Das hat Niveau und Charme und verspricht sogar Kultur für zukünftige Generationen von Archäologen! Ohne Frage sind die Vorbehalte gegen Müllverbrennungsanlagen völlig irrational, zumal die selben Leute andere technische Spitzenprodukte der modernen Zivilisation, wie z. B. hypermoderne Fähren oder Flugzeuge ohne Bauchschmerzen nutzen und sich nur darüber aufregen, wenn sie unpünktlich sind.

Zweitens, unser grüner und nach eigenem Bekenntnis im Grunde seines Herzens immer noch altlinker ehemaliger Bundesumweltminister verfolgte mit seinen Initiativen zur perfektionierten Abfalltrennung und -verwertung nicht nur das Ziel, die Welt vor vermeintlichen Müllbergen zu retten, sondern auch die Bürger der Bundesrepublik durch die Installation zeitraubender und kostenintensiver Trennsysteme dafür zu bestrafen, dass sie der Konsum- und Wegwerfgesellschaft nicht den Rücken zugekehrt haben. So erklärt sich zwanglos, dass es Trittins grüne Identität nicht übermäßig irritierte, als er darauf aufmerksam gemacht wurde, dass sein Urlaubsort zwar eine altlinke Idylle sein mag, aber eben eine, wo der Müll unsortiert in einen Barranco gekippt und abgefackelt wird. Laut einem Spiegel-Bericht (32/1997) wurde in Deutschland gesammelter Verpackungsmüll sogar im großen Stil in das wirtschaftlich marode Nordkorea exportiert7). Nicht auszuschließen, dass dort Kim Jong-il-Büsten für das unterdrückte Volk daraus hergestellt wurden. Haben wir tüchtigen Abfalltrenner mit dem Sammeln von Yoghurtbechern womöglich sogar noch eine kommunistische Diktatur unterstützt? Auch wenn Trittin immer noch altlinken Ideen nachhängt, kann ich mir nicht vorstellen, dass er das gewollt hat.

Drittens, Querulanten sind nervige Zeitgenossen, die Zusammenhänge zwischen Ereignissen sehen oder auch konstruieren, zwischen denen aus der Sicht ihrer Opfer nur ein sehr lockerer oder überhaupt kein Zusammenhang besteht. So wäre unser ehemaliger Bundesumweltminister wohl nie von selbst auf die Idee gekommen, den von ihm zu seinem und zum Wohle der Umwelt veranlassten absurden Sortierwahn in deutschen Haushalten, vor dem Hintergrund der anachronistischen und wirklich die Umwelt gefährdenden Zustände auf einer Müllkippe in seinem spanischen Urlaubsexil zu beleuchten. Eine weitergehende Analyse der Querulanten-Psyche überlasse ich den geneigten Lesern. Sollte es jemand in den Fingern jucken, liegt hier genügend auswertbares Material dafür vor.

Einige abschließende Bemerkungen zum aktuellen Stand der Müllentsorgung im Valle Gran Rey:

Der Umweltskandal »Müllkippe Arure« ist heute keiner oder doch zu mindestens kein akut brennender mehr, weil 2007 in der Nähe der Inselhauptstadt San Sebastian eine Müllverbrennungsanlage in Betrieb genommen wurde. Erinnern wir uns aber daran, dass Trittin in seinem Schreiben von 2002 als spätesten Termin, bis zu dem eine Lösung gefunden werden musste, 2005 genannt hatte. Eine ziemlich naive Terminierung, die zeigt, dass Trittin weder eine realistische Vorstellung vom Schlendrian in Europas Süden, noch davon hatte, wie gemächlich die Mühlen der Brüssler Bürokratie mahlen, wenn sie gegen einen vertragsbrüchigen Mitgliedsstaat vorgehen müssen.

Auf meinem letzten, nicht ganz freiwilligen Bustransfer8) von San Sebastian ins Valle Gran Rey ist mir nicht aufgefallen, dass der Charme der Insel – wie von der Redaktion des Valle-Boten befürchtet – durch die Anlage gelitten hat. Im Internet ist kaum etwas, auch nichts Negatives über die Anlage zu finden. Ob Schmiergelder bei deren Bau geflossen sind, ist mir nicht bekannt und auch wenig von belang. Ziemlich sicher dagegen ist, dass wohl wieder reichlich EU-Gelder geflossen sind. Entgegen den Befürchtungen des Valle-Boten ist daher zu hoffen, dass mit der Anlage ordentlich Profit gemacht wird, damit sie nicht wie so vieles in Europa am Tropf der EU, also vor allem des deutschen Steuerzahlers hängt.

Obwohl ich zur Hochsaison auf der Insel war, ist mir im Valle Gran Rey kein Verkehrschaos und schon gar kein durch Mülltransporte verursachtes aufgefallen. Vernünftigerweise wird der Müll in den späten, um nicht zu sagen frühen Nachtstunden abgeholt, wodurch Abfalltransporte und Tourismusverkehr einander geschickt ausweichen. Als unerwünschte Nebenwirkung (zumindest aus touristischer Sicht) führt dies im Bereich von Gastronomieschwerpunkten schon mal zu erheblichen Lärmbelästigungen in den nächtlichen Abendstunden. Den Wirten selbst scheint dies egal zu sein, denn die kippen ihre leeren Weinflaschen auch noch zu Schlafenszeiten laut klirrend in die Sammelbehälter.

Der Stein des Anstoßes, die Müllkippe in Arure, ist immer noch gut erkennbar, scheint aber tatsächlich für Müllanlieferungen gesperrt zu sein. Erfreulich auch, dass ich bei meiner diesjährigen Wanderung keine Drecksfahne auf der Meeresoberfläche beobachten konnte. Doch der Eindruck mag täuschen, denn die Müllkippe ist nur stillgelegt und nicht saniert worden. Dem verwahrlosten Anschein nach wird sie von den Umweltbehörden nicht einmal überwacht. Nach Starkregenfällen ist zu erwarten, dass sie den in ihr schlummernden reichhaltigen Giftcocktail wohl weiterhin ungefiltert ins schöne blaue Meer entlässt. Ein schwärendes Problem, über dessen Lösung man vielleicht in zehn Jahren – die Bereitstellung weiterer EU-Millionen vorausgesetzt – ernsthafter nachdenken wird.

Anmerkungen:

1) Die Sammlung und stoffliche Verwertung von Plastikverpackungen im Gelben Sack ist eine ökologische und ökonomische Katastrophe, die geeignet ist, auch eine robuste Volkswirtschaft nachhaltig zu schädigen. Sie rechnet sich nur, weil sie vom Dualen System über Lizenzgebühren subventioniert wird, die von den lizenzpflichtigen Unternehmen wiederum über den »Grünen Punkt« (also den Verbraucher) refinanziert werden. Rund 93 % allen geförderten Öls wird in Heizungen und Autos verbrannt, ausgerechnet die restlichen 7%, aus denen Produkte wie Verpackungen hergestellt werden, sollen mit höchstem Energie-, Zeit- und Kostenaufwand recycelt statt ebenfalls verbrannt zu werden. Ca. 50 % des in Gelben Säcken aufwendig gesammelten (und womöglich auch noch gereinigten) Verpackungsmülls wird schon an den Sortierbändern aussortiert und zu sogenanntem Gewerbemüll umdeklariert. Dieser Gewerbemüll (der allerdings nicht nur aus Verpackungen, sondern auch aus Fehlwürfen besteht) wird anschließend wieder mit dem normalen Müll vermischt und energetisch verwertet. Merke: Getrennt sammeln, gemeinsam verbrennen! Der zur Wiederverwertung aussortierte Teil der Leichtfraktion wird im In- und Ausland je nach Verpackungsart mal mehr und mal weniger umweltgerecht, aber in fast jedem Fall nicht marktwirtschaftlich (also subventioniert) recycelt. Ein großer Teil des aussortierten PET-Verpackungsmülls wird z. B. in Containerschiffen in den ostasiatischen Wirtschaftsraum vor allem nach China (das für seine niedrigen Umweltstandards bekannt ist) exportiert, um dort stofflich verwertet zu werden.

2) Um die Abgeschiedenheit und Fremdartigkeit des ›deutschen‹ Aussteigerparadieses zu betonen, wird gerne darauf hingewiesen, dass La Gomera geographisch zu Afrika gehört. Das Inselmagazin »Der Valle-Bote« bezeichnet die Insel ironisch als ›Deutsch-Südwest‹ oder letzte deutsche Kolonie in Afrika. Die Realität ist eine andere: Am 01.01.2002 wurde auch in La Gomera der Euro eingeführt. Dies machte mir unzweifelhaft klar, dass die Insel zum europäischen Wirtschaftsraum, ja sogar zum privilegierten Kern der Euro-Länder gehört und eine wild-wüste brennende Müllkippe daher nicht als ortsüblich hingenommen werden kann.

3) Zum Beispiel sah sich die Europäische Kommission noch in 2003 gezwungen, gegen Griechenland und Spanien diverse »Vertragsverletzungsverfahren wegen Nichterfüllung der gemeinschaftlichen Vorschriften über die Allgemeine Abfallbewirtschaftung, gefährliche Abfälle und Abfalldeponien« einzuleiten. Auf La Gomera war davon übrigens nicht die Müllkippe in Arure, sondern die in einem Naturschutzgebiet liegende rechtswidrige Deponie »Punta Avalos« betroffen, auf der damals die Siedlungs- und Sonderabfälle der Inselhauptstadt San Sebastian entsorgt wurden.

4) Trittin ist regelmäßiger Gast auf La Gomera. Selbst der Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder hatte Trittin schon einmal zufällig bei dessen Anreise nach Gomera am Flughafen von Teneriffa getroffen. Da die Grünen 1998 im Wahlkampf damit punkten wollten, jedes Flugticket mit dem Aufdruck »Flugreisen belasten die Umwelt« zu versehen, bemerkte Schröder süffisant, dass der »aber nicht mit dem Fahrrad« unterwegs war. Wohl um sich vor solchen Anwürfen zu schützen, rechnet Trittin seine Flugreisen zwischenzeitlich über atmosfair ab. Diese Initiative finanziert mit Spendengeldern Projekte, in denen die bei Flugreisen entstandenen CO2-Emissionen an anderer Stelle wieder eingespart werden sollen (u. a. durch Solarküchen in Indien oder Biogasanlagen in Thailand). Da möchte man hinzufügen: Schon wieder dieser ekelhafte Ablasshandel in Zusammenhang mit diesen Ökosünden!

5) Der Versuch der deutschen Gomera-Exilanten, sich aus dem Rest der Welt auszuklinken, gilt schon längst als gescheitert. Der Redakteur Tomas Niederberghaus (2005) hat dies im Artikel »Die Stiefkinder der Sonne« auf den Punkt gebracht: »Die einträchtige Kommune ist in touristische Parallelgesellschaften zersplittert. Die Fraktion der Mountainbiker hat nichts zu tun mit den Lesben, die im Tambara Café mit wenig entspannten Gesichtern aufs Meer starren. Die Lesben wiederum meiden den Kontakt zu den werdenden Müttern, die schon morgens um sieben in Gruppen am Strand joggen (...) Die werdenden Mütter gehen schließlich den wandernden Rentnern aus dem Weg. Und die Rentner pflegen selbstredend keinen Umgang mit den aus der Zeit gefallenen Freaks. Allen gemein ist nur die deutsche Sprache.« Und dass sie alle ins älteste Internetcafé am Ort, dem »Bar Internet« in La Playa, gehen und gelegentlich den Valle-Boten lesen, könnte man ergänzen.

6) Um die Mobilität von Touristen sorgt man sich nur deshalb, weil sie die einzige zuverlässige Einkommensquelle der Althippies sind, die schon lange nicht mehr von Bananen allein leben können und wollen.

7) Der international erfahrene Redakteur Bernhard Ziesemer bemerkte 1998 in der Wirtschaftswoche: »Das ganze duale System erinnert ein wenig an die gerade gescheiterte Vetternwirtschaft in Indonesien: Der Staat sorgt durch immer neue Verordnungen dafür, daß private Monopole gut verdienen, die ihrerseits aufs engste mit Politikern verbandelt sind.«

8) Dieser Transfer war wie so vieles auf meiner Hin- und Rückreise nicht eingeplant. Der Motor der Benchi Express-Schnellfähre, die mich eigentlich von Los Cristianos direkt ins Valle Gran Rey befördern sollte, war schon auf der Fahrt zum ersten Zwischenstopp in San Sebastian in die Knie gegangen. Die geschäftstüchtige Reederei Fred Olsen hatte für den alternativen Transfer ins Valle Gran Rey einen kostengünstigen Doppeldeckerbus gechartert. Dass die Fahrt über die schmale Höhenstraße gelang, lag wesentlich am Busfahrer, der in den unzähligen Serpentinen hinauf zum zentralen Hochplateau und wieder hinab, trotz der teilweise tief auf die Straße herunterhängenden Baumkronen des Lorbeerwaldes und selbst bei schwerem LKW-Gegenverkehr nie die Kontrolle über den sperrigen Bus verlor. Ein von der Überfahrt genervter Mitfahrer bemerkte ironisch, dass der Busfahrer seltsamerweise gerade auf den schnurgeraden Teilstücken arge Problem gehabt hätte, den Bus in der Spur zu halten! Im Valle Gran Rey angekommen, wurde mir verschiedentlich versichert, dass dies wohl die Erstüberquerung der Insel mit einem solchem Bus gewesen sei. Auch diesmal sagen wir: Danke Fred Olsen!

Literatur

Anonym (1997): No problem – Nordkorea will deutsche Plastikabfälle übernehmen. – In: DER SPIEGEL 32

Bröckers Mathias (1992): Die Reinkarnation des Mülls. – In: Zeitmagazin vom 06.11.1992, S. 78

Niederberghaus, Tomas (2005) : Die Stiefkinder der Sonne – Deutsche Aussteiger haben den Tourismus nach La Gomera gebracht. Nun macht er ihnen das Lebens schwer. – In: DIE ZEIT vom 19.05.2005

Wintermann, Jürgen (1992): Wachsende ökonomische und ökologische Selbstblockade. – In: Energiewirtschaftliche Tagesfragen 42/10

Ziesemer, Bernd (1998): Volk der Sammler und Sortierer – Über das Milliardengeschäft mit dem deutschen Müllwahn. – In: Wirtschaftswoche 49 vom 26.11.1998

G.M., 28.02.2010


 

Christian Deyna

Ein bisschen Qualm muss sein, dann ist die Welt voll Sonnenschein‹: Brennende Bereichsmüllkippe im Aussteigerparadies Valle Gran Rey (2005): Da kann man gut verstehen, warum der Valle-Bote »der armen Insel den Charme einer 250-Millionen-Euro Müllverbrennungsanlage unter Palmen« möglichst lange ersparen wollte.

 
Die Stunde der Gartenvögel oder das Vermächtnis der Kohlemeise

Kohlemeise

Auch in diesem Jahr hat der Naturschutzbund (NABU) wieder die »Stunde der Gartenvögel« veranstaltet. In NRW reichten fast 5.000 Vogelfreunde ihre Beobachtungen ein. Ergebnis: Mit über 15.000 Beobachtungen verteidigte die Amsel (vgl. obige Abbildung aus der NRW-Beilage des NABU-Magazins »Naturschutz heute« 3/2007) bereits zum dritten Mal ihre Poleposition. Die Kohlmeise konnte sich knapp hinter dem Haussperling den dritten Platz sichern.

Doch wie vertrauenswürdig sind die Ergebnisse, wenn offenbar nicht einmal mehr die NABU-Redaktion eine Amsel von einer Kohlmeise unterscheiden kann? Handelt es sich dabei nur um ein ärgerliches Versehen, wie in der nächsten Ausgabe des NABU-Magazins berichtet wurde, oder deutet sich hier womöglich ein schleichender Wechsel der Kernkompetenz und des Kerngeschäftes von Naturschützern, sozusagen von der Kohl- zur Kohlemeise an?

Wer heute ein NABU-Magazin durchblättert, dem stechen zwischen paradiesisch anmutenden Naturaufnahmen großformatige Spendenappelle und Einzahlungsformulare für diverse Naturschutzprojekte und -patenschaften ins Auge. Soweit vielleicht noch nicht ungewöhnlich für einen gemeinnützigen Verein, der sich zur Aufgabe gemacht hat, die Vielfalt und Schönheit der Natur zu schützen. Aber der NABU will nicht nur ästhetisch ansprechendes Naturerbe für kommende Generationen bewahren, sondern sie will mehr, nämlich ans Erbe ihrer Mitglieder.

Immer ungenierter wird um den Nachlass von Naturfreunden gebuhlt. Keine Ausgabe des NABU-Magazins, in dem nicht in zum Teil ganzseitigen Anzeigen über vorbildliche Naturfreunde berichtet wird, die in ihrem Nachlass den NABU begünstigt haben: »Ein Testament für Naturparadiese – Denn auch Ihr letzter Wille kann Berge versetzen«. Und kaum ein Magazin, in dem nicht zu »Testament und Vererben« beraten oder entsprechende Broschüren (»Ihr Geschenk an die nächste Generation«) mit hilfreichen Informationen angepriesen werden.

Die Gier nach dem Vermächtnis von potenziellen Erblassern hat inzwischen auch die Ortsvereine infiziert: »Es wohnen viele Leute hier mit viel Geld, viele vielleicht ohne Kinder« erklärte der Vorsitzende eines Ortsvereines im Speckgürtel der Region Hannover ganz unverblümt gegenüber der Presse. Erläuternd fügte er hinzu: »Vermachtes Vermögen würde vollständig Naturschutzzwecken zur Verfügung gestellt. Sollte ein Kauf ökologisch wertvoller Grundstücksflächen kurzfristig nicht möglich sein, würde das Geld verzinslich sicher angelegt.«

Ohne Zweifel, viele organisierte Naturschützer sind heute mehr Nachlass- als Naturexperten (Legatsucher, Vermögensverwalter etc.). Nicht unwahrscheinlich, dass die Gier nach den Vermächtnis von Erblassern zu Lasten des Gedächtnisses für die Natur geht. Wer dazu beitragen möchte, dass sich auch kommende Generationen noch an Naturparadiesen erfreuen können, sollte mit seinem Erbe besser einen Kinderschutz- statt einen Naturschutzverein begünstigen. Dies vermehrt zwar kein verbandseigenes ›Naturerbe‹ erhöht aber die Chance auf kommende Generationen.

G.M., 15.12.2007


  Vorsicht-Kroetenwanderung

...denn immer mehr Naturschützer interessieren sich für Ihre ›Kröten‹

 

Der Bodenkrieg nach dem Orkan oder was Kyrill uns alles so über den Umgang mit dem Naturerbe »Boden« gelehrt hat!

Der Boden spielt in Umweltdiskursen als wertvolles Schutzgut eine bedeutende Rolle. Er ist Gegenstand unzähliger ökologischer Lobgesänge, in denen seine Wohlfahrtswirkungen angepriesen und ebenso vieler Klagelieder, in denen die Bedrohung seiner Funktionszusammenhänge bejammert werden. Nicht selten wird der Boden sogar zu elementaren Grundlage des Lebens schlechthin stilisiert. Kein Wunder, dass es zwischenzeitlich eigene Gesetze zu seinem Schutz gibt.

Den praktischen Umgang mit dem Boden hat dies kaum verändert: Der Boden wird – soweit er nicht mittelbar durch andere Gesetze geschützt wird – wie gewohnt für den Siedlungs- und Verkehrswegebau oder intensivste landwirtschaftliche Nutzung in Anspruch genommen, d. h. er wird weiterhin versiegelt oder mit Antibiotika verseuchter Gülle vergiftet. Eine Ausnahme scheint da nur die Forstwirtschaft zu bilden, die von sich behauptet, besonders schonend und nachhaltig mit dem Boden umzugehen.

Waldpilzsammler
Wie ernst es dem Forst mit dem Schutz des Bodens ist, bekommt auch der Waldbesucher zu spüren. Wenn er als Wanderer, Jogger, Mountainbiker oder Pilzsammler den Wald aufsucht, wird er mit Hinweis auf den empfindlichen Waldboden ermahnt, auf den Wegen zu bleiben. Große Zustimmung findet dieses Gebot bei Jägern und Naturschützern, die den Wald ebenfalls als ein Reservat betrachten, in dem Unbefugte abseits der Wege nichts zu suchen haben.

Wer wissen will, was er denn da eigentlich wie im Waldboden belastet, wird in der Regel wie folgt belehrt: Beeinträchtigt würde das Waldökosystem, in dem der Boden ein substantieller Bestandteil sei. Im Waldboden gäbe es eine ebenso innige wie verletzliche symbiotische Verbindung zwischen Pilzhyphen und den Wurzeln von Bäumen. Daher sei nichts schädlicher als auf dem Waldboden herumzutrampeln, ihn durch Biken aufzureißen oder gar Waldpilze zu sammeln.

Bodenfrevler Wildschwein
Eine fragwürdige Argumentation, denn ginge es wirklich um den Schutz des Waldbodens, dann nähmen wohl die Wildsäue den Spitzenplatz in der Liste der ›Umweltfrevler‹ ein. Die durchwühlen den Boden bei ihrer nächtlichen Suche nach Fressbarem (zu dessen Hauptbestandteil Pilze gehören) nicht nur punktuell, sondern reißen ihn gleich flächendeckend auf. Eine niedrige Artenvielfalt bei Pilzen ist daher das Ergebnis einer hohen Wildschwein- und nicht etwa Waldbesucherpopulation.

 

Nun könnte man einwenden, dass die Forstleute die vierbeinigen Bodenfrevler ignorieren, weil sie durch einflussreiche Jagdverbände protegiert werden, die an hohen Wildbeständen interessiert sind. Dass das wohl nur die halbe Wahrheit ist, hat der Orkan Kyrill gezeigt. Der hat im Januar 2007 nicht nur einige Millionen Festmeter Holz umgelegt, sondern auch entlarvt, dass hinter der Rede vom Wald als empfindlichen (Boden-)Ökosystem vor allem eines, nämlich höchst eigennützige Propaganda steckt.

Auf jeder vom Sturm betroffenen Forstparzelle ist zu sehen, dass das, was Kyrill nicht geschafft hat, nämlich den Waldboden nachhaltig zu verwüsten, von der Fortwirtschaft nachgeholt wurde. Selten ist das angeblich so empfindsame Waldboden-Ökosystem wohl so unter die Räder oder genauer gesagt Kettenräder gekommen wie in den vergangenen 12 Monaten. Kaum waren die Schäden bilanziert und staatliche Subventionen in Aussicht gestellt, ist die Forstwirtschaft auf breiter Front und mir schwerstem Gerät in die Sturmflächen vorgerückt.

Bodenverwüstung durch Forstwirtschaft
Ohne Rücksicht auf irgendwelche Naturgegebenheiten, seien es Hanglagen, Auenböden, oder vom Regen völlig durchnässte Böden wurden mit brachialer Gewalt Rückgassen in die betroffenen Waldgebiete gebrochen. Ergebnis: Der Boden weithin zermalmt, verschlämmt oder verdichtet und tief aufgerissene Fahrspuren, die sich bei jedem Niederschlag in Sturzbäche verwandeln. Verwüstungen, wie man sie sonst nur von Truppenübungsplätzen kennt, auf denen Panzer sich den Weg durch Unterholz gebrochen haben.


Mountainbiker
Angesichts solcher Zerstörungen ist offensichtlich, dass sich der Waldboden immer dann in ein empfindliches Ökosystem verwandelt, wenn es um die Durchsetzung von Reservatdenken, d. h. höchst eigennützigen Betretungsverboten geht. Dies erklärt auch, warum es an der Propagandafront derzeit etwas ruhiger geworden ist. So ist es kaum möglich, einen Mountainbiker oder Pilzsammler glaubhaft zu ermahnen, den Waldboden zu schonen, wenn nur wenige Meter weiter kettenbereifte Holzerntemaschinen den Boden zermalmen.

Keine Frage, der Orkan Kyrill hat uns Waldbesuchern nicht nur neue Aussichten geschaffen, in dem er düstere Fichtenkulturen niedergelegt hat, er hat uns auch die ultimative Einsicht verschafft, dass der Waldboden weniger ein empfindliches als ein ausgesprochen missbrauch- und ideologieanfälliges Ökosystem ist.

G.M., 01.03.2008


  Harvester

Wie selbstverständlich nimmt die Forstwirtschaft für sich in Anspruch, besonders schonend und nachhaltig mit dem Naturerbe »Boden« umzugehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Holz muss weg

Nach Kyrill gab es für die Forstwirtschaft nur noch ein Ziel: »Niedergelegtes Holz muss raus und vermarktet werden!« Die sonst so betonte »gute fachliche Praxis« beim Umgang mit dem Waldboden ist da vielerorts gewaltig unter die Räder geraten.

 

Pfeilstorch, Schwalbenhäuptling und Polardinosaurier

1. Pfeilstorch

Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war umstritten, wo Störche, Schwalben oder Kraniche überwintern. Schliefen sie am Grunde von Seen, versteckten sie sich in Höhlen oder hohlen Baumstämmen oder verwandelten sie sich gar in andere Tiere. Der griechische Philosoph und ›Vater der Naturforschung‹ Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) hatte als erster versucht, die Lebensweise der Vögel zu beschreiben. Für die Erklärung des Vogelzuges hielt er sich an die Weisheit der Hirten und Bauern und kam zu der Erkenntnis, dass es drei Kategorien von Vögeln gebe: Jene, die vor dem Winter in den Süden auswichen, jene, die bei großer Kälte von den Bergen ins Tal wanderten und jene, die Winterschlaf hielten oder sich in eine andere Art verwandelten. Und da Aristoteles als große Autorität galt, war man davon überzeugt, dass sich z. B. Kuckucke im Herbst in Sperber verwandelten, weil die ihnen ähnelten und im Winter häufiger zu sehen waren. Von Schwalben glaubte man sogar, dass aus ihnen Sumpfwesen wurden. Andere Naturforscher mutmaßten schon früh, dass Schwalben in den Süden ziehen würden. Sie beriefen sich jedoch weniger auf belastbare Indizien als auf kursierende Anekdoten. So z. B. auf einen gelehrten Geistlichen, der einen Zettel an den Fuß einer fortziehenden Schwalbe mit der lateinischen Aufschrift »Wo hast Du überwintert?« geheftet haben soll. Die Antwort brachte sie im nächsten Frühjahr: »In Indien, im Haus eines Schusters!« An die Lateinkenntnisse eines indischen Schusters wollte jedoch niemand so recht glauben. Bewiesen werden konnte nichts und so gab es viele Spekulationen.

Von Schwalben vermutete selbst noch der berühmte Begründer der biologischen Systematik Carl von Linné (1707 –1778), dass sie sich im Herbst auf dem Grund von Seen versenken würden. Bereits der schwedische Geschichtsschreiber Olaus Magnus (1490-1557) hatte diesem Verhalten der Schwalben in seiner »Historia de gentibus septentrionalibus« ein ganzes Kapitel gewidmet. Er berichtete, dass die Schwalben sich im Herbst aneinander hängen, eine Kugel bilden und sich ins Wasser fallen lassen. Er illustrierte die Geschichte mit einem Holzschnitt, der zeigte, wie nordische Fischer mit ihren Netzen neben Fischen große Mengen überwinternder Schwalben aus einem See bargen. Dass sich diese Legende bis weit ins 18. Jahrhundert hielt, hängt auch mit dem Verhalten der Schwalben zusammen. Die Schwalben sammelten sich zu Zugzeiten in Schilfbeständen (die Landschaft war damals noch nicht verdrahtet), die auch beliebte Übernachtungsplätze darstellten. Man sah also im Herbst die Schwalben im Schilf, und am nächsten Tag waren sie verschwunden, um erst im Frühjahr wieder ›aufzutauchen‹ und über der Wasseroberfläche nach Insekten zu jagen. Hinzu kommt, dass Schwalben bei Wetterstürzen oder nächtlichen Frosteinbrüchen in einen vorübergehenden Starrezustand (»Torpidität«) fallen können. Auch dies mag in Verbindung mit gelegentlichen Todfunden im Schilf die Annahme genährt haben, dass sie sich Herbst in Seen versenken.

Mecklenburger-Pfeilstorch
Am 21. Mai 1822 kam man der Lösung des großen zoologischen Rätsels, wo die Vögel überwintern, ein erhebliches Stück näher. An diesem Tag wurde an der mecklenburgischen Ostseeküste ein seltsamer Storch von einem Strohdach geschossen, der die Bewohner zwei Wochen lang in Aufregung versetzt hatte. In dem Hals des Vogels steckte ein länglicher Gegenstand, der sich bei näherer Untersuchung als ein 80 cm langer Pfeil aus dem zentralen Afrika entpuppte. Der Pfeil hatte sich unterhalb von Luft- und Speiseröhre durch den Hals gebohrt und war dort über eine Verknorpelung angewachsen. Damit lag für den alten Verdacht, dass die Störche im Winter weit nach Süden fliegen, endlich ein greifbares Indiz vor. Und dies lange vor der Zeit, in welcher der Vogelzug mit Hilfe von Ringen als Markierung systematisch untersucht wurde. Der Mecklenburger Pfeilstorch wurde präpariert und in der Zoologischen Sammlung der Universität Rostock ausgestellt, wo er seit dem als Kuriosität bestaunt werden kann.


2. Schwalbenhäuptling

Rauchschwalben Ebbaken Boje
Bis heute sind über 20 Fälle dokumentiert, in denen Weißstörche Pfeile oder Bruchstücke davon aus Afrika nach Mitteleuropa mitbrachten, aber keiner ist so berühmt geworden, wie der Mecklenburger Pfeilstorch. Der unfreiwillige Transport von kulturellen Mitbringseln durch Zugvögel ist übrigens keine Einbahnstraße, wie die folgende Geschichte zeigt: Mitte der 1990er Jahre war bekannt geworden, dass Rauchschwalben nicht nur in den halboffenen Savannenlandschaften südlich des Äquators überwintern, sondern auch in einem Regenwaldgebiet in Nigeria. So liegt in der Nähe des kleinen Urwalddorfes Ebbaken-Boje auf einem steilen Berg, der wie eine Insel aus dem Regenwald herausragt, vermutlich einer der größten Schlafplätze für Rauchschwalben in Afrika. Allabendlich fallen hier kurz nach Sonnenuntergang weit mehr als zwei Millionen Rauchschwalben mit ohrenbetäubenden Gezwitscher ein und verdunkeln den Himmel. Sie übernachten in dichten, bis zu fünf Meter hohen Elefantengrasbeständen, mit denen der Berg bewachsen ist. Nach Kalkulationen sollen im Zentrum der Grasbestände bis zu 80 Schwalben pro Quadratmeter übernachten.

Rauchschwalben Ebbaken Boje
Allerdings konnten die Vögel dort nicht ungestört schlafen, denn die Dorfbewohner betrachteten die Schwalben als wichtige Nahrungsressource im proteinarmen Regenwald. Die Einheimischen benutzten hierzu lange Stöcke mit Palmzweigen, die mit einer klebrigen Gummimischung präpariert sind. In klaren Mondnächten kletterten die jungen Jäger den Berg hinauf und versteckten sich im hohen Gras. Wenn die Schwalben einzufallen begannen, wedelten sie mit ihren Stöcken durch die Vogelmassen und fischten Schwalben heraus, die an den Palmzweigen kleben blieben. Gute Fänger sollen es in einer Nacht auf bis zu 800 Schwalben gebracht haben und pro Saison wurden allein in dem Urwalddorf Boje-Enyi mindestens 200.000 Schwalben gefangen. Das entspräche immerhin dem Brutbestand der Rauchschwalben in Westfalen. Nach dem Fang kümmerten sich die Frauen um die Vögel. Sie wurden gerupft und ausgeweidet und anschließend gegrillt, der Suppe beigegeben oder zu Konservierungszwecken geräuchert.

Trotz aller Entrüstung über den massenhaften Schwalbenfang mussten die europäischen Naturschützer einräumen, dass die Nutzung der Ressource Schwalben nachhaltig war. Per Häuptlingsdekret durfte niemand auf den Schwalbenbergen Gras abbrennen oder zu früh oder in zu geringen Zeitabständen auf die Jagd gehen. Und dieser ›Schwalbenhäuptling‹ war es auch, der für die Forscher von großem ›ornithologischem‹ Interesse war. Er trug als Schmuck eine Kette um den Hals, die aus lauter Ringen von in Europa markierten Schwalben zusammengesetzt war. Die Ornithologen hatten keine Probleme, den Häuptling zu überreden, die begehrte Kette der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen. Auch die traditionelle Art der Bejagung ist seit 1995 vorbei. Die Dorfbewohner hatten signalisiert, dass sie zur Beendigung des Schwalbenfanges bereit seien, wenn eine Alternative zur Verfügung stehen würden. Diese Alternative fand sich in Form eines durch Spendengelder finanzierten Schweinefarm-Projektes (»Swallow Piggery Farm-Project«). Zudem wurde ein Gästehaus gebaut, in dem Öko-Touristen logieren sollen, die sich das allabendliche Schwalbenspektakel nicht entgehen lassen wollen.

Rauchschwalben
Auf die Geschichte mit dem ›Schwalbenhäuptling‹ bin ich Ende der 1990er Jahre aufmerksam geworden. Damals hielt der Ornithologe Dr. Karl Heinz Loske in der kleinen Bauernschaft Öchtringhausen in Lippstadt bezeichnenderweise im Gasthof »Zur Schwalbe« einen Vortrag über das Rauchschwalbenrettungsprojekt in Nigeria. Herr Loske erzählte damals, dass man die Dorfbewohner in Ebbaken-Boje auch damit überzeugt hätte, den Schwalbenfang aufzugeben, in dem man ihnen vorschwindelte, dass die Schwalben in ihren europäischen Brutgebieten ein außerordentliches hohes Ansehen genießen würden. Das stimmt bekanntlich schon längst nicht mehr. Die Schwalben sind zwar auch heute noch in großen Teilen der Bevölkerung Sympathieträger, da sie nach einer langen gefährlichen Reise den Frühling ankündigen. Aber die Zeiten, wo Schwalbennester an Hauswänden oder in Viehställen als Glücksbringer galten, weil sie Bewohnern oder dem Hof Wohlergehen versprachen, sind lange vorbei. Der Homo hygienicus fürchtet den Dreck, der mit Brutplätzen verbunden ist.

Der Bestand der Rauchschwalben ist in den letzten Jahrzehnten in Westeuropa drastisch eingebrochen. Die teilweise Beendigung des Schwalbenmassenfanges in Nigeria (neben Ebbaken-Boje gibt es noch andere Dörfer in, in denen Schwalben als proteinreiche Nahrungsergänzung genutzt werden) hat da keine Trendumkehr bewirkt. Die Hauptursachen für den Rückgang liegen eben in den europäischen Brutgebieten und nicht in den afrikanischen Winterquartieren. Gründe sind die zunehmenden Schwierigkeiten der Schwalben geeignete Nistplätze zu finden. Aufgrund der Modernisierung landwirtschaftlicher Gebäude sind in vielen Ställen keine Einflugmöglichkeiten mehr gegeben und die abnehmende Viehhaltung und zunehmende Hygiene führt wegen Insektenmangel zu Nahrungsengpässen. Vor allem bei Schlechtwetterperioden, wenn in der ausgeräumten Agrarlandschaft keine guten Nahrungsgebiete, wie z. B. windgeschützte Baumreihen, beweidete Grünlandflächen oder Misthaufen – und als letzte Möglichkeit – das Innere von Ställen zur Verfügung stehen, kommt es rasch zu Brutverlusten. In vielen Teilen Mitteleuropas haben sich die Bestände nach Einbrüchen in den 1980er Jahren trotz einer Folge warmer Sommer aufgrund der massiven agrarstrukturellen Veränderungen nicht mehr erholt.

3. Polardinosaurier

Polardinosaurier
Die Ornithologen sind aufgrund von Laborexperimenten und Feldversuchen davon überzeugt, dass das Zugvogelverhalten nicht mehrmals unabhängig voneinander durch mutative Sprünge, sondern schon sehr früh entstanden ist. Man geht sogar davon aus, dass der Vogelzug so alt wie die Vögel selbst ist. Kreuzungs- und Selektionsexperimente haben zwar gezeigt, dass Zug- und Standvogelverhalten auf unterschiedlichen genetischen Grundlagen beruhen, aber dennoch etwa bei klimatischen Veränderungen sehr schnell ineinander übergehen können. Wenn aber die ersten Vögel schon Zugverhalten gezeigt haben, dann liegt der Verdacht nahe, dass auch ihre nächsten Verwandten, die Dinosaurier schon jahreszeitliche Wanderungen unternommen haben. Ein wichtiges Indiz dafür sind die zahlreichen Dinosaurierfossilien, die man in Landmassen wie der Antarktis, Südaustralien, Neuseeland und Nordalaska gefunden hat, die in der Kreidezeit sehr polnah lagen. Diese Saurier hätten damals, um den kalten, dunklen Wintern zu entfliehen, im Jahresverlauf Wanderungen von weit über 5.000 km unternehmen müssen.

Dass gerade die schwergewichtigen Polardinosaurier solche ausgedehnten saisonalen Wanderungen unternommen haben, erscheint aber ganz unwahrscheinlich, da nur wenige terrestrische Säugetiere, wie z. B. das Karibu in der Lage sind, annähernd vergleichbare Distanzen im Jahresverlauf zurückzulegen. Zudem hätten die Dinosaurier über eine noch größere Stoffwechseleffizienz als die mit ihnen verwandten Vögel, die bekanntlich im Flug noch viele größere Distanzen überwinden können, verfügen müssen. Die Paläontologen versuchen das Rätsel zu lösen, in dem sie das damalige Klima innerhalb der Polarkreise (nördlicher und südlicher Breitenkreis, an dem am Tag der Wintersonnenwende, die Sonne gerade nicht mehr aufgeht) als möglichst gemäßigt betrachten und die Dinosaurier möglichst winterhart machen. Es wird sogar darüber spekuliert, ob die riesigen Dinosaurier sich während des langen Polarwinters eingegraben und einen Winterschlaf gehalten haben. Mit diesen eher unwahrscheinlichen Hilfshypothesen (die z. T. mindestens so absurd wie das winterliche Versenken von Schwalben in Seen erscheinen) sollen die für das Überleben der Polardinosaurier erforderlichen jahreszeitlichen Wanderungen verkürzt oder gar überflüssig gemacht werden.

Expandierende Erde
Leider ziehen die Paläontologen nicht in Betracht, dass es noch eine andere, viel elegantere Erklärung gibt, um das Rätsel der Polardinosaurier zu lösen. Und die besteht in dem Modell der expandierenden Erde. Diese heute zu unrecht vom wissenschaftlichen Mainstream verschmähte Theorie erklärt die Kontinentaldrift nicht durch Subduktionsvorgänge sondern durch eine Vergrößerung des Erdradius. Ein Hauptargument für das Expansionsmodell besteht darin, dass sich bei einer Reduktion des Erdradius um ca. 50 % sämtliche Kontinente aneinanderfügen lassen und die gesamte Erdkugel nahezu lückenlos bedecken. Mit einer kleineren Erdkugel und einer geringeren Gravitation könnte man viel Probleme, die mit dem hohem Gewicht und den großen saisonalen Wanderungen der Polardinosaurier verbunden sind, elegant lösen. Wissenschaft ist ein Indizienprozess und in Sachen Kontinentalverschiebungs- gegen Expansionstheorie spricht mit Blick auf die vielen Rätsel um die Dinosaurier so ziemlich alles für das Modell einer expandierenden Erde.


Literatur

Bell, Phil R. u. Snively, Eric (2008): Polar dinosaurs on parade: a review of dinosaur migration. – In: Alcheringa – An Australasian Journal of Paleontology 32, 271 – 284

Bertold, Peter (2001): Vogelzug als Modell der Evolutions- und Biodiversitätsforschung. – Vogelwarte Andechs u. Radolfzell, Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie

Kinzelbach, Ragnar K. (2005): Das Buch vom Pfeilstorch. – Rostock

Loske, Karl-Heinz (1996): Ein wichtiger Schlafplatz europäischer Rauchschwalben Hirundo rustica in Nigeria und seine Bedrohung. – Limicola 10, 42-48.

Moores, Charlie (2006): Protecting roosting swallows in West Africa: Pierfrancesco Micheloni and Ebbaken-Boje

Salomonsen, Finn (1969): Vogelzug. – München

G.M., 18.07.2009


 

 

 

Schwalbenfischer

Als man noch nicht wusste, dass Schwalben im Herbst nach Süden ziehen, sondern glaubte, sie würden auf dem Grunde von Gewässern überwintern, wurden nach Auffassung von Gelehrten bei winterlichen Fischzügen neben Fischen auch jede Menge Schwalben gefangen. Erst seit einigen Jahren weiß man, dass Schwalben in ihren afrikanischen Winterquartieren tatsächlich massenhaft gefangen werden und eine wichtige Nahrungsressource sind.

 

Arkadien im Canyon

40.000 cbm Kalkabraum für den Brochterbecker See

oder

Zu den Denkstrukturen und Strategien ökologischer Vandalen1)


Impressionen eines ›Wanderökologen‹ von einer denkwürdigen Informationsveranstaltung

Der 07.07.2005 war ein denkwürdiger Tag für die Brochterbecker Bevölkerung. Der Kreisverband Bündnis 90/Die Grünen hatte sich nach massiver Öffentlichkeitsarbeit der Bürgerinitiative »RettetdenSee« kurzfristig entschlossen, zu einer Informationsveranstaltung über die bereits behördlich abgesegnete und unmittelbar bevorstehende Verschüttung des idyllischen Brochterbecker Steinbruchsees einzuladen. Den für die Genehmigung der Verschüttung maßgeblich verantwortlichen Herren vom Umweltamt des Kreises Steinfurt und den lokalen Naturschutzverbänden wird diese Einladung gar nicht gefallen haben. Fast hätten sie es geschafft, ihre brachiale Naturschutzmaßnahme ohne jegliche öffentliche Diskussion auf den Weg zu bringen und nun mussten sie sich – weil die Maßnahme durch eine gezielte Indiskretion aus den eigenen Reihen doch noch Publik geworden war – im überfüllten Saal des Brochterbecker Dorfkruges gegenüber einer mehrheitlich empörten Bürgerschaft rechtfertigen. Diesmal konnten sich die Herren Naturschützer nicht in ihrer vertrauten Opferrolle präsentieren und über ökologisches Handeln blockierende übermächtige wirtschaftliche Interessen lamentieren. Diesmal waren sie es, die als ›Naturzerstörer‹ vorgeladen waren und den Vorwurf entkräften mussten, aus äußerst eigennützigen Motiven einem Deal zugestimmt zu haben, der wohl als Brochterbecker Naturschutzskandal in die Geschichte des Naturschutzes eingehen wird.

In den einleitenden Statements bemühten sich die Verantwortlichen dann auch gleich klar zumachen, dass sie eine gute Maßnahme auf den Weg gebracht und sich nichts aber auch gar nichts vorzuwerfen hätten. Die »Biotopentwicklungsmaßnahme« sei ökologisch sinnvoll und unverzichtbar, weil sie nicht nur dazu diene, die Inkarnation der Steinbruch-Natur in Gestalt eines brütenden Uhus vor rücksichtslosen »Badewütigen« zu schützen, sondern den Steinbruch »naturschutzfachlich« aufzuwerten. Zudem seien im Genehmigungsverfahren alle Träger öffentlicher Belange von der Landesanstalt für Ökologie über die Höhere Landschaftsbehörde bis hin zu den Wasserverbänden ordnungsgemäß beteiligt worden. Alle hätten zugestimmt. Die aus Sicht des Laien brachiale Naturschutzmaßnahme sei daher nicht nur ökologisch sinnvoll und rechtens, sondern aufgrund alter Rekultivierungsauflagen sogar gesetzlich unvermeidlich. Dass die Bürger nicht oder erst so spät informiert worden seien, hätten nicht sie, sondern einzig und allein die Tecklenburger Stadtverwaltung zu verantworten. Schließlich hätte der Tecklenburger Bürgermeister Brönstrup die Maßnahme ohne Beschlussvorlage und Ratsbeteiligung als sogenanntes alltägliches Geschäft der Verwaltung durchgewinkt.

Eine beschämende Vorstellung haben die Naturschützer da abgegeben. Allen voran die Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land (ANTL) vertreten durch Herrn Seidl. Spitzfindig wies er darauf hin, dass hier keine »richtige« Natur zerstört, sondern nur eine »Kunstlandschaft« verfüllt würde. Und diese »Kunstlandschaft« sei darüber hinaus für einen Bürger mehr schön anzuschauen als für einen Naturschützer ökologisch wertvoll. Etwas zu selbstgerecht räumte Herr Seidl ein, dass der Naturschutz früher bei der Beurteilung solcher »Kunstlandschaften« gravierende Fehler gemacht habe. So gäbe es viele Beispiele dafür, dass Naturschützer wie er maßgeblich dazu beigetragen hätten, mit dem Ziel das »ökologische Gleichgewicht« in einer durch massive Eingriffe »verunstalteten« Landschaft wiederherzustellen, gerade die wertvollsten Biotope zu vernichten. Viel zu lange hätten die Naturschützer Abgrabungen und Steinbrüche als »Wunden in der Landschaft« betrachtet und sie im Rahmen von Rekultivierungsmaßnahmen zum Zwecke der »Heilung« zugeschüttet und mit Bäumen bepflanzt. Doch damit sei nun Schluss, denn mit der von der ANTL unterstützten Teilverfüllung des Brochterbecker Steinbruchsees solle ein »ökologisch wertvoller Kalksumpf und Kleingewässer« geschaffen werden. Dies zeige, dass der Naturschutz lernfähig und auf dem richtigen Weg sei.

Was für eine absurde Argumentation: Da wird ein ebenso umstrittenes wie brachiales Naturschutzprojekt damit verteidigt, dass es gegenüber älteren biotopvernichtenden Rekultivierungsmaßnahmen des Naturschutzes schon einen Fortschritt darstelle. Tatsächlich ist aber die Qualität eines aktuellen Naturschutzprojektes nicht an dem Unsinn von vorgestern, sondern an den gegenwärtigen ökologischen und naturschutzfachlichen Standards zu messen. Und da ist zunächst einmal zu berücksichtigen, dass Uhu und Laubfrosch jetzt schon da sind und bisher keine ökologische Bestandsaufnahme für den Steinbruchsee gemacht wurde. Offensichtlich will man gar nicht wissen, welches ökologische Kapital hier zerstört wird. Auch Herr Seidl war sich wohl dieser Schwachstelle seiner Argumentation bewusst. Deshalb beharrte er in der Diskussion darauf, dass es sich bei der jetzt genehmigten Verfüllungsmaßnahme um den ›gemilderten‹ Vollzug einer gesetzlichen Rekultivierungsverpflichtung handele. Die Verpflichtung den Steinbruch zu verfüllen sei eine Auflage der in 1980 von der Bezirksregierung Münster erteilten Abgrabungsgenehmigung. Kurz: Wer wie die Bürgerinitiative »Rettet den See« gegen die jetzt erteilte Änderungsgenehmigung vorgeht, die nur noch eine Teilverfüllung vorsieht, begebe sich in die Gefahr, geltendes Recht zu brechen, weil er ignoriert, dass eine Verfüllung unvermeidlich ist.

›Brechen‹ hätte ich auch in diesem Augenblick können, denn hier hat der Naturschutz sich von seiner heuchlerischsten Seite gezeigt. Der Versuch der ANTL den Eindruck zu erwecken, als habe sie auf Grund der alten Rekultivierungsauflagen gar keine andere Wahl gehabt als der (Teil-)Verfüllung zuzustimmen, ist nichts anderes als eine scheinheilige Schutzbehauptung und üble Faktenverdrehung. Dass keine rechtliche Verpflichtung zu einer Verfüllung bestehe, bestätigte auf Nachfrage auch Herr Teupen, Umweltamt Kreis Steinfurt. Er war für die verwaltungstechnische Abwicklung der Verfüllungsgenehmigung verantwortlich. Herr Teupen hatte im März 2005 auf Antrag des Steinbruchbetreibers die absurde »Plangenehmigung zur Herstellung eines Gewässers (Feuchtbiotop) im Rahmen der Rekultivierung des Abgrabungsgeländes« erteilt. (Dass das von ihm genehmigte Gewässer in einem bereits vorhandenen Gewässer »errichtet« werden soll, schien ihn –und das zeichnet einen guten Bürokraten aus – nicht weiter zu irritieren, da das vorhandene Gewässer nach behördlicher Auffassung illegal war, also eigentlich gar nicht existierte). Er räumte ein, dass es durchaus denkbar gewesen wäre, dass seine Behörde in Abstimmung mit dem Steinbruchbesitzer und der Bezirksregierung Münster auf eine Verfüllung vollständig verzichtet hätte, wenn die überwiegende Zahl der beteiligten Träger öffentlicher Belange (also z. B. auch die ANTL) schwerwiegende Einwände gegen die beantragte Verfüllung vorgebracht hätten. Haben sie aber bekanntlich nicht...

Was lehrt uns diese Geschichte: Früher haben engagierte Naturschützer aus den Reihen der ehrenamtlichen Verbände ›die Gesetze‹ auch schon mal gebrochen (sich an Bäume gekettet oder vor Bulldozer gelegt), um ein Stück heimatlicher Natur zu retten. Heute verstecken sich die selben Naturschützer hinter gesetzlichen Vorschriften (die es allerdings wie Herr Teupen vom Kreisumweltamt bestätigte so gar nicht gibt), um ein von ihnen als »Kunstlandschaft« abqualifiziertes, aber auch nach Einschätzung namhafter Experten schönes und ökologisch jetzt schon wertvolles Stück »Natur« zu zerstören oder es doch zumindest einer sehr ungewissen Zukunft auszuliefern. Und dies alles nur, wegen des vermeintlich besseren Schutzes eines angeblich durch ein paar harmlose »Badewütige« bedrohten, eingebürgerten Uhus und der Phantasie, in dem Steinbruch ein Kalksumpf-Paradies, sozusagen ein ›Arkadien im Canyon2)‹ schaffen zu können. Lieber Herr Seidl, eine armselige und doppelzüngige Vorstellung haben Sie da als Sprecher Ihres Naturschutzverbandes abgeliefert. »Schämen Sie sich!«, würde Professor Bömmel aus der Feuerzangenbowle, wohl dazu gesagt haben.

Dann meldete sich Herr Bischoff von dem im Vorfeld vielgescholtenen NABU-Kreisverband zu Wort. Er legte Wert auf die Feststellung, dass diese Maßnahme wegen der regionalen Aufteilung der Zuständigkeiten verfahrenstechnisch von der Arbeitsgemeinschaft Naturschutz Tecklenburger Land betreut wurde. Der Naturschutzbund sei nur über den Uhuschützer Lütke, der verbandsübergreifend tätig ist, ins Boot geraten. Die Wucht des Bürgerprotestes träfe folglich den falschen Verband. Allerdings hätte auch sein Verband der Teilverfüllung »vollinhaltlich« zugestimmt, weil er in Übereinstimmung mit den Fachbehörden von einer »Biotopverbesserung« und einem besseren Uhuschutz ausgeht. Herr Lütke habe wiederholt beobachtet, dass sich kaum ein Mensch an die von der Naturschutzbehörde und dem Steinbruchtreiber aufgestellten Betretungsverbotsschilder halten würde. Aus diesem Grund führe kein Weg daran vorbei, dass der See durch die Verschüttung für Besucher unattraktiv gemacht werde. Kurz: Letztlich sind die Bürger selber Schuld, dass der See zugeschüttet wird, weil sie sich nicht daran gehalten haben, dass sie ihn eigentlich nicht sehen, geschweige denn an seinen Gestaden lagern oder gar darin schwimmen dürfen.

Uhuschützer Lütke erläuterte, dass der Uhu seit 1995 im Brochterbecker Steinbruch vorkomme und seit 1996 auch dort brüten würde. Insbesondere in den letzten Jahren hätte der Bruterfolg abgenommen. Die Ausfälle würden sechzig Prozent und mehr betragen. Ursache dafür seien zunehmende Störungen der Aufzucht durch illegale Badegäste. Der Steinbruchsee habe in den letzten Jahren immer mehr Menschen angelockt. Eine Verschüttung des Sees sei daher aus Uhuschutzgründen unvermeidbar. Im Übrigen verstehe er die ganze Aufregung nicht. Schließlich brauche die weithin intensiv genutzte und durch wirtschaftliche Interessen ausgebeutete Kulturlandschaft ein paar Fleckchen, die nur den Zielen des Naturschutzes dienten. ›Natürlich‹ vergaß er hinzuzufügen, dass die Ziele des Naturschutzes sich in diesem Fall zu hundert Prozent mit seinem persönlichen Hobby, dem Uhuschutz, überschneiden. Folglich schützt der von der lokalen Presse auch schon mal liebevoll »Eulenvater« bezeichnete Lütke nicht nur Uhus, sondern auch seine höchst partikulären Interessen. Und welcher andere Bürger kann schon von sich behaupten, dass er für die Befriedigung seiner persönlichen Vorlieben, ein mehr als hektargroßes mit öffentlichen Mitteln ›aufgemöbeltes‹ Gebiet für sich alleine beanspruchen kann?

Lütkes Geschichte von den so menschenscheuen und störungsempfindlichen Uhus war so rührend und überzeugend, dass einer der anwesenden Jugendlichen spontan schwor, dem Uhu zu Liebe, nie mehr im Brochterbecker Steinbruchsee zu baden: »Ich gelobe, dass nie wieder zu tun!«. Ein pädagogischer Erfolg für Herrn Lütke? Nicht ganz, denn wenig später bemerkte Herr Seidl, dass die Uhus gar nicht so lärmempfindlich und menschenfeindlich sind, wie von Herrn Lütke ausgeführt. Tatsächlich hätten Uhus, die in noch betriebenen Steinbrüchen brüten würden, den größten Bruterfolg. Diese Steinbruch-Uhus würden den Maschinen-, LKW- und sogar den Spreng-Lärm schlichtweg ignorieren. Leider erwähnte Herr Seidl diese Geschichte nur, um die Auswirkungen der bevorstehenden LKW-Transporte zum Brochterbecker See zu verharmlosen. So blieb ihm verborgen, dass diese Geschichte ein schönes Beispiel dafür ist, dass der naturnutzende ›Mensch‹ offensichtlich nicht – wie vom Naturschutz immer wieder kolportiert wird – ein Feind der Natur ist. Im Gegenteil der Uhu liebt offensichtlich die von der wirtschaftenden Bevölkerung geschaffenen und genutzten ›Kunstlandschaften‹. Zumindest scheinen diese ihm allemal lieber zu sein als die vom Naturschutz in Besitz genommenen und mit ›teuer‹ Steuergeldern ›ökologisch‹ optimierten oder abgeriegelten Schutzgebiete.

Verständlicherweise wollte sich Herr Lütke zu seiner vielbeklagten ›Neigung‹ in Steinbruchnähe arglose Wanderer ›anzuspringen‹ und aus dem Schutzgebiet hinaus zu komplimentieren, nicht näher äußern. Hier geht es schließlich um schwerwiegende Gewissens- und Gesetzeskonflikte, nämlich die Fragen ›Mensch oder Tier‹ und ›Recht oder Unrecht‹. Bekanntlich hat sich Herr Lütke nun mal fürs Tier und Gesetz entschieden. Zur Mahnung möchte ich Herrn Lütke aber noch folgendes auf den Weg geben: Hatte nicht der Titanic-Autor Eckard Henscheid in seiner Untersuchung »Welche Tiere und warum das Himmelreich erlangen können« nicht nur dem Huhn keine Chancen auf den Himmel eingeräumt, weil seine Eier für die tückischen Cholesterinwerte verantwortlich sind, sondern auch dem Leopard die Himmelsfähigkeit abgesprochen, weil er dazu neigt, die Gazellen von hinten anzufallen? Und wie wird es da wohl später um die ›Himmelsfähigkeit‹ von Herrn Lütke stehen? Kann er sein Verhalten in Steinbruchnähe damit rechtfertigen, dass er als »Eulenvater« die Uhus fast wie Haustiere gehalten hat, und es ihm deshalb immer so vorgekommen sei, als hätte er die arglosen Wanderer in seinem ›Hühnerstall‹ erwischt? Wir sehen, da sind noch einige Fragen bezüglich Herrn Lütkes Seelenfrieden offen.

Der NABU-Vorsitzende Bischoff konnte sich nicht damit abfinden, dass sich so viele namhafte Ökologie- und Naturschutzexperten für die Erhaltung des Sees eingesetzt und seine bevorstehende Verschüttung als eine ›unerträgliche Naturverschandlungsmaßnahme erster Klasse‹ bezeichnet hatten (siehe Anlage). Sichtlich verärgert, bezeichnete er die anwesenden oder durch ihre Stellungnahme präsenten Experten als »reisende Fachleute« sprich ›Wanderökologen‹. Diese Bemerkung aufgreifend fragte ich Herrn Lütke, wo denn eigentlich die Brochterbecker Uhus herkommen würden. Wenig begeistert von dieser Frage räumte Herr Lütke ein, dass auch seine Uhus kein Brochterbecker Urgestein seien. Wegen der gnadenlosen Verfolgung durch die Jägerschaft sei der Uhu in Deutschland in den 1960er Jahren fast ausgerottet gewesen. Die heutigen Populationen seien daher das Ergebnis von Wiedereinbürgerungsprogrammen. Die Brochterbecker Uhus stammten aus einer Population, die in den 1970er und 1980er Jahren von Uhuschützern im Weserbergland aus freigelassenen Zoo- und Tierparkexemplaren aufgebaut worden war. Von dort seien sie in den 1990er Jahren bis in den Kreis Steinfurt migriert und von ihm aufwändigst betreut worden. Mit einer gewissen Genugtuung nahm ich zur Kenntnis, dass die hiesigen Uhus aus einer Gegend stammen, die noch viel weiter als meine Heimatstadt Lippstadt von Brochterbeck entfernt ist, und dass ihnen das offensichtlich bisher noch von keinem Naturschützer zum Vorwurf gemacht wurde.

Nach Herrn Lütke musste der Steinbruchbetreiber Herr Wallmeyer Stellung beziehen. Man sah ihm an, dass er die unangenehmste Position in der ganzen Geschichte hatte, weil er zwischen allen Stühlen saß. Ihn drückte die alte Rekultivierungsauflage aus den 1980er Jahren, er hatte sich als Steinbruchbetreiber mit den Behörden und Verbänden gut zustellen, er hatte die Interessen der Alteigentümer des Steinbruchs und seine wirtschaftlichen Interessen zu vertreten und er musste, wegen ungeregelten Verkehrssicherungspflichten ständig damit rechnen, dass bei einem Badeunfall in dem ungesicherten Steinbruch die Staatsanwaltschaft bei ihm an die Tür klopfte. Nun hatte er gehofft, dass er mit dem Kalkabraumdeal endlich eine Lösung gefunden hatte, mit der er sich all dieser Probleme entledigen konnte. Bei seiner sachlich und leise vorgetragenen Stellungnahme machte er den Eindruck, dass er kein Verfechter der Verfüllung, sondern nur der Ruhe war, die er endlich haben wollte. Mir fiel spontan die Geschichte von einem Sandabgrabungsunternehmer ein, dem in der unweit von Brochterbeck gelegenen Gemeinde Ladbergen die Abgrabung einer Sanddüne auf einem Acker angeboten worden war. Von der für Abgrabungsgenehmigungen zuständigen Höheren Landschaftsbehörde bei der Bezirksregierung Münster wurde extra ein Ortstermin anberaumt. Der Eigentümer des Ackers führte aus, dass er vor allem deshalb an der Abgrabung interessiert sei, weil die steile Hangschulter des Sandhügels ihm die Bewirtschaftung erschwere, ja gefährlich mache. Kürzlich sei er mit seinem Trecker an der Hangkante fast umgestürzt. Der angereiste Mitarbeiter der Höheren Landschaftsbehörde machte nach kurzer Diskussion keinen Hehl daraus, dass er den Antrag aus Gründen der Erhaltung des Landschaftsbildes ablehnen müsse.

Ich staunte nicht schlecht und fragte ihn, ob sein Anliegen, das Landschaftsbild zu retten, angesichts der keine 100 m entfernten Autobahntrasse der A 1 nicht etwas grotesk sei. Statt mir zu antworten, fragte er mich harsch, wer ich denn eigentlich sei? Ich erklärte, dass ich seit einem Jahr als Umweltbeauftragter in der Gemeinde Ladbergen arbeiten würde. Der Mitarbeiter schien beruhigt, denn wie sollte ich nach nur einem Jahr Tätigkeit in der Kommunalverwaltung wissen, dass man der Höheren Landschaftsbehörde nicht widerspricht, sondern nur zuhört oder zustimmt. Im Anschluss an den Termin fragte ich den Unternehmer warum er sich nicht gegen diese unsinnige Argumentation der Landschaftsbehörde gewehrt habe? Er erklärte mir, dass er es sich wegen dieser paar Kubikmeter Sand nicht mit der Bezirksregierung verderben wolle, sonst müsse er befürchten, dass bei seinem nächsten wirklich großen Abgrabungsantrag der Ermessensspielraum dieser Behörde plötzlich gegen Null gehen würde. Ich hatte wieder was von der Welt gelernt und wusste, dass der Begriff »Höhere Landschaftsbehörde« nicht nur eine hierarchische Bezeichnung, sondern auch ein Distanzmaß ist, das die Entfernung vom gesunden Menschverstand charakterisiert. So ähnlich wie dieser Sandabgrabungsunternehmer dachte vielleicht auch der Steinbruchbetreiber Wallmeyer. Und wenn er nicht in der von mir geschilderten vielschichtigen Klemme sitzen würde, hätte er – so zumindest mein Eindruck von ihm – vielleicht sogar die BI »RettetdenSee« unterstützt.

Nun kam Herr Holtmann, der für die Genehmigung der Verschüttung verantwortliche Leiter der Unteren Landschaftsbehörde, zu Wort. Schon bei seinem Eintreffen im überfüllten Saal des Brochterbecker Dorfkruges erweckte er den Eindruck, dass ihm die Einladung zu der verspäteten Informationsveranstaltung ausgesprochen unangenehm war. Dabei war doch bei diesem ›Naturschutzprojekt‹ fast bis zum Schluss alles einvernehmlich gelaufen. 15 (in Worten: fünfzehn) maßgebliche Träger öffentlicher Belange – darunter so einflussreiche Institutionen wie die Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten (LÖBF NW), das Staatliche Umweltamt Münster (StUA MS) und der Wasserversorgungsverband Tecklenburger Land (WTL) – hatten der Verschüttung des Sees bei nur unerheblichen Auflagen zugestimmt. Wann hatte er in seinem langen Berufsleben soviel Einvernehmen, zumal bei so einem großen Projekt, je erlebt? Für ihn war die Sache längst gelaufen und diese Informationsveranstaltung daher so überflüssig wie ein Kropf! Trotzdem führte jetzt für ihn kein Weg daran vorbei, sich der Diskussion zu stellen. Und es wurde ihm schnell deutlich, dass die weitaus überwiegende Zahl der mehr als 80 anwesenden Bürger, keinen Hehl daraus machten, dass sie den ›zugereisten‹ Experten und den Anliegern des Sees mehr vertrauten, als den lokalen Fachbehörden- und verbänden.

Herr Holtmann erklärte, dass der Steinbruch 1990 eher zufällig, d. h. zur Arrondierung mit in das Naturschutzgebiet aufgenommen worden sei. Der Steinbruch habe als »Sperrfläche« zwischen zwei ökologisch wertvollen Kalk-Halbtrockenrasen gelegen. Da habe man sich entschlossen, den Steinbruch mit unter Naturschutz zustellen und den Steinbruchbetrieb zu stoppen. Damals hätte allerdings niemand geahnt, dass nach Beendigung des Betriebes in dem Steinbruch ein See entstehen würde. Der See sei zwar nun Teil des Naturschutzgebietes und FFH-Gebietes (nach der EG Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie) aber – wie die LÖBF NW im Beteiligungsverfahren bestätigt habe – zumindest bezüglich seiner Unterwasservegetation nicht so wertvoll, dass er als FFH-Lebensraumtyp auszuweisen und zu schützen ist. Eine Kartierung der tatsächlich im Brochterbecker Steinbruchsee vorhandenen Unterwasservegetation durch Tauchgänge sei zwar nicht durchgeführt worden, aber aus der Untersuchung eines vergleichbaren und sogar älteren Canyons in Lengerich wisse man, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr als zwei relativ gewöhnliche Armleuchteralgenarten in dem See vorkommen würden.

Trotz dieser Ausführungen drängte sich vielen Anwesenden die Frage auf, weshalb die Unterwasservegetation vor ihrer bevorstehenden Zerstörung nicht genauer untersucht wurde? Schließlich liegt der See in einem bestehenden Naturschutz- und FFH-Gebiet! Und weshalb wurde gerade für diese brachiale Naturschutzmaßnahme keine umfassende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) oder FFH-Verträglichkeitsprüfung durchgeführt, wo dies doch sonst fast bei jedem Kubikmeter Boden, der bewegt wird, von den zuständigen Behörden und Verbänden gefordert wird? Hier konnte Herr Holtmann nur sehr ausweichend antworten. Es sei von keiner Fachbehörde eine UVP gefordert worden und im Übrigen sei auch kein Geld dafür dar. Letzteres ist natürlich Quatsch, weil für Aufgaben, zu denen eine Behörde gesetzlich verpflichtet ist, immer Geld da ist. Später räumte Herr Holtmann dann auch ein, dass für die bevorstehende Umsetzung der Naturverschandlungsmaßnahme im erheblichen Umfang öffentliche Mittel eingesetzt würden. So würde nicht der Steinbruchbetreiber, sondern das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine (WSA) die Kosten für die abertausenden LKW-Transporte von Riesenbeck nach Brochterbeck tragen. Dies sei allerdings nicht so schlimm, weil vergleichbare Transportkosten auch dann anfielen, wenn der Kalkabraum nicht in den Brochterbecker See versenkt würde.

Man muss kein Transportunternehmen leiten, um abzuschätzen, dass alleine die Transportkosten für diese absurde ›Kalkabraum-Verklappung‹ in den Brochterbecker See rund 200.000,- EURO betragen. Eine UVP hätte im Vergleich dazu nur einen Bruchteil gekostet. Das WSA, das vermutlich bereits die umfangreichen Planunterlagen für den geänderten Rekultivierungsantrag des Steinbruchbetreiber erstellt (und finanziert) hat, hätte diese Kosten wohl unter der Haushaltsstelle »Peanuts« verbucht. Hier drängt sich der Verdacht auf, dass die Untere Landschaftsbehörde nicht aus finanziellen Gründen auf die Durchführung einer UVP vor der Plangenehmigung verzichtet hat, sondern vor allem deshalb, weil sie ihr Ergebnis fürchtete. Jede von einem halbwegs neutralen Umweltgutachter erstellte UVP hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit das Ergebnis »nicht umweltverträglich« gehabt und damit das vorzeitige Ende der Naturverschandlungsmaßnahme bedeutet. Eine UVP hätte damit das für alle Beteiligten sich so angenehm ergänzende Interessengeflecht zwischen ehrenamtlichen und behördlichen Naturschutz, Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine sowie Steinbruchbetreiber an seinem neuralgischen Punkt zerrissen.

Die Frage, ob das WSA Rheine für die Verschüttung des Sees auch noch Kompensationspunkte bekommen hätte, verneinte Herr Holtmann. Das WSA hätte zwar einen Antrag gestellt, die ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ als Ausgleich für den Eingriff in die Trasse des Dortmund-Ems-Kanals anzuerkennen. Der Antrag sei aber von der ULB negativ beschieden worden. Hier stutzt der Laie! Haben nicht alle anwesenden Naturschützer betont, dass die Verschüttung des Sees zu einer erheblichen ökologischen Aufwertung des Steinbruchs führt? Und wäre es da nicht nur konsequent oder sogar rechtlich verpflichtend, die Verschüttung als Kompensationsmaßnahme anzuerkennen? Leider schwieg sicher Herr Holtmann über die Hintergründe der Ablehnung nachhaltig aus, so dass man auch hier nur spekulieren kann. Hängt die negative Bescheidung womöglich damit zusammen, dass keine UVP durchgeführt wurde und aufgrund dieses Versäumnisses auch keine ökologische Bestandsaufnahme vorliegt? Wenn eine Behörde nicht weiß, was sie zerstört, kann sie logischerweise auch nicht abschätzen, inwieweit oder ob überhaupt durch eine ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ aufgewertet wird. Oder hängt die Ablehnung schlicht damit zusammen, dass die geplante Aufwertung des Areals im Rahmen einer alten Rekultivierungsverpflichtung geschieht? Nach meiner Einschätzung trifft die zuletzt genannt Begründung zu, und zwar vor allem deshalb, weil sie mir am absurdesten scheint.

Ich kann mir gut vorstellen, dass der strebsame Bürokrat Teupen (aus dessen Feder bereits die absurde Änderungsgenehmigung stammt) den Antrag abgeschmettert hat, in dem er ihn nicht nach den derzeit vorhandenen und zukünftig anvisierten ökologischen Verhältnissen, sondern nach der Aktenlage beurteilt hat. Und nach der Aktenlage, d. h. der alten Abgrabungsgenehmigung existiert der Brochterbecker See nicht. Durch die Rekultivierung wird daher nur der ökologische Zustand (wenn auch durch die jetzt geänderte Abgrabungsgenehmigung in ziemlich anderer Form) wiederhergestellt, der vor der Nutzung des Geländes als Steinbruch vorhanden war. Kurz: Ein Eingriffsverursacher bzw. Ausgleichspflichtiger kann sich eine von ihm gesponserte Biotopentwicklungsmaßnahme nicht als Kompensation für einen neuen Eingriff anrechnen lassen, wenn die Biotopentwicklungsmaßnahme bereits als Rekultivierungsauflage in einer alten (oder geänderten) Abgrabungsgenehmigung festgeschrieben ist. Dies klingt auf den ersten Blick vernünftig, ist aber absurd, weil die ›Selbstheilungskräfte der Natur‹ den alten Eingriff des Steinbruchbetreibers durch die ebenso spontane wie illegale ›Errichtung‹ eines oligotrophen Gewässers ja längst ›ausgeglichen‹ haben und – folgt man den Phantasien der örtlichen Naturschützer – durch die jetzt genehmigte ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ eine zusätzliche ökologische Aufwertung des Steinbruchs erfolgen soll.

Da man Herrn Holtmann auf der ›Informationsveranstaltung‹ wirklich jede brisante Information aus der Nase ziehen musste, wurde den anwesenden Bürgern das ganze Ausmaß des komplizierten Interessengeflechtes – wenn überhaupt – nur ziemlich unvollständig deutlich. Nur auf die letzte Frage an ihn, wer denn eigentlich haftbar gemacht wird, wenn dieses öffentlich subventionierte gigantische Naturschutzprojekt – wie von den externen Experten prognostiziert –ein Flop wird, wusste Herr Holtmann eine eindeutige und knappe Antwort: Das Risiko trage nicht die genehmigende Behörde, sondern die Allgemeinheit, sprich der Steuerzahler! Kein Wunder, dass es sich seine Behörde erlauben kann, so naiv und positiv gestimmt in die Zukunft zu schauen, denn beim Misserfolg richtet sie nicht sich, sondern nur Deutschlands ehrliche Steuerzahler und nicht zu vergessen ein Stück als »Kunstlandschaft« abqualifizierte, idyllische Steinbruchnatur zu Grunde. Eine ›Steinbruchnatur‹, die im übrigen anderen Orts von Naturschutzbehörden bereits vielfach unter Schutz gestellt wird, bevor sie überhaupt entstanden ist, d. h. bevor überhaupt eine Abgrabungsgenehmigung erteilt wurde!

Dann meldete sich Herr Fehr, seines Zeichens Kreisgrüner, zu Wort. Schon zu Beginn hatte ich mich gefragt, was er eigentlich auf dem Podium zu suchen hat, wo doch außer ihm keine Politiker anderer Parteien geladen waren. Verschärfend kam hinzu, dass mit der Moderatorin Frau Engelhardt, die übrigens ihre Aufgabe – wenn man davon absieht, dass sie als hauptverantwortliche Organisatorin reichlich spät erschien – ganz gut meisterte, schon eine Grüne am Tisch war. Herr Fehr gab sich souverän und erhob sich weit über die so emotional diskutierte Materie. Auch ihn habe der Bürgerprotest überrascht und für ihn sei die Geschichte ein Lehrstück dafür, dass Politik und Verwaltung zukünftig enger zusammenarbeiten müssten. Zu der eigentlichen Problematik, nämlich des Sinns oder Unsinns dieses heiß diskutierten Naturschutzprojektes, hatte er keine richtige Meinung. Es schien nicht in seinen grünen Mikrokosmos zu passen, dass hier Naturschützer gegen Naturschützer um einen vernünftigen Artenschutz stritten. Fast verzweifelt appellierte er daher an gemeinsame Feindbilder, nämlich die intensive Landwirtschaft, die doch hier noch gar nicht erwähnt worden sei. Warum auch Herr Fehr – denn um die hinlänglich bekannten, negativen Auswirkungen der Güllewirtschaft ging es hier nun wirklich nicht.

Um wenigstens einen minimalen Konsens zwischen den unversöhnlichen Positionen im Saal herbeizuführen, bemühte Herr Fehr das Wasser! Mahnend verwies er auf die Lieblingskatastrophe der Grünen, nämlich die sich [angeblich, G. M.!] anbahnende Klimaveränderung und fügte hinzu, dass Wasser in unserem Lande ein ebenso knappes wie wertvolles Schutzgut sei. In der bisherigen Diskussion sei daher viel zu wenig berücksichtigt worden, dass es nicht nur um Artenschutz, sondern auch um den Schutz des Grundwassers gehe. Die zuständigen Wasserbehörden und -verbände hätten in ihren Stellungnahmen keinen Zweifel daran gelassen, dass das Grundwasser im Bereich des Sees, der ja schließlich in einer Wasserschutzzone liegen würde, nur geschützt werden kann, wenn der See verschüttet wird. Eine in mehrfacher Hinsicht absurde Argumentation: Wenn denn in Mitteleuropa irgendein ›Wasser‹ knapp sein sollte, dann ist es das ›Weihwasser‹ (und das auch nur wegen der mangelnden Nachfrage) und nicht Grund- oder Oberflächenwasser.

Tatsächlich ist es doch so, dass wir Mitteleuropäer im Wasser ersaufen und die Wasserwerke darüber jammern, dass das Trinkwasser zu lange in den Leitungen steht. Aufgrund der sinkenden Nachfrage (vor allem bedingt durch das steigende Umweltbewusstsein) sind die Wasserwerke zunehmend gezwungen, Trinkwasserleitungen aus hygienischen Gründen zu spülen. Und weshalb mehrere tausend LKWs mit ihren leckagegefährdeten Dieselmotoren und Hydraulikleitungen den Wasserschutz in einem Wasserschutzgebiet verbessern sollen, wo wir doch in jeder Umweltbroschüre nachlesen können, dass ein Tropfen Mineralöl ausreicht, um die millionenfache Menge an Trinkwasser zu verseuchen, bleibt rätselhaft oder der grünen Logik von Herrn Fehr vorbehalten. Und auch ein Nitrateintrag aus dem bislang unverschütteten sehr nährstoffarmen Brochterbecker See in das Grundwasser ist wohl leichter behördlicherseits zu konstruieren als ernsthaft zu befürchten.

Wenn es noch eines eindrücklichen Beispiels dafür bedurft hätte, dass Grüne sobald sie parlamentarische Verantwortung tragen, dazu neigen ›nachzudunkeln‹, dann hat es – wenn auch ziemlich unbeabsichtigt – Herr Fehr geliefert. Ganz anders dagegen der Ortsgrüne Dr. Haase. Mit einem beeindruckenden Diskussionsbeitrag, der ohne weitere Überarbeitung integraler Bestandteil einer Umweltverträglichkeitsprüfung hätte sein können, arbeitete er die wesentlichen kritischen Punkte bezüglich Materialeintrag und Grundwasserauswirkung der Verfüllungsmaßnahme heraus. Dies alles konnte Herrn Holtmann, der wie bereits erwähnt, als Leiter der Unteren Landschaftsbehörde maßgeblich für die absurde Genehmigung verantwortlich ist, nicht beeindrucken. Er versicherte nochmals, dass man im Vorfeld der Genehmigung alles sorgsam abgewogen und mit den zuständigen Fachbehörden abgestimmt habe. Zudem würden die in der Änderungsgenehmigung getroffenen Auflagen garantieren, dass die gesamte Verfüllungsmaßnahme unter bester Kontrolle ablaufen würde.

Am nächsten Morgen bin ich – kurz vor meiner Heimreise – noch einmal zum Steinbruch gewandert. Von dem oberhalb des Steinbruchs verlaufenden Weg oder vielleicht auch von der für Wanderer strengstens verbotenen Steilkante – trotz der Wegbeschreibung durch den ortskundigen Wolfgang Finkmann (BI) hatte ich wohl vorübergehend die Orientierung verloren ... – konnte ich beobachten, wie ein riesiger Radlader die Aufmarschfläche für die schon bereitstehende LKW-Armada planierte. Dabei schob er den stark eutrophierten Oberboden (sprich ›Mutterboden‹) so nahe an die Steinbruchkante, dass dieses Material in den bis dahin ausgesprochen nährstoffarmen See rutschte. Kein für das absurde Projekt verantwortlicher Behörden- oder Verbandsvertreter war zu sehn, nicht einmal der eifrige Herr Lütke lauerte im Gebüsch. Mir fielen die Worte von Herrn Holtmann ein, dass seine Behörde die gesamte Maßnahme unter bester Kontrolle hätte... Der Morgen fängt ja ›gut‹ an, dachte ich, trank noch einen Kaffee bei Jochen Westenhoff, dem Initiator des Widerstands und fuhr anschließend erheitert bis wütend gen Heimat. Erheitert über so viel konzentrierten behördlichen und ehernamtlichen ökologischen Unverstand und wütend über so viel fahrlässig in Kauf genommene oder gar vorsätzliche Naturzerstörung.

Anmerkungen

1) Nach interner Übereinkunft sprechen Naturschützer nicht von »ökologischem Vandalismus«, sondern von »echtem Naturschutz«. Damit meinen sie, dass sie verpflichtet sind, zufällig als Nebenprodukt anderer Nutzungen entstandene ›Natur‹ durch »Biotopentwicklungsmaßnahmen« zu »echter, schutzwürdiger Natur« zu erhöhen. Das Ergebnis ist bekannt, die »Roten Listen« werden immer länger und immer mehr Arten flüchten – soweit sie die »Biotopentwicklungsmaßnahmen« überlebt haben – vor ihren angeblichen Beschützern aus den Schutzgebieten.

2) Mit »Arkadien« ist eine alte mythische Hirtenlandschaft in Griechenland gemeint. Diese ›Hirtenlandschaft‹ ist bekanntlich selbst wieder eine sehr alte Utopie, ein zugleich ländliches und halbgöttliches Nirgendwo, in dem Muße, Freiheit und Liebe herrschen. Diese Naturutopie ist bis heute der wichtigste Prägestock auch unseren ›landschaftlichen Auges‹ und unserer Vorstellungen davon, wie Erholungslandschaft, Naturpark und ›ökologisches Gleichgewicht‹ aussehen sollten. Es davon auszugehen, dass auch die Kalksumpf-Phantastereien der an dem Brochterbecker Naturschutzskandal beteiligten Naturschützer von dieser Utopie verseucht sind.

(Weiterführende) Literatur

Häpke, Ulrich (1992): Böse Thesen zum Naturschutz – Erster Teil: Die Unwirtlichkeit des Naturschutzes. – In: FLÖL-Mitteilungen (Hg. BUND NRW) Nr. 1, 10-33

Hard, Gerhard (1982): Landschaft als wissenschaftlicher Begriff und als gestaltete Umwelt der Menschen. – In: Biologie für den Menschen. Frankfurt, 113-146

Jacobs, Albrecht (?): Die Wiederansiedlung der großen Eule im Weserbergland. – www.nabu-holzminden.de

Kaplan, Klaus (1995): Wo wachsen die gefährdeten Pflanzenarten? – Ergebnisse einer Florenkartierung im nordwestlichen Westfalen.– In: LÖBF-Mitteilungen, H. 3, 39-45

Kleinhans, Bernd (1988): »Wir basteln uns ein Biotop« - Wie der Naturschutz die Naturzerstörung vorantreibt. – In: Kommune, H. 9, 32-35

Menting, Georg & Hard, Gerhard (2001): Von Dodo lernen – Öko-Mythen um einen Symbolvogel des Naturschutzes.– In: Naturschutz und Landschaftsplanung 33 (1), 27-34 sowie 33 (4), 128-132

Reichholf, Josef H. (2005): Die Zukunft der Arten – Neue ökologische Überraschungen. München

Reusswig, Fritz (2003): Naturorientierungen und Lebensstile – Gesellschaftliche Naturbilder und Einstellungen zum Naturschutz. – In: LÖBF-Mitteilungen, H. 1, 27-34

Scherfose, Volker (1995): Erfolgskontrolle in Naturschutzgebieten – Veränderungen der Anzahl gefährdeter Gefäßpflanzen-Sippen zur Ermittlung der floristischen Schutzeffizienz. – In: LÖBF-Mitteilungen, H. 1, 58-62


 
40.000 cbm Kalkabraum für den idyllischen Brochterbecker See
Wolfgang Finkmann

Dieser See wird durch eine »Biotopentwicklungs-maßnahme« des Naturschutzes mit 40.000 cbm Kalkabraum verschüttet

»Egal wie es wird, durch die jetzt plangenehmigte Biotopentwicklungsmaßnahme wird es naturschutzfachlich in jedem Fall wertvoller.« Herrmann Holtmann (Leiter der Unteren Landschaftsbehörde des Kreises Steinfurt)

Nach all den Misserfolgen und Rückschlägen des planenden und besitzergreifenden Naturschutzes kann solch naiver, behördlich verbreiteter Optimismus - wider aller Vernunft und wider aller Erkenntnis - nur noch als ökologische ›Blasphemie‹ bezeichnet werden. G. M.

»Der vorhandene See ist illegal, weil er nach Einstellung des Abbaubetriebes behördlicherseits nicht erwartet wurde.« Renate Zumdick, (Höhere Landschaftsbehörde, Bezirksregierung Münster)

Bekanntlich sind nicht die geplanten, sondern meistens die ungeplanten ›Kinder‹ die Liebsten. Man muss schon in einer plangenehmigenden Behörde arbeiten, um dafür blind zu sein. G.M.

 

Anlage

Kommentare namhafter Naturschutzexperten zur naturschutzbehördlich genehmigten Verschüttung des Brochterbecker Sees

Von Prof. Dr. Josef H. Reichholf (<Reichholf.Ornithologie@zsm.mwn.de>), Leiter der zoologischen Staatssammlung München sowie Biologie- und Naturschutzprofessor an beiden Münchener Universitäten

An Georg Menting (<geo-men@gmx.de>)

Datum: Freitag, 01. Juli 2005

Lieber Herr Menting,

eine »Sauerei« ist das (auf Bayrisch gesagt), was da mit dem Brochterbecker See passiert. Ja, Leute dieser Art und Denkweise sind keineswegs ausgestorben; ich wußte wohl, warum ich solche Vorgehensweisen in meinem Buch »Die Zukunft der Arten« anprangerte, wenngleich mir hauptsächlich (aktuelle) Fallbeispiele aus Bayern vorlagen. Ich werde Herrn Holtmann, ULB, mitteilen, dass ich »sein Beispiel« in die Neuauflage meines Buches aufnehmen werde. Vielen Dank für das Bild dazu, das Sie mir geschickt haben! Vielleicht kann man es im Buch unterbringen.

Beste Grüße, wie immer,

Ihr Josef Reichholf

Von Prof. Dr. Herbert Zucchi (<H.Zucchi@fh-osnabrueck.de>), Fachhochschule Osnabrück, Fachbereich Landschaftsarchitektur (Zoologie/Tierökologie)

An Wolfgang Finkmann (<WFinkmann@gmx.de>)

Datum: Dienstag, 05. Juli 2005

Sehr geehrter Herr Finkmann,

haben Sie Dank für Ihre Mail. Mit großem Befremden habe ich die geplante Verschüttung des Brochterbecker Sees zur Kenntnis genommen. Aus naturschutzfachlicher Sicht ist es geradezu Wahnsinn, mit einem oligotrophen Kalkgewässer derartig zu verfahren - Fachleute im wahrsten Sinne des Wortes können das nicht sein, die Derartiges planen und tun, und das dann auch noch unter dem Signum »ökologische Aufwertung«! Die Situation, die Sie schildern (badende Jugendliche etc.), schreit geradezu nach massiver und gezielter Naturschutzöffentlichkeits- und -bildungsarbeit, die man ideenreich gestalten könnte und sollte. So wie jetzt vorgesehen, wird man dem Naturschutz jedenfalls eher einen Bärendienst erweisen.

Mit freundlichen Grüßen

Herbert Zucchi

Von Prof. Dr. Thomas Scholten (<thomas.scholten@uni-jena.de>), Institut für Geographie an der Universität Jena, Bodenkunde

p> An Jochen Westenhoff (<Rettetdensee@aol.com>)

Datum: Freitag, 08.Juli 2005

Lieber Jochen,

ich bin entsetzt über diese »Schandtat«.

Beste Grüße aus Jena und ganz herzlichen Dank für Dein Engagement

Thomas

Kontakt: Jochen Westenhoff, Up de Hessel 4, 49545 Tecklenburg-Brochterbeck,
E-mail: RettetdenSee@aol.com, Telefon: 05455/1405

Bilderchronik der Verschüttung des idyllischen Brochterbecker Sees


W. Finkmann, 30.06.05

W. Finkmann, 31.07.05

J. Westenhoff, 21.08.05

J. Westenhoff, 15.01.06

Weitere Informationen zum Brochterbecker Naturskandal: Briefe für Leser und Bilderwelten


  Verschüttung des Sees

Wo früher das Betreten
oder ›Husten‹ strengstens
verboten war, verschandelt
eine unselige Allianz aus ehrenamtlichen und behördlichen Naturschützern jetzt mit schwerstemGerät
den Brochterbecker See.

 

Vorträge und Artikel

Vom Dodo lernen - Öko-Mythen um einen Symbolvogel des  Naturschutzes Vom Dodo lernen - Öko-Mythen um einen Symbolvogel des Naturschutzes (2004)
Der Naturschutz ist ein ganz und gar symbolorientiertes Handlungsfeld. Wenn der Naturschutz überhaupt etwas schützt, dann schützt er vor allem Symbole von etwas. Er schützt nicht Natur, sondern..., PDF-Datei 930 kB, [Download]
Trauern um Dodo - Öko-Mythen um einen Symbolvogel des Naturschutzes (2002)
Der ein oder andere Leser wird sich vielleicht fragen, was mein Beitrag wohl mit dem Thema dieser Veranstaltung „Faszination Wildnis“ zu tun hat. Das habe ich mich zunächstauch gefragt, als ich eingeladen wurde... , PDF-Datei 538 kB, [Download]
Überlegungen zum Aussterben der pleistozänen Megafauna Überlegungen zum Aussterben der pleistozänen Megafauna (2004)
Obwohl das Aussterben der pleistozänen Megafauna, d. h. der Großsäuger des Eiszeitalters nicht zu den fünf größten auch als »big five« bekannten Massensterben der Erdgeschichte gezählt wird, ist es von besonderer paläontologischer Bedeutung. Dies kann damit erklärt werden, dass es sich um das erdgeschichtlich jüngste Massensterben handelt..., PDF-Datei 601 kB, [Download]
Der Naturschutz und der Tod der großen Säuger Der Naturschutz und der Tod der großen Säuger (2004)
Dieser Beitrag behandelt eine Thematik, die vermutlich aus der Perspektive vieler Befürworter der neuen Landschaftsentwicklungsmodelle mit großen Pflanzenfressern keiner weiteren Diskussion mehr bedarf, nämlich die Frage, wer oder was für das Verschwinden der pleistozänen Megafauna verantwortlich ist..., PDF-Datei 261 kB [Download]
Ökologische Katastrophen oder ökologische Gleichgewichte Ökologische Katastrophen oder ökologische Gleichgewichte: Welche ökologischen Prozesse sorgen für die Entstehung und Erhaltung der Artenvielfalt? (2004)
Mein erster Gedanke als ich das Zirkular zum Symposium »Landschaftsplanung contra Evolution« in den Händen gehalten habe, war: Welcher Teufel ist in denn nun in den Naturschutz gefahren, dass er die Landschaftsplanung, die doch wahrlich schon genug Probleme hat, ökologischen oder planerischen Ansprüchen gerecht zu werden..., PDF-Datei 886 kB, [Download]


 

 

Bilderwelten

 

 

Über die Wahrnehmung und Wirkung starker Umweltgifte

Aschenputtel im Öl
»Aschenputtel im Öl« AFP/Yousuf Nagori

»Läuft aus einem havarierten Tanker vor der Küste eines westlichen Landes Öl aus, eilen Umweltschützer herbei, um schwarzverklebte Vögel zu retten und sie zu reinigen. Dieses pakistanische Mädchen eilte nach der Kollision zweier Züge in der Nähe ihrer elterlichen Hütte herbei, um mit Blechnäpfen auslaufendes Erdöl aus einem von sechs entgleisten, umgestürzten und beschädigten Waggon von den Gleisen zu sammeln. (..)

Fast ein Viertel der Bevölkerung Pakistans lebt unter der Armutsgrenze, davon 16 Millionen Kinder. Die Armut zwingt viele Eltern, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken. Oft müssen sie unter gefährlichen Bedingungen arbeiten. Pakistan gehört zu den Ländern mit der niedrigsten Alphabetisierungsrate - ein großes Reservoir für Extremisten aller Art.«

Diese Kurzmeldung der Berliner Zeitung vom 12./13. September 2009 bringt das enorme ethische und soziale Konfliktpotenzial auf den Punkt, das dieses Foto dokumentiert. Es gibt offenbar je nach Lebensstandard völlig unterschiedliche Verhaltensweisen, wie Menschen auf eine Ölhavarie regieren. Zum einem die eines Umweltschützers aus einer Wohlstandsgesellschaft, der herbeieilt, um ölverklebte Vögel zu retten, und dann die eines Kindes aus einer Elendsgesellschaft, das herbeieilt, um ausgelaufenes Öl als willkommenes Zubrot für seine notleidende Familie aufzusammeln.

Versuchen wir uns einmal vorzustellen, was passiert, wenn diese Verhaltensweisen aufeinandertreffen, also wenn entschlossene Greenpeace-Aktivisten, die ölverklebte Vögel einsammeln und reinigen, auf ein ölverschmiertes Kind stoßen, das mitten in einer Öllache sitzt und mit einem Blechnapf Öl in einen Eimer schöpft. Würden sie es ignorieren, weil es nicht in ihr Suchraster ›Rettung einer durch die westliche Zivilisation bedrohten unschuldigen Tierwelt‹ passt? Oder würden sie es in einem Anflug von Menschlichkeit oder gar im Übereifer1) genau wie die ölverschmutzten Vögel aufsammeln und nach der Reinigung wieder in die Freiheit entlassen?

Gehen wir einmal von dem zweiten wahrscheinlicheren Fall aus und fragen, ob dieses ölverschmierte Kind überhaupt von den eifrigen Umweltschützern eingesammelt und gereinigt werden möchte? Sicher nicht, denn es weiß genau, dass seiner ums Überleben kämpfenden Familie wenig damit gedient wäre, wenn es zwar sauber aber ohne Öl nach Hause kommen würde. Und so ist es sehr wahrscheinlich, dass es kaum in die Freiheit entlassen, wieder an den Ort der Havarie zurückkehren würde, um seine gesundheitsgefährdende Arbeit noch emsiger fortzusetzen. Fürwahr, ein unangenehmes Szenario, das dieses Bild heraufbeschwört!

Wir können daher von Glück reden, dass ölverschmierte Vögel in der Regel an den Küsten reicher Industrie- und nicht den Küsten armer Entwicklungsländer gerettet werden. Und so können wir uns bei einer Ölhavarie mit gutem Gewissen für die Rettung ölverschmutzter Seevögel einsetzen und wenn die Sternsinger kommen für die Rettung der armen Kinder in der Dritten Welt spenden. Doch nicht immer ist die Welt so strukturiert, dass es uns möglich ist, die Lösungen für Probleme in der Welt so zu organisieren, dass es zu keinen schwerwiegenden Konflikten zwischen konkurrierenden ethischen Grundüberzeugungen kommt.

Der Journalist Bartholomäus Grill hat zu dieser Problematik einen aufschlussreichen Bericht veröffentlicht2):

Er handelt von einem, an der Südküste Afrikas gelegenen Städtchen namens Simon’s Town. Die überwiegende Zahl seiner Bewohner ist stolz auf die etwas unterhalb an der Boulders Beach gelegene, sorgsam gehegte Kolonie von Brillenpinguinen. Als dort 2001 ein Frachter havarierte und mit Tonnen von Dieselöl die Nistplätze der Pinguine verseuchte, kam es zu einer beispiellosen Hilfsaktion von Abertausenden Freiwilligen, die sich daran machten, die Pinguine zu retten. Über 20.000 Vögel wurden per Helikopter in eine verlassene Eisenbahnhalle evakuiert und im Schichtdienst in bis zu 15 Waschgängen gereinigt.

Die Internationale der Tierfreunde sprach von der größten Aktion, die je zur Rettung von Seevögeln unternommen wurde und war hingerissen: Das überwältigende Mitgefühl, die spontanen Spenden und der unermüdliche Einsatz von sage und schreibe 40.000, fast ausnahmslos weißen Nothelfern! Doch nicht alle Mitbürger des Städtchens waren von soviel Gutmenschentum begeistert. So setzten Mitarbeiter eines Kinderhilfswerks eine Annonce in die Zeitung, in der das Bild eines schwarzen Jungen zu sehen war, der sich Schmieröl über das Gesicht goss. Darunter stand die provokante Frage: »Wirst Du mir jetzt helfen?«.

Die ehrliche Antwort lautet wohl nein, denn erstens wollen - so Grill - weiße Südafrikaner mit der Erbschaft des Elends, das die Apartheid hinterlassen hat, in der Regel nichts zu tun haben und zweitens verschafft es oft mehr Befriedigung, die Not von Tieren als von Menschen zu lindern. In Not geratene Tiere geben einfach die bessere Projektionsfläche für unsere menschlichen Sehnsüchte und Nöte ab, weil sie uns noch unschuldiger und weniger verantwortlich für ihr Schicksal als ein in Not geratener Mensch erscheinen. Zudem kann die ›stumme Kreatur‹ im Unterschied zu hilfsbedürftigen Menschen nicht widersprechen oder Störendes sagen.

Das Bild thematisiert aber nicht nur ethische und soziale Konflikte, sondern es provoziert auch ästhetisch, weil es zugleich schön und schockierend ist.3) Schön, weil das ölgeschwärzte kleine Mädchen seine Aufgabe mit soviel Würde und Stolz zu bewältigen scheint, dass es auf den Betrachter fast wie eine kleine Prinzessin wirkt. Schockierend, weil das Kind zweifellos von einem Erwachsenen zu einer Arbeit in einer ölverseuchten Umgebung animiert wurde, in der sich ein Westeuropäer aufgrund des penetranten Gestanks und der enormen Gesundheitsgefährdung nur mit Vollschutzanzug und Atemschutzgerät begeben würde.

Das Bild verfügt damit über genau jene Qualitäten, die wir von den schockierend-schönen Werbekampagnen der Marke »United Colors of Benetton« kennen. Tatsächlich hat die Firma Benetton schon mit einem Bild geworben, das eine Ölhavarie thematisiert. Es zeigt die Eleganz und Schönheit eines ölverklebten, zum Tode geweihten Seevogels, der in der gleichen Haltung aller Seevögel auf der Welt schwimmt. Nur das rote Auge und die glänzende Ölschicht sehen unnatürlich aus. Das Foto versinnbildlicht ein Paradoxon in unserer Gesellschaft, denn keiner will solches Leid, aber keiner will auf Ölprodukte verzichten.4)

United Colors of Benetton

Wir haben nun zwei Bilder, die großes Leid und große Ungerechtigkeit auf ästhetisch ansprechende Weise darstellen. Einmal einen in eleganter Haltung schwimmenden ölverklebten Vogel, der bald elendig sterben muss und dann ein anmutig anzuschauendes öldurchtränktes Kind, das, ohne zu klagen, in einer extrem gesundheitsgefährdenden Umgebung arbeitet, um seiner Familie zu helfen. Nehmen wir diese bizarre Konstellation zum Anlass, uns zu fragen, welches der Bilder stärker an unser Verantwortungsgefühl appelliert und damit zu einer größeren Spendenbereitschaft führt? Ich befürchte, es ist das Bild mit dem ölverklebten Seevogel.

Und zwar nicht nur, weil in Not geratene Tiere die idealeren Projektionsflächen für unsere Sehnsüchte und Nöte sind, sondern auch, weil das menschliche Elend in vielen Entwicklungsländern Dimensionen angenommen hat, die uns eine Linderung als aussichtslos und daher als wenig befriedigend erscheinen lassen. Zudem gilt, je weniger lösbar ein Problem ist, desto weniger Chancen hat es, überhaupt von uns wahrgenommen zu werden. An eine Formulierung von Indira Gandhi anknüpfend kann man sagen, dass die Armut in der Welt nicht nur das schärfste Gift für die Umwelt, sondern auch für unser ethisches Empfinden ist.

Anmerkungen

1) In den 1990er Jahren gab es einen bekannten Witz, der sich zugleich über die Körperfülle unseres damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl als auch über die übereifrige Betriebsblindheit der internationalen Feuerwehrtruppe zur Rettung der Welt Greenpeace lustig machte: Was würden deren Aktivisten machen, wenn sie Helmut Kohl am Strand liegen sehen? In der Annahme, dass es sich um einen gestrandeten Wal handelt, würden sie versuchen, ihn ins Meer zurückzuschieben.

2) Grill, Bartholomäus (2002): »Die heilige Kuh vom Kap – Über Menschen und Pinguine: Anmerkungen aus Südafrika zu einer schwierigen Koexistenz«. – In: mare Nr. 30

3) Nach einer geistreichen Bemerkung ist das Schöne das Schreckliche, was wir gerade noch ertragen erkönnen.

4) Westermayer, Sonja (2001): Benettonschockwerbung (Seminararbeit), http://www.westermayer.de/sonja/benetton.htm

G.M., 30.04.10


 

Denkfiguren sind häufig so tief in der Bilderwelt der Sprache verankert, dass sie auch noch den geradesten Geistern, die Gedanken verbiegen.

Oder um es etwas genauer und poetischer mit dem berühmten Sprachphilosophen Ludwig Wittgenstein zu formulieren:

»Man glaubt wieder und wieder der Natur nachzufahren und fährt doch nur der Form entlang, durch die wir sie betrachten. Ein Bild hält uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache.«

 

Über die verzerrte Bilderwelt des Naturschutzes  [PDF-Datei, 48 kb]

40.000 cbm Kalkabraum für den idyllischen Brochterbecker See Verschüttung des Sees
Wolfgang Finkmann
Es gehört zu den großen Tragödien des Artenschutzes, dass den Naturschützern zwar die Artenvielfalt der traditionellen Kulturlandschaften nicht aber ihre Struktur- und Herstellungsbedingungen bekannt waren. Diese Unkenntnis spiegelt sich in absurden Biotopentwicklungsmaßnahmen, wie hier die V erschüttung des ehemals idyllischen Brochterbecker Steinbruchsees, wider.

Der normale Naturschützer lebt in einer ganz und gar verzerrten Bilderwelt. Dies bleibt auch dem ›naturschutzfachlichen‹ Laien nicht verborgen, weil es den Naturschützern immer wieder gelingt, durch völlig absurde Maßnahmen friedliebende Bürger auf die Barrikaden zu bringen. Das hat noch kürzlich die Untere Landschaftsbehörde (ULB) des Kreises Steinfurt eindrücklich bewiesen, in dem sie die Verfüllung des idyllischen Brochterbecker Steinbruchsees mit 40.000 cbm Kalkabraum genehmigte und zudem festen Willen zeigt, die zur Entwicklung eines Amphibienbiotops verklärte Verschüttung, unbeeindruckt von den Protesten empörter Bürger und renommierter Fachleute durchzusetzen.

Die ganze Absurdität der Maßnahme wird deutlich, wenn man bedenkt, dass laut ordnungsbehördlicher Naturschutzgebietsverordnung und aufgestellter Verbotsschilder für den einfachen Bürger das Einbringen von Stoffen und das Betreten des aufgelassenen Steinbruches aus Gründen des Artenschutzes faktisch verboten ist. Davon ausgenommen sind laut Änderungsgenehmigung der Unteren Landschaftsbehörde vom 07.03.2005 ab sofort mehrere Tausend LKW-Transporte, die über Monate hinweg in den natur- und FFH-geschützten Steinbruch einrollen und Kalkabraum, der bei Erweiterung des Dortmund-Ems-Kanals anfällt, für eine äußerst fragwürdige ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ abkippen dürfen.

Der verantwortliche Leiter der Naturschutzbehörde, Hermann Holtmann, verteidigte den plangenehmigten ökologischen Vandalismus wie folgt: »Durch die Biotopentwicklungsmaßnahme wird der See für Badewütige unattraktiv« und »naturschutzfachlich wird es in jedem Fall wertvoller«. Aufgrund des reichlichen Erfahrungsschatzes des Naturschutzes mit dem Aussperren und Vertreiben von harmlosen Erholungssuchenden aus ihren Schutzgebieten ist davon auszugehen, dass die erste Zielsetzung realistisch ist. Bezüglich der zweiten Zielsetzung ist aber zu befürchten, dass der Steinbruch nicht für ›Badewütige‹, sondern auch für die derzeit vorhandene Tier- und Pflanzenwelt unattraktiv wird.

Tatsache ist, dass in dem Steinbruch bereits jetzt der Uhu erfolgreich brütet und die Laubfrösche quaken und zwar ziemlich unbeeindruckt von den paar sommerlichen ›Badewütigen‹ und der strengen Schutzgebietsausweisung durch die ULB. Ob sie dies nach der Teilverfüllung und Umgestaltung des Sees auch noch tun, ist fraglich und wohl in erster Linie naturschutzideologisches Wunschdenken. Es liegen zwischenzeitlich eine große Zahl von Untersuchungen vor, die zeigen, dass bei behördlich angeordneten ›Biotopentwicklungsmaßnahmen‹ regelmäßig nicht das herauskommt was ursprünglich geplant war. Man kann sogar sagen, dass die Arten vor den mit verbissenen Eifer umgesetzten Schutzkonzeptionen der Naturschützer regelrecht auf der Flucht sind.

Woher kommen soviel Bösartigkeit des Naturschutzes gegenüber ein paar als »Badewütige« verunglimpften Naturbadeseefreunden und soviel Gewissheit bei Abschätzung der ökologischen Folgewirkungen seiner ›Biotopentwicklungsmaßnahmen‹? Und warum hat der Naturschutz so wenig Skrupel, ein Stück »Landschaft« in Besitz zu nehmen und mit äußerst fragwürdigen Konzeptionen zu verunstalten, das schon jetzt Lebensraum für seltene Arten bietet und für viele Bürger zu einem Teil ihrer Alltagswelt und Heimat geworden ist? Um diese Fragen beantworten zu können, empfiehlt es sich, die ebenso verzerrte wie konfliktträchtige Bilderwelt des Naturschutzes etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Die bis heute bedeutendste Quelle für die so charakteristischen Realitäts¬verluste und Besitzansprüche des Naturschutzes ist die Idealisierung der vorindustriellen Kulturlandschaft. Sie symbolisiert für ihn den Inbegriff von Vielfalt, Eigenart und Schönheit und bestimmt wie intakte, im ›ökologischen Gleichgewicht‹ befindliche Landschaft auszusehen hat. Das äußere Kennzeichen dieser Landschaft soll eine kleinräumige Gliederung durch Landschaftselemente wie Feldgehölze, Wallhecken, Feuchtwiesen, Trockenheiden oder Kleingewässern gewesen sein. Entstanden sei sie durch eine schonende und nachhaltige Nutzung des ›Naturhaushalts‹ durch die vorindustriellen Landschaftsnutzer. Verschwunden sei sie bis auf einige wenige – rechtzeitig von Naturschützern unter Schutz gestellte – Relikte durch die zunehmende Industrialisierung, Rationalisierung und Ökonomisierung der Landschaft.

Das Problem besteht nun darin, dass die idealisierte vorindustrielle Kulturlandschaft Landschaft keine reale, sondern eine zu Beginn des sich entfaltenden Industriezeitalters nachgeträumte Landschaft ist. Die mit der Industrialisierung, d. h. die Abstrahierung und Rationalisierung der Lebenswelten verbundenen Verluste hatten beim Bürgertum die Sehnsucht nach einer landschaftlichen Idylle geweckt. Diese Idylle wurde in die vorindustrielle Kulturlandschaft verortet. Hier hätte der Mensch noch im Einklang mit der ganzen Landschaftsnatur gewirtschaftet und nicht nur in ökonomisierbaren Jahreserträgen oder bis an die Besitzgrenze gedacht. Auf diese Weise wären die sowohl ästhetische als auch ökologische Ansprüche erfüllenden vorindustriellen Landschaften von ›gestaltenden Bauernhänden‹ quasi in unbewusster Weisheit geschaffen worden.

Tatsächlich ist die Nutzung der vorindustriellen Kulturlandschaft einem halbwegs Informierten kaum schmackhaft zu machen. Nach heutigen ökologischen Bewirtschaftungsmaßstäben war ihre Nutzung alles andere als naturnah, schonend oder gar nachhaltig. Kennzeichnend für die vorindustrielle Landschaftsnutzung war die mangelnde Verfügbarkeit von Düngemitteln, Viehfutter und Brennstoffen. Aus der Not geborene Plaggenwirtschaft und wandernder düngerloser Ackerbau führten zu Bodendegradierungen. Hinzu kamen Devastierungen der Wälder durch Überweidung mit Vieh, intensive Laub- und Streunutzung sowie Raubbau am Holzvorrat für Bau- und Brennholzzwecke. Durch die ›nachhaltige‹ Übernutzung der Vegetation wurde die Bodennarbe der vorindustriellen Kulturlandschaften großflächig freigelegt.

In der Folge kam es in trockenen Sommern zu verheerenden Bodenverwehungen, die nicht nur Dörfer, sondern ganze Städte bedrohten. Noch im 19. Jahrhundert bezeichnete man z. B. die vom Naturschutz zur deutschen Ideallandschaft verklärte »Lüneburger Heide« als »deutsche Sahara«. Sie war ein Symbol für Hunger, Armut und Tod. Das Ende dieser kargen Wirtschaftslandschaft, die durch Heidebauernwirtschaft, d. h. Plaggenhieb, Streunutzung, Schnuckenweide, Wanderackerbau und Imkerei in einem relativen Gleichgewicht gehalten wurde, kam mit den kulturtechnischen Fortschritten der agrarischen und industriellen Revolution. Kartoffeläcker, fette Wiesen sowie Kiefern- und Fichtenforste ersetzten die erosionsanfällige Heidelandschaft. Erst mit ihrem Schwinden wurde sie von Dichtern, Malern und später auch der Naturschutzbewegung entdeckt, idealisiert und ästhetisiert.

Der Naturschutz hat die Ästhetisierung und Idealisierung der vorindustriellen Kulturlandschaft bis heute nicht reflektiert. Es ist ihm daher nicht bewusst, dass Raubbau und Misswirtschaft und eben nicht schonendes und nachhaltiges Wirtschaften die Voraussetzungen für eine vielfältige Flora und Fauna geschaffen haben. Auch in der heutigen (völlig überdüngten) Kulturlandschaft wirken sich vom Naturschutz als ›massive Störungen des Naturhaushaltes‹ abklassifizierte Eingriffe in das Landschaftsgefüge häufig positiv auf die Artenvielfalt aus. Sie schaffen ähnlich vielfältige und extreme Lebensräume, wie sie vor allem in den Überschwemmungsbereichen unregulierter Flüsse zu finden sind. Beispiele für solche Eingriffe sind Sandabgrabungen, Steinbrüche oder auch Gewerbegebiete, in denen großflächig der nährstoffreiche Oberboden abgeschoben wurde.

Der typische Naturschützer steht diesen Eingriffen aufgrund seines unreflektierten Naturverständnisses bis heute zwiespältig gegenüber: Einerseits muss er sie als ›massive Störungen des Naturhaushalts‹ betrachten, die ›Wunden‹ in die Landschaft ›reißen‹ und die, wenn schon nicht verhindert, so doch zumindest ›geheilt‹ werden müssen. Andererseits kann auch der verbissenste Naturschützer nicht ignorieren, dass sich regelmäßig gerade in diesen ›Landschaftswunden‹ die seltensten Arten ansiedeln und dass diese gerade durch die auf Initiative des Naturschutzes gesetzlich verankerten Rekultivierungsauflagen (d. h. die Verpflichtung des Eingriffsverursachers den ursprünglichen Landschaftszustand wiederherzustellen) ihrer Existenzgrundlagen beraubt werden.

Der Naturschutz hat versucht diesen Konflikt zu entschärfen, in dem er etwa ab Beginn der 1980er Jahre Steinbrüche und Abgrabungen als Lebensräume aus ›zweiter Hand‹ oder ›Sekundärbiotope‹ bezeichnet hat. Damit sollten die naturschutzideologischen Voraussetzungen dafür schaffen werden, dass auch durch massive Eingriffe in den ›Naturhaushaushalt‹ entstandene ›Landschaftswunden‹ einen Schutzstaus erhalten können, der eigentlich ›Primärbiotopen‹, d. h. den idealisierten Lebensräumen der vorindustriellen Kulturlandschaft vorbehalten ist. Die Unterschutzstellung von solchen ›Landschaftsschäden‹ ist inzwischen eher die Regel als die Ausnahme. Im Begriff ›Sekundärbiotop‹ klingt aber immer noch eine gewisse Reserviertheit des Naturschutzes gegenüber den Entstehungsbedingungen solcher Lebensräume aus ›zweiter Hand‹ an.

Das ambivalente Verhältnis des Naturschutzes zu ›Sekundärlebensräumen‹ zeigt sich auch beim Brochterbecker Steinbruch. Die in 1980 erteilte Abgrabungsgenehmigung sah nach Beendigung des Eingriffs als typische Naturschutzauflage eine Rekultivierung, d. h. eine Verfüllung des aufgelassenen Steinbruches mit anschließender Bepflanzung vor. In 1990 wurde der Steinbruch, da er als ›Sperrfläche‹ zwischen zwei angrenzenden schützenswerten Halbtrockenrasen lag, eher zufällig unter Naturschutz gestellt. Nach der vorzeitigen Einstellung des Steinbruchbetriebes (die ursprünglich erteilte Genehmigung lief bis 1995) entstand in dem aufgelassenen Steinbruch ein ›illegaler‹, d. h. behördlicherseits unerwarteter und daher nicht genehmigter See, der vom Laubfrosch und anderen Amphibien als Laichgewässer genutzt wurde.

In 1995 siedelte sich dann mit Unterstützung eines eifrigen örtlichen Uhuschützer der Uhu in dem aufgelassenen Steinbruch an. Die Naturschutzbehörde verzichtete daraufhin im Einvernehmen mit dem Steinbruchbetreiber auf die Umsetzung der ursprünglichen (allerdings weiterhin rechtskräftigen) Rekultivierungsauflage. Damit war die dauerhafte Erhaltung des ›Sekundärbiotops‹ aufgelassener Steinbruch aber keineswegs gesichert, denn der See zog nicht nur Amphibien und Vögel, sondern auch einige unerwünschte Gäste, nämlich Erholungssuchende in Gestalt von Naturbadeseefreunden an. Für die Naturschützer stellte dies eine schwerwiegende Beeinträchtigung der Steinbruchnatur und insbesondere deren Inkarnation, dem Uhu, dar. Die Badefreunde wurden als »rücksichtslose Badewütige« beschimpft und für den hinter die Erwartungen der Naturschützer zurückbleibenden, mangelnden Bruterfolg des Uhus verantwortlich gemacht.

Den unbedarften Beobachter mag hier erstaunen, dass sich die Feindseligkeit der Naturschützer gegen einige harmlose Erholungssuchende und nicht gegen die Jägerschaft richtet. Schließlich wurde der Uhu in Deutschland nicht durch ›rücksichtslose‹ Erholungssuchende, sondern durch die gnadenlose Verfolgung im Rahmen der ›ordnungsgemäßen‹ Jagd an den Rand des Aussterbens gebracht. Ein Höhepunkt jagdlicher Perversion war dabei sicherlich die ›Hüttenjagd‹, d. h. der Einsatz von angepflockten Uhus als Lockvogel bei der ebenso erbarmungslosen Verfolgung von Greif- und Rabenvögeln (Hütten-Uhu). Wenn also der Uhu heute selten und menschenscheu ist, hat dies allein die Jagd zu verantworten. Trotzdem wird in der Schutzgebietsverordnung für den Brochterbecker Steinbruch die ›ordnungsgemäße‹ Ausübung der Jagd ausdrücklich erlaubt. So sind Jäger von den allgemeinen Verboten befreit, die geschützten Flächen außerhalb der Wege zu betreten, Hunde freilaufen zu lassen oder wildlebenden Tieren nachzustellen. Da war es wohl nur konsequent, dass die Jäger sich erdreistet haben, in der Nähe des Uhuhorstes sogar noch eine Ansitzleiter zu errichten!

Diesen Anachronismus kann man am Besten mit der eigentümlichen Neigung des Naturschutzes erklären, sich mit den nachweislich schlimmsten Feinden der Natur zu arrangieren, wenn diese wie die Jägerschaft oder Landwirtschaft gut organisiert sind und über eine starke Lobby verfügen. Seine ganze naturschutzideologisch verfestigte Menschenfeindlichkeit (›Der Mensch ist der Feind der Natur‹) richtet sich daher nicht gegen die tatsächlichen Verursacher der Naturzerstörung, sondern gegen nichtorganisierte Naturfreunde, also z. B. Wanderer, Camper, Badefreunde oder auch nur in der Natur mit Wildpflanzen oder Wildtieren spielende Kinder. Da diese zur Hauptbedrohung des Natur- und Artenschutzes stilisiert werden, setzt der Naturschutz alles daran, ihnen mit bußgeldbewehrten Verbotskatalogen den Zugang zur Natur zu verleiden. Und wo die Verbote trotz Bußgeldandrohungen ignoriert werden, schreckt der Naturschutz nicht davor zurück, eine ganze Seenatur so zu verschandeln, dass sie für Freizeitaktivitäten unattraktiv wird.

Die Initiative zur Verschüttung ging zwar im Fall des Brochterbecker Steinbruchsees nicht vom Naturschutz aus, aber der örtliche Naturschutz hat keinen Hehl daraus gemacht, dass ihm der Antrag des Steinbruchbetreibers, den See mit Kalkabraum aus einer Kanalverbreiterung zu verfüllen, wie gerufen kam. Dass die Naturschützer so wenig Skrupel bei der Durchsetzung der brachialen Naturschutzmaßnahme haben, liegt daran, dass die Zerstörung der vorhandenen Steinbruchnatur aus naturschutzideologischer Sicht ziemlich unproblematisch ist. Der aufgelassene Steinbruch ist eben kein ›Primärlebensraum‹, sondern nur ein minderwertiger ›Sekundärbiotop‹ oder eine ›Kunstlandschaft‹, wie es der Vertreter eines örtlichen Naturschutzverbandes formulierte. Die ideologisch verbohrten örtlichen Naturschützer sehen sich deshalb geradezu in der Pflicht, den aufgelassenen Steinbruch durch die jetzt genehmigte ›Biotopentwicklungsmaßnahme‹ zu ›richtiger‹ Natur aufzuwerten.

Es gehört zu den großen Tragödien des Artenschutzes, dass dem typischen Naturschützer zwar die Artenvielfalt der traditionellen Kulturlandschaften nicht aber ihre Struktur- und Herstellungsbedingungen bekannt sind. Diese Unkenntnis ist nicht nur – wie das Beispiel der Verschüttung des Brochterbecker Steinbruchsees eindrücklich zeigt – die Ursache für viele unsinnige und die Bürger auf die Barrikaden bringende Naturschutzmaßnahmen, sondern sie hat nach Auffassung des renommierten Zoologen Josef H. Reichholf in der Summe auch zu dem erstaunlichen Ergebnis geführt, dass der Naturschutz hinter der intensiven Güllelandwirtschaft und noch vor der Jagd zum zweitgrößten Artenkiller geworden ist. Es ist daher dringend erforderlich, dass der Naturschutz endlich beginnt, seine Wurzeln und verqueren Ideale zu reflektieren, damit die Roten Liste nicht länger werden und die Akzeptanz von Naturschutzmaßnahmen beim Bürger nicht noch weiter abnimmt. Für den vernünftigen Umgang mit Freizeitaktivitäten in Schutzgebieten gibt es dabei für die Naturschutzbehörden eine ganz einfache Faustformel: Wo die Jagd in Naturschutzgebieten erlaubt ist, kann es um die Natur nicht so schlecht bestellt sein, dass Wandern, Klettern und Baden verboten werden muss.

Literatur

Gottschlich, Günter (2002): ›Fünfjahresplan‹ für Habichtskräuter? Oder: Kann und muss der Mensch die Evolution ›beplanen‹? – In: Natur und Kulturlandschaft, Bd. 5, Höxter, 168-176

Häpke, Ulrich (1992): Böse Thesen zum Naturschutz – Erster Teil: Die Unwirtlichkeit des Naturschutzes. – In: FLÖL-Mitteilungen (Hg. BUND NRW) Nr. 1, 10-33

Hard, Gerhard (2002): Glokalisierung der Natur. – In: Becker, J., Felgentreff, C. & Aschauer, W. (Hg.): Reden über Räume: Region - Transformation - Migration, Potsdamer Geographische Forschungen, Bd. 23, 175-201

Reichholf, Josef H. (2005): Die Zukunft der Arten – Neue ökologische Überraschungen. München

G.M., 11.08.05


   
 

›Forschergruppe beschuldigt australische Ureinwanderer der Arten- und Klimaschutz gefährdenden Zündelei‹

Viele Paläontologen neigen dazu, den Jagderfolg und die ›Tötungskapazität‹ von steinzeitlichen Großwildjägern maßlos zu überschätzen. Die Steinzeitjäger werden daher für regelrechte Ausrottungskampagnen verantwortlich gemacht. Tatsächlich gibt es bisher kaum Indizien für solche Massenvernichtungsorgien. Einen realistischen Eindruck, wie es auf steinzeitlichen Großwildjagden zugegangen sein mag, zeigen Höhlenzeichnungen.

Eine der am weitesten verbreiteten und zugleich am wenigsten reflektierten Denkfiguren naturgeschichtlicher Forschung ist das pessimistische Bild vom negativen Umgang des Menschen mit ›der Natur‹. Dieses Bild hat sich im beginnenden 20. Jahrhundert parallel zum Aufstieg der Industriegesellschaft entwickelt und wird dieser seither immer wieder anklagend vor Augen geführt. Es beschränkt sich allerdings nicht auf die Verunglimpfung der Menschen des technisch -industriellen Zeitalters, sondern hat sich auf die gesamte Menschheitsgeschichte ausgedehnt. So neigen auch viele Naturgeschichtler dazu, die eigene Spezies für alle möglichen nicht oder schlecht verstandenen naturhistorischen Ereignisse verantwortlich zu machen.

Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die sogenannte »Overkill-« oder »Blitzkrieghypothese«. Sie besagt, dass das Massensterben der großen Landsäuger des Eiszeitalters durch steinzeitliche Jägerkulturen verursacht wurde, die ›blitzartig‹ in die Lebensräume der Großsäuger einwanderten. Seit Mitte der 1960er Jahre versuchen ihr glühendster Verfechter, der amerikanische Paläontologe Paul S. Martin und seine Anhängerschaft, die Geschichte vom steinzeitlichen Massenmord hoffähig zu machen. Tatsächlich hält sie aber einer kritischen Prüfung kaum stand. So übersteigt es jede Vorstellungskraft, dass es einer geringen Anzahl primitiv bewaffneter altsteinzeitlicher Jäger gelungen sein soll, die auf den kontinentalen Mammutsteppen grasenden, riesigen Herden eiszeitlicher Großsäuger bis hin zum letzten Exemplar auszurotten.

Als Anhaltspunkt für die Größe solcher Herden kann eine Vorratsberechnung russischer Elfenbeinexporteure dienen [Kahlke 1994]. Nach dieser Schätzung sollen in den Dauerfrostböden der sibirischen Tieflandzonen immer noch über 700.000 Tonnen Mammutelfenbein liegen – und zwar trotz jahrhunderterlanger Ausbeutung. Darüber hinaus wurden weder ausreichend Schlachtplätze noch im nennenswerten Umfang Spuren von Jagdwaffen auf fossilen Knochen ausgestorbener Großsäuger gefunden. Die Hypothese kann sich daher nur auf radiometrisch ermittelte geochronologische Koinzidenzen bei den Einwanderungs- und Aussterbevorgängen stützen. Das ist sehr wenig. Und wenn man dann berücksichtigt, dass radiometrische Daten, wie sich immer öfter zeigt, leicht manipulierbar und auch sonst wenig zuverlässig sind, verliert die Geschichte vom steinzeitlichen Massenmord vollends an Überzeugungskraft. Dass die Hypothese trotzdem immer wieder aufgegriffen wird, ist daher kein Indiz für die Stärke ihrer Aussagekraft, sondern zeigt nur, dass sie allzu gut in das pessimistische Bild vom Umgang des Menschen mit der Natur passt.

Den ›Vogel‹ hat bei dieser Geschichte vor wenigen Jahren eine Forschergruppe um den amerikanischen Geologen Gifford Miller abgeschossen. Miller und Mitarbeiter sind davon überzeugt, dem wohl ältesten ›Umweltfrevel‹ der Menschheitsgeschichte auf der Spur zu sein. Die Wissenschaftler hatten das massenhafte Aussterben des straußenähnlichen Riesenvogels Genyornis newtoni in Australien vor rund 50.000 Jahren untersucht. Sie sind dabei zu dem erstaunlichen Ergebnis gekommen, dass das Massensterben durch ein großflächiges Abbrennen der Steppe durch die erst ›kurz‹ zuvor in Australien eingewanderten Menschen verursacht worden ist. Millers einziger Beleg sind radiometrisch datierte Eierschalen, die zeigen sollen, dass der flugunfähige Riesenvogel etwa zur gleichen Zeit ausgestorben ist, als der anatomisch moderne Mensch in Australien einwanderte.

Abgesehen von der zweifelhaften Vertrauenswürdigkeit der radiometrischen Daten ist die Vorstellung, dass Ereignisse, die zur gleichen Zeit passieren, auch ursächlich zusammenhängen, zunächst einmal nur ein Indiz für eine kleinkindliche Perspektive. Von einem Wissenschaftler, der sich solcher Denkmuster bewusst ist, hätte man daher erwartet, dass er weitere Belege, wie z. B. Brandspuren zur Untermauerung seiner These vorlegt. Kann Miller aber nicht! Und er braucht es auch nicht, denn seine Geschichte vom steinzeitlichen Riesenvogelmord passte so gut in das mächtige Bild vom negativen Umgang des Menschen mit der Natur, dass die führende amerikanische Wissenschaftszeitschrift Science diesen ›Quatsch‹ sogar in der Ausgabe vom 08.01.1999 zur Titelgeschichte machte.

Einmal mehr zeigt sich, dass man mit schlechter Wissenschaft sehr erfolgreich sein kann, wenn sie nur sorgfältig genug in zeitgeistige Denkfiguren verpackt wird. Doch damit nicht genug, Miller hatte sich laut FAZ vom 13. 01.1999 bereits einige Monate zuvor auf einem Kongress mit einer noch hanebücheneren These zu Wort gemeldet. Und zwar hätten die frühen Aborigines mit ihrer vogelverachtenden »Zündelei« auch noch das australische Klima verändert und die Ausbreitung der Wüsten im Landesinnern verursacht. Miller ist daher davon überzeugt, nicht nur dem ältesten, sondern dem womöglich größten »Umweltfrevel« der Menschheitsgeschichte auf der Spur zu sein. In Anlehnung an Wittgenstein kann man hier nur kommentieren: Ein Bild hält ihn gefangen und verführt ihn zu immer phantastischeren Verunglimpfungen des Menschgeschlechts.

Literatur

Kahlke, R.-D. (1994): Die Entstehungs,- Entwicklungs- und Verbreitungsgeschichte des oberpleistozänen Mammuthus-Coelodonta-Faunenkomplexes in Eurasien (Großsäuger). – In: Abh. senckenb. naturforsch. Ges. 546, – Frankfurt/M., 1-164

Miller, G. H. et al. (1999): Pleistocene extinction of Genyornis newtoni: human impact on Australian megafauna. – In: Science 283, 205-208

G.M., 15.12.04


 

 

›Nomadisierende Jung-Paläolithiker ziehen wie landschaftsgärtnernde Öko-Indianer durch die Mammutsteppe‹

Der verdiente Filmindianer »Iron Eyes Cody« wurde in den 1970er Jahren zur Galionsfigur der Öko-Bewegung. Sein wettergegerbtes Gesicht mit der großen Kullerträne im Auge wurde als Plakatmotiv und dem Motto »Umweltverschmutzung – es ist ein Jammer« weltberühmt. Heute weiß man, dass das schöne Bild vom Öko-Indianer trügt, weil die amerikanischen Ureinwohner nicht weniger schonungslos mit ›der Natur‹ umgingen, wie die expandierende europäische Zivilisation.

Das mächtige Bild vom pessimistischen Umgang des Menschen mit der Natur wendet sich häufig nicht gegen die gesamte Menschheit, sondern fokussiert sich auf die ›Untaten‹ der expandierenden europäischen Zivilisation. Dies liegt daran, dass es mit einem anderen Mythos rivalisiert, nämlich dem im 18. Jahrhundert entstandenen romantischen Klischee vom »edlen Wilden«. In diesem Bild werden die Bewohner nichteuropäischer Kulturen zu einfachen, unkomplizierten Menschen verklärt, die noch im idealen Naturzustand leben und deren Verhalten noch nicht durch zivilisatorische Einflüsse wie Gesetzen, Regierungen, Eigentum oder sozialen Teilungen verdorben ist.

Der »edle Wilde« wurde somit zum Vehikel einer umfassenden Kritik an den eigenen gesellschaftlichen Verhältnissen. Seinen literarisch erfolgreichsten Niederschlag hat das Bild vom »edlen Wilden« in den Reden des fiktiven Südsee-Häuptlings Tuiavii gefunden, die um 1920 unter dem Titel »Der Papalagi« erschienen sind. In den 1970er Jahren erlebte diese frömmelnde Zivilisationskritik eine Wiedergeburt, in dem das neuaufgelegte Büchlein zu einem Bestseller der Alternativbewegung wurde [Griep 1984]. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich noch Anfang der achtziger Jahre in einem missionarischen Anfall zwanzig ›Raubkopien‹ dieses Büchleins an befreundete Studenten verteilt haben.

Eine in der ›grünen‹ Umweltbewegung sehr erfolgreiche Variante des »edlen Wilden« ist der »Öko-Wilde«, der im Einklang mit der Natur lebt. Ein klassisches Beispiel hierfür ist der »Öko-Indianer«, der in den Augen von Naturschützern, wie ein Landschaftsgärtner durch die Prärie zieht und nur soviel Büffel tötet wie er unbedingt benötigt. Dieser »Öko-Wilde« ist natürlich ein Trugbild, denn heute weiß man, dass außereuropäische Kulturen nicht weniger schonungs- und respektlos mit der ›Natur‹ umgingen wie die expandierende europäische Zivilisation [Désveaux 1995, Krech 1999]. Tatsächlich standen nichteuropäischen Kulturen häufig nur geringere technische Mittel zu Naturaneignung zur Verfügung.

Den ›Vogel‹ bei dieser Geschichte hat jetzt wohl der Direktor des Neanderthal-Museums in Mettmann Gerd-Christian Wenger abgeschossen. In dem Artikel »Als der Mensch Neanderthaler raubte« (»Die Welt« vom 11.11.04) beschreibt er das Leben des vor ca. 40.000 Jahren in Europa eingewanderten, anatomisch modernen Mensch wie folgt: »Die Gruppen lebten nomadisch und zogen jeweils nach einigen Wochen weiter: Man nimmt an, daß die Jäger abschätzen konnten, wann das weiterziehen notwendig war, um die Wildbestände nicht durch Überjagen zu gefährden«.

Nun gibt aus Jung-Paläolithikum bekanntlich keine historische Überlieferung, die uns von einem solchem ›landschaftsgärtnernden‹ Jagdverhalten berichten könnte. So bleibt nur der fossile Befund und der zeigt eher das Gegenteil: Steinzeitliche Großwildjäger waren Opportunisten, die keine Skrupel hatten, ganze Herden über Geländeklippen zu stürzen oder wandernde Herden jahrhundertelang an den gleichen Engpässen aufzulauern und zu massakrieren. Und zwar oft erheblich mehr Tiere als sie später ausschlachten konnten. Solche Massaker sind sowohl aus Europa (Solutré in Frankreich) als auch aus Nordamerika (Olsen-Chubbock in Colorado oder Head-Smashed-In in Alberta) bekannt [vgl. z. B. Fagan 1993].

Kurz: Nach allem was man heute über die jagdlichen Methoden von nomadisch lebenden Jägern weiß, ziehen diese nicht weiter, um die Wildbestände zu schonen, sondern um Beständen zu folgen, die versuchen, dem Jagddruck auszuweichen.

Folglich ist hier wohl der »Öko-Wilde« mit dem Direktor des Neanderthal-Museums durchgegangen. Wenger liefert damit ein anschauliches Beispiel dafür, wie das pessimistische Bild vom Umgang des Menschen mit der Natur, das sich am Eindrucksvollsten in der Hypothese vom steinzeitlichen Massenmordes am Ende des Eiszeitalters niederschlägt, durch das Bild vom »Öko-Wilden«, in dem unsere steinzeitlichen Altvorderen als Landschaftsgärtner durch die Mammutsteppe ziehen, kontrastiert werden kann.

Literatur

Désveaux, E. (1995): Les Indiens sont-ils par nature respectueux de la nature? – Anthropos, 90, St. Augustin, 435-444

Fagan, B.M. (1993): Das frühe Amerika – Archäologie eines Kontinents – München

Griep, W. (1985): Wir sind doch keine Wilden! Europäische Zivilisationskritik in exotischer Verkleidung. – In: Theye, Th. (Hg): Wir und Wilden – Einblicke in eine kannibalische Beziehung. – Reinbeck, 288-317

Krech, S. (1999): The Ecological Indian: Myth and History. – New York

G.M., 15.12.04


 

 

›Größtes Massensterben der Erdgeschichte war hausgemacht‹

Der »Wolfe Creek Crater« liegt im Nordwesten Australiens. Der Krater hat einen Durchmesser von 850 m und eine Tiefe von 50 m. Er soll vor ca. 300.000 Jahren durch den Einschlag eines großen Meteoriten entstanden sein. In jüngster Zeit verstärken sich die Indizien dafür, dass die wichtigen naturgeschichtlichen Ereignisse auf unserem Planeten nicht ›hausgemacht‹ sind, sondern extraterrestrisch verursacht wurden.

Auf der letzten Seite von Charles Darwins epochalen Werk »Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl« findet sich eine fast religiös anmutende Beschwörungsformel: »Da alle lebenden Formen die unmittelbaren Nachkommen derjenigen sind, die lange vor der kambrischen Epoche lebten, so können wir sicher sein, daß die regelmäßige Aufeinanderfolge der Geschlechter nie unterbrochen war und daß keine Sintflut die Erde verwüstete. Wir dürfen deshalb auch vertrauensvoll eine Zukunft von riesiger Dauer erhoffen«. Heute wissen wir, dass diese Hoffnung eine gefährliche Täuschung ist, denn bereits mehrmals in der Geschichte unseres Planeten ist das Leben einer vollständigen Auslöschung nur knapp entgangen.

Darwins visionäres Heilsversprechen markiert eine der größten philosophischen Wendepunkte der Neuzeit. Etwa bis Mitte des 19. Jahrhunderts beherrschte die von dem französischen Naturforscher Georges Cuvier begründete Katastrophen- oder Kataklysmentheorie (nach dem griechischen kataklysmos für Sintflut) das naturgeschichtliche Weltbild. Die Katastrophentheorie war zwar schöpfungsgeschichtlich infiziert – aber keine reine Bibelwissenschaft, denn auch die stratigraphischen Befunde selbst legten den Gedanken an große Katastrophen nahe. Erstaunlicherweise gelang es den Verfechtern des verführerischen Bildes von allmählichen erdgeschichtlichen Veränderungen trotz des widersprechenden empirischen Befundes, sich gegen die Katastrophisten durchzusetzen. Und zwar so gründlich, dass noch über 100 Jahre später in einem Geologie-Lehrbuch [Beurlen 1975] so wichtige Begriffe wie »erdgeschichtliche Katastrophen« oder »Massensterben« nicht einmal erwähnt werden.

Nach der von Charles Lyell und Charles Darwin begründeten gradualistischen oder aktualistischen Geologie sind die wichtigsten Merkmale in Geschichte und Topographie der Erde fast ausschließlich auf langsame (›graduelle‹), gegenwärtig beobachtbare (›aktuelle‹) Ursachen und eben nicht wie bei der Katastrophentheorie auf sporadische, katastrophale Ereignisse wie Vulkanismus, Auffaltungen von Gebirgen, Erdbeben oder noch größere Brüche wie Meteoriteneinschlägen zurückzuführen. Die von Lyell propagierte, kühnste Form dieses neuen Weltbildes, die uniformitaristische (›gleichförmige‹) Geologie, besagte sogar, dass die Welt im großen und ganzen in der gesamten erdgeschichtlichen Vergangenheit dieselbe war wie in der Gegenwart. Beispielweise glaubte Lyell, dass die Hauptgruppen der Tiere (Fische, Weichtiere, Säugetiere usw.) immer schon da waren, und nur von Zeit zu Zeit innerhalb dieser Gruppen neue Arten entstünden, während andere ausstarben [Olderoyd 1998].

Von Beginn neigten auch die Anhänger gradualistischer Vorstellungen dazu, ihre Theorie bis hin zur Lächerlichkeit überzustrapazieren. So vermutete ein Wissenschaftler, der Darwins zweifelsfrei vernünftige Theorie über die Entstehung der Korallenatolle gelesen hatte, dass auch die Mondkrater nichts anderes als Korallenatolle seien [Gould 2003]. Mit dieser schon damals ziemlich abstrusen Hypothese wollte er die katastrophentheoretische Interpretation widerlegen, es handele sich um vulkanische Erscheinungen. Tatsächlich sind Mondkrater zwar keine Vulkane aber noch viel weniger Korallenatolle: Sie sind durch noch katastrophalere Ereignisse als Vulkanismus, nämlich durch Meteoriteneinschläge entstanden.

Der Lyell-Darwinsche Gradualismus hat bis weit ins späte 20. Jahrhundert die naturgeschichtliche Forschung bestimmt und behindert. Noch in den 1960er Jahren ließ sich der renommierte deutsche Geologe Helmut Hölder in der Debatte über die Impakt-Entstehung des Nördlinger Ries zu folgender Äußerung hinreißen: »Ein Meteoritenschlag ist für die erdgeschichtliche Forschung ein Schlag ins Gesicht, denn die Erdgeschichte bemüht sich ja gerade, die irdisch-historischen Voraussetzungen für den Eintritt eines erdgeschichtlichen Ereignisses aufzuzeigen« [zit. nach Engelhardt & Zimmermann 1982]. Heute weiß man, dass ein gewaltiger Meteoritenschlag für die Entstehung des Nördlinger Ries verantwortlich ist. Die Äußerung Hölders war daher ein Schlag ins Gesicht eines jeden Forschers, der sich mehr für Fakten als für Ideologien interessierte.

Es ist kaum mehr zu verheimlichen, dass der spöttisch auch als »Allmählichismus« [Heinsohn 2000] bezeichnete Gradualismus die erdgeschichtliche Forschung um 150 Jahre zurückgeworfen hat. So wurden für das endkreidezeitliche Massensterben, dessen prominenteste Opfer die Dinosaurier sind, nahezu hundert gradualistische Theorien und Hypothesen entworfen. Zu den klassischen Ursachen zählen große Meeresspiegelschwankungen infolge von ›langanhaltenden‹ Klimaveränderungen, Kontinentalbewegungen, Veränderungen im Salzgehalt der Ozeane, riesige aus der Erde quellende vulkanische Basaltmassen und nicht zuletzt die ›Dummheitstheorie‹, die besagt, dass die Saurier sterben mussten, weil die evolutionäre Entwicklung ihres kleinen Gehirns hinter ihrer enormen Körpergröße zurückgeblieben wäre.

Alle diese gradualistischen Thesen werden heute nicht mehr oder nur noch als Folgewirkungen von extraterrestrischen Ursachen diskutiert. Inzwischen liegen so viele Belege für die These vor, dass das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren durch ein kosmisches Geschoss verursacht wurde, dass sie als Standardwissen Eingang in die geologischen Lehrbücher gefunden hat. Nur die dümmste aller gradualistischen Theorien, die »Dummheitstheorie«, hat überlebt, weil sie in der ›grünen‹ Umweltbewegung unter Schlagworten wie »Dinosauriertechnik« oder »small is beautifull« eine zweifelhafte Karriere gemacht hat. Aber noch geben sich die Gradualisten, für die jegliche Form des Katastrophismus immer noch einen unwissenschaftlichen Beigeschmack hat, nicht geschlagen. Sie versuchen, den endkreidezeitlichen Bolideneinschlag als einmaligen kosmischen »Ausrutscher« darzustellen. Alle anderen Massensterben seien nämlich »hausgemacht«.

Der aktuellste Streitfall ist das große Massensterben am Ende des Perm. Vor 250 Millionen Jahren fielen dieser ernstesten biologischen Krise in der Geschichte unseres Planeten etwa 90 % der damaligen Lebewesen zum Opfer, darunter die bekannten dreilappigen Krebse, die Trilobiten. Bis erste Indizien für eine Impaktkatastrophe gefunden wurden, reichten auch hier die Theorien von ›langanhaltenden‹ Veränderungen der globalen Klimabedingungen und fallenden Meeresspiegeln über die Reduzierung des Sauerstoffgehaltes in den Ozeanen bis hin zu massiven Vulkanismus. In 1996 wurden dann von amerikanischen Forschern in Gesteinen an der Perm-/Trias-Grenze mikroskopische Quarzkörnchen mit Schockspuren, wie sie typischerweise bei einem Meteoriteneinschlag entstehen [Kerr 1996].

Dann passierte, was schon aus der schon aus der Diskussion um den endkreidezeitlichen Bolideneinschlag bekannt war. Zwar konnten sich die gradualistischen Paläontologen nicht mehr – wie noch in den achtziger Jahren – als Inquisitoren aufführen, aber die Solidität der Ergebnisse wurde über die Maßen angezweifelt, und es wurden stereotyp zusätzliche Belege gefordert. Wieder einmal zeigte sich, dass katastrophische Theorien besonders argwöhnisch beurteilt werden, während bei gradualistischen Theorien und mögen sie auch noch so abwegig sein, jede Spekulation akzeptabel ist. In 2001 wurden dann in Gesteinsproben aus dem späten Perm auch extraterrestrische Fullerene gefunden [Becker et al. 2001]. Fullerene sind Käfigmoleküle (»Fußbälle«) aus Kohlenstoff, in denen extraterrestrische Edelgase eingeschlossen sind. Sie gelangen mit Meteoriteneinschlägen auf die Erde. Und in 2004 fanden Becker und Mitarbeiter sogar einen geeigneten Kandidaten für einen Einschlagskrater an der Nordwestküste Australiens.

Noch ist die Frage, wer für das größte Massensterben in der Geschichte des Lebens verantwortlich ist, nicht endgültig entschieden. Aber vieles spricht für eine kosmische Katastrophe. So zeigen Untersuchungen, die sich detailliert mit der Geschwindigkeit der Artensterben befasst haben, dass die großen Massensterben nicht – wie man früher annahm – in Zeiträumen von einigen Millionen Jahren, sondern in nur wenigen tausend Jahren abliefen. Für gradualistische Szenarien ist dies schlicht zu schnell. Darüber hinaus lassen sich die meisten gradualistischen Hypothesen, wie z. B. der massive Vulkanismus, als indirekte Folgewirkung einer Impaktkatastrophe deuten. Auch bei einer wissenschaftshistorischen Betrachtung liegt der Eindruck nahe, dass die Verfechter eines Bolideneinschlages den Streit gewinnen. Es fällt auf, dass gegen die Identifizierung des Einschlagskraters an der Nordwestküste Australiens genau die selben Argumente vorgebracht, wie in den 1980er Jahren gegen die Entdeckung des endkreidezeitlichen Chicxulub-Kraters im Golf von Mexiko. All diese Argumente haben sich später als zahnlos erwiesen.

Dieser Beitrag beginnt mit einem beschwörenden Zitat, in dem Charles Darwin den Lesern seines berühmten Werkes versichert, dass die »regelmäßige Aufeinanderfolge der Geschlechter nie unterbrochen war«, keine »Sintflut die Erde verwüstete« und dass wir deshalb »vertrauensvoll eine Zukunft von riesiger Dauer erhoffen« dürfen. Das glaubt heute kaum noch jemand! Schon seit einigen Jahren sprudeln uns aus den »Tickern« der Online-Wissenschaftsmagazine Überschriften wie »Die Sintfluten am Ende des Perm«, »Todbringender Komet« oder »Einschlagender Erfolg: Schnelles Ende der Dinosaurier« entgegen. Leider wird aber viel zu wenig darüber berichtet, was getan werden muss, damit wir zukünftig nicht selber die massenhaften Opfer eines verheerenden Anschlages aus den dunklen Tiefen des Weltalls werden.

Dies mag u. a. daran liegen, dass viele Forscher immer noch versuchen, den Katastrophismus zu verunglimpfen und sich mit gradualistischen Hypothesen zu profilieren. Sie nehmen dabei leichtfertig in Kauf, die Öffentlichkeit mit ihren terrestrischen Ursachenkomplexen in falsche Sicherheit zu wiegen. Ein unrühmliches Beispiel ist der österreichische Geologe (und Impaktforscher!) Christian Köberl, der sich im Dezember 2004 mit der Schlagzeile »Größtes Massensterben der Erdgeschichte war hausgemacht« in die Medien katapultierte. Wie schon in der Diskussion um das endkreidezeitliche Sauriersterben sollen es wieder einmal – einzig und allein – gigantische Vulkanausbrüche gewesen sein, die das Massensterben an der Perm-/Trias-Grenze verursacht haben. Es ist zu befürchten, dass es einer rezenten Impaktkatastrophe bedarf, damit nicht nur massiver Vulkanismus, sondern auch kosmische Bolideneinschläge als normaler Bestandteil einer anscheinend unbelehrbar uniformitaristisch interpretierten Naturgeschichte akzeptiert werden.

Literatur

Becker, L. et al. (2001): Impact Event at the Permian-Triassic Boundry: Evidence from Extraterrestrial Noble Gases in Fullerenes. – In: Science 291, 1530

(2004): Bedout: A Possible End-Permian Impact Crater Offshore of Northwestern Australia. – In: Science 291, 1469-1475

Beurlen, K. (1975): Geologie – Die Geschichte der Erde und des Lebens. Stuttgart

Darwin, Ch. (1998, zuerst 1859): Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl. – Stuttgart

Engelhardt von, W. & Zimmermann, J. (1982): Theorie der Geowissenschaft. – Paderborn

Gould, St. J. (2003): Die Lügensteine von Marrakesch – Vorletzte Erkundungen der Naturgeschichte. – Frankfurt/M.

Heinsohn, G. (³2000): Wie alt ist das Menschengeschlecht? Stratigraphische Gliederung der Paläoanthropologie und der Vorzeit. – Gräfelfing

Kerr, R. A. (1995): A Shocking View of the Permo-Triassic. – In: Science 270, 1441-1442

Olderoyd, D.R. (1998): Die Biogeographie der Erde. – Zur Wissenschaftsgeschichte der Geologie. – Frankfurt/M.

G.M., 15.12.04


 


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