Kritische Naturgeschichte > Über Größen [Prof. Dr. U. Kutschera]


 
  • Ähre, wem Ähre gebührt!
  • Kutschera eröffnet eine neue Front im Kampf gegen den Kreationismus
  • Hier fällt Darwin durch – Du nicht!
  • Der deutsche Dawkins
  • Wo kommen bloß die Schwulen her?
  • Evolution ist eine Tatsache, das Schnabeltier existiert.
  • »Den Elefanten zu wenig Zähne gemacht«

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    Der große Vorsitzende

    Prof. Dr. U. Kutschera, ›großer‹ Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie, stand schon lange auf meiner Vorwarnliste für die Rubrik »Übergrößen«. Nachdem er jetzt auch noch eine (zweimonatige) Gastprofessur von der Stanford University erhalten hat, ist der Zeitpunkt gekommen, ihn in die Ruhmeshalle übergroßer Forscher aufzunehmen.

    ›Ähre, wem Ähre gebührt!‹

    [PDF-Datei, 335 kb]

    Im April 2007 habe ich auf meiner Website den Beitrag »Von Egeln und Engeln« eingestellt. Darin habe ich gezeigt, dass der karrierebewusste Forscher U. Kutschera seine Selbstmotivation aus einer Lügen- oder doch zumindest Selbsttäuschungsgeschichte bezieht und über ein vorsintflutliches Wissenschaftsverständnis verfügt. Nicht ganz unerwartet schlug der Beitrag hohe Wellen. Umgehend veröffentlichte Kutschera im Newsticker der AG Evolutionsbiologie die Gegendarstellung »Der Kasseler ‚Lügenprofessor’«.

    Zu meinem Erstaunen hat er in der Überschrift meine Vorwürfe nicht nur aufgegriffen, sondern auf die Spitze getrieben. Im Text selber weist Kutschera allerdings alle Vorwürfe vehement zurück: Er unterstellt mir völlige Inkompetenz in biologischen Sachfragen und religiöse Motive für meine ›unqualifizierten‹ Attacken gegen die AG Evolutionsbiologie. Ferner kündigt er eine juristische Prüfung wegen öffentlicher Verleumdung bzw. Beamtenbeleidigung (einen Tatbestand, den es meines Wissens gar nicht gibt) an.

    Weil die Gegendarstellung von schwülstiger Empörung und herablassender Selbstgefälligkeit getragen war, habe ich nicht weiter darauf reagiert und sie auf meiner Website verlinkt. Kurze Zeit später erhielt ich ein Schreiben des Justiziariats der Universität Kassel in dem ich höflich gebeten wurde, mich ›verbal‹ etwas zu mäßigen. In der Juniausgabe der Zeitschrift Laborjournal erschien dann auf meine Initiative hin ein ausführlicher Hintergrundbericht mit dem Titel »Angriff auf einen Evolutionsbiologen«.

    Darin stellte der Redakteur Hubert Rehm klar, dass ich weder ein Kreationist noch ein religiös motivierter Kritiker der AG Evolutionsbiologie bin. Dieses Gerücht wird vom Kutschera-Club seit Jahren wider besseres Wissen mit dem Ziel gestreut, meine massive Kritik an dessen Vorgehen zu entwerten. Der Kutschera-Club: »Menting ist ein Kettenhund des Kreationisten Lönnig«; Rehm: »Auf Mentings Website ist wenig Religiöses zu finden. (...) Georg Menting ist kein Kreationist, sondern ein Rebell.«

    Weniger erfreulich für mich war aber, dass Rehm aufgrund seiner Recherchen zu dem Ergebnis kam, dass alle meine Vorwürfe gegen Kutschera haltlos sind. Dies konnte ich nicht unkommentiert stehen lassen. Das Laborjournal hat Renommee und ist für seinen investigativen Journalismus bekannt. Hier gab es für mich nur zwei Möglichkeiten, entweder einzugestehen, dass ich mich (und damit auch andere) getäuscht habe oder zu zeigen, dass Rehm die Faktenlage falsch dargestellt oder bewertet hat.

    Da ich meinen Artikel sorgfältigst recherchiert hatte, war schnell entschieden, dass ich eine Richtigstellung schreiben muss. Dies war zwar eine »schnelle«, aber keine leichte Entscheidung, denn in den letzten Monaten hatte ich mich hinlänglich mit den seltsamen Methoden von Kutschera (und seinem Club) beschäftigt und freute mich darauf, neue Herausforderungen anzugehen.

    Dieses Vorhaben habe ich erst einmal vertagt und stattdessen eine umfangreiche Replik geschrieben. Darin werden wesentliche Teile des Laborjournal- Berichts Passage für Passage zitiert und von mir kommentiert. Ein aufwändiges Unternehmen, das aber notwenig ist, weil viele Leser nur das von der AG Evolutionsbiologie in ihrem Newsticker oder Internetforen hinausposaunte Resümee (»Kutschera vom Laborjournal rehabilitiert …«) und nicht den Bericht selber kennen.

    LJ : »Was ist dran an Mentings Vorwürfen der unberechtigten Erstbeschreibung der Brutpflege beziehungsweise der falschen Beschreibung einer neuen Art?

    Kutscheras erster Artikel über die Brutpflege bei dem Egel Helobdella stagnalis, einem engen Verwandten von Helobdella triserialis, erschien 1986 in Animal Behaviour (34:941-942). Kutschera hat in diesem Artikel Herrn Pederzani nicht zitiert, denn (so Kutschera) er habe damals keine Kenntnis von dem Artikel gehabt. In der Tat: Welcher westliche Wissenschaftler las damals schon deutschsprachige Aquarienliebhaber-Zeitschriften aus der DDR?«

    GM: Kutschera zählt zu den ausgesprochen publikationsfreudigen Mitgliedern des Wissenschaftsbetriebes. Seine vermeintliche Erstentdeckung der aktiven Jungenfütterung bei Egeln der Gattung Helobdella hat er 1986 nicht nur in der Zeitschrift Animal Behaviour, sondern auch noch in Ethology und Mikrokosmos vermarktet. Bei einem solchen Hang zum Publizieren bleibt nicht selten die sorgfältige Recherche auf der Strecke. Kutschera schreibt, er habe damals keine Kenntnis von dem Artikel gehabt und Rehm rechtfertigt dies mit der suggestiven Frage, »welcher westliche Wissenschaftler las damals schon deutschsprachige Aquarienliebhaber-Zeitschriften aus der DDR?« Rehm hätte besser fragen sollen, welcher westdeutsche Egelforscher diese Zeitschrift damals eigentlich nicht las oder doch zumindest kannte?

    Aquarien Terrarien (AT) war nicht eine, sondern die populärwissenschaftliche Aquarienliebhaber-Zeitschrift der DDR, in der auch viele namhafte Fachleute publizierten. Dies dokumentiert auch ihr Untertitel: »Monatszeitschrift für Vivarienkunde u. Zierfischzucht (Kulturbund der DDR; Zentrale Kommission Vivaristik)«. Ihr fachliches Niveau war deutlich höher als das der thematisch vergleichbaren westdeutschen Aquarien- und Terrarienzeitschrift (DATZ). AT wurde auch von vielen westdeutschen Wissenschaftlern gelesen und war deshalb im Unterschied zur DATZ im Bestand diverser westdeutscher Universitäts- und Naturkundemuseumsbibliotheken vorhanden. Nach der Wende wurde sie von der finanzstärkeren DATZ übernommen und ›abgewickelt‹.

    Der ambitionierte Egelforscher Kutschera war übrigens selbst ein engagierter Autor für Liebhaberzeitschriften. In der DATZ hat er mindestens zwei Aufsätze veröffentlicht: »Der Gespornte Hornfrosch« (1974) und »Aufzucht und Pflege des Zwerggürtelschweifes« (1976). Eine weiteren 1983 im Aquarienmagazin mit dem Titel »Egel, die Vampire unter den Wassertieren«. Es ist also ganz unwahrscheinlich, dass der in der Vivaristenszene aktive Kutschera die Zeitschrift AT nicht kannte.

    LJ : »Pederzani machte Kutschera jedoch 1987 in einem Brief mit beigelegten Reprint und einem Leserbrief in Mikrokosmos (76-95) auf seine Publikation in Aquarien Terrarien aufmerksam. Darauf hin zitierte Kutschera Pederzani in mehreren seiner Publikationen. Allerdings war und ist Kutschera der Ansicht, dass die Qualität des Pederzanischen Artikels nicht ausreiche, um als Erstbeobachtung zu gelten. […]«

    GM: Auch diese Darstellung ist nicht stimmig und wirft Fragen auf. Pederzani hatte bereits 1986 in der Fachzeitschrift »Mikrokosmos« einen Artikel mit dem Titel »Fundort Aquarium: Ein Egel blieb jahrzehntelang inkognito« veröffentlicht. Der handelte zwar nicht von der Brutfürsorge, aber in dessen Literaturliste hat er seinen 1980 in AT erschienenen Beitrag zitiert. Auch Kutschera hat 1986 in Mikrokosmos publiziert. Da er damals davon überzeugt war, eine neue europäische Egelart entdeckt zu haben, hätte ihn Pederzanis Artikel über in Aquarien gefundene Importegel eigentlich brennend interessieren müssen. Es verwundert daher, dass Kutschera Pederzanis Beobachtungen zur aktiven Jungenfütterung nicht schon (spätestens) 1986 kannte, sondern erst 1987 als er von Pederzani brieflich darauf aufmerksam gemacht wurde.

    Der österreichische Wissenschaftstheoretiker Gerhard Fröhlich wird in der aktuellen Ausgabe des Laborjournals (7/2007) zur Evaluation von Forschung interviewt. Er berichtet über das im »Big Science« zu beobachtende Phänomen der Kryptoamnesie: »Kryptoamnesien, also unbewusste Plagiate – nach dem Vergessen der Quelle wird eine Idee als eigene erlebt – sind bei Multifunktionären, wie sie Peer-Review-Geschäft üblich sind, unvermeidlich.« Ob dieses Phänomen auch ein möglicher Erklärungsansatz für die Irritationen im vorliegenden Fall (also eher im ›Little Science‹) ist, sei dahingestellt.

    Rehm weist daraufhin, dass Kutschera nach 1987 Pederzanis Beobachtungen zur Brutfürsorge in mehreren Publikationen zitiert hat. Dies trifft zwar zu, aber seltsamerweise hat Kutschera das nicht sofort getan, sondern erst 2001 und 2004 mit fast 15-jähriger Verzögerung. Vorher hat er es vermieden und zwar auch dann, wenn es inhaltlich angebracht war. Z. B. hat er Pederzani in seinem Artikel »Reproductive Behaviour and Parental Care of the Leech Helobdella triserialis« (Zoologischen Anzeiger 1992) mit keinem Wort erwähnt. Und dies obwohl Pederzani damals der Auffassung war, dass er seine Beobachtungen zur aktiven Jungenfütterung an genau dieser Egelart gemacht hatte. (Dass sich Pederzani in diesem Punkt irrte, zeigten definitiv erst 2004 durchgeführte DNA-Sequenzanalysen.)

    Kutschera bemerkt, dass die (wissenschaftliche) Qualität von Pederzanis Artikel nicht ausreicht, um als Erstbeobachtung zu gelten. Natürlich gilt dies nicht für seine eigenen, in Liebhaberzeitschriften publizierten Artikel. Selbstredend hat er sich nicht gescheut, sie in seine im Internet veröffentlichte Publikationsliste aufzunehmen.

    LJ : »Wem gebührt der Lorbeer der Erstbeobachtung? Laborjournal hat die beiden Artikel zwei Fachmännern vorgelegt und sie um ihre Meinung gebeten. Beide seien gestandene Verhaltensbiologen und Lehrstuhlinhaber.

    Der erste schrieb:

    Generell halte ich es für problematisch, eine echte Urheberschaft von Entdeckungen von eher allgemeiner Natur festzuschreiben. Wachsame Naturbeobachter sehen vieles und nicht selten zeitlich früher als berufsmäßige Forscher.

    Wer hat als erster entdeckt, dass der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt? Wer hat als erster gesehen, dass Blutegel saugen? Wer hat als erster gesehen, dass bestimmte Blutegel Brutpflege betreiben?

    Herr Kutschera hat mit Sicherheit als erster dieses Verhalten gründlich untersucht, solide dokumentiert und in einem Fachorgan publiziert. Dies ist das Zitat, das in Folgearbeiten als Erstlingsentdeckung zitiert werden muss.

    Es überrascht nicht, dass ein aufmerksamer Aquarianer diese nicht allzu schwierige Beobachtung ebenfalls gemacht hat. In einem Aquarienheft-Beitrag, in dem die Haltung und Leben von Blutegeln im Aquarium dargestellt werden, wird die Brutpflege folgerichtig aufgeführt, aber nicht als besondere oder wichtige Entdeckung hervorgehoben. Im Gegensatz dazu hat Herr Kutschera die Bedeutung dieser biologischen Tatsache als erster entsprechend eingeordnet und gewürdigt.

    Da diese Textstelle (sic!) von Herrn Pederzani aufgetaucht ist, wäre es nicht falsch, diese zu erwähnen, aber nicht als wissenschaftliche Leistung, sondern als anekdotische Beobachtung, die für sich genommen keine bemerkenswerte Leistung darstellt. Hat man diese Egel im Aquarium, ist die Brutpflege nicht zu übersehen. Die wissenschaftliche Leistung von Herrn Kutschera würde ich dadurch in keinster Weise geschmälert sehen .‹

    Der zweite schrieb:

    Wie sie ja selbst gelesen haben, hat Pederzani beobachten können, dass ein Helobdella-Muttertier eine Mückenlarve an die ihr angehefteten Jungegel ›weiterreichte‹. Er schloss hieraus auf eine ›aktive Fütterung der Jungen

    durch das Alttier‹, war sich aber der Tragweite seiner Beobachtungen nicht ganz sicher und stellte sie zur Diskussion.

    Kutscheras Beobachtungen sind detaillierter und belegen durch die Beschreibung der Farbveränderungen des Verdauungstrakts der Egel nach Ansaugen an eine roten Tubifex-Larve, dass sich die Jungen tatsächlich von Beute ernähren, die das Elterntier gefangen hat. Interessant ist hierbei bei beiden Autoren, dass die Eltern Nahrung weitergeben, ohne selbst daran zu fressen, d. h. die Nahrungsaufnahme durch die Jungen ist kein Nebeneffekt des Fressens des Elterntiers.

    Pederzani zitiert Herter (1930), der schreibt ›…die Jungtiere beteiligen sich an den Mahlzeiten…‹. Insofern wäre Herter der Erstbeschreiber dieses Verhaltens (obwohl aus dem zitierten Fragment von Herters Arbeit nicht hervorgeht, inwieweit sich Jungen an der Nahrung der Eltern gütlich tun oder gezielt von den Eltern versorgt werden), Pederzani hat die Beobachtung konkretisiert, zögerte aber mit der Interpretation und Kutschera hat durch die Beobachtung der Verfärbung die Nahrungsaufnahme nachgewiesen .‹ [...]«

    GM: In beiden Stellungnahmen dokumentiert sich eine alte wissenschaftliche Unsitte: Begutachtet wird zwar mit hoher Reputation, aber von anonymer Warte. Die Gutachter werden namentlich nicht genannt und müssen sich daher für ihre Bewertungen auch nicht verantworten. Diese Form der Begutachtung ist seit einiger Zeit wissenschaftsbetriebsintern heftig in die Kritik geraten. Da in anonymen Gutachten völlig unklar bleibt, inwieweit sie durch sachfremde Kumpanei oder Standesdünkel verzerrt sind, ist ihre Aussagekraft naturgemäß von zweifelhaftem Wert. Von den Redakteuren eines investigativen Journals hätte ich daher erwartet, dass sie auf Gutachter verzichten, die nicht die Zivilcourage besitzen, für ihre Gutachten mit ihrem Namen einzustehen.

    Erst jüngst berichtete die renommierte Universität Zürich in dem Online-Beitrag »Glaube, Liebe, Peer review« über die Mängel der Methode, die Qualität von wissenschaftlichen Artikeln durch anonyme Fachkollegen bewerten zu lassen (sogenanntes Peer review): »Peer review ist in der Forschung zwar sehr verbreitet, stösst aber auch auf heftige Kritik. Teuer, langsam, voreingenommen, einfach zu missbrauchen, schlecht im Aufdecken von Fehlern und Betrügereien, hochgradig subjektiv, eine Art Lotterie: so lauten die schärfsten Angriffe auf das Verfahren

    Rehm ist sich der Bedeutung von persönlichen Daten für die Einschätzung der Stellungnahme eines Wissenschaftlers durchaus bewusst. Geht es um die Herabsetzung eines Wissenschaftlers zögert er nicht, selbst persönlichste Daten zu publizieren. Im Kommentar zu seinem Egelbericht erfahren wir von dem schöpfungsgeschichtlich motivierten Evolutionstheoriekritiker Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig nicht nur wo er arbeitet, sondern auch noch welcher Religionsgemeinschaft er angehört! Dagegen betrachtet er es als offenbar legitim (oder doch zumindest vertretbar), dass bei den von ihm hinzugezogenen Gutachtern schon der Name oder der Arbeitsplatz unter den Schutz der Persönlichkeitssphäre fällt.

    Trotz der genannten Vorbehalte kann man die zweite Stellungnahme noch als erträglich bezeichnen. Die andere ist allerdings – gelinde formuliert – eine Zumutung! Der erste Gutachter kommentiert vom hohen wissenschaftlichen Ross, hat keine Skrupel die Fakten zu verdrehen und ergreift unverhohlen Partei für seinen Kollegen Kutschera. Es ist wahrlich nicht zuviel verlangt, wenn man von einem staatlich finanzierten Lehrstuhlinhaber, der sich als Sachverständiger betätigt, eine gewisse Neutralität bei der Würdigung von Sachverhalten erwartet. Dies ist aber bei ersten Stellungnahme nicht der Fall. Ihr Autor disqualifiziert sich daher als Gutachter und bestätigt stattdessen eindrucksvoll das Sprichwort, dass eine(universitäre) Krähe der anderen kein Auge aushackt.

    Gleich zu Beginn seiner Stellungnahme führt er den Leser auf Abwege. Er stellt fest, dass »wachsame Naturbeobachter« vieles, »nicht selten zeitlich früher als berufsmäßige Forscher sehen« und fragt suggestiv : »Wer hat als erster entdeckt, dass der Kuckuck seine Eier in fremde Nester legt? Wer hat als erster gesehen, dass Blutegel saugen? « Tatsächlich sind dies hier völlig irrelevante Fragen, denn es handelt sich mit Sicherheit um Beobachtungen, die von Laien gemacht wurden, als es noch gar keinen Wissenschaftsapparat gab. Bei der Beobachtung der Brutfürsorge bei Egeln haben wir es aber mit der Entdeckung eines völlig unerwarteten und unauffälligen Verhalten durch einen engagierten Vivaristen zu tun, die erfolgte als es bereits seit über 200 Jahre einen funktionierenden Wissenschaftsbetrieb gab.

    Der erste Gutachter ist regelrecht davon besessen, Pederzanis Leistungen abzuwerten. Ihm scheint nicht bewusst zu sein, dass er dabei übers Ziel hinausschießt und auch Kutscheras Leistung herabwürdigt: So stuft er die von Pederzani gemachten Beobachtungen zur aktiven Jungenfütterung bei Egeln als »nicht allzu schwierig«, »keine bemerkenswerte oder gar wissenschaftliche Leistung« und »anekdotisch« ein. Ferner schlussfolgert er: »In einem Aquarienheft-Beitrag, in dem die Haltung und Leben von Blutegeln im Aquarium dargestellt werden, wird die Brutpflege folgerichtig aufgeführt, aber nicht als besondere oder wichtige Entdeckung hervorgehoben.« Seine absurde Argumentation gipfelt in der Bemerkung: »Hat man diese Egel im Aquarium, ist die Brutpflege nicht zu übersehen.«

    Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, diesen Unsinn richtig zu stellen! Erstens fragt sich, wenn die Beobachtung der Brutfürsorge wirklich so trivial ist, wie zuvor zitiert, warum stilisiert Kutschera sie dann in seinem MIZ-Artikel zu einer großen wissenschaftlichen Entdeckung? Zweitens ist fraglich, ob dieser Gutachter Pederzanis Beitrag überhaupt aufmerksam gelesen hat, denn es geht darin nicht (wie dieser bemerkt) um »die Haltung und das Leben von Blutegeln in Aquarien«, sondern um die Identifizierung von ungebetenen und bisher wenig beachteten Gästen in Aquarien und der Beschreibung von deren Verhalten. Und drittens ist Pederzani entgegen der Darstellung des Gutachters durchaus bewusst, dass er eine » besondere oder wichtige Entdeckung« gemacht hat. Dies zeigt sein Resümee:

    »Natürlich bin ich mir darüber im klaren, daß diese Darstellung der Abläufe, die ja den Schluß enthält, es handele sich um eine aktive Fütterung der Jungen durch das Alttier, auf Bedenken und Unglauben stoßen wird, denn wenn ich nicht irre, würde es sich hier ja wohl um den einzigen Fütterungsvorgang bei niederen Tieren handeln, staatenbildende Insekten ausgenommen. «Interessanterweise findet sich sechs Jahre später bei Kutschera eine inhaltlich fast identische Passage: »To our knowledge Helobdella striata and H. stagnalis art the first ›prearthropodian species for which it has been shown that they collect food to present it to their offspring.« Daraus kann man doch nur folgern, wenn Kutschera sich der Bedeutung seiner Erstentdeckung der Brutfürsorge bei Egeln bewusst war, dann trifft das auch auf Pederzani zu – allerdings mit dem kleinen Unterschied, dass Pederzani seine Beobachtungen sechs Jahre früher publiziert hat.

    Am Rande sei bemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, Egel im Aquarium am Leben zu halten und deren Verhalten zu beobachten. Wenn dies der Fall wäre, hätten berufsmäßige Wissenschaftler deren Brutfürsorge viel früher entdeckt und publiziert. Das dies nicht so ist, hängt auch damit zusammen, dass Universitätsforscher bis Anfang des 20. Jahrhunderts vorwiegend ›Spiritusforschung‹, also Forschung am toten Objekt betrieben haben. Als sie dann auch das Verhalten ihrer konservierten Objekte studieren wollten, mussten sie erst von der Vivaristen-Gemeinde lernen, wie man sie am Leben erhält. Erst als sie das gelernt hatten, war es den Universitätswissenschaftlern überhaupt möglich, Erkenntnisse nachzuvollziehen, die Aquarien- und Terrarienliebhaber bereits viele Jahre zuvor gemacht hatten.

    Angesichts der geschilderten Falschdarstellungen und -bewertungen verwundert es nicht, dass der erste Gutachter zu dem (offenbar schon im Vorfeld feststehenden) Ergebnis kommt, dass in Folgearbeiten nicht die »Textstelle von Herrn Pederzani«, sondern Kutscheras Veröffentlichung »als Erstlingsentdeckung zitiert werden muss«. Liest man aber die begrifflich als bloße »Textstelle« abgewertete umfangreiche Passage (siehe Anlage), in der Pederzani seine Beobachtungen beschreibt, unvereingenommen und betrachtet die strittige Frage, wem der Lorbeer der Erstbeobachtung zusteht, mit dem gesunden Menschenverstand und nicht mit der für den Wissenschaftsbetrieb eigentümlichen Arroganz, so kommt man zu einem ganz anderen Ergebnis:

    Pederzani hat – wenn auch eingeschränkt durch sein damaliges Equipment – zweifelsfrei als erster beobachtet, dass Egel ihre Jungen aktiv füttern. (Dies ist im Übrigen auch die persönliche, von den Gutachten nicht irritierte Einschätzung von Rehm). Er hat ferner andere Beobachter hinzugezogen, um sicherzustellen, dass seine Beobachtungen nicht durch eine übertriebene Entdeckerfreude verfälscht werden. Er hat seine Forschungsergebnisse in einer Zeitschrift publiziert, die nicht nur von Aquarien- und Terrarienfreunden, sondern auch von vielen Wissenschaftlern gelesen wird. Und zu guter Letzt hat er auch noch andere Egelforscher aufgefordert, seine (auf den ersten Blick unglaublichen) Ergebnisse zu prüfen.

    Diese Vorgehensweise kann man doch wohl nur als Wissenschaft im besten Sinne bezeichnen. Selbst aus Sicht eines zur Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit neigenden Wissenschaftsbetriebes kann ich hier nur einen Makel erkennen, nämlich den, dass Pederzani die Beobachtungen im eigenfinanzierten Wohnzimmer und nicht im staatlich subventionierten Labor gemacht hat. Man kann daher die Feststellung des ersten Gutachters, dass Kutscheras vermeintliche Erstbeschreibung der aktiven Brutfürsorge in »Folgearbeiten als Erstlingsentdeckung zitiert werden muss« nur als borniert bezeichnen.

    Der zweite Gutachter ergreift nicht gleich Partei, sondern beschreibt einigermaßen unvoreingenommen, wie die Entdeckung der Brutfürsorge abgelaufen ist. Er erwähnt, dass Pederzani Herter (1930) zitiert. Leider nicht, um zu zeigen, dass Pederzani gewissenhaft recherchiert hat, ob es in der Literatur Hinweise gibt, die seine außergewöhnlichen Beobachtungen stützen, sondern um darüber zu spekulieren, ob nicht Herter aufgrund seiner Erwähnung der Jungenfütterung als Erstbeschreiber zu gelten hätte. Er kommt zu dem Resümee, dass Pederzani Herters Beobachtungen konkretisiert und Kutschera die aktive Nahrungsaufnahme durch die Beobachtung der Verfärbung der Darmblindsäcke nachgewiesen hat. Tatsächlich hat Kutschera sie aber nur durch ein zusätzliches Indiz bestätigt, so dass Pederzani zweifelsfrei der Lorbeer für die Erstentdeckung der Brutfürsorge bei Egeln zusteht.

    LB : » Der zweite Vorwurf Mentings lautet: Kutschera habe sich bei der Erstbeschreibung des Egels Helobdella europaea geirrt, bei diesem handele es sich um die eingeschleppte H. triserialis.


    Helobdella europaea

    In der Tat sehen die beiden Egelspezies für Nichtspezialisten ähnlich aus. Sie unterscheiden sich jedoch im Fressverhalten, das bei Egeln als taxonomischer Parameter gilt. Triserialis frisst nur Schnecken, während Europaea auch Kaulquappen, Krebse, tote Fische et cetera verzehrt. H. europaea ist also tatsächlich eine andere Art als H. triserialis. Das hat Kutschera inzwischen auch durch mtDNA-Analyse nachgewiesen.«

    GM: Hier ist Rehm ein folgenschwerer Lapsus passiert: Er hat Kutschera von einem Vorwurf entlastet, den ich gar nicht erhoben habe. Ich habe nicht behauptet, dass es sich bei dem von Kutschera als H. europaea beschriebenen Egel um die bereits bekannte Art H. triserialis (Blanchard 1849) handelt, sondern dass Kutschera aufgrund der ihm vorliegenden Indizien und Hinweise hätte frühzeitig erkennen müssen, dass es sich bei der von ihm entdeckten Helobdella-Art, um keine neue heimische, sondern um eine invasive Art handelt. Von diesem Vorwurf hat das Laborjournal Kutschera somit nicht entlastet.

    LJ : »Der amerikanische Egelexperte Mark Siddall hat Kutscheras Analysen mit DNA-Barcoding bestätigt, des weiteren Bely und Weisblat in Evolution & Development (2006, 8:491-501). Siddall glaubt, dass H. europaea mit der 1943 von dem Argentinier Raul Ringuelet (1914-1982) beschriebenen Art H. triserialis lineata identisch sei, doch basiert diese Identifikation nur auf einem Schwarzweiß-Foto Ringuelets, und es gibt kein Typenexemplar mehr, mit dem man eine DNA-Analyse durchführen könnte.

    Die Identität von H. europaea mit Ringuelets Egel steht also nicht zweifelsfrei fest und ist auch nicht mehr zweifelsfrei festzustellen. Sicher ist: H. europaea und H. triserialis sind verschiedene Spezies. Zudem ist auch für Siddall H. europaea die gültige Artbezeichnung, denn Ringuelets Name Helobdella lineata war schon von einem nordamerikanischen Egel vorbesetzt.«

    GM : Hier ist Rehms Darstellung und Bewertung zuzustimmen: H. europaea und H. triserialis sind verschiedene Spezies und die Auffassung von Siddall, dass H. europaea mit der H. triserialis lineata (Ringuelet 1943 ) identisch ist, kann heute nicht mehr zweifelsfrei bewiesen werden. Es irritiert aber, dass Kutschera die Frage einer möglichen Übereinstimmung der beiden vorgenannten Egelarten nicht schon bei seiner Erstbeschreibung diskutiert hat. Drängt sich hier nicht der Verdacht auf, dass Kutscheras vorschnelle Überzeugung, eine neue heimische Art entdeckt zu haben, eine sorgfältige Recherche beeinträchtigt hat?

    LJ : » H. europaea ist nicht in Europa heimisch, sondern wurde vermutlich aus Südamerika eingeschleppt. Die Namensgebung ist also unglücklich aber verzeihlich, denn Kutschera hat seine Typenexemplare wildlebend in einem Bach bei Freiburg gefunden. Auch hat Kutschera bei der Neubenennung alle Vorsicht walten lassen. So hat er sich an den Egelspezialisten Roy Sawyer gewendet und erst auf dessen Empfehlung hin die Neubenennung vorgenommen.«

    GM: Kutschera war Anfang der 1980er-Jahre (und da war wohl mehr der Ruhm als die Indizienlage der Vater des Gedankens) der Auffassung, eine neue einheimische Helobdella-Art gefunden zu haben. Er hat sie zunächst als H. striata (1985) und als sich herausstellte, dass dieser Name präokkupiert ist zwei Jahre später als H. europaea beschrieben. Dies war und ist eine wissenschaftliche Fehlleistung, denn statt einer neuen heimischen Art hatte er einen weltweit invasiven Importegel bzw. eine neue Subspezies aus dem ursprünglich in Südamerika beheimateten Helobdella-triserialis-Komplex entdeckt.

    Kutschera hat später versucht, seine falsche Beschreibung von H. europaea als neue heimische Art durch diverse Verwirrspiele zu verschleiern und erst sehr spät eingeräumt, dass er sich geirrt haben könnte. Z. B. hat er in einem 2001 veröffentlichten Fachartikel, seine ursprüngliche, weniger verfängliche (aber eben präokkupierte) Namensgebung H. striata wieder reaktiviert. Erst 2004 hat er die Frage diskutiert, ob es sich bei H. europaea um eine invasive Art aus Südamerika handelt. Tatsächlich lagen ihm aber schon spätestens seit 1987 eine Reihe von gewichtigen Indizien und Hinweisen vor, die für einen invasiven Importegel sprachen:

    Erstens hatte man seit über 200 Jahren in Europa keinen neuen heimischen Egel der Gattung Helobdella mehr entdeckt. Zweitens hatte Kutschera die Egel in einem siedlungsnahen Gewässer gefunden. Drittens hatte ihn der englische Egelspezialist Sawjer bereits 1984 darauf aufmerksam gemacht, dass ihm Hinweise auf einen nach Europa importieren Egel vorliegen. Viertens hatte der Vivarist Pederzani 1986 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Mikrokosmos über in Berliner Aquarien gefundene morphologisch identische, invasive Egel berichtet. Und zu guter Letzt hat er ihn auch noch persönlich angeschrieben und ihm einen Reprint des Artikels zugeschickt.

    Nur Kutschera lagen alle damals genannten Hinweise auf einen Importegel vor. Trotzdem hat er ihn in seinem 1987 erschienenen Artikel erneut als heimische Art beschrieben, was sich bis heute in dem unglücklichen Epithet europaea dokumentiert. Kutschera hat später versucht, sich damit rauszureden, dass sein Artikel von der Redaktion bereits abgesegnet war, als ihn Pederzanis Brief erreichte. Aus dieser Rechtfertigung ergeben sich einige Fragen:

    Weshalb hat er den zwar abgesegneten, aber noch nicht gedruckten Artikel eigentlich nicht korrigiert oder zurückgezogen? Und wenn dies nicht möglich war, warum hat er ihn dann nicht zum nächst möglichen Zeitpunkt, also der nächsten Ausgabe korrigiert? Und wie konnte es passieren, dass er Pederzanis 1986 in der Fachzeitschrift Mikrokosmos veröffentlichten Artikel über in Berliner Aquarien gefundene, morphologisch identische Importegel übersehn hat? – Eine Kutschera im übrigen sehr gut bekannte Zeitschrift, da er im selben Jahr darin über seine vermeintliche Entdeckung der aktiven Jungenfütterung publiziert hat. Der Leser möge sich selbst ein Urteil darüber bilden, ob Kutschera bei seiner Neubenennung – wie von Rehm behauptet – alle Vorsicht hat walten lassen und ob so sorgfältiges wissenschaftliches Arbeiten aussieht.

    LJ : » Pederzanis Egel war nicht H. triserialis, sondern wahrscheinlich Kutscheras H. europaea, denn Pederzanis Egel fraßen nur Mückenlarven und Triserialis frisst nur Schnecken. Pederzani (beziehungsweise sein taxonomischer Gewährsmann Gerhard Hartwich vom Zoologischen Museum Berlin) haben sich also geirrt. Im Aussehen sind Triserialis und Europaea fast identisch, und die Taxonomie der Egel ist schwierig.«

    GM : Die Taxonomie der Egel und insbesondere der zum Polymorphismus neigenden H. triserialis-Arten ist in der Tat – und da ist Rehm zuzustimmen – ein schwieriges Unterfangen. Es ist nicht einfach zu entscheiden, ob ein abweichendes Merkmal (z. B. abweichende Nahrungspräferenzen) zum normalen Spektrum einer Spezies gehört oder ausreicht, eine neue Subspezies zu beschreiben. Pederzani vertrat damals die zuerst genannte Auffassung, Kutschera die letztere.

    Aufgrund der jetzt vorliegenden DNA-Sequenzanalysen sieht es definitiv so aus, dass Pederzani hier irrte und Kutschera Recht hatte. Bei den von Kutschera in einem siedlungsnahen Gewässer und von Pederzani in Berliner Aquarien gefundenen Egel handelte es sich nicht um einen bereits beschriebenen, sondern um eine neue Subspezies aus H. triserialis-Komplex. Pederzanis Irrtum darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in einem entscheidenden Punkt Recht behalten hat und der besagt, dass es sich bei dem Egel um keine neue heimische, sondern um eine invasive, aufs engste mit H. triserialis verwandte Art handelt.

    An dieser Stelle noch ein paar Bemerkungen zu den bereits erwähnten Verwirrspielen, mit denen Kutschera versucht, seine falsche Beschreibung einer neuen Art (die er offenbar im Nachhinein als Blamage findet) zu verschleiern. Studiert man z. B. Kutschera Publikationen zum taxonomischen Status der von Pederzani gefundenen Egel so stößt man auf widersprüchlichste Versionen.

    Wenn es um die Entdeckung der Brutfürsorge geht, schreibt Kutschera, dass Pederzani seine Beobachtungen an Helobdella-Spezies von unbekannten taxonomischen Status gemacht:

    »It should be noted that Pederzani (1980) mentioned similar observations carried out on several specimens of unknown taxonomic status. This enigmatic leech, which is very similar to H. striata (sic!), was introduced from South America via aquatic plants into several warm-water aquaria in Berlin (Germany)« (Kutschera & Wirtz 2001).

    Wenn es aber um den Artstatus von Helobdella europaea geht, dann schreibt Kutschera, dass Pederzanis in Berliner Aquarien gefundenen Egel mit seinen identisch sind:

    »Pederzani (1980) reported that a glossiphonid leech that resembles the American warm-water species H. triserialis, later identified by Kutschera as H. europaea, occurred in aquaria in Berlin« (Pfeiffer, Brenig & Kutschera 2004).

    Dieses Verwirrspiel erreicht seinen Gipfel in Kutscheras im Newsticker der AG Evolutionsbiologie veröffentlichten Gegendarstellung »Der Kassler ›Lügenprofessor ‹« zu meinem Artikel »Von Egeln und Engeln«. Hier stellt er fest:

    »Entgegen Mentings Spekulation lag keine ausreichende Evidenz vor, dass die von mir beschriebene Egelspezies mit Pederzanis ›Aquarien-Importegel‹ H. triserialis übereinstimmte. Diese Frage konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden« (2007).

    Damit haben wir drei Versionen: Erstens, der taxonomische Status von Pederzanis Egeln ist unbekannt. Zweitens, Pederzanis Egel konnten von Kutschera als H. europaea identifiziert werden. Und drittens, die Frage der Übereinstimmung konnte bis heute nicht eindeutig geklärt werden. Es ist übrigens nicht auszuschließen, dass die Versionen nicht zufällig, sondern intentional gewählt werden. Wenn es darum geht, wer die Brutfürsorge als erster entdeckt hat, wäre es für Kutschera von Vorteil, wenn nicht einmal der taxonomische Status von Pederzanis Egeln bekannt ist. Wenn es aber darum geht, ob H. europaea eine neue Art ist, schadet es nicht, wenn sie identisch mit Egeln ist, die andernorts also z. B. in Berliner Aquarien gefunden wurden, zumal H. europaea seit einigen Jahren an ihrem ›locus typicus‹ (ein Gewässer in der Nähe von Freiburg) verschwunden ist. Und wenn es – wie in Kutscheras Gegendarstellung – um beides geht, ist die Frage eben noch ungeklärt!

    Ich überlasse es dem Leser, sich hier selbst ein Urteil darüber zu bilden, was von solcher Art ›wissenschaftlicher‹ Verwirrspielen zu halten ist.

    LJ : »Die Gepflogenheiten in der Egelforschung sind übrigens hart, nicht nur zwischen Forschern und Laien, sondern auch unter den Forschern selbst. So hatte Kutschera 2006 in der Zeitschrift Lauterbornia (56:1-4) die bemerkenswerte Erkenntnis veröffentlicht, dass es sich bei den heutzutage als medizinische Blutegel Hirudo medicinalis L. verkauften Egeln in Wirklichkeit oft um Hirudo verbana handelt, eine Egelspezies, die 1820 von H. Carena im Lago Maggiore entdeckt worden war. Verbana und Medicinalis galten lange als Varietäten derselben Art.«

    Kutschera konnte aber zeigen, dass die beiden Egel sich selbst bei gemeinsamer Aufzucht getrennt fortpflanzen und keine Zwischenformen auftreten. Nach gängiger Definition handelt es sich also um zwei verschiedene Biospezies. Ein Jahr später erschien ein Artikel von Mark Siddall et al. (Proc Biol Sci 2007, 274 (1617):1481-7) mit dem Titel ›Diverse molecular data demonstrate that commercially available medicinal Leeches are not Hirudo medicinales ‹, der im wesentlichen das gleiche verkündete wie Kutschera, allerdings gestützt auf DNA-Sequenzen und nicht auf Verhaltensbeobachtungen.

    Siddalls Erkenntnisse brachten es in fast jede Zeitung, von Kutschera redete kaum einer. Siddall et al. hatten zwar das Kutschera-Paper zitiert, seine Ergebnisse jedoch als bloße ›Vermutung‹ abgewertet. Kutschera wird nächstens mit einem Kurzbeitrag in Nature die Sachlage klarstellen.«

    GM: Zweifelsfrei erreicht der Laborjournal-Artikel in dieser abschließenden Passage seine größte Schräglage. Rehm konstatiert, dass die Gepflogenheiten in der Egelforschung hart sind. Man sollte hinzufügen, dass sie allgemein im Wissenschaftsbetrieb hart sind, wenn es um strittige Sachfragen geht, die eng mit Karrierefragen verbunden sind. Und dass dies so ist, hängt wesentlich mit so karrierebewussten Forscherpersönlichkeiten wie Kutschera zusammen.

    Der kennt – wie ich schon wiederholt zeigen konnte – wenn es um seinen Vorteil geht, wenig Skrupel um Kontrahenten ins wissenschaftliche oder weltanschauliche Abseits zu drängen. Mich hat er z. B. in seinem Buch »Streitpunkt Evolution« durch eine entstellende Verkürzung des tatsächlichen Sachverhaltes einer kreationistisch motivierten »Infiltration von Fachzeitschriften« bezichtigt. Ferner hat er in seiner Gegendarstellung »Der Kasseler ›Lügenprofessor‹« die Tatsachenbehauptung verbreitet, dass ich an keiner deutschen Universität eine biologische Zwischenprüfung bestehen würde. Er unterschlägt dabei dem geneigten Leser, dass ich Botanik (inklusive Laborpraktika) im Nebenfach studiert habe und dieses Studium mit einer Nebenfach-Diplomprüfung abgeschlossen habe.

    Es schlägt dem Fass daher den Boden aus, wenn Rehm Kutschera am Ende seines Berichtes auch noch reichlich Platz dafür einräumt, sich als Opfer eines anderen Egelforschers zu stilisieren, der angeblich mit seinen »bemerkenswerten Erkenntnissen« hausieren geht.

    Rehm wirft mir mangelndes Expertentum in Egelfragen vor. Dies mag zwar zutreffen, denn um den Artikel »Von Egeln und Engeln« zu schreiben, brauchte ich die einschlägige Literatur nur systematisch auszuwerten und einige Egelexperten befragen, aber eben keine eigene Egelforschung betreiben. Wäre es um die strittige Erstbeschreibung einer neuen Fischotterart gegangen, hätte meine Geschichte daher statt »Von Egeln und Engeln« auch »Von Ottern und Göttern« handeln können – und zwar ohne ein ausgewiesener Fischotterexperte zu sein.


    H. medicinalis / H. verbana
    Wie steht es aber um das Expertentum des Redakteurs Rehm? Hat er den Artikel, in dem Kutschera die Ergebnisse seiner Kreuzungsexperimente zwischen Hirudo medicinalis und H. verbana dokumentiert eigentlich gelesen? Ich befürchte nicht. Und hat er vertiefende Literatur zu den von Kutschera für sich reklamierten Erkenntnissen studiert oder gar Experten befragt, ob die Experimente aussagekräftig sind? Ich befürchte, Rehm müsste auch diese Frage mit ›nein‹ beantworten.

    Um eine tragfähige Einschätzung zu der Frage zu bekommen, ob sich Kutschera hier zurecht als Opfer stilisiert, müsste ich mich erneut in die einschlägige Literatur zu einer sehr speziellen Thematik einarbeiten. Sollte ich dabei herausfinden, dass Kutscheras Version der Geschichte diesmal zutrifft, würde das niemand sonderlich interessieren. Käme ich allerdings zu dem Ergebnis, dass Kutschera sich hier wieder einmal zu unrecht als Opfer stilisiert, würde mein Urteil weithin nur als unqualifizierte und böswillige Fortsetzung meiner (sogenannten) ›Hetzkampagne‹ gegen den Kutschera oder sein Club abgewertet.

    Mein Urteil ist hier also weder gefragt noch angesagt. Deshalb bin ich froh, in der Rubrik »Forumbeiträge« eine Stellungnahme des renommierten Egelexperten Clemens Grosser* (Leipzig) zu dem Laborjournal-Artikel »Angriff auf einen Evolutionsbiologen« vorlegen zu können. Darin werden auch Kutscheras Kreuzungsexperimente und ihre fachliche Bedeutung auf den Prüfstand gestellt.

    Literatur

    siehe Beitrag von »VonEgeln und Engeln«

    Anmerkung

    * Clemens Grosser ist ausgebildeter Gymnasiallehrer und derzeit Schulleiter von mehreren Fachoberschulen in Leipzig. Er beschäftigt sich seit 1985 intensiv mit der Faunistik und Biologie von Egeln und hat zwischenzeitlich ca. 30 Fachartikel zu der Thematik publiziert. Grosser betreibt eine eigene Website über Egel (www.hirudinea.de). In ihr dokumentiert er u. a. die derzeit nachgewiesenen Egeltaxa verschiedener Regionen und informiert über aktuelle Ergebnisse der Egelforschung. In Sachen Egelfragen ist er ein kompetenter Ansprechpartner: Er leitet Bestimmungskurse für Egel, ist Ratgeber für Bundes- und Landesbehörden (Umsetzung der FFH-Richtlinie, Erstellung von ›Rote Listen‹ für Egel) und berät Blutegelzüchter. Auch der ambitionierte Egelforscher U. Kutschera sucht bei kniffeligen Problemen immer wieder den Rat von Grosser.

    Anlage

    Entdeckung und Beschreibung der aktiven Jungenfütterung bei Egeln durch H. A. Pederzani:

    »Die heranwachsenden jungen Egel üben, mit den hinteren Saugnäpfen am Bauch des Muttertieres angeheftet, oft Suchbewegungen aus (Bild 9), manchmal gleichzeitig mit der Mutter. Stößt diese nun gegen ein schwebendes Futtertier, z. B. gegen eine Weiße Mückenlarve, so wird das Beutetier mit dem vorderen Körperdrittel, das ausgestreckt ja weit länger geworden ist als in Ruhe, blitzschnell umrollt und herangezogen. Dies geschieht mit außerordentlicher Kraft, und die energischen Zuckbewegungen der Larven führen nur selten zu ihrer Befreiung. Nun wird der Rüssel aus der Mundöffnung ausgefahren. Nach wenigen Sekunden zeigt die Larve kein Lebenszeichen mehr. Einige Minuten später läßt der Egel die ausgesogene Haut der Mückenlarve zu Boden fallen. […]

    Nun wollen ja auch die Jungen zu ihrem Recht kommen. Sie sind vom gefangenen Beutetier nicht weit entfernt. Herter (1968) schreibt: ›…Die Jungen beteiligen sich an den Mahlzeiten….‹ Im Bewusstsein der Gefahr einer Fehldeutung möchte ich nun schildern, wie sich mir (und mehreren herbeigerufenen weiteren Beobachtern) dieser Vorgang leicht variiert mehrfach darstellte:

    Ein Muttertier fing eine Mückenlarve, wartete bis sie bewegungsunfähig war und reichte sie dann zu den Jungegeln hinunter, die die Beute sofort übernahmen und zu saugen begannen. Inzwischen fing die Mutter eine weitere Larve, ließ sie aber getötet fallen, als sie auch diese den Jungtieren zuführen wollte, die aber noch mit der ersten Larve beschäftigt waren. Daraufhin nahm die ›Mutter‹ den Jungtieren die Larve ab, drehte sie wie prüfend und reichte sie dann zurück. Dies wiederholte sie manchmal mehrfach. Schließlich, wenn die Larve nur noch aus Haut zu bestehen schien, ließ das Muttertier sie zu Boden fallen.

    In zwei Fällen wurde eine Larve, an der Jungtiere saugten, durch einen anderen Egel der gleichen Art, der mit seinen Suchbewegungen nahe war, geraubt. Daraufhin griff das Muttertier hinüber, brachte die Larve an sich und gab sie den Jungen zurück.

    Natürlich bin ich mir darüber im klaren, daß diese Darstellung der Abläufe, die ja den Schluß enthält, es handele sich um eine aktive Fütterung der Jungen durch das Alttier, auf Bedenken und Unglauben stoßen wird, denn wenn ich nicht irre, würde es sich hier ja wohl um den einzigen Fütterungsvorgang bei niederen Tieren handeln, staatenbildende Insekten ausgenommen. Ich glaube aber berechtigt zu sein, diese Beobachtungen zwecks Überprüfung zur Diskussion zu stellen.

    Ein Fachwissenschaftler wäre wohl vor Veröffentlichung zu Versuchsreihen und filmischen Beleg verpflichtet (wohl nur mit Infrarot-Material möglich, da die Egel lichtscheu sind), als interessierter Laie glaube ich aber, das Recht zu haben, auch ohne diese Prämissen andere zu weiterer Beobachtung anzuregen. Gelänge dies, so wäre der Zweck dieses Beitrages erfüllt.«

    aus: H. A. Pederzani (1980): Ungebetene Gäste in unseren Aquarien. Hirudineen – aber welche? – In: Aquarien Terrarien, Heft 11

    G.M., 14.07.07


     

    Prof. Dr. U. Kutschera, gelernter Pflanzenphysiologe, publikationsfreudiger Evolutionsbiologe, unerbittlicher Kämpfer gegen den Kreationismus u. ambitionierter Egelforscher, glaubt an nichts mehr als Naturgesetze und Tatsachen

     

    Kutschera eröffnet eine neue Front im Kampf gegen den Kreationismus

    Der Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie Ulrich Kutschera verdankt einen Großteil seiner Publizität seinem brachialem Feldzug gegen den Kreationismus. Jetzt hat er neue Front eröffnet, weil er meint, pseudowissenschaftliche Aktivitäten dort entdeckt zu haben, wo man sie am wenigsten vermutet, nämlich in den eigenen Reihen. Er mahnt Geisteswissenschaftler ab, die sich »in die inneren Angelegenheiten und Fragestellungen« der Naturwissenschaften einmischen1). Dies sei inakzeptabel, weil sie sich damit »immer wieder über jene Personen erheben wollen, die unter Einsatz enormer persönlicher und technischer Aufwendungen reale Phänomene der Natur erforschen «. Kutschera stützt seine Attacke auf ein Wissenschaftsverständnis, das eher primitiv und trivial als reflektiert und differenziert zu bezeichnen ist. Er will zwischen den Geisteswissenschaften, die er »Verbalwissenschaften« nennt und den Naturwissenschaften, die für ihn »Realwissenschaften« sind, einen qualitativ gravierenden Unterschied erkannt haben: Auf der »Primär- und Sekundärliteratur«, die von den »Realwissenschaften« hervorgebracht würde, baue »letztendlich unser gesamter verlässlicher, technologisch verwertbarer Wissensschatz« auf. Demgegenüber käme der »von manchen Geisteswissenschaftlern produzierten meist in Buchform verbreiteten Tertiärliteratur« bei weitem nicht dieselbe Bedeutung zu, da sie sich »bevorzugt damit beschäftigen, das, was andere über reale Sachverhalte gedacht haben, gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren«.

    Nach den Kreationisten zerrt Kutschera nun die Geisteswissenschaftler vor den Richterstuhl seiner eigenen Disziplin der Biologie. Er wirft ihnen vor, nichts Substanzielles zum wissenschaftlich-technologischen Fortschritt beizutragen und stattdessen eine Art wiederkäuendes bis wortakrobatisches Privatvergnügen zu betreiben. Den vielzitierten und weithin überbewerteten Satz »Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Lichte der Evolution« des Evolutionsbiologen Theodosius Dobzhansky noch weiter aufblähend, versteigt er sich zu der hanebüchenen Äußerung: »Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie«. Dabei war der Anlass für diese Abstrafung vergleichsweise gering. Der Medizinhistoriker Florian Mildenberger hatte im Laborjournal die These vertreten, dass in den 1930er Jahren Neovitalisten den Darwinisten wichtige Anstöße gegeben hätten, um die unter innerwissenschaftlichen Beschuss geratenen Theoriemodelle Charles Darwins weiterzuentwickeln. Ähnlich hätte das Erstarken religiös motivierter Evolutionskritiker in den 1980er Jahren die Evolutionstheoretiker zu verstärkten Anstrengungen veranlasst, bestehende Forschungslücken zu schließen. Kutschera, der gebeten worden war, dies zu kommentieren, stufte beide Thesen als kompletten Unsinn ein. Der Erkenntnisfortschritt sei durch religiöse oder vitalistische Glaubensbekenntnisse nicht befördert, sondern vielmehr behindert worden.

    Kutschera sieht die tiefere Ursache für Mildenbergers geistige Verirrungen in einer eklatanten Schwäche der »Ghost Scientists«. Diese tendierten dazu, nicht nur reale Wirkfaktoren, sondern auch »subjektive, übernatürliche Glaubensinhalte in die naturwissenschaftliche Theoriebildung aufzunehmen«, weil sie beide als »Geistesprodukte des Homo sapiens« betrachteten. Da Geisteswissenschaftler »nicht dem Zwang einer experimentellen Verifizierung ihrer Thesen unterliegen« würden, seien »imaginäre (biblische) Götter und Designer« für sie »gedanklich gleichwertig mit dem eines Butterbrotes oder Straßenbesens - jedenfalls solange sie am Schreibtisch sitzen«2). »Verbalwissenschaftler«,die nicht begriffen hätten, dass in den »Realwissenschaften nur Dinge relevant sind, die sich mit unseren naturwissenschaftlichen Methodenarsenal nachweisen lassen«, sollten deshalb die Finger von ›realwissenschaftlichen‹ Themen lassen. Eine Generalabsolution erteilt Kutschera nur einigen Biologiehistorikern: »Die führenden Vertreter dieses Faches der Humanities (Thomas Junker, Uwe Hoßfeld, Olaf Breidbach, Ekkehard Höxtermann usw.) haben ein naturwissenschaftliches Studium absolviert und somit unsere Denk- und Arbeitsweise im Rahmen aufwändiger Laborpraktika kennen gelernt. « Selbstverständlich sind alle namentlich angeführten Biologiehistoriker Mitglieder der AG Evolutionsbiologie oder sie stammen wie Höxtermann aus dem näheren Umfeld des ›Kutschera-Clubs‹.3)

    Kutschera eilte bereits vor seinem Frontalangriff auf die Geisteswissenschaft der Ruf voraus, eine vorsintflutliche Erkenntnistheorie zu verbreiten. So versuchte er, schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionskritiker mit der Argumentation ins Abseits zu befördern, dass sich die Biologie nur mit »real existierenden Dingen« beschäftigt und deswegen »irreale Götter und Designer draußen bleiben müssten«. Tatsächlich beschäftigen sich aber weder die Biologie noch andere Wissenschaften mit real existierenden Dingen. Die Vorstellung einer gegenständlich fassbaren Welt entstammt der Alltagssprache und nur dort macht sie Sinn. Bei oberflächlicher Betrachtung mögen zwar viele Objekte der Naturwissenschaften als dinglich real erscheinen. Bei näherem Hinsehen entpuppen sie sich aber immer als epistemische, d. h. konstruierte Objekte4). Jeder moderne Wissenschaftstheoretiker wäre daher bereit zuzugeben, dass in allem Wissen auch immer Glauben ist, d. h. alles Wissen (und damit auch der Gegenstand, über den es handelt) ist theorieinfiziert. Die Bruchstelle zwischen wissenschaftlichem Naturalismus und kreationistischem Supranaturalismus verläuft daher nicht zwischen der Realität und Irrealität ihrer Gegenstände, sondern ist methodisch durch die bewusste Beschränkung der naturwissenschaftlichen Forschung auf ›objektiv‹ erfahrbare Ursachen und die Ausklammerung transzendenter Deutungen definiert.

    Kutschera führt als Beispiel für reale Dinge »Lebensgemeinschaften im tropischen Regenwald« an. Er scheint offenbar zu glauben, dass Lebensgemeinschaften wie ›Ostereier im Nest‹ herumliegen und nur gefunden werden müssen. Tatsächlich sind sie aber ein höchst fragwürdiger Term, der nur für Primitivrealisten5) wie Kutschera als reales Ding gehandelt wird. Bedeutung hat er vor allem in Kinderschulbüchern und in der Heimatkunde, weil er die Herzen der Kinder und Heimatfreunde höher schlagen lässt! Für einen Fachwissenschaftler sind Lebensgemeinschaften eher Phantom als Realität, weil sie ein höchstes perspektivisches Gebilde sind. Dass Kutschera das nicht begreift, erstaunt auch deshalb, weil ihm selbst schon mal ein »reales Objekt« dekonstruiert worden ist. Jahrelang hatte er sich damit gerühmt, einen neuen, bisher unbekannten heimischen Egel entdeckt zu haben. Schließlich musste er einräumen, was kritischere Egelforscher schon sofort vermutet hatten, dass es sich um eine invasive Variante eines zum Polymorphismus neigenden, hinlänglich bekannten Neuwelt-Egel handelt. Doch damit nicht genug der Dekonstruktion, nur wenige Jahre nach ihrer Entdeckung konnte die betreffende Egelpopulation an ihrem locus typicus nicht mehr nachgewiesen werden. Der ausgewiesene ›RealwissenschaftlerKutschera wird sich doch wohl nicht die ganze Zeit mit einem Egelphantom, also einem eher irrealen Objekt beschäftigt haben?

    Mit seiner jüngsten Attacke gegen die Geisteswissenschaften knüpft Kutschera nahtlos an bisherige Tiefpunkte seines Wissenschaftsverständnis an. Vermutlich seine eigene Ausbildung als Pflanzenphysiologie idealisierend und verabsolutierend, behauptet er, dass man nur im »Rahmen aufwändiger Laborpraktika« lernen kann, die »Denk- und Arbeitsweise« von Naturwissenschaftlern, d. h. ›richtigen‹ Wissenschaftlern zu verstehen. Dahinter steht wohl die Vorstellung, dass sich quasi im Laborexperiment entscheide, was in dieser Welt real und irreal ist6). Dies erstaunt, denn üblicherweise gilt die Laborwelt als eine höchst artifizielle Welt voller ungewisser Annahmen und Fehlerquellen. Wo immer es möglich ist, versucht daher ein Wissenschaftler, seine im Labor erzielten Ergebnisse unter möglichst realen Bedingungen zu testen. Die Ergebnisse eines Laborexperimentes sprechen auch nicht – wie Kutschera zu glauben scheint – aus sich selbst heraus, sondern müssen verbalisiert werden, um entscheiden zu können, ob eine Theorie eher wahr oder falsch ist. Um sich von Geisteswissenschaftlern abzuheben, bezeichnet sich Kutschera gerne als Labor-Biologen. Aber welchen Teil seiner Arbeitszeit verbringt er tatsächlich im Labor? Schuften in den Laboren nicht meistens nur die Subalternen, d. h. die Hiwis, Docs oder Postdocs und nur ganz selten Professoren? Zweifellos wird auch der Labor-Biologe Kutschera die weitaus meiste Zeit mit dem Studium und ›Verwursteln‹ von Primär-, Sekundär- oder Tertiärliteratur verbringen, d. h. genauso arbeiten, wie dies die von ihm heftig attackierten ›Verbalwissenschaftler‹ tun.

    Anmerkungen

    1) Kutschera ist zwar bemüht, populistisch zu agieren, vergreift sich aber regelmäßig im Ton. Hier gleicht seine Diktion, mit der er die Geisteswissenschaftler rügt, auf unappetitliche Weise dem Stil von Protestnoten, mit denen sich Diktaturen verbitten, von Demokratien in Menschenrechtsfragen belehrt zu werden.

    2) Hier will Kutschera wohl andeuten, dass die aus seiner Sicht jenseits experimenteller Zwänge abgehoben und frei fabulierenden ›Verbalwissenschaftler‹ es nicht vermeiden können, in ihrem Alltagsleben mit den Niederungen ›der Realität‹ konfrontiert zu werden – zum Beispiel wenn sie erfahren müssen, dass nicht die Vorstellung eines Festmahls, sondern nur ein richtiges Butterbrot den Hunger stillt. Tatsächlich zeigt Kutschera uns hier nur, wie eng seine Erkenntnistheorie der Alltagswelt verbunden ist.

    3) Normalerweise wird auf der Website der AG Evolutionsbiologie über jede Attacke Kutscheras gegen Kritiker der Evolutionstheorie dezidiert berichtet. Daher erstaunt, dass sein aktueller Frontalangriff – trotz der großzügigen Nichtbetroffenheitsregelungen für AG-zugeneigte Biologiehistoriker – bisher verschwiegen wird. Offenbar verspricht sich die Führungsriege der AG von einer Ausweitung der Diskussion über den substanziellen Nährwert ›verbalwissenschaftlicher‹ Forschung keinen Vorteil. Zurecht, wie der Artikel »Angriff auf den ›Verbalwissenschaftler‹« von Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung zeigt, in dem der Fehdehandschuh, den Kutschera den Geisteswissenschaftlern vor die Füße wirft, auf spöttische Weise und zum Schaden des öffentlichen Ansehens von Evolutionsbiologen aufgenommen wird.

    4) Dass auch Fossilien, die auf den ersten Blick eher dinglich real als konstruiert erscheinen, epistemische Objekte sind, zeigen z. B. Panzerfischfossilien aus dem Erdaltertum (Paläozoikum). Bis vor kurzem war man fest davon überzeugt, dass sich Panzerfische eierlegend vermehren, weil eindeutige Belege für Lebendgeburten erst 200 Millionen Jahre später für das Erdmittelalter (Mesozoikum) vorlagen. Da man aber Panzerfischfossilien kannte, die juvenile Exemplare in ihrem Innern zeigten, vermutete man, dass Panzerfische Kannibalen sind, die ihre eigenen Jungen fressen. Diese Interpretation wurde aufgrund des hohen Alters der Panzerfischfossilien für sicher gehalten. Sie wurde erst in Frage gestellt, als man ein Panzerfischfossil fand, das einen versteinerten Embryo in seinem Innern zeigte, der noch über eine Nabelschnur mit einem Dottersack verbunden war. Jetzt wurden auch die alten Fossilien umgehend reinterpretiert und der Panzerfisch als lebendgebärend und nichtkannibalisierend rehabilitiert. Dies ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass selbst ein so gegenständlich oder dinglich wirkendes Objekt wie ein Fossil stark konstruiert und theorieinfiziert ist.

    5) Auch in meiner eigenen Disziplin der Geographie gibt es einen ausgeprägten Hang zum Primitivrealismus. Ein eindruckvolles Beispiel befindet sich auf der Website der Fachgruppe Geowissenschaften an der Universität Basel. Dort werden in einem Essay Studenten darüber informiert, was Geographen eigentlich tun. In einer Passage, die in ihrer naiven Ahnungslosigkeit Kutscheras Wissenschaftsverständnis nicht nachsteht, heißt es: »Der Gegenstand der Geographie ist die Erde. Eine Theorie hat immer Phänomene und Gegenstände als Grundlage, die in der Wirklichkeit existieren und an der Realität geprüft werden müssen, sofern sie als gesichert gelten sollen.« Dies mag vielleicht die praktische Vorgehensweise eines gewieften Gauners illustrieren, der auf eine Münze (»Gegenstand«) beißt, um ihre Echtheit (»Realität«) zu prüfen, ist aber völlig untauglich, eine Disziplin erkenntnistheoretisch zu fundieren.

    6) Die mit dem Begriff »Makroevolution« bezeichnete Entstehung neuer Baupläne und Funktionen gilt zwar aufgrund der zahlreichen Indizien aus der paläontologischen Überlieferung als gesichert, konnte aber trotz unzähliger ›realwissenschaftlicher‹ Versuche bisher nicht einmal ansatzweise im Laborexperiment reproduziert werden. Folgt man Kutscheras Labordoktrin für ›richtige‹ Naturwissenschaft sind Theorien über Makroevolution keine ›Realwissenschaft‹, sondern ›verbalwissenschaftliche‹ Spekulation. Damit befördert Kutschera einen fundamentalen Eckpfeiler der Evolutionstheorie in den Bereich metaphysischer oder naturphilosophischer Betrachtung. Dort stehen makroevolutive Erklärungsmodelle dann ziemlich einsam, d. h. ohne ›realwissenschaftliche‹ Rückendeckung in Konkurrenz zu schöpfungsgeschichtlich motivierten Ursprungs-Modellen.

    Literatur

    Kutschera, Ulrich (2008): Lobenswerte Bemühungen. – In: Laborjournal 15/6, 32-33

    Mildenberger, Florian (2008): Steter Stachel fördert die Evolution. – In: Laborjournal 15/6, 30-31

    G.M., 16.08.08


     

    »Gefräßige Stille« im Lesesaal einer Universitätsbibliothek: Folgt man Kutscheras realwissenschaftlicher Labordoktrin sehen wir hier eine Herde Primär- und Sekundärliteratur wiederkäuender Verbalwissenschaftler bei der Produktion von Tertiärliteratur.
     

    Hier fällt Darwin durch – Du nicht!‹ – Einige Bemerkungen zum Artikel »Elite-Student Hahnemann und der unwissende Darwin« von Ulrich Kutschera, Laborjournal 10/2008

    Kutschera versucht derzeit die Welt zu beglücken, indem er seinen Gesinnungsfeldzug gegen den Kreationismus auf weitere, aus seiner Sicht »pseudowissenschaftliche Aktivitäten« ausdehnt. Erst jüngst hatte ein vergleichsweise harmloser Artikel zur Geschichte der Evolutionstheorie ihn so provoziert, dass er sich genötigt sah, die geisteswissenschaftlichen Disziplinen insgesamt vor den Richterstuhl seiner eigenen Disziplin, der Evolutionsbiologie, zu zerren. Diesmal hat es die Homöopathie erwischt, die er in seinem jüngsten Laborjournalartikel als »quasi-religiöse Pseudowissenschaft« verteufelt. Seine stereotype Anklage lautet: Eine Disziplin oder Methode, die keine Bestätigung in Laborexperimenten oder Feldstudien findet und sich nicht wie die Evolutionsbiologie beständig fortentwickelt, kann nur eine volksgefährdende Scharlatanerie sein. Bleibt die Frage, was einen Evolutionsbiologen, der sich schon als brachial agierender Kreationistenjäger einen fragwürdigen Ruf erworben hat, veranlasst, gegen eine vergleichsweise harmlose Naturheilmethode vorzugehen? Einleitend zu seinem Laborjournalartikel heißt es dazu: »In unzähligen Zuschriften mit dem Tenor ›Ich bin gegen die Kreationisten, glaube aber an die Homöopathie‹ musste sich der Evolutionsbiologe und Physiologe Ulrich Kutschera immer wieder mit den Hahnemannschen Dogmen auseinandersetzen1)

    Die Existenz »unzähliger« Zuschriften solchen Inhalts scheint mir zweifelhaft. Noch zweifelhafter scheint mir, dass die Leute explizite geschrieben hätten, sie würden an Homöopathie »glauben«. Dies legt auch das Ergebnis einer (sicherlich nicht repräsentativen) Befragung in meinem Bekanntenkreis nahe. Diejenigen, die der Homöopathie nicht indifferent oder ablehnend gegenüberstanden, »glaubten« nicht an sie (oder gar an die »Hahnemannschen Dogmen«), sondern hatten in bestimmten Fällen ganz gute Erfahrungen mit deren Heilmethoden gemacht. Ein typisches Beispiel sind häufig auftretende Ohrentzündungen bei Kindern. Hier werden homöopathische Arzneien (oder auch naturheilkundliche Hausmittel) eingesetzt, um sich den lästigen Weg zum Kinderarzt zu ersparen, zumal diese dazu neigen, die Kinder mit Antibiotika vollzupumpen. Im Fall, dass diese Mittel nicht die gewünschte Wirkung zeigen, bestehen allerdings keinerlei Bedenken, die bewährten Hammermedikamentationen der konventionellen Medizin in Anspruch zu nehmen. In einer auf freier Selbstbestimmung basierenden Gesellschaft lässt sich gegen ein pragmatisch-opportunistisches Vorgehen solcher Art kaum ein vernünftiger Einwand finden. Vielleicht hätte sich Kutschera einmal bei seiner eigenen Mutter erkundigen sollen, wie sie es in seiner Kindheit mit dem Einsatz von Naturheilmethoden gehalten hat.

    Wie nicht anders zu erwarten, beruft sich Kutschera nicht auf die Erfahrungskompetenz seiner Mutter, sondern auf einschlägig bekannte, bereits in naturwissenschaftlichen Magazinen veröffentlichte homöopathiekritische Studien. Was hat er darüber hinaus an eigenen Argumenten gegen die Homöopathie vorzubringen? Nichts Originelles, denn wie gehabt benutzt er seine naive Sicht vom wissenschaftlichen Fortschritt in der Evolutionsbiologie als universelle Richtschnur für die Bewertung einer ihm dubios erscheinenden Methodik: »Die feststehenden Lehrsätze (Dogmen) der Homöopathie haben sich im Verlauf der vergangenen 200 Jahre nicht verändert. Würde der Begründer dieser Lehre, Samuel Hahnemann (1755 – 1843), heute eine Prüfung zum Thema ›klassische homöopathische Medizin‹ ablegen müssen, so könnte er alle Fragen korrekt beantworten und würde als Elite-Absolvent seiner Jahrgangsstufe gewürdigt werden. Charles Darwin (1809-1882) hätte jedoch keine Chance, im Fach Evolutionsbiologie eine Prüfung zu bestehen, da sich unsere moderne Synthetische Theorie der biologischen Evolution weit über Darwins klassisches Prinzip der Deszendenz mit Modifikation durch natürliche Selektion entwickelt hat. (…) Begriffe wie Genotyp, Phänotyp, Keimbahn-Mutationen, Gen-Duplikationen und so weiter waren Darwin unbekannt. Der Naturforscher nutzte die Methoden seiner Zeit und wurde trotz dieser Beschränkungen zum Urvater der Evolutionsforschung.« Zu dieser Argumentation ist einiges zu bemerken und richtig zu stellen:

    Zunächst ist die Homöopathie aus derselben Geisteshaltung der Aufklärung entstanden, auf der auch die Quacksalberei des Atheismus hohe Wellen schlug. Allerdings haben die Atheisten – und dafür ist Kutschera ein eindrucksvolles Beispiel – seit dem 18. Jahrhundert definitiv nichts dazu gelernt. Dagegen sind religiöse oder auch naturheilkundliche Systeme keineswegs so statisch wie Kutschera uns hier weismachen will. Deren Theoriegebäude sind mindestens ebenso variabel – wenn nicht sogar variabler – wie wissenschaftliche Erklärungsmodelle. Dies bestätigt schon der Blick in ein altes Homöopathiewerk, das bislang unbeachtet in meiner Büchersammlung, Abteilung historische Einbände, verstaubte. Es ist das »Handbuch der Homöopathie – Mit Benutzung fremder und eigener Erfahrungen nach dem neusten Stande der Wissenschaft« bearbeitet von Dr. med. Adolph v. Gerhardt (4. Auflage 1886). In einem aufschlussreichen Kommentar des Herausgebers heißt es: »In der Anlage dem Lehrbuche des verstorbenen Dr. Arthur Lutze ähnelnd, steht das v. Gerhardt’sche Werk deswegen höher, weil es nicht den supra-naturalistischen Standpunkt des letztgenannten Werkes einnimmt und auch die Erfahrungen neuerer homöopathischer Ärzte mit berücksichtigt, sich also nicht blos auf Hahnemann und Jahr stützt.« Mit anderen Worten: Die Homöopathie war schon im 19. Jahrhundert keine fundamentalistische, ausschließlich auf die Lehrsätze ihres Begründers fixierte Lehre mehr, sondern eine sich fortentwickelnde, d. h. neue Erfahrungen und Erkenntnisse einbeziehende Methodik.

    Jetzt wird auch verständlich, warum Kutschera bei seinem Vergleich zwischen Homöopathie und Evolutionsbiologie einschränkend formuliert, Hahnemann würde auch heute noch problemlos eine Prüfung in »klassisch-homöopathischer Medizin« bestehen. Offenbar ist ihm nicht entgangen (vermutlich gewarnt durch einen Blick in den Homöopathie-Artikel bei Wikipedia, wo es im Abschnitt »Verschiedene Richtungen der Homöopathie« einen Unterabschnitt »Klassische Homöopathie« gibt), dass es heute ein breites Spektrum als »homöopathisch« bezeichneter Heilmethoden gibt, die weit über den ursprünglich von Samuel Hahnemann gesetzten Rahmen hinausgehen. Wie ist es in diesem Zusammenhang um das Beharrungsvermögen des Darwinistischen Paradigmas bestellt? Hat sich die moderne Synthetische Theorie der biologischen Evolution tatsächlich »weit über das klassische Prinzip der Deszendenz mit Modifikation durch natürliche Selektion entwickelt« wie von Kutschera behauptet? Lassen wir einige unverdächtige Vertreter der Evolutionsbiologie zu Wort kommen. Z. B. stellt der derzeit wohl einflussreichste Evolutionsbiologe der Gegenwart Richard Dawkins fest2): »Im Hinblick auf sichtbare Veränderungen, die sich auf das Überleben und Fortpflanzen auswirken, ist die natürliche Selektion allmächtig.« Und der Biologiehistoriker Thomas Junker, der immerhin stellvertretender Vorsitzender der AG Evolutionsbiologie (also des ›Kutschera-Clubs‹) ist, erklärt3): »Kern und integraler Bestandteil der modernen Evolutionstheorie ist das Prinzip der natürlichen (Auslese) Selektion als wichtigster kausaler Faktor.«

    Die Evolutionsbiologie ist mit ihrem ›allmächtigen Kernprinzip‹ der »natürlichen Selektion« offenbar ein mindestens ebenso dogmatisches System, wie Kutschera dies von der Homöopathie behauptet. Deren zentraler und bis heute gültiger Lehrsatz lautet bekanntlich: »Ähnliches werde durch Ähnliches geheilt«. Hahnemann und Darwin konnten nicht mehr erleben, dass die zentralen Dogmen ihrer Theorien durch immer neue Hilfshypothesen4) erweitert und gegen widersprechende Befunde oder Alternativtheorien immunisiert werden mussten. Die Kernparadigmen, die durch diese Hilfshypothesen verteidigt wurden, sind aber die Gleichen geblieben. Auch der alte Darwin hätte daher heute noch gute Aussichten, eine Prüfung im Fach Evolutionsbiologie zu bestehen. Dass dies laut Kutschera nicht der Fall sein soll, erinnert mich an eine Situation, die jeder kennt, der einmal in ein akademisches Milieu gerochen hat: Ein Altordinarius umgeben von einem Schwarm junger Mitarbeiter, von denen alle der festen Überzeugung sind, der Alte habe von nichts mehr eine Ahnung. Und alle meinen, dies unwiderlegbar damit illustrieren zu können, dass er heute keine Vordiplomsprüfung mehr bestehen würde. Das mag vielleicht zutreffen, wenn er an einen äußerst unsensiblen, beschränkten Prüfer gerät, der immer nur bestimmte Stichwörter hören will. Kutschera hat keine Skrupel, sich als ein solch bonierter Prüfer darzustellen, der nicht einmal in Lage wäre, das Genie eines Darwins zu erkennen und deshalb fähig wäre, ihn durchfallen zu lassen5). Ich kann mir daher gut vorstellen, dass Kutschera an die Tür seines Prüfungszimmers zu Erbauung seiner »Elite-Studenten« folgenden Spruch aufgehängt hat: ›Hier fällt Darwin durch – Du nicht!

    Wohl fast jeder hat im Laufe seines Lebens schon mal ein homöopathisches oder naturheilkundliches Mittel ausprobiert, sei es aus Überzeugung, sei es weil die Schulmedizin ratlos ist, konventionelle Präparate mehr Nebenwirkungen als Wirkungen zeigen oder damit ein wohlmeinender Ratgeber, der es einem nachhaltig ans Herz gelegt hat, endlich Ruhe gibt. Nicht selten ist dieser Ratgeber sogar ein normaler Kassenarzt, der empfiehlt, die konservative Therapie durch naturheilkundliche Methoden zu ergänzen. Ich persönlich stehe der Wirksamkeit naturheilkundlicher Verfahren und insbesondere der Homöopathie eher kritisch gegenüber. Trotzdem finde ich es richtig, dass sich der Gesetzgeber zu einer wissenschaftspluralistischen Einstellung in der Medizin durchgerungen hat und homöopathische Mittel auch ohne schulwissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis zugelassen und verordnet werden dürfen. Denn zweifelsfrei haben die Leute in einer so diffizilen und persönlichen Angelegenheit wie der Gesundheit ein Recht darauf, weitgehend selbst zu entscheiden, welche Heilmethode ihnen hilft und gut tut, also was für sie wahr und real ist. Ich habe daher kein Verständnis dafür, wenn ein nachweislich vom Wissenschaftsaberglauben befallener Evolutionsbiologe meint, eine alternative Heilmethode Kraft seiner akademischen Autorität als »quasi-religiöse« Scharlatanerie verdammen zu können, weil sie nicht in sein simples Weltbild passt oder nach seiner Einschätzung schulwissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt.

    Tatsächlich sollte ein Schulwissenschaftler bei der Abqualifizierung von alternativen Heilmethoden ganz vorsichtig sein. Dies hat erst jüngst die Geschichte mit der Akupunktur gezeigt. Obwohl sie in China seit Jahrtausenden gegen Krankheit, Schmerz und Sucht eingesetzt wird, hatten klinische Versuche bezüglich ihrer Wirksamkeit bisher zu widersprüchlichen Ergebnissen geführt. Von den Schulwissenschaftlern wurden daher für ihre offensichtlichen Erfolge Placebo-Effekte verantwortlich gemacht. Erst durch eine Studie, in der ein äußerst geschickter Versuchsaufbau verwendet wurde, konnte ein britisches Forscherteam zweifelsfrei nachweisen, dass die Akupunktur auch jenseits des Placebo-Effekts wirksam ist6). Das Forscherteam von der University of Southampton hatte, um den Placebo-Effekt zu überprüfen, bei seinem klinischen Versuch neben echten Nadeln teleskopische Nadeln eingesetzt, die ähnlich einem Bühnen-Dolch nicht in die Haut eindringen, dem Probanden aber gleichwohl das Gefühl vermitteln, gestochen zu werden. Dies zeigt, dass aus einem negativen schulwissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweis nicht automatisch folgt, dass ein alternatives Heilverfahren nichts taugt, sondern dass dies genauso gut bedeuten kann, dass der gewählte Versuchsaufbau mangelhaft ist. Es ist zu befürchten, dass diese lehrreiche Geschichte Kutschera nicht davon abhalten wird, auch noch die Akupunktur vor seinen akademischen Richterstuhl zu zerren.

    Anmerkungen:

    1) Kutschera neigt dazu, seine Berufsbezeichnung an das gerade von ihm behandelte Gebiet anzupassen. Er ist bekanntlich ein gelernter Pflanzenphysiologe, dem später auch das Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen wurde. Hier, wo es primär um eine medizinische Fragestellung geht, abstrahiert er den Pflanzenphysiologen zum Physiologen, mit dem ja auch ein Mediziner gemeint sein könnte.

    2) Dawkins, Richard (2008): Geschichten vom Ursprung des Lebens – Eine Zeitreise auf Darwins Spuren. – Berlin

    3) Junker, Thomas (2007): Schöpfung gegen Evolution – und keine Ende? – In: Kutschera, U. (Hg.): Kreationismus in Deutschland: Fakten und Analysen. – Münster

    4) Hier sind die von Kutschera angeführten Begriffe »Genotyp, Phänotyp, Keimbahnmutationen, Genduplikationen« etc. zu nennen. Seine Auflistung erweckt allerdings den Eindruck als würde er den Prüfungsstoff selbst nicht souverän beherrschen. Bekanntlich ist der Phänotyp eines Organismus nicht allein durch den Genotyp, sondern auch durch epigenetischen Status (Epigenotyp) bestimmt. Mit der alleinigen Kenntnis der Begriffe »Phäno- und Genotyp« läuft man daher heutzutage Gefahr, in einer Prüfung ziemlich alt auszusehen...

    5) Aussichten, die Prüfung bei Kutschera zu bestehen, hätte Darwin wohl nur, wenn ihm zuvor die Möglichkeit eingeräumt würde, zumindest die erste Auflage seines Kurzlehrbuches »Evolutionsbiologie« zu lesen. Übrigens ein Lehrbuch, das zeigt, dass man es in der Evolutionsbiologie auch als pflanzenphysiologischer Quereinsteiger innerhalb kürzester Zeit zum Lehrbuchautor bringen kann, wenn man über ein ausgeprägtes Sendungsbewusstsein verfügt und bereit ist, in Kauf zu nehmen, dass das Erstlingswerk von Fehlern und Lücken nur so strotzt.

    6) Spiegel-Online vom 03.05.2005: »Akupunktur im Hirn messbar«. – URL: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,354383,00.html

    G. M., 31.10.2008


     

    Naturheilverfahren

    Im Namen einer rationalen Weltordnung gefällt sich der Wissenschaftsbetrieb heute darin, alternative Heilverfahren als volksverdummende Scharlatanerie zu verteufeln. Dabei haben die Schulwissenschaftler oft nicht einmal einen ›Schnellsiedekurs‹ in den von ihnen kritisierten Heilmethoden gemacht, so dass ihre einzige Qualifikation in ihrer akademischen Autorität besteht. Der berühmte Wissenschaftsphilosoph Paul Feyerabend kommentiert diese Arroganz des Wissenschaftsbetriebs wie folgt:

    »Dasselbe Unternehmen, das einst den Menschen die Kraft gab, sich von den Ängsten und Vorurteilen einer tyrannischen Religion zu befreien, macht sie nun zum Sklaven ihrer eigenen Interessen.«

     

    »Der deutsche Dawkins«

    Dr. Ulrich Kutschera, der große Vorsitzende der AG Evolutionsbiologie und rabiate Anführer des Widerstands gegen die vergleichsweise harmlosen Aktivitäten der deutschen Kreationisten ist ein hemmungsloser Propagandist in eigener Sache. Dies bestätigt die Ankündigung des Deutschen Taschenbuch Verlages für sein im Darwin-Jahr 2009 erscheinendes Buch »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. Darin ist wieder einmal Superlatives über ihn und sein Werk zu lesen: »Ulrich Kutschera gilt inzwischen als der ›deutsche Dawkins‹« und »Er legt hier das wichtigste Buch zum Darwin-Jahr vor«. Leider lässt der DTV-Verlag im Dunkeln, von wem die überragende Bewertung des Werkes stammt, so dass man wohl nur den Autor höchstselbst als Quelle vermuten kann. Bessere Informationen liegen zu der Frage vor, wie es zu der Bezeichnung »deutscher Dawkins« gekommen ist.

    2007 hatte Kutschera dem Online-Magazin »Geo.de« ein mit »Der Kreationismus ist ein florierendes Business« übertiteltes Interview gegeben1). Bitterlich beklagt er darin: »Ich bekomme fast täglich Schmähbriefe, die meist unsachlich sind und völlig laienhafte Vorstellungen zum Thema Evolution enthalten. (...) Manche vergleichen mich inzwischen mit Richard Dawkins, dem Autor von ›Das egoistische Gen‹, einem bekennenden Atheisten und Religionsgegner.« Offenbar machte sich Kutschera schon damals Hoffnungen, als evolutionsbiologischer Märtyrer in die »Hall of Fame« einzuziehen. Tatsächlich war er aber nicht von etablierten Evolutionsbiologen in die Nähe Dawkins gerückt worden, sondern von den genervten Adressaten seiner penetranten weltanschaulich motivierten Attacken. Sehen wir aber einmal großzügig über Kutscheras Hang zur Selbstüberhöhung hinweg und vergleichen die deutsche Coverversion mit dem englischen Original.

    Der Zoologe und Evolutionsbiologe Richard Dawkins gilt als zutiefst origineller und geistreicher Denker. Für Douglas Adams ist er der beste Wissenschaftsautor, weil sein (metaphernreicher) Stil »klar, elegant und von hohem intellektuellem Reiz« ist. Dawkins ist Autor des Klassikers »Das egoistische Gen«, ein Werk, das bei seinem Erscheinen 1976 Furore machte und auch über 30 Jahre später weder an Faszination noch an Aktualität eingebüßt hat. Mit seinem jüngstem Buch »God Delusion« (»Der Gotteswahn«), das nicht nur in den USA und Großbritannien, sondern auch in Deutschland auf den Bestsellerlisten stand, hat er die Gläubigen aller Religionen provoziert. Er hat fünf Ehrendoktorwürden erhalten, wurde mit Literaturpreisen ausgezeichnet und ist (meinungs-)führendes Mitglied von diversen atheistisch-humanistischen Organisationen. Laut dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« ist er der wohl einflussreichste Biologe unserer Zeit.

    Seit 1995 ist Dawkins »Charles Simonyi Professor of the Public Understanding of Science « an der Universität Oxford. Charles Simonyi ist nicht, wie man zunächst annehmen könnte, ein verdienter Wissenschaftspopularisierer, sondern ein amerikanischer Milliardär, der sein Geld als Softwareentwickler und Mitbegründer von Microsoft verdient hat. 2007 machte er durch seinen Flug als Weltraumtourist zur internationalen Raumstation (ISS) Schlagzeilen. Simonyi, der ein bekennender Anhänger Dawkins ist, hat den Lehrstuhl mittels einer Spende von 1,5 Millionen Pfund extra für ihn gestiftet. Er beabsichtigte damit, das wissenschaftliche Verständnis der Öffentlichkeit zu erweitern. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der Zoologe Dawkins seine steile evolutionsbiologische Karriere und seinen Ruhm als begnadeter Wissenschaftsautor, nicht nur seiner außerordentlichen schriftstellerischen Begabung, sondern zu einem Gutteil auch dem Spleen eines amerikanischen Milliardärs verdankt2).

    Der Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera gilt nicht gerade als eloquenter oder gar origineller Schreiber und schon gar nicht als jemand, der ein Laienpublikum zu fesseln vermag3). Solange er Pflanzenphysiologe und Egelforscher war, kannten ihnen neben fachlichen Insidern vermutlich nur einige Biologiestudenten als Lehrbuchautor. Dies änderte sich radikal als er den Kampf gegen den Kreationismus (und in dessen Schlepptau auch die Evolutionsbiologie) als Karrieremotor entdeckt hatte. Aus dem soliden Pflanzenphysiologen wurde innerhalb weniger Jahre ein evolutionistischer ›Anchorman‹, der fest davon überzeugt war, sich in einem »intellektuellen Krieg« mit den Kreationisten zu befinden. Vermutlich zeigt er deshalb so wenig Skrupel, bei seinen Auseinandersetzungen mit dem weltanschaulichen Gegner die verbale Brechstange einzusetzen, und ihn mit unbelegten oder auch irreführenden Behauptungen zu verunglimpfen.

    Kutschera wurde 1992 auf den Lehrstuhl für Pflanzenphysiologe der Universität Kassel berufen. Ab 1999 hatte er dann zusätzlich zu seiner pflanzenphysiologischen Lehr- und Forschungstätigkeit auch eine evolutionsbiologische Anfängervorlesung inklusive Seminar angeboten. Seine »ausformulierten Vorlesungsaufzeichnungen« hat er 2001 innerhalb kürzester Zeit zu einem evolutionsbiologischem Lehrbuch verarbeitet. Daraufhin wurde ihm auf seine Initiative hin vom Fachbereich ab dem WS 2001 das neue Lehrgebiet Evolutionsbiologie übertragen4). Bereits ein Jahr später wurde er zum Vorsitzenden der neu gegründeten AG Evolutionsbiologie gewählt, die sich als ein »Gegenpol« zu der schöpfungsgeschichtlich motivierten »Studiengemeinschaft Wort und Wissen« definiert. Seit 2007 ist er zudem Gastprofessor am pflanzenbiologischen (also nicht etwa evolutionsbiologischen) Carnegie Institut, das der Universität Stanford angegliedert ist.

    Ohne Frage spielt Dawkins als evolutionsbiologischer Autor und Religionskritiker in einer Liga, die Kutschera nur von der Zuschauertribüne kennt5). Dawkins gilt als der bedeutendste lebende Religionskritiker und sein Werk hat nicht nur in der Biologie Furore machte, sondern auch unübersehbare Spuren in vielen anderen Disziplinen von der Psychologie über die Ökologie und Ökonomie bis hin Epistemologie hinterlassen. Kutschera ist es dagegen außer mit seinen antikreationistischen Hetzkampagnen nicht gelungen, die Fachgebietsgrenzen zu überspringen. Seine religionskritischen Streitschriften haben zwar erkleckliche Auflagen erzielt, aber bisher die weltanschaulichen Bedürfnisse einer größeren Leserschaft nicht befriedigen können6). Sein Publikum sind wohl in erster Linie Berufsatheisten, deren Gott den Namen Darwin trägt und Biologielehrer oder -studenten, die durch fundierte, schöpfungsgeschichtlich motivierte Evolutionstheoriekritik irritiert sind. Ihnen versichert Kutschera, dass der Darwinismus (der immer noch das Zentrum der Evolutionsbiologie bildet) trotz anderslautender Berichte nicht vor sich hinsiecht, sondern auf einem gutem Weg ist.

    Nachbemerkung

    In diesem Beitrag wurde geprüft, ob die Bezeichnung Kutscheras als »deutscher Dawkins« substanziell gerechtfertigt oder nur ein hohler Werbegag ist. Das Ergebnis ist eindeutig: Kutschera ist kein deutscher Dawkins, sondern bestenfalls seine teutonische Gartenzwergausgabe7). Erwartungsgemäß hat Dawkins bei diesem ungleichen Vergleich über die Maßen gut abgeschnitten. Das hätte ganz anders ausgesehen, wenn man ihn mit einem ernsthaften Konkurrenten, wie dem leider 2002 viel zu früh verstorbenen amerikanischen Evolutionsbiologen Stephen Jay Gould verglichen hätte? Der war knapp 30 Jahre lang Professor an der renommierten Harvard Universität und für seine wissenschaftliche Prosa fast ebenso berühmt wie Dawkins. In zwei Dingen unterschied er sich allerdings grundlegend von ihm. Erstens verquacksalberte er die Evolutionstheorie nicht zur Speerspitze einer religionsfeindlichen Weltanschauung. Und zweitens stand er dem Darwinismus insoweit kritisch gegenüber als für ihn die Evolution nicht in kleinen Schritten, sondern eher in großen Sprüngen ablief.

    Gould war Geologe und Paläontologe und wusste daher nur zu gut, dass sich die Baupläne der Lebewesen sprunghaft ändern. Der Zoologe Dawkins dagegen beharrt bis heute auf sein Credo, dass die Diskontinuitäten der geologischen Überlieferung täuschen, weil die Zwischenformen ausgestorben und verschollen sind und in Wirklichkeit »buchstäblich jede Spezies über eine Linie des allmählichen, kontinuierlichen Übergangs mit jeder anderen verbunden ist«. Dawkins hat sich mit dieser Auffassung, die seit Darwin reine Spekulation ist, in eine Sackgasse manövriert. Er verliert immer dann die Fassung, wenn andere Evolutionsbiologen ihm auf diesem Weg nicht folgen wollen. Überdeutlich zeigt sich dies in seinem Buch »Geschichten vom Ursprung des Lebens - Eine Zeitreise auf den Spuren Darwins« (Die deutsche Ausgabe erschien 2008). Darin besteht er darauf, dass selbst die kambrische Explosion vor 530 Millionen Jahren, die so etwas wie der Urknall des vielzelligen Lebens ist, mit nichts anderem als einer gradualistisch-selektionistischen Verschiebung von Genfrequenzen in Populationen zu erklären ist.

    Nun gibt es eine Reihe ernstzunehmender Evolutionsbiologen, die über das plötzliche Auftauchen vielfältigster Baupläne so erstaunt sind, dass sie von einer »Über-Nacht-Explosion«, einem »entwicklungsgeschichtlichem Sprung«, einer Vielzahl von »Weitsprung-Mutationen« oder einer unbekannten »Triebfeder der Evolution, die nach dem Kambrium ihre Kraft verlor« sprechen. Für Dawkins ist solche Prosa in keiner Weise akzeptabel und er beschuldigt ihre Urheber, auf Grundlage einer »romantisch-überspannten« Geisteshaltung »völligen Unsinn« zu verbreiten. Als wenn das nicht schon abwertend genug wäre, fügt er sichtlich verärgert hinzu: »Das ist alles schlicht und einfach bescheuert.« Was um alles in der Welt lässt Dawkins, der für seine fast poetische Ausdrucksweise berühmt ist, hier auf so vulgäre Weise arrogant und ausfällig werden? Fragte man die Volkspsychologie so würde die Antwort sicherlich lauten: Dieser Mann ist höchst verunsichert! Angesichts der erheblichen Diskrepanzen zwischen seinen theoretischen Erwartungen und den empirischen Befunden aus der geologischen Überlieferung ist dies auch kein Wunder. Dawkins Ego, das uns so erfrischend provokante Geschichten über egoistische Gene erzählt hat, stößt hier offensichtlich an schmerzhafte Grenzen.

    Anmerkungen:

    1) Dieses Interview hätte eigentlich besser lauten sollen, »Der Antikreationismus ist ein florierendes Business«, denn zweifellos ist Kutschera mit seinen Büchern erst dann so richtig ins Geschäft gekommen, als er sie zur Plattform seines Kampfes gegen den Kreationismus gemacht hat. Er selbst kommentiert den Erfolg seines Evolutionslehrbuches auf seiner Website wie folgt: »Die Darstellung und Offenlegung eines bisher tabuisierten Problems hat zur weiten Verbreitung dieses Buches beigetragen.«

    2) Stiftungsprofessuren gibt es auch beim weltanschaulichen Gegner. Z. B gibt es seit 2004 eine über religiöse Stiftungen finanzierte Guardini-Professur für Religionsphilosophie und Katholische Weltanschauung an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität in Berlin. Sie ist nach dem bedeutenden Religionsphilosophen Romano Guardini (1885-1968) benannt. »Aufgabe und Ziel der Professur bestehen darin, im Sinne Guardinis Antworten auf das Woher und Wohin der Menschheit vor dem Hintergrund immer neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse und technischer Möglichkeiten zu geben«. Von Wissenschaftlern, die sich dem Atheismus verpflichtet fühlen, werden kirchliche Stiftungsprofessuren gewöhnlich sehr misstrauisch beäugt.

    3) Wohl in Anlehnung an sein bedeutendes Vorbild versucht auch Kutschera, seinen Stil durch Metaphern anzureichern. Allerdings kommt regelmäßig ziemlich Schräges dabei heraus, z. B. wenn er in seinem neustem Werk Darwin als »Mozart der Biologie« würdigt. Selbst das ihm eher wohlgesonnene Magazin Focus, das in seiner, anlässlich von Darwins 200. Geburtstag der Evolutionstheorie gewidmeten Ausgabe vom 01.12.08 eine Auswahl von Produkten der »regelrechten Darwin-Buchindustrie« vorstellt, kommentiert wie folgt: »Mehr als unglücklich: Kutscheras ausführliche Interpretation Darwins als ›Mozart der Biologie‹.«

    4) Die Bedingung war allerdings, dass seine bisherige Lehr- und Forschungstätigkeit von der zusätzlichen Lehraufgabe nicht beeinträchtigt würde und aus der freiwilligen Übernahme keine zusätzlichen Mittelansprüche abzuleiten sind. Da Kutschera sicherlich bereits durch seine vorherige Tätigkeit ausgelastet war, hat er die zusätzliche Lehrtätigkeit quasi in seiner Freizeit durchgeführt. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass er sich zur vollen Entfaltung seines missionarischen Kampfes gegen den Kreationismus auch so einen großzügigen Sponsor wünscht, wie ihn Dawkins aufweisen kann.

    5) Da Dawkins beabsichtigt, seinen Lehrstuhl aus Altersgründen zur Verfügung zu stellen, kann Kutschera in Kürze testen, ob er - wie mir eingeschätzt - nur auf der Zuschauertribüne sitzt, oder als ›German Player‹ mit internationalen Ambitionen bereits auf der Transferliste steht.

    6) Allein von Dawkins Bestseller »Der Gotteswahn« wurden im ersten Jahr nach der Auslieferung in Deutschland mit über 160.000 Exemplaren wohl weitaus mehr Bücher verkauft als von sämtlichen Büchern, die Kutschera bis heute als Autor oder Herausgeber publiziert hat. Sollte ich mit dieser Überschlagsrechnung falsch liegen, werde ich sie selbstverständlich korrigieren.

    7) Aus dem trivialen Material, das im Vorfeld des Erscheinens von Kutscheras neuem Buch »Tatsache Evolution« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, kann man keine tiefgründige Geschichte machen. Die Nachbemerkung fällt daher etwas länger als gewöhnlich aus.

    G. M., 18.12.2008


     

    Das englische Original und die deutsche Coverversion: Dawkins ruft weltweit zum ›Dschihad‹ gegen die Ausbreitung des Gottesglaubens auf, Kutschera agiert nur deutschlandweit. Dawkins provokante Bücher bewegen die Welt, Kutscheras Interviews irritieren Deutschland. Die unübersehbare Differenz zwischen diesen beiden exponierten Wissenschaftlern zeigt sich nicht nur in der Größe ihres Einflussbereiches oder ihrer intellektuellen Wertigkeit, sondern auch in ihrem Charisma: Es heißt, dass sich Oxfords Kirchgänger bekreuzigen, wenn sie Dawkins auf der Straße begegnen und dass auf seinen Lesereisen begeisterte Zuhörer versuchen, ihm - gleich freudetrunkenen Pilgern dem Papst - die Hände zu schütteln. Von Kutschera sind solcherlei Anekdoten bisher nicht bekannt.

     

    Wo kommen bloß die Schwulen her?

    Der Pflanzenphysiologe und Evolutionsbiologe Prof. Dr. Ulrich Kutschera ist dafür berüchtigt, in seinen Interviews Halbgares und Verstörendes über Gott, die Welt und die Evolution zu verbreiten. Höhepunkte der letztjährigen Saison waren Interviews, die er dem Focus online »Wir sind nur eine von Millionen Tierarten« (29.11.08) und dem Hamburger Abendblatt »In Europa läuft die Evolution rückwärts« (21.10.08) gegeben hat.

    Im Focus online Interview schlägt er vor, Schimpansen, deren proteinbildende Gene eine sehr hohe Übereinstimmung mit denen des Menschen aufweisen, als »zweite Menschenart« zu definieren. Dies sei nicht nur »biologisch sinnvoll«, sondern würde sie auch vor »Ausrottung schützen«, da ihnen dann »Menschenrechte« zustünden. Diese »Konsequenz aus der evolutionären Ethik« würde aber »bei christlich-konservativen Personen, die an biblische Dogmen und Wunder glauben« auf Ablehnung stoßen.

    Es ist zu befürchten, dass nicht nur Gläubige, sondern auch garantiert Ungläubige, (also die betroffenen Schimpansen selber) mit dieser in jüngster Zeit auch von einigen Philosophen sowie Natur- und Tierschutzorganisationen erhobenen Forderung so ihre Probleme haben werden. Es mag zwar sein, dass die Menschenrechte den Schimpansen einen besseren Schutz vor Verfolgung oder eine Grundversorgung an Bananen garantieren. Aber wie steht es um die Pflichten, die mit der Verleihung von Menschenrechten verbunden sind?

    Denken wir nur an den Klanführer einer Horde, der gerade einen anderen Schimpansen zerfleischt hat, weil der sich an seine Weiber rangemacht hat. Läuft der nicht zukünftig Gefahr von der mobilen Eingreiftruppe einer humanitären Organisation* aus seinem Reservat verschleppt und vor einem internationalen Menschenrechtshof gezerrt zu werden? Absehbares Urteil: 20 Jahre Zuchthaus wegen brutalen Mordes aus niederen Motiven mit anschließender Sicherheitsverwahrung wegen ungünstiger Sozialprognose.

    Da die Tat des Klanführers gerade aus darwinistischer Sicht unvermeidbar ist, werden die Schimpansen sich bei »evolutionären Ethikern« vom Schlage Kutschera für ihre Zwangshumanisierung bedanken. Was weiß der schon von ihren Bedürfnissen? Offenbar nicht viel, denn auf die Frage des Focus' online, wie sich das Phänomen Homosexualität mit Hilfe der Evolutionstheorie erklären lasse, antwortete er: »(...) Homosexualität gibt es nur (bzw. fast ausschließlich) beim Menschen, wobei hier neben der biologischen die kulturelle Evolution hineinspielt«.

    Diese Behauptung ist nun wirklich der pure Blödsinn und bezeugt, dass der Biologe Kutschera von der tierischen Sexualität in etwa so viel Ahnung hat, wie ein enthaltsam lebender päpstlicher Legat vom Analverkehr. Tatsächlich ist homosexuelles Verhalten nicht nur bei Schimpansen, sondern in tausenden Fällen quer durch das gesamte Tierreich dokumentiert. So listet der amerikanische Biologe Bruce Bagemihl (1999) in seinem Standardwerk »Biological Exhuberance – Animal Homosexuality and Natural Diversity« allein über 400 Säugetier- und Vogelarten, bei denen tierische Homosexualität beobachtet wurde.

    Dies beginnt bei Hyänenweibchen, die vaginale Pseudopenisse besitzen, und die bei der Begrüßung von anderen Weibchen beleckt werden und vor Freude erigieren, geht über das soziale Gefüge von multigeschlechtlichen Kampfläufern mit vier verschiedenen Kategorien von Männchen, von denen einige umeinander werben und sich miteinander paaren und endet bei Schimpansenweibchen, die über Jahre hinweg durch Brustwarzenstimulierung ihre Trächtigkeit verhindern und gleichwohl Hetero-, Homo- oder auch masturbierenden Sex praktizieren.

    An der Wissenschaftsfront wird deshalb schon lange nicht mehr darüber diskutiert, ob es Homosexualität bei Tieren gibt, sondern warum sie solange von der »scientific community« verdrängt wurde. Kutscheras spontane Fehleinschätzung knüpft in diesem Zusammenhang nahtlos an die Erkenntnisverweigerung von homophoben Verhaltensforschern an, die das weit verbreitete Vorkommen von Homosexualität bei Tieren jahrzehntelang ignoriert und heruntergespielt oder als unnatürlich abqualifiziert und verschwiegen haben.

    Die Verdrängung der tierischen Homosexualität war wesentlich von zwei Faktoren bestimmt: Erstens von der verbreiteten Vorstellung, dass homosexuelles Verhalten ein dekadentes kulturelles Phänomen ist, das nicht in der (unberührten) Natur, sondern höchstens in der Gefangenschaft oder bei domestizierten Tieren vorkommt. Und zweitens davon, dass sie im Rahmen des (neo-)darwinistischen Standardmodells der Evolutionstheorie, nach der nur diejenigen überleben, die sich erfolgreich fortpflanzen, so schlecht zu erklären ist.

    Soll heißen: Was moralisch nicht sein darf und evolutionär nicht sein kann, existiert auch nicht. Gegen solcherlei Wirklichkeitsbeschwörungen ist die tierische ›Lebewelt‹ natürlich immun und wer wie Kutschera nichts von der variantenreichen Hülle und Fülle der tierischen Homosexualität weiß, muss sich vorwerfen lassen, was er selber im Zusammenhang mit der Kenntnis der Evolutionstheorie immer wieder den Laien unterstellt – nämlich über ein »erstaunliches Wissensdefizit« gerade in seinem Fachgebiet zu verfügen.

    Wissensdefizit ist im Übrigen nicht gleich Wissensdefizit, denn wenn es auch beim Volke verzeihlich ist, so darf dieses Volk von einem hochbezahlten deutschen Biologieprofessor erwarten, dass er über Phänomene, zu denen er sich in Interviews fachwissenschaftlich äußert, bestens informiert ist und keine lückenhaften, von Vorurteilen genährten Statements abgibt. Das Wort eines Professors gilt schließlich noch etwas in Deutschland und sollte nicht fahrlässig - wie in diesem Fall - homophobe Vorurteile transportieren oder zementieren.

    Kutschera greift in dem Interview mit dem Hamburger Abendblatt eine schräge Metapher des populären britischen Genetikers Steve Jones auf, die besagt, dass die biologische Evolution beim Menschen (oder doch zumindest in hochzivilisierten Menschengruppen) zum »Stillstand gekommen« ist bzw. im »Rückwärtsgang abläuft«, weil die natürliche Selektion und die Erzeugung genetischer Variabilität durch die »kulturelle Evolution« ausgeschaltet wird. Tatsächlich zeigen Kutscheras ahnungslose Äußerungen über die Verbreitung der tierischen Homosexualität, dass wenn sich irgendetwas im Rückwärtsgang befindet, es die Qualität der Rede über die Evolutionstheorie aus seinem Munde ist.

    Bleibt noch die Eingangsfrage zu beantworten: »Wo kommen bloß die Schwulen her?«. Die Antwort ist relativ simpel: Der liebe Gott hat eben einen großen Tiergarten! Und in dem geht es offenbar erheblich vielfältiger zu als es sich die Neodarwinisten auch noch in Zeiten der »Erweiterten modernen Synthese der darwinistischen Evolutionstheorie« vorstellen können. Wenn überhaupt dann wird in der Evolution nur nachrangig auf Funktions- und Fortpflanzungsfähigkeit oder gar optimale Anpassung, sondern – wie z. B. die vielen schwulen Tiere eindrücklich zeigen – vor allem auf Überfülle und Überschwang selektiert. Oder wie es in der 80er-Jahre Teenie-Komö die »Bill & Ted’s verrückte Reise durch die Zeit« die Ergebnisse auch noch der modernsten evolutionsbiologischen Forschung vorwegnehmend formuliert wird:

    »Bunt ist das Leben und granatenstark. Und volle Kanne, Hoschis!«

    Nachbemerkung  

    Mit Datum vom 04.12.08 wurde im Newsticker der Homepage der AG Evolutionsbiologie im Verband der Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin (VdBiol) auf Kutscheras Interview im Focus online aufmerksam gemacht. Der hinweisgebende Text lautet: »Evolution ist keine Theorie mehr, sondern eine Tatsache, sagt der Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera. Und doch gibt es Lücken.« Zu diesem Zeitpunkt war dem Geschäftsführer der AG Evolutionsbiologie Martin Neukamm bereits aus einem Internet-Diskussionsforum bekannt, dass nicht nur die Evolutionstheorie, sondern vor allem auch Kutscheras fachwissenschaftliche Kenntnisse über die Homosexualität bei Tieren ausgesprochen lückenhaft sind. Vor dem Hintergrund der irreführenden Verbreitung von bekanntermaßen falschen Fakten durch die AG Evolutionsbiologie kann sich jeder Leser selbst ein Urteil darüber bilden, was davon zu halten ist, wenn ihr großer Vorsitzender nicht nachlassend behauptet: »Evolution ist keine Theorie mehr, sondern eine Tatsache

    Anmerkung

    *Bekanntlich hat die humanitäre Intervention schon bei uns Menschen selber zu manchem Drama geführt. Denken wir hier nur an Somalia, den Irak oder das Kosovo. Es ist zu befürchten, dass es 1000 Kosovos in der afrikanischen Savanne geben wird, wenn die Affen-Menschenrechtler ernst machen.

    G.M., 22.01.09


     

    Schwule Hirsche

    Homosexuelle Praktiken sind kein – wie auch noch heute von manchem Biologen behauptet wird – (dekadentes) kulturelles Phänomen, sondern im gesamten Tierreich – wie z. B. diese aufreitenden Hirsche zeigen – in geradezu überschäumender Hülle und Fülle verbreitet.

     

    »Evolution ist eine Tatsache, das Schnabeltier existiert.«

    [Text als PDF-Datei, 222 kb]

    Am 16.01.2009 verkündete Kutschera in der 3sat Wissenschaftsserie »nano« seine neuste Parole: »Evolution ist eine Tatsache, das Schnabeltier existiert.« Wie ich noch zeigen werde, ist sie zweifellos eine der unsinnigsten (und auch ahnungslosesten) Aussagen, die er je gemacht hat, um dem Laien die Welt zu erklären. Wissenschaftlich ist sie genauso wenig ausweisbar, wie die Aussage »Schöpfung ist eine Tatsache, der Mensch existiert.« Die hat allerdings noch den Vorzug, dass sie wenigstens als Glaubenssatz, der sich auf die Genesis berufen kann, Sinn macht. Da Kutschera mit seiner markigen Parole wohl keine neue Evolutionsreligion begründen wollte, ist zu befürchten, dass er sie ganz naturalistisch verstanden haben will. Etwa in dem Sinne, dass er einem Laienpublikum, das an Eignung der darwinschen Evolutionstheorie zweifelt, komplexe Lebewesen zu erklären, versichert: Jeglicher Zweifel an der Evolutionstheorie ist schon deshalb unangebracht, weil für moderne Evolutionsbiologen (wie vor allem ihn selber) auch noch die paradoxesten Lebewesen kein Rätsel mehr sind. Wir wollen im Folgenden dokumentieren und rekonstruieren, warum er sich mit einem solchen Ansinnen so richtig verhoben hat. Nebenbei erfahren wir auch Bemerkenswertes über das seltsame Schnabeltier und die zwar weniger originelle, aber noch seltsamere Art des Evolutionisten Kutschera, Wissenschaft zu betreiben.

    Leider bin ich zu spät auf die Sendung, in der Kutschera seine neue Parole laut 3sat-online verkündete, aufmerksam gemacht worden. Ich greife daher, bezüglich des argumentativen Umfeldes, in das seine Parole einzuordnen ist, auf sein aktuelles, pünktlich zum Darwin-Jahr 2009 erschienenes Werk »Tatsache Evolution - Was Darwin nicht wissen konnte« zurück. Darin ist nicht nur – wie der Titel schon ankündigt – viel von der Evolution als einer Tatsache, sondern auch von der Existenz des Schnabeltieres die Rede. Widmen wir uns zunächst dem ersten Teil der Parole. Kutschera wird häufig beschuldigt, selber dogmatisch zu argumentieren, weil er den hypothetischen Charakter allen Wissens ignorierend, die Evolution regelmäßig als eine unverrückbare Tatsache bezeichnet. Hierzu stellt er fest, »dass es in den Naturwissenschaften keine feststehenden Glaubenssätze (Dogmen) gibt« und fügt dann richtigstellend hinzu: »Den mir hier und anderswo immer wieder unterstellten Satz ›die Evolutionstheorie ist eine Tatsache‹, habe ich nie ausgesprochen oder gar publiziert. Ich habe jedoch wiederholt gesagt, dass die Evolution ein realhistorischer Prozess ist, der stattgefunden hat, andauert und mit naturwissenschaftlichen Methoden analysiert werden kann. Das historische Gewordensein der Organismen ist somit eine belegte Tatsache, die durch ein System verschiedener Theorien aus den Bio- und Geowissenschaften im Prinzip erklärt werden kann.«

    Es hat eine gewisse Komik, dass sich Kutschera in seiner Richtigstellung genau von der falschen Formulierung distanziert. Es kann nämlich durchaus Sinn machen, von der »Evolutionstheorie als einer Tatsache« zu reden, z. B. wenn man ihre disziplinäre oder gesellschaftliche Realität oder Virulenz betonen will. Kutschera hat nicht gemerkt, dass seine Kritiker, ihm hier – wohl eher aus Versehen – etwas halbwegs Intelligentes unterstellt haben. Überhaupt keinen Sinn macht (und überhaupt nicht intelligent ist) es aber, die »Evolution als eine Tatsache« zu bezeichnen, die mit wissenschaftlichen Theorien abgebildet werden kann. Diese Auffassung nennt man auch Korrespondenztheorie der Wahrheit. Nach dieser Theorie sind Aussagen genau dann wahr, wenn sie mit den Tatsachen in der Welt übereinstimmen. Dies ist nun wirklich das primitivste wissenschaftstheoretische Selbstverständnis, das man sich vorstellen kann. Schon deshalb, weil es einfach keine neutrale Position außerhalb der eigenen Überzeugungen gibt, von der aus man solche Übereinstimmungen überprüfen könnte. Als ernstzunehmender Wissenschaftler hat sich Kutschera mit seinem einfältigen Glauben an die Korrespondenztheorie disqualifiziert. Prächtig verstehen würde er sich allerdings mit dem Kirchenlehrer Thomas von Aquin (1225–1274), der ebenfalls glaubte, dass die Wahrheitsfindung in der Übereinstimmung von Gegenstand und Verstand bestehen würde.1)

    Wenden wir uns nach dieser subfossilen Theorie der Erkenntnisgewinnung einem auf dem ersten Blick leibhaftigen lebenden Fossil zu, nämlich dem von Kutschera als Evolutionsbeweis angeführten Schnabeltier zu. Es gilt als Inbegriff des biologischen Kuriosums. Es hat Merkmale, wie das Eierlegen und Brüten, den Giftsporn, die Kloake oder den Schnabel, die auf eine Verwandtschaft zu Vögeln und Reptilien hinweisen. Andere Merkmale, wie das dichte Fell, die Gehörknöchelchen und die Aufzucht der Jungen mit Milch deuten auf eine Säugetierverwandtschaft hin. Die vor einem Jahr publizierte Entschlüsselung seines Erbgutes förderte weitere Überraschungen zu Tage. Nicht ganz unerwartet konnten Warren et al. (2008) zwar zeigen, dass sich sein ungewöhnlicher Mosaikcharakter in seinem Genom widerspiegelt. Über das Ausmaß der Bizarrheit seiner Genorganisation war man dann aber doch überrascht. Rund 80 % seines Erbgutes teilt es mit anderen Säugetieren, sowie Reptilien und Vögeln. Die restlichen 20 % kommen exklusiv nur beim Schnabeltier vor. Der Biologe Richard Gibbs, der das »Human Genome Sequencing Center at Baylor College of Medicine in Houston, Texas« leitet, kommentiert die Ergebnisse der Genomentzifferung wie folgt (vgl. Brown 2008): ›Es gibt nichts, was so geheimnisvoll wie ein Schnabeltier ist, wir finden in seinem Genom diese reptilienähnlichen Muster, diese später evolvierten Milchgene und eine unabhängige Evolution des Giftes. (...).‹. Mit anderen Worten, die 2008 gelungene Entzifferung seines Genoms hat zwar seinen Patchwork-Charakter bestätigt, seine Evolution aber nicht weniger rätselhaft gemacht.

    Das Schnabeltier

    Das Schnabeltier (Ornithorhynchus anatinus) ist nicht nur morphologisch, sondern auch genetisch eine bizarre Mixtur.

    Da drängt sich dich die Frage auf, weshalb Kutschera ausgerechnet die Existenz eines morphologisch wie genomisch so außergewöhnlich rätselhaften Tieres als Tatsachenbeweis für Evolution anführt? Warum hat er nicht die Fruchtfliege oder noch besser den Birkenspanner oder den Darwinfinken selber, die bekanntlich als selektive oder auch darwinistische Musterknaben gelten, als ultimativen Evolutionsbeweis genommen? Einleitend hatte ich vermutet, dass er mit seiner markigen Parole gegenüber einer skeptischen Öffentlichkeit klarstellen wollte, dass jegliche Zweifel an der Evolution schon deshalb unzeitgemäß sind, weil für moderne Evolutionisten auch noch die paradoxesten Lebewesen kein Rätsel mehr sind. Nun gilt das Schnabeltier aus guten Gründen seit seiner Entdeckung als »Alptraum der Zoologen«. Wenn Kutschera tatsächlich in der Lage wäre, die Mechanismen zu rekonstruieren, die diesen »Unfall der Evolution« herbeigeführt haben, dann stünden ihm nicht nur die Spalten der weltweit führenden Wissenschaftsmagazine Nature und Science (die ihm bisher verschlossen blieben) offen, sondern ein Nobelpreis wäre ihm sicher. Was also steckt dahinter, dass er sich hier soweit aus dem Fenster herauslehnt? Gewöhnlich tut er dies vor allem dann, wenn er Kreationisten attackiert. Dabei wird er nicht nur »unangenehm aggressiv«, wie eine FAZ-Redakteurin kürzlich treffend bemerkte, sondern neigt auch dazu, die abenteuerlichsten Behauptungen in die Welt zu setzen.

    Was haben nun die Kreationisten mit dem Schnabeltier zu tun? Dazu muss man wissen, dass das Schnabeltier heute in die Klasse der Säugetiere gestellt wird, weil es seinen Nachwuchs mit Muttermilch ernährt und ein dichtes Fell hat. So richtig überzeugend ist diese Klassifikation aufgrund seiner skurrilen Merkmalskombination aber nicht. In Evolutionslehrbüchern wird es daher gerne, die taxonomischen Probleme überspielend, als Musterbeispiel für eine Übergangsform zwischen Reptilien und Säugetieren dargestellt. Von Kreationisten wird dies heftig kritisiert. Sie führen das Schnabeltier als Musterbeispiel dafür an, wie von den Evolutionisten sperrige Befunde zurechtgebogen werden. Sie argumentieren, dass man von einer echten Übergangsform eine langsame Veränderung von Merkmalen und keine Kombination voll ausgebildeter Merkmale, wie z. B. das wärmedämmende Fell, die komplexen Gehörknöchelchen, den elektrosensiblen Tastschnabel oder den für Säugetiere eher seltsamen Giftsporn erwarten würde. Es sei keine Übergangs-, sondern vielmehr eine Mosaikform. Das Schnabeltier ist in der Auseinandersetzung zwischen Evolutionisten und Kreationisten kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein höchst umstrittenes Symboltier, mit dem beide Konfliktparteien die Richtigkeit ihrer Position untermauern. Kein Wunder, dass der Antikreationist Kutschera es im Darwinjahr als Evolutionsbeweis reklamiert und demonstrativ auf seine Fahne heftet.

    Prüfen wir nun, inwieweit es Kutschera in seinem aktuellen Werk »Tatsache Evolution« gelingt, seine vollmundige Schnabeltierparole mit Argumenten zu unterfüttern. Im Kapitel »Das australische Schnabeltier: Eine Bauplan-Zwischenform« erfahren wir, dass es »im frühen 19. Jahrhundert« in den »Flussregionen des östlichen Australiens und Tasmaniens« entdeckt und »wenig später einzelne ausgestopfte Tiere« nach Europa gebracht wurden. Ferner habe der französische Naturforscher J.- B. de Lamarck um 1810 aus seiner Untersuchung der Schnabeltiere die Schlussfolgerung gezogen, dass sie »primitive Ur-Säugetiere (Prototheria) sein könnten«. Diese »scharfsinnige Lamarcksche Prototheria-Hypothese« habe sich aber erst 1884 bestätigt, als definitiv nachgewiesen wurde, »dass Schnabeltiere Eier legen und ihre Jungen über abgesonderte Muttermilch ernähren.« Darüber hinaus habe die 2008 erfolgte Genomsequenzierung gezeigt, dass sich die Bauplan-Mischform des Phänotyps im Genotyp widerspiegelt. Originalton Kutschera: »Der Misch-Phänotyp von Ornithorhynchus – eine ›Eier legende, mit Entenschnabel und Bieberschwanz versehene Wasserratte‹ – ist somit auch auf dem Niveau des Genotyps ausgeprägt.«2) Auch die Genom-Analytik habe damit »die erstmals von Lamarck formulierte Proto-Mammalia-Hypothese« bestätigt. Schon hierzu ist einiges Richtigzustellen und zu ergänzen:

    Das Schnabeltier wurde nicht »im frühen 19. Jahrhundert« von europäischen Kolonisten entdeckt und nach Europa gebracht, sondern dies geschah bereits im späten 18. Jahrhundert. Die erste bekannte Sichtung stammt von einem Oberstleutnant David Collins, der 1797 an den Ufern eines Sees in der Nähe des Hawkesbury Rivers in Neusüdwales einen amphibisch lebenden ›Maulwurf‹ beobachtet hatte. In seinem 1802 publizierten »Account of the English Colony in New South Wales« beschreibt er den von ihm neu entdeckten ›Wassermaulwurf‹ wie folgt: »In size it was considerably larger than the land mole. (…) The tail of the animal was thick, short and very fat; but the most extraordinary circumstance observed in its structure was, having instead of the mouth of an animal, the upper and lower mandibles of a duck.« Weitere Sichtungen sind aus dem darauf folgenden Jahr dokumentiert: So hatte der begeisterte Naturforscher und zweite Gouverneur von Neusüdwales John Hunter an einem Fluss in der Nähe von Sydney Aborigines dabei beobachtet, wie sie ›ein kleines, amphibisches Tier nach der Art eines Maulwurfes‹ aufspießten, das heftig um sein Leben kämpfte. Und auch dem britischen Kapitän und bedeutenden Entdecker Matthew Flinder waren 1798 bei einer Expedition entlang der Südostküste Australiens ›seltsame Wassermaulwürfe‹ aufgefallen.

    Die ersten getrockneten (oder auch in Spiritus eingelegten) Bälge wurden bereits 1798 nach Europa geschickt. Die wissenschaftliche Erstbeschreibung erfolgte durch den Zoologen George Shaw (1751–1813), der Kustos der Abteilung für Naturgeschichte des Britischen Museum in London war. Die Ergebnisse seiner Untersuchung publizierte er 1799 in Band 10 der damals bedeutenden Reihe »Naturalist’s Miscellany: or Coloured Figures of Natural Objects Drawn and Described Immediatly from Nature«. Shaw betonte zu Beginn seiner Beschreibung, dass es unmöglich sei, nicht einige Zweifel an der Echtheit des Tieres zu hegen, weil es das von bisher allen bekannten Säugetieren am meisten Außergewöhnliche in seiner Gestalt sei. Es habe einen Schnabel, der eine perfekte Ähnlichkeit zu dem einer Ente zeige, und der auf dem Kopf eines Vierbeiners aufgepflanzt sei. Er gab der Art den wissenschaftlichen Namen Platypus anatinus. Ein Jahr nach seiner Erstbeschreibung veröffentlichte der deutsche Anatom Johann Friedrich Blumenbach (1752–1840), der als einer der vielseitigsten Naturforscher seiner Zeit galt, eine zweite Beschreibung des Tieres und nannte es Ornithorhynchus paradoxus. Da der von Shaw gewählte Gattungsname bereits durch einen früher beschriebenen Käfer taxonomisch belegt war, einigte man sich in salomonischer Weise auf den Namen Ornithorhynchus anatinus. So wurde aus einem entenartigen Plattfuß und einem paradoxen Vogelschnabel schlussendlich ein entenartiger Vogelschnabel.3)

    Kein Naturforscher der damaligen Zeit hat die Existenz einer solch grotesken Kreatur, die Merkmale aus so unterschiedlichen Tierklassen in sich vereint, für möglich gehalten. Und zwar obwohl – wie der versierte Naturhistoriker Herbert Wendt (1956) zu recht bemerkt – gerade im 19. Jahrhundert (dem Zeitalter der Evolutionstheorien) ein immenser Bedarf an hypothetischen, bereits auf dem Papier konstruierten Wesen vorhanden war, um Lücken in den entworfenen Stammbäumen zu stopfen. Im Gegenteil die ersten Berichte und Bälge wurden von europäischen Naturforschern mit größter Skepsis und als kolonialer Hoax betrachtet. Auch Shaw hatte den ihm vorliegenden Balg sorgfältigst auf Nahtstellen untersucht, um sicher zu sein, dass er nicht von chinesischen Tierpräparatoren stammte, die europäische Seefahrer schon mit anderen kunstvoll angefertigten Fabelwesen-Mumien, wie z. B. Seejungfrauen getäuscht hatten. Der Naturforscher Hunter (einer der kolonialen Erstbeobachter) war so verwundert, dass er sie als das Ergebnis eines »promiskuitiven Verkehrs unterschiedlicher Tiergeschlechter« auf einem von Gott vernachlässigten Kontinent betrachtete. Und selbst Darwin stimmte bei seiner Reise mit der Beagle der Anblick von Schnabeltieren so nachdenklich, dass er 1836 in einem Tagebucheintrag darüber grübelte, ob in Australien und dem Rest der Welt nicht »zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen« sind oder »der Schöpfer« doch zumindest eine Ruhepause in seinem »Labor« eingelegt hat, bevor er sich dem australischen Kontinent zuwandte.

    Jean Baptiste de Lamarck
    Gleich nach der Erstbeschreibung entbrannte unter den Anhängern unterschiedlicher Naturphilosophien ein jahrzehntelang anhaltender Streit über die richtige systematische und phylogenetische Einordnung des Schnabeltiers. Der französische Botaniker und Zoologe Jean Baptiste de Lamarck (1744–1829) stellte dabei allerdings keine – wie von Kutschera betont – scharfsinnigeren Hypothesen als andere Naturforscher auf. Für seine Transformationstheorie, die eine Stufenleiter der Arten vom einfachen Einzeller bis hinauf zum komplexen Menschen beinhaltete, suchte er dringend nach Übergangsformen. Da schien ihm das Schnabeltier bestens geeignet, die Brücke zwischen zwei, durch eine tiefe Kluft getrennte Tierklassen, den Reptilien und den Säugetieren zu schlagen. Um seine Transformationstheorie zu unterfüttern, bot es sich für Lamarck an, es in den Rang einer eigenen Klasse der Vorsäugetiere (Prototheria) zu stellen. Sein Widersacher, der erheblich jüngere englische Naturforscher Richard Owen (1804–1892), der noch von separaten Schöpfungsakten überzeugt war, hielt nichts von Übergangsformen und brachte (nicht weniger scharfsinnig) Argumente dafür vor, die Schnabeltiere zu einem festem Bestandteil der Klasse der Säugetiere machten. Unterstützung fand er durch den deutschen Anatom Johann Friedrich Meckel (1781–1833), der 1824 feststellte, dass Schnabeltiere an der Bauchseite zwar keine Zitzen aber Milchdrüsen hatten4). Es dauerte fast weitere 10 Jahre bis allgemein akzeptiert wurde, dass sie tatsächlich eine milchähnliche Flüssigkeit absonderten. Von da an machte sich der Streit vorrangig daran fest, ob sie lebendgebärend oder eierlegend sind.

    Für Owen war es ein ovoviviparer Säuger, d.h. es produzierte zwar Eier war aber definitiv lebendgebärend. Anderslautende Berichte über in Nestern gefundene Eier erklärte er damit, dass sie auf Frühgeburten von erschreckten Weibchen zurückzuführen seien. Endgültig entschieden wurde der Streit von dem Embryologen William Caldwell, der 1884 an den Ufern des Burnett Rivers in Queensland Jagd auf Schnabeltiere machte, um das Jahrhundertmysterium zu lösen. Es gelang ihm, ein trächtiges Exemplar zu schießen, das kurz zuvor ein Ei gelegt hatte und in dessen Uterusmund sich noch ein weiteres befand. Sein berühmt gewordenes Telegramm erreichte Englands führende Naturforscher am 2. September 1884 in Montreal. Dort tagte erstmals außerhalb Europas die Britische Zoologische Gesellschaft. Der Inhalt bestand aus vier klassisch gewordenen Worten: »Monotremes oviparous, ovum meroblastic« (Kloakentiere eierlegend, Ei weichschalig). Nachdem der Präsident das Telegramm verlesen hatte, erklärte er euphorisch, dies sei die bedeutendste wissenschaftliche Nachricht, die je durch ein Unterseekabel geleitet worden sei5). Bitter für den alten Owen, dessen jahrzehntelange Dominanz über die Erforschung der Tierwelt Australiens mit dieser Niederlage beendet war. Die Bezeichnung des längst verstorbenen Lamarcks Prototheria (Vorsäugetiere) hatte sich damit als tendenziell richtig erwiesen: Die Schnabeltiere schienen tatsächlich über eine Merkmalskombination zur verfügen, die sie zu einer Art ›connecting link‹ zwischen Reptilien und Säuger machten.

    Richard-Owen
    Sieht man genauer hin, dann ging die Geschichte für den Naturtheologen Owen doch nicht ganz so schlecht aus. Seine Auffassung, dass Schnabeltiere lebendgebärend sind, hatte sich zwar als falsch erwiesen, da sie aber über hochgradig spezialisierte morphologische und physiologische Merkmale verfügten, konnten sie keine eigentlichen Ahnen der Säugetiere sein. (Z. B. war ihr dichtes, weiches Fell in Sachen Wärmedämmung jedem anderen Säugetier überlegen, was zu Beginn des 20. Jahrhundert fast zu ihrer Ausrottung geführt hätte.) Die Systematiker haben sie daher nicht in die von Lamarck aufgestellte Klasse der Prototheria erhoben, sondern sie eher im Sinne Owens zu einer Unterklasse herabgestuft, die zusammen mit den Unterklassen der Beutel- und Plazentatiere die Klasse der Säugetiere bildet. In der Unterklasse der Prototheria bilden die Schnabeltiere zusammen mit den nahe verwandten und ebenfalls eierlegenden Ameisen- oder Schnabeligeln die (einzige) Ordnung der Kloakentiere (Monotremata, griech. für Tiere mit ›einer Öffnung‹). Die von Kutschera verbreitete Darstellung, dass Lamarck recht behalten hat, ist also falsch oder doch zumindest genauso irreführend, wie der vom ihm gewählte Begriff »Bauplan-Mischform«, den er nicht als ausgefallene Merkmalskombination, sondern wie Lamarck als ›urtümliche Zwischenform‹ oder gar ›primitives Relikt aus der Frühzeit der Säugtierevolution‹ interpretiert wissen will. Für Australiens führenden Monotremata-Experten Mervyn Griffiths sind Schnabeltiere weit davon entfernt, »altertümliche« oder gar »primitive Übergangsformen« zu sein. Er bezeichnet sie als »animals of all time«, die sich schon früh vom Mainstream verabschiedet haben und aktiv und ausgesprochen erfolgreich ihre eigenen Wege gegangen sind.

    Kutscheras wissenschaftsgeschichtliches Denken besteht darin, den Naturforschern nach seinem Gutdünken rückblickend Recht oder Unrecht zu geben. Er nimmt dabei in Kauf, die Geschichte der Entdeckung der Schnabeltiere und die Konflikte um ihre Beschreibung und Klassifizierung auf irreführende Weise zu verkürzen. Er kapiert einfach nicht, dass man Standpunkte in wissenschaftlichen Auseinandersetzungen nur vor den jeweils dahinterstehenden Theorien oder Naturphilosophien betrachten und bewerten kann. Und weil er das nicht kapiert, ist derselbe Lamarck für ihn dort, wo er scheinbar Recht behalten hat »scharfsinnig«, während er dort, wo er scheinbar nicht Recht behalten hat, nämlich bei seiner 150 Jahre lang von den Darwinisten mit großer Penetranz verunglimpften Lehre von der Vererbung erworbener Merkmale »hypothetisch« oder »widerlegt« ist. Diese ahistorische Art Wissenschaftsgeschichte zu betreiben, ist stark vom Zeitgeist abhängig. Ihre Urteile sind daher vergänglich und mit einem Verfallsdatum versehen. Die Beurteilung der Lamarckschen Leistungen ist dafür ein anschauliches Beispiel. Während seine Vorstellung von der Vererbung erworbener Merkmale durch die Entdeckung der epigenetischen Vererbung eine regelrechte Renaissance erfährt, ist die Brückenfunktion, die Lamarck dem Schnabeltier zuordnen wollte, aufgrund der vielen festgestellten spezialisierten und konvergenten Merkmale derzeit ziemlich out. Nur der Evolutionist Kutschera ist so fest in seinem evolutionären Glauben befangen, dass er diese Entwicklungen nicht angemessen erfassen und auch noch in den komplexen Ergebnissen der Genomanalyse nicht mehr als eine Bestätigung der Lamarckschen »Proto-Mammalia-Hypothese« sehen kann.

    Wenden wir uns nun der Evolutionsgeschichte der Schnabeltiere zu. Die seltsame Mischung aus Reptilien- und Säugetiermerkmalen deutet zwar auf eine lange Evolution von vielleicht 180 Millionen Jahren hin; sie liegt aber ziemlich im Dunkeln, da es keine gesicherten Erkenntnisse über die phylogenetische Diversifizierung der Monotrematen und ihre Abspaltung von den frühen Reptilsäugern gibt. Die Gründe dafür, sind in ihrer einzigartigen Merkmalskombination und im spärlichen Fossilbefund zu suchen. Zudem sind im Fossilbericht von Säugern meistens nur die Zähne und Kiefernknochen überliefert. Die haben bei Schnabeltieren aber nur eine begrenzte Aussagekraft, weil erwachsene Tiere zahnlos sind und nur die Jungtiere Zähne haben. Einige interessante Entdeckungen gibt es aber (vgl. Griffiths 1988): In einer 15 Millionen Jahre alten tertiären Ablagerung wurde ein wunderbar erhaltener Schädel gefunden, dessen Kiefer noch mit Zähnen bestückt war. Dieser Schnabeltiervorfahr (Obdurodon dicksomni) war auch noch als erwach senes Tier bezahnt. 1985 wurde in einer 110 Millionen Jahre alten kreidezeitlichen Schicht ein Unterkieferstück mit drei Molaren gefunden. Dieser frühe Vorfahr des Schnabeltieres (Steropodon galmani) hatte schon zusammen mit den Dinosauriern gelebt. Dies wurde 1999 durch den Fund eines bezahnten Unterkiefers eines weiteren Schnabeltier-Urahns (Teinolophos trusleri) in einer etwas älteren Schicht bestätigt. Völlig unerwartet, konnte bei der computertomographischen Untersuchung des versteinerten Kieferknochens ein für die Wahrnehmung elektrischer Felder erforderlicher Nervenkanal identifiziert werden (Rowe et al. 2008). Die hochspezialisierten Merkmale der Schnabeltiere waren offenbar schon in der Kreidezeit vorhanden. Ihre Evolution war völlig anders verlaufen, als die der Beutel- und Plazentatiere, die sich zwar zu Beginn der Kreidezeit aufspalteten, deren Radiation und Spezialisierung aber erst im Tertiär erfolgte.

    Saeugetier-Phylogenese

    Evolution der Säugetiere, Reptilien und Vögel sowie Hervortreten von Eigenschaften in der Säugetier-Linie, aus: Warren et al. (2008)

    Wie wird Evolutionsgeschichte der Schnabeltiere bei Kutschera beschrieben? Bei ihm lesen wir: »Die Reptilsäuger der Trias-Periode« [...] stehen am Anfang der Evolution der Mammalia [...]. Diese Abstammungsfolge lief vor mindestens 166 Mio. J. (späte Juraperiode) auseinander. Eine Linie evolvierte zu den lebendgebärenden Marsupalia und den Placentalia (Beutel- und Placenta-Säuger); die zweite evolutionäre Generationen-Reihe führte zu den Monotrematen (Eier legende, urtümliche Säuger, die als Kloakentiere bezeichnet werden).« Er schwadroniert in Siebenmeilenstiefeln über die dünne Befundlage hinweg und wird nur bei der Datierung der Abspaltung, die er aus der Genomstudie von Warren et al. (2008) übernommen hat, erstaunlich konkret. Schaut man dort nach, liest sich das erheblich vorsichtiger: ›Die Abspaltung der Kloaken- von den Beutel- und Plazentatieren fällt in eine große Lücke zwischen der Radiation der Säugetiere und deren Abspaltung von der Sauropsiden-Linie. Die Schätzungen reichen von 160 bis 210 Mio. J. vor heute. Wir gehen auf aufgrund von fossilen und den aktuell sequenzierten molekularen Daten von 166 Mio. J. aus.6) In seinem Lehrbuch »Evolutionsbiologie« (2006) führt Kutschera übrigens ohne Literaturbezug ein Abspaltungsalter von 210 Millionen Jahren an, bewegt sich also, ohne dies zu begründen, am obersten Rand der Schätzungen. Eine ähnliche Willkür zeigt er bei der Datierung der frühen Säugetiere. In der Genomstudie wird die Entstehung von säugtierähnlichen Reptilien (Therapsiden) ins frühe Perm verortet. Kutschera verlagert sie hier, ohne dies weiter zu erläutern, mit Bezug auf eine andere Quelle in die Trias-Periode.

    Platypus-Suesswasserhabitat
    Das Schnabeltier ist auch über 200 Jahre nach seiner wissenschaftlichen Entdeckung alles andere als ein Beweis dafür, dass »Evolution eine Tatsache ist«. Die Entzifferung seines Erbgutes mag zwar ein Meilenstein für das bessere Verständnis der Schnabeltierevolution sein, hat aber die Probleme nicht gelöst, sondern eher noch verschärft. Völlig unerwartet war z. B., dass das Gift in seinem Sporn keine ›Mitgift‹ der Reptilien ist, sondern unabhängig davon evolviert ist (Brown 2008). Und ein vor wenigen Jahren entdeckter, fossiler Schädel eines Schnabeltier-Urahns deutet sogar daraufhin, dass selbst die komplexen, für das scharfe Gehör von Säugetieren so typischen Gehörknöchelchen eine konvergente Erscheinung sind – also zwei Mal erfunden wurden (Rich et al. 2005). Stellt sich die Frage, welcher evolutive Mechanismus die im Schnabeltier konzentrierten Unwahrscheinlichkeiten plausibel machen kann? Fangen wir bei Darwin an. Für ihn war das Schnabeltier der Schlüssel für das Prinzip der evolutionären Anpassung in Isolation. In seinem berühmten Werk »Die Entstehung der Arten« versucht er, das Schnabeltier, das für ihn ein »lebendes Fossil« war, durch die lange Isolation des australischen Kontinents und den verminderten Wettbewerb in Süßwasserhabitaten zu erklären. »Lange Isolation« vielleicht, »lebendes Fossil« sicher nicht und »verminderter Wettbewerb« eher fraglich. Gerade Süßwasserbecken gelten heute als »Inseln der Evolution«, ja als ein Musterbeispiel für explosive Artbildung – und dass konnte Darwin zu seiner Zeit wirklich nicht wissen.

    Kommen wir nun zu unserem Protagonisten Kutschera zurück und schauen, ob er 150 Jahre später neue Erklärungen für die Evolution der Schnabeltiere anzubieten hat? Auf 3sat-online lesen wir in diesem Zusammenhang: »Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, was mehr als zwei Milliarden Jahre Zeit für die Evolution bedeuten. Selbst kleine Schritte führen weit, wenn nur genug davon gegangen werden - und Jahrmilliarden reichen bei geringsten Wahrscheinlichkeiten.« Erstaunlicherweise sind – wie schon bei Darwin – die unendlich langen Zeiträume auch heute noch die Helden der Arbeit, die das Wunder der Evolution vollbringen sollen. Und wenn sich unsere Vorstellungskraft dem verweigert, so liegt das nicht an der Unschärfe dieser Argumentation, sondern an unserem Unvermögen, in Jahrmilliarden zu denken. Merke: Nur die Evolutionisten sind auserkoren, die Äonen mühelos zu durchschreiten! Und so erstaunt es nicht, dass sich auch Darwins Hypothese vom »verminderten Wettbewerb« in Kutscheras aktuellem Werk als »verborgene amphibisch-räuberische Lebensweise des nachtaktiven Schnabeltiers« wiederfindet. Diese »speziellen Lebensbedingungen« sollen für das Überleben »dieses letzten Nachkommen einer ›primitiven‹, uns heute fremdartig erscheinenden Reptil-Vogel-Säugergruppe« verantwortlich sein. Da kann man nur hinzufügen, das Schnabeltier ist weit davon entfernt, ein ›primitives Überbleibsel‹ einer vergangenen Epoche zu sein. Als anpassungsfähiger Überlebenskünstler ist es vielmehr ein »animal of all time«. Darüber hinaus »erscheint« es nicht nur »fremdartig«, sondern gerade aus der Perspektive eines Evolutionsbiologen ist es auch »fremdartig«. Einzige Ausnahme der Evolutionist Kutschera! Der glaubt offenbar so felsenfest an die »Tatsache Evolution«, dass er selbst eine schwerverdauliche Anomalie in einen vollkommenen Beweis verwandeln kann – ein Mysterium, das ansonsten nur von fundamentalistischen Religionsführern bekannt ist.

    Nachbemerkung I

    Dies ist keine gute Geschichte für Kutschera, weil sie wiedereinmal zeigt, dass seine Methode darin besteht, lückenhaftes Hypothesenwissen als belastbares Faktenwissen zu präsentieren. Zumindest den wissenschaftsgläubigen Leser führt er damit an der Nase herum und vermittelt ihm ein völlig falsches Bild davon, wie in der Wissenschaft um die Wahrheitsfindung gerungen wird. Dies ist aber auch keine gute Geschichte für die Wissenschaft, weil sich in der Erforschung des Schnabeltiers ihre imperialistische Arroganz gegenüber einer kolonialen Natur und den ›einfachen‹ Menschen zeigt.

    Tausende von Schnabeltieren und Schnabeligeln mussten sterben, um die Begierde von Wissenschaftlern zu befriedigen, sie bis ins kleinste Embryonalstadium zu beschreiben oder auch nur, um ihnen das Geheimnis ihrer Geburt zu entreißen. Dabei war z. B. die Frage, ob sie lebendgebärend oder eierlegend sind, schon gelöst, bevor das von europäischen Naturforschern initiierte Schlachten überhaupt begonnen hatte. Die Aborigines hatten jedem Forscher, der sie danach fragte, versichert, dass Schnabeltiere eierlegend seien und auch Hobbyforscher unter den Kolonisten hatten dies immer wieder bestätigt.

    So berichtete ein australischer Arzt im Jahre 1864 in einem Schreiben an europäische Naturforscher, dass ein in Gefangenschaft gehaltenes Schnabeltier zwei Eier gelegt habe. Kommentar des berühmten englischen Anatomen Owen: Die Eier seien in Folge des Gefangenschaftsstresses zu früh abgegangen! (vgl. Rismiller et al. 1991). Erst 20 Jahre später war es dem schottischen Embryologen Caldwell vorbehalten, das vermeintliche Rätsel durch ein Massaker an trächtigen Schnabeltieren offiziell zu lösen7). Dabei hätte man gegen seine Beobachtung den gleichen Einwand vorbringen können, da das entscheidende Tier sicherlich unter Jagdstress stand8).

    Weil einheimische Kolonisten sich als unfähig erwiesen, die scheuen Tiere aufzuspüren, wurden von den europäischen Forschern ganze Armeen von Aborigines angeheuert, damit sie gegen Kopfprämie (für Weibchen gab es mehr) Jagd auf die verborgen lebenden Monotrematen machten. Ihr Wissen über die von ihnen als Mallangong oder auch Boondaburra bezeichneten Tiere wurde aber ignoriert. Diese Arroganz war Teil der generellen Einstellung der europäischen Wissenschaftler gegenüber dem kolonisierten Kontinent. Australien und seine bizarre Tierwelt wurden als eine ›zoologische Strafkolonie‹, ja als ein ›faunaler Gulag‹ betrachtet, in dem alles gegensätzlich und sonderbar war (Moyal 2001).

    Aborigines-hunting

    Jagende Aborigines – die europäischen Naturforscher waren nicht an ihrem Wissen über Schnabeltiere interessiert, sondern nur an ihrer Fähigkeit, sie aufzuspüren.

    John Washington Price, der Schiffsarzt auf einem Segler war, der irische Rebellen in die britische Strafkolonie Neuholland (die damalige Bezeichnung für Australien) brachte, vertraute die eurozentristische Sicht auf die Tierwelt Australiens 1799 seinem Tagebuch an: ›Wenn wir die verschiedenen Regionen der Erde betrachten, so finden wir, dass die lebhaftesten und nützlichsten Vierbeiner um den Menschen geschart wurden. Es sind die entfernten Einöden der Welt, in welchen wir die hilflosen, deformierten und monströsen Werke der Natur zu suchen haben.

    Nach Auffassung des amerikanischen Paläontologen Stephan Jay Gould (1989) lebt die eurozentrische Vorstellung, dass Plazentatiere den Kloaken- und Beuteltieren anatomisch und physiologisch überlegen sind, in der Wissenschaft weiter. In seinem »Lob der Beuteltiere« zeigt er, dass sie sich in der Taxonomie niedergeschlagen hat: Die eierlegenden Kloakentiere werden als Prototheria oder Vorsäugetiere bezeichnet, die armen Beuteltiere als Metatheria oder halbe Säugetiere und die Plazentatiere nehmen als Eutheria oder wirkliche Säugetiere die höchste Rangstufe ein.

    Nachbemerkung II

    Es ist zu befürchten, dass Kutschera selbst nach der Lektüre der hier erzählten Geschichte immer noch nicht kapieren würde, dass auch die Wahrnehmung und Theoriebildung eines noch so modernen und rational im Feld oder Labor arbeitenden Naturwissenschaftlers (wie vor allem er selber) von Naturphilosophien beeinflusst ist. Vielleicht stimmt ihn aber nachstehende Anekdote nachdenklich:

    Bei meinen Recherchen bin auch auf einen Artikel aufmerksam geworden, in dem Folgendes berichtet wurde: Auf der vor der Südostküste Australiens gelegenen Kängeru-Insel (»Kangaroo-Island«) gäbe es Schnabeltiere, die sich nicht nur im Süßwasser aufhalten, sondern auch im Meer auf Nahrungssuche gehen würden. Erstaunlicherweise wird diese gut dokumentierte Beobachtung mit keinem Wort in der gesamten anderen, mir bekannten Fach- und auch populärwissenschaftlichen Literatur erwähnt.

    Warum also gerade in diesem Bericht? Des Rätsels Lösung: Der Autor war Kreationist! Ihm lag daran, glaubhaft zu machen, dass Schnabeltiere aufgrund ihrer Salzwasserverträglichkeit durchaus in der Lage waren, den Weg von der auf dem Berg Ararat gestrandeten Arche Noah bis ins abgelegene Australien zu bewältigen. Mag uns der ›Genesis-Kontext‹ auch noch so absurd erscheinen, so beeinträchtigt er doch nicht die Wahrheit dieser Beobachtung. Ein gelungenes Beispiel für das, was in Lehrbüchern als Unabhängigkeit des »context of discovery« vom »context of justification« beschrieben wird!

    Anmerkungen

    1) Einem Kirchenlehrer des 13. Jahrhundert sei dies verziehen, obwohl er es auch damals schon – dank Platos Höhlengleichnis – hätte besser wissen können. Einem Evolutionsbiologen des 21. Jahrhundert, der diese Auffassung immer noch verficht, sollte man allerdings seinen Etat kürzen und nahe legen, umgehend die Erstsemestervorlesung »Einführung in die Wissenschaftstheorie« zu besuchen.

    2) Da Kutschera bekanntlich ein gelernter Pflanzenphysiologe ist, sollte man ihm den »Bieberschwanz« nachsehen.

    3) Shaw (1799) und Blumenbach (1800) standen für ihre Erstbeschreibung nur ein getrockneter Schnabeltierbalg zu Verfügung. Die erste Beschreibung eines sezierten Schnabeltieres veröffentlichte 1802 der englische Anatom Sir Everard Home (1756–1832). Der ließ die Fachwelt aufhorchen, weil er als erster feststellte, dass Schnabeltiere trotz ihres säugetiertypischen Haarkleides eine für eierlegende Reptilien und Vögel typische Kloake besäßen.

    4) Lamarcks französischer Kollege Étienne Geoffroy Saint-Hilaire (1772–1844) bezweifelte die Existenz der von Meckel gefundenen Milchdrüsen und behauptete, sie seien in Wirklichkeit Moschusdrüsen, deren Sekret dazu dienen könnte, Männchen anzulocken. Ironisierend bemerkte er: »Wenn dies Milchdrüsen sein sollen, wo ist die Butter?« Das Schnabeltier sei daher – wie von Lamarck zu Recht vertreten – eine Klasse für sich und nicht – wie von Owen behauptet – ein Säugetier. Da Frankreich zu Beginn der Auseinandersetzung mit England im Krieg lag, wurde der Krieg von den Naturforschern quasi auf dem Papier weitergeführt.

    5) Bedeutend auch für die Schnabeltiere, denn Tausende mussten ihr Leben lassen, bis das wissenschaftliche Mysterium endlich gelöst war. Zoologie wurde wie der Naturhistoriker Wendt (1956) pointiert bemerkte, von den damaligen Naturforschern vor allem mit der Flinte betrieben. Allein Caldwell soll mit seinen 150 einheimischen Helfern einige hundert Schnabeltiere erlegt haben bis es ihm am 24. August 1884 endlich gelang, das entscheidende Weibchen zu finden. Darüber hinaus tötete sein Team in der gleichen Saison über 1.300 Schnabeligel (Echidna), um lückenlose embryonale Stadien zu erhalten (Robin 2005).

    6) Es wurde schon vielfach nachgewiesen, dass die Datierung von Ereignissen mit molekularen Uhren mit großen Unsicherheitsfaktoren verbunden ist. Rowe et al. (2008) konnten dies eindrücklich an der Datierung der Aufspaltung der Monotremata, d. h. der Abspaltung der Schnabeltiere von den Schnabeligeln (Echidna) zeigen. Die aus unterschiedlichen DNA- und Protein-Sequenzen abgeleiteten Schätzungen liegen zwischen 17 und 80 Millionen Jahren, wobei von den Molekulargenetikern jüngere Datierungen präferiert werden. Z. B. schätzen Warren et al. (2008) in ihrer a ktuellen Genomstudie das Alter des letzten gemeinsamen Vorfahren der beiden Taxa auf 21 Millionen Jahre. Durch die computertomographische Untersuchung eines fossilen Kiefernknochen konnten Rowe et al. aber zeigen, dass ein ausgestorbener Monotremat der Gattung Teinolophos bereits über eine ausgeprägte Elektrosensivität verfügte, also der Schnabeltierlinie zuzurechnen ist. Das Alter der fossilführenden Schicht wurde auf rund 120 Millionen Jahre datiert. Selbst die älteste Schätzung durch eine molekulare Uhr liegt folglich um 50 % zu niedrig.

    7) Das Verhalten der europäischen Naturforscher gegenüber den australischen Hobbyforschern erinnert mich ein bisschen an den Streit um die Entdeckung der Brutfürsorge bei Egeln. Die ruhmreiche Erstbeobachtung reklamiert Kutschera bis heute für sich, obwohl der pfiffige ostdeutsche Vivarist Pederzani sie nachweislich sechs Jahre vor ihm gemacht und publiziert hat. Auch hier wurde hochnäsigst argumentiert, dass eine Beobachtung erst dann als vertrauenswürdige Entdeckung gilt, wenn sie von einem ausgewiesenem Wissenschaftler gemacht wird. Diese Geschichte habe ich in aller gebotener Ausführlichkeit an anderer Stelle erzählt.

    8) Das dies nicht geschah, lag wohl vorrangig daran, dass der Kreationist Owen gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein verblassender Stern am wissenschaftlichen Himmel war, während der Darwinist Caldwell die naturgeschichtliche Weltanschauung vertrat, die damals im Aufwind war. Und so konnte er (wie einst Owen und heute Kutschera...) in seinen Vorträgen erklären, seine Erkenntnisse seien keine Theorien, sondern Tatsachen und könnten daher nicht in Frage gestellt werden.

    Literatur

    Brown, Susan (2008): »Top billing for platypus at end of evolution tree - Monotreme’s genome shares feature with mammals, birds and reptiles«. – In: Nature 453, 138-139

    Gould, Stephan J. (1989): »Der Daumen des Panda – Betrachtungen zur Naturgeschichte«. – Hamburg

    Griffiths, Mervyn (1988): »Das Schnabeltier«. – In: Spektrum der Wissenschaft, H. 7, 76-83

    Kutschera, Ulrich (2006): »Evolutionsbiologie«. – Stuttgart

    Kutschera, Ulrich (2009): »Tatsache Evolution - Was Darwin nicht wissen konnte«. – München

    Moyal, Ann (2001): »Platypus – The extraordinary story of how a curios creature baffeld the world«. – Washington

    Rich, Thomas et al. (2005): »Independent origins of middle ear bones in monotremes and therians«. – In: Science 307, 910-914

    Rismiller, Peggy, D. (1995): »Australiens geheimnisvolle Echidna«. – In: Naturwissenschaften 82, 551-556

    Rismiller, Peggy, D. u. Seymour, Roger S. (1991): »Fortpflanzung des australischen Ameisenigels«. – In: Spektrum der Wissenschaft, H. 4, 96-103

    Robin, Libby (2005): »The platypus frontier: eggs, Aborigines and empire in 19th century Queensland«. – In: Rose, Deborah Bird (Hg.): »Dislocating the frontier: essaying the mystique outback«. – Canberra

    Rowe, Thomas et al. (2008): »The oldest platypus and ist bearing on divergence timing of the platypus and echidna clades«. In: PNAS, 1238-1242

    Warren, Wesley C. et al. (2008): »Genome analysis of the platypus reveals unique signatures of Evolution«. – In: Nature 453, 175-184

    Wendt, Herbert (1956): »Auf Noahs Spuren – Die Entdeckung der Tiere«. – Hamm

    G. M., 10.03.2009

     

    Duckbilled-Platypus

    Kein lebendes Tier hat die Wissenschaft seit seiner Entdeckung so irritiert wie das Schnabeltier. Dies spiegelt sich auch in seinen Bezeichnungen wider: Alptraum der Zoologen, biologisches Kuriosum, Laune der Natur, Wechselbalg oder Unfall der Evolution, einzigartiges Zwitterwesen, bizarre Melange, Ergebnis eines promiskuitiven Verkehrs, fleischgewordene Wollmilchsau oder australischer Wolpertinger.

     

    ›Den Elefanten zu wenig Zähne gemacht‹

    Den Elefanten zu wenig Zähne gemacht
    Manimali, Guido Danielle

    Darwin war eher ein zauderhafter, dezenter Revolutionär, der jeder direkten und lautstarken Konfrontation mit der Kirche aus dem Weg gegangen ist. Wenn er noch leben würde, hätte er sicherlich wenig Verständnis für herumpolternde Berufsatheisten, die meinen, sich damit profilieren zu müssen, in seinem Namen den Glauben lächerlich zu machen oder auf Gläubige einzudreschen. Auch dem Kassler Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera, der sich durch sein »unangenehm aggressives« (FAZ) Verhalten gegenüber Kreationisten eine gewisse Popularität verschafft hat, scheint Darwins umsichtiges Vorgehen ein Dorn im Auge zu sein. In seinem neusten Werk »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte« glaubt er, den Grund dafür gefunden zu haben, warum Darwin sich bezüglich der theologischen Implikationen seiner naturalistischen Zufallstheorie so erstaunlich zurückhaltend und diplomatisch verhalten hat. Zu Beginn seiner Argumentation zitiert Kutschera eine bekannte Passage aus einem Brief, den Darwin im Jahr 1860, also ein Jahr nach dem Erscheinen seines berühmten Werkes über die Entstehung der Arten, an den amerikanischen Botaniker Asa Gray geschrieben hatte:

    »Ich kann mich nicht dazu überreden, dass ein gütiger und allmächtiger Gott mit Absicht die Schlupfwespen erschaffen haben würde mit dem ausdrücklichen Auftrag, sich im Körper lebender Raupen zu ernähren, oder das Katzen mit Mäusen spielen sollen. Da ich nicht daran glaube, sehe ich auch keine Notwendigkeit in dem Glauben, dass das Auge bewusst geplant worden ist. Andererseits kann ich mich keineswegs damit abfinden, dieses wunderbare Universum und insbesondere die Natur des Menschen zu betrachten und zu folgern, dass das alles nur das Ergebnis roher Kräfte sei. Ich neige dazu, alles als Resultat vorbestimmter Gesetze aufzufassen, wobei die Einzelheiten, ob gut oder schlecht, dem Wirken dessen überlassen bleiben, was wir Zufall nennen können.«

    Darwin legt hier nüchtern und plausibel dar, dass das Bild eines gütigen und allmächtigen Schöpfers, der die Welt bis ins kleinste Detail plant, nur schwer mit den kaum übersehbaren Grausamkeiten in der Natur in Übereinstimmung zu bringen ist. Er nimmt dies allerdings nicht zum Anlass, die Existenz eines wohlmeinenden Schöpfers an sich zu verneinen, sondern rückt ihn vom Zentrum des aktuellen Naturgeschehens an dessen Ursprung. Dort fungiert er als Begründer von Naturgesetzen, während die Ausformung der konkreten Naturzustände (also z. B. der Arten und ihrer Interaktionen) weniger vorher- als zufallsbestimmt ist1). Eine solche Haltung ist für Evolutionsbiologen, die ihre Disziplin als Mittel zur Erlangung einer erfüllenden Weltanschauung und sogar letztgültigen ideologischen Meinungsführerschaft betrachten, nicht konsequent zu Ende gedacht, ja unerträglich. Dies gilt im besonderen Maße für unseren Akteur Kutschera, der sich in fetten Lettern auf seine Fahnen geschrieben hat, dass in dieser Welt kein Platz für Götter, Geister und Designer ist. Er meint Darwins nachsichtigen Umgang mit dem Glauben damit erklären zu können, dass ihm das ganze Ausmaß der Unvollkommenheit und Grausamkeit des Naturgeschehens nicht bewusst war:

    »Ein wesentlich eindrucksvolleres Beispiel für die unglaublichen Grausamkeiten in der Natur liefern jedoch die Afrikanischen und Asiatischen Elefanten. Diese Dickhäuter, die über ein außergewöhnlich großes Gehirn verfügen, empfinden beim Tod verwandter und fremder Artgenossen Trauer. Elefanten leiden im menschlichen Sinne und verfügen möglicherweise sogar über ein Todesbewusstsein, da auch verstorbene, in der Verwesung befindliche Körper von Artgenossen besucht werden. Besonders grausam ist der natürliche Tod der Alttiere. Nachdem die letzten Mahlzähne (Molaren) dieser durch lange Stoßzähne gekennzeichneten Dickhäuter abgerieben sind (Zahnschmelz-Verbrauch), verhungern die Tiere nach und nach, da sie ihre Nahrung nicht mehr kauen können. Diese intelligenten Trauer und Schmerz empfindenden Großsäuger sterben somit einen langsamen, qualvollen Hungertod (…). Diese Ausführungen zu Leiden und Tod der Dickhäuter sollen das ›Darwinsche Gleichnis‹ vom grausamen, aber dennoch angeblich ›allmächtigen Schöpfer-Gott bzw. Designer‹ ergänzen. Hätte Darwin vom langsamen Hungertod der Elefanten, der auf ›un-intelligentes Zahn-Design‹ zurückführbar ist, gewusst, so wären seine negativen Bemerkungen zum ›guten biblischen Gott‹ vermutlich noch drastischer ausgefallen.«

    Ist es Kutschera hier wirklich gelungen, dem biblischen Schöpfergott die Maske vom Gesicht zu reißen und ihn als stümperhaften und seelisch grausamen Designer zu entlarven? Betrachten wir zunächst die Frage, ob Elefanten im menschlichen Sinne trauern können. Der renommierte Gießener Literaturwissenschaftler Erwin Leibfried (2009) hat Kutscheras Ausführungen erfrischend kommentiert. Er stellt zunächst fest, dass der »Ursprung der menschlichen Emotionen« zu den »Problemzonen der Evolutionstheorie« gehört. Es gäbe zwar »Vorformen von Sprache«, man gerate aber in »windige Regionen«, wenn man »die qualitative Differenz zwischen Mensch und Tier einebnet« und wie Kutschera »mitleidende Sorge bei Elefanten als Faktum« konstatiert. Hier seien »bei entsprechender Kreativität und Sachkenntnis, andere Interpretationen möglich. Der Elefant als Herdentier ›kümmert‹ sich um die Angehörigen seiner Horde, das hat er als Instinkt, er hat aber kein Mitleid«. Ironisierend fügt er hinzu: »Er verhält sich wie weiland die Genossen in der ruhmreichen DDR: keinen zurücklassen, alle mitnehmen, war da einmal die Devise bei der bei der Verwirklichung des Sozialismus. Solche Beschreibungen unterliegen wissenschaftstheoretisch einem uralten, gut bekannten Topos: der Anthropomorphisierung. Was im Hirn dieses Viehzeugs vorgeht, bleibt vorderhand ignotum.«

    Da es niemanden möglich ist, sich in ein Elefantenhirn zu versetzen, schließt auch Leibfried die Existenz der menschlichen Emotion »mitleidende Sorge« bei Elefanten nicht kategorisch aus. Er warnt aber Naturwissenschaftlicher davor, bei der Beobachtung und Interpretation tierischer Verhaltensweisen die emotionale Distanz zu den Untersuchungsobjekten zu verlieren. Beachten sie dies nicht, laufen sie Gefahr, nicht nur persönliche, sondern auch gesellschaftliche Verhaltensmuster unreflektiert auf tierisches Verhalten zu projizieren. Kutscheras von Empörung getragene Darstellung der vermeintlich »unglaublichen Grausamkeiten« im Elefantendesign ist ein anschauliches Beispiel dafür. Sie erweckt Passagenweise den Eindruck, als wenn er selbst in die Rolle eines dahinsiechenden Elefanten geschlüpft wäre, der keine Nahrung mehr zu sich nehmen kann und Kondolenzbesuche seiner trauernden Herde empfängt. Und vor allem diese Überidentifizierung motiviert ihn, einen für Elefanten typischen Verschleißschaden in einen gravierenden und in Zusammenhang mit der Intelligenz von Elefanten besonders grausamen Designfehler umzuinterpretieren und als schwerwiegenden Befund gegen die Existenz eines gütigen und allmächtigen Schöpfergottes ins Feld zu führen.

    Hervorragendes Design
    Versuchen wir die Angelegenheit einmal nüchterner zu betrachten: Elefanten gehören neben den Menschen zu den Landsäugern mit der höchsten Lebenserwartung. Sie müssen kein anderes Tier fürchten, sind ausgesprochen intelligent und führen ein entwickeltes soziales Herdenleben. Wegen ihrer enormen Größe verfügen sie über einige ausgeklügelte anatomische Besonderheiten, die ihnen beispielsweise ermöglichen, zu schwimmen, ohne dass ihre Lungen kollabieren oder sich trotz ihres kolossalen Gewichtes in sumpfigem Gelände zu bewegen. Kurz: Elefanten bestechen durch hervorragendes Design und sind alles anderes als ein überzeugendes Beispiel für schlechtes Design. Dies gilt auch für ihre Backenzähne, die sich während eines langen Elefantenlebens bis zu sechs Mal erneuern. Wenn es überhaupt etwas zu bemängeln gibt, dann ist es ihre schlechte Futterverwertung. Sie zwingt die Elefanten dazu, täglich riesige Mengen Pflanzennahrung aufzunehmen und zu zerkleinern. Sie ist folglich ursächlich dafür verantwortlich, dass der vorzeitige Verschleiß der Mahlzähne zu einem lebensbegrenzenden Faktor für Elefanten werden kann. Allerdings verhungern erheblich mehr Elefanten an Nahrungsknappheit als an der Unfähigkeit Pflanzen zu zerkleinern. Die Ursache dafür liegt neben Dürren an ihren verschwenderischen Ernährungsgewohnheiten, die oft zur Verwüstung ganzer Wälder führt.

    Wenn bei einem alten Elefanten, der von anderen Todesursachen verschont geblieben ist, der letzte Mahlzahn weitestgehend abgenutzt ist, zieht er sich manchmal an Orte wie z. B. Sümpfen zurück, wo ihm weichere Pflanzennahrung zur Verfügung steht2). Auch dort kann er aber nicht dauerhaft dem Verhungern entgehen, weil er selbst weiches Grünfutter nach der völligen Abnutzung seiner Molaren nicht mehr zerkleinern und verdauen kann. Der immer schwächer werdende Elefant wird an seinem Sterbeort von der eigenen Herde, aber auch von fremden Herden aufgesucht. Dabei ist ein ganzes Spektrum von Verhaltensweisen zu beobachten: Die Elefanten versuchen ihren geschwächten Artgenossen wieder aufzurichten, zu füttern und Raubtiere von ihm fernzuhalten. Wenn er dann verendet ist, decken sie ihn manchmal sogar mit Ästen, Steinen und Blättern zu, weil es sie offenbar stört, wenn Löwen, Hyänen oder Geier sich an dem verwesenden Kadaver vergreifen. Dieses außergewöhnliche Verhalten kann nur schwer als von der natürlichen Selektion begünstigte Umweltanpassung interpretiert werden, denn Elefanten laufen durch den Kontakt mit ihren dahinsiechenden oder verendeten Artgenossen Gefahr, sich mit gefährlichen Krankheiten zu infizieren (vgl. Douglas-Hamilton et al. 2006). Man muss also davon ausgehen, dass Elefanten ein besonderes Bewusstsein für kranke und tote Artgenossen haben, das in dieser Form bei anderen Tierarten bisher nicht beobachtet wurde3).

    Da ein solches Bewusstsein bei uns Menschen viel stärker ausgeprägt ist, fragt sich, warum Kutschera nicht den Menschen als besonders eindrucksvolles Beispiel für seelisch grausames Design angeführt hat? Laut seiner Argumentation wählt er den Elefanten, weil bei ihm ein schlechtes Altersdesign mit einem Bewusstsein kombiniert ist, das mitleidende Sorge empfindet. Beides trifft aber in viel höherem Maße auf uns Menschen zu. Unsere Spezies leidet nicht nur an unzähligen Alterskrankheiten, sondern ist aufgrund ihrer einzigartigen Intelligenz auch zu regelrechten Fürsorge- und Trauerexzessen fähig4). Warum also der Elefant und nicht der Mensch? Es ist zu vermuten, dass Kutscheras Wahl weniger reflektiert als intuitiv erfolgte. Von dem Ziel besessen, den biblischen Schöpfergott der Unfähigkeit und Grausamkeit zu überführen, wählt er den Elefanten, weil wir Menschen für das Leiden einer uns sympathisch erscheinenden Tierspezies oft mehr Mitgefühl als für das Leiden der eigenen Art zeigen. Wenn es sich nicht gerade um ekelerregende Spinnen oder Würmer handelt, sind Tiere ein Sinnbild für die unschuldige Natur, während wir dazu neigen, uns eher als eine dekadente Spezies zu betrachten, die diese unschuldige Natur bedroht und daher Bestrafung verdient. Für viele Menschen ist das Schicksal von Tieren (selbst wenn sie ihnen persönlich nicht bekannt sind) eine angenehmere, d. h. mit weniger Widersprüchen behaftete Projektionsfläche für ihr Mitgefühl.5)

    Kutschera appelliert aus gutem Grund mehr an unser Mitgefühl als an unseren Verstand. Rein logisch macht es wenig Sinn, ein vermeintlich schlechtes oder gar grausames Design bei Lebewesen als Indiz gegen die Existenz eines (biblischen) Designers ins Feld zu führen. Vergänglichkeit gehört einfach mit zum Design und Unvollkommenheit ist nur schlecht dingfest zu machen. Betrachten wir z. B. die Eintagsfliege, deren (Einweg-)Design auf dem ersten Blick gegenüber dem Design des Menschen oder Elefanten wenig meisterhaft und lebenswert wirkt. Sie scheint das Pech zu haben, nicht zu den entwickelsten Säugetieren, sondern zu den ursprünglichsten unter den Fluginsekten zu gehören. Ihre erwachsene Form (Imago) verfügt nicht einmal über richtige Mundwerkzeuge oder einen funktionsfähigen Magen und wird nur wenige Minuten bis einige Tage alt. Ihr einzig erkennbarer Lebenssinn besteht darin, sich zu paaren und ziemlich bewusstseinslos Gene in die nächste Generation zu transportieren. Aber ist sie deswegen schlecht designt? Selbst Kutschera müsste einräumen, dass sie nach seiner Logik im Vergleich zu Menschen oder Elefanten, bei denen sich das Dahinsiechen in die Länge ziehen kann, zumindest über ein optimiertes Todesdesign verfügt. Und wie ist es um ihre Lebensqualität bestellt? Ist sie wegen der sprichwörtlichen Kürze ihres irdischen Daseins ein bedauernswertes Lebewesen? Keinesfalls, wenn man Arne Bister’s Gedicht über das aus anthropomorpher Sicht erstaunlich beneidenswerte Leben der Eintagsfliegen liest:

    »Glücklich sind die Eintagsfliegen.
    Woran mag denn das bloß liegen?
    Wenn sich turtelnd zwei betören
    und auf ewig Liebe schwören,
    hält ihr Glück ihr Leben lang.

    Glücklich sind die Eintagsfliegen,
    weil sie niemals Heimweh kriegen,
    denn sie fliegen nie weit fort
    von dem angestammten Ort.
    Fremd ist ihnen Reisedrang.

    Erstaunlich glueckseliges Design

    Glücklich sind die Eintagsfliegen,
    weil sie sich ja nie bekriegen.
    Will sich eine Fliege hauen,
    rät man ihr ganz im Vertrauen,
    bis zum nächsten Tag zu warten.

    Ach, was wissen Eintagsfliegen
    über Ströme, die versiegen,
    über Meere, die verschwinden,
    auch den Wandel in den Winden
    und den Tod von vielen Arten?

    Glücklich sind die Eintagsfliegen,
    weil sie niemals sich verbiegen,
    um wie and're Glück zu jagen,
    die nach freudlos schweren Tagen
    ihrem Leben erst erliegen.«

    Drängt sich die Frage auf, ob wir mit den aus anthropomorpher Sicht beneidenswert glücklichen Eintagsfliegen das Ende der Fahnenstange erreicht haben? Gibt es womöglich noch glückseligere Lebewesen als Eintagsfliegen? Wie ist es eigentlich um das ›Glücksdesign‹ von noch erheblich einfacher organisierten Lebensformen wie Einzellern im Vergleich zu höher organisierten Lebewesen bestellt? Darüber hat sich der scharfsinnige Dichter Gottfried Benn (1886-1956) schon vor knapp hundert Jahren melancholisch-regressive Gedanken gemacht:

    »O dass wir unsere Urahnen wären.
    Ein Klümpchen Schleim im warmen Moor.
    Leben und Tod, Befruchten und Gebären
    glitte aus unseren stummen Säften vor.

    Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,
    vom Wind geformtes und nach unten schwer.
    Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel
    wäre zu weit und litte schon zu sehr.«

    Mit anderen Worten, jede Höherentwicklung, die über den Organisationsgrad eines Bakteriums oder einer Amöbe hinausgeht, ist zwangsläufig mit einer Zunahme an Leiden oder – wie Kutschera es formulieren würde – unintelligenten und (seelisch) grausamen Design verbunden. So betrachtet, spricht die gesamte Evolution jenseits des Einzellers gegen einen gütigen und allmächtigen Schöpfergott. Kutscheras massive Kritik am Elefantendesign ist ahnungslos und willkürlich, zumal er gemäß seiner Argumentation den im besonderen Maße leidensfähigen (und leidverursachenden) Menschen als vorläufigen Höhepunkt misslungenen Designs hätte anführen müssen. Darwin - den Kutschera posthum und von vermeintlich hoher Warte belehren und gegen den biblischen Schöpfergott aufstacheln möchte - hat vernünftiger argumentiert: Erstens hat er nicht seine an einer Krankheit früh verstorbene Lieblingstochter als schweres Geschütz gegen den Glauben an einen gütigen und allmächtigen Schöpfergott ins Feld geführt, sondern ganz nüchtern die bestialische Vermehrungspraxis eines Insektes6). Zweitens hat er deswegen nicht die Existenz eines biblischen Schöpfergottes an sich in Frage gestellt, sondern daraus nur geschlossen, dass der die Welt nicht bis in kleinste Detail vorherbestimmt. Und Drittens hat er damit sein Ziel erreicht, den biblischen Gott soweit aus der Welt heraushalten, dass er genügend Platz für seine Theorie von der Wandelbarkeit (und eben nicht Schöpfung) der Arten hatte. Demgegenüber hat der selbsternannte Darwin-Experte Kutschera, der uns seit einigen Jahren in marktschreierischer Manier ebenso kontextarme wie verworrene Geschichtsrevisionen präsentiert, wieder einmal nichts kapiert.

    Anmerkungen

    1) In der an das Zitat anschließenden (und von Kutschera ausgelassenen) Passage wird deutlich, dass Darwin sich bewusst ist, dass der menschliche Intellekt angesichts der Dimension solcher Fragen an prinzipielle Grenzen stößt und keine zufriedenstellenden Antworten finden kann: »Nicht, dass mich diese Einsicht im mindesten befriedigte. Ich fühlte zutiefst, dass das ganze Problem für den Intellekt des Menschen zu hoch ist. Ebensogut könnte ein Hund über den Geist Newtons spekulieren. Jeder Mensch soll hoffen und glauben was er kann.« Darwin nimmt also keine – wie es die evolutionären Ideologen vom Schlage Kutschera gerne sehen würden – atheistisch-fundamentalistische, sondern eine zurückhaltendere und einem reflektierten Geist angemessene agnostisch-liberale Haltung ein. Er knüpft damit an einen wohltuenden Gedanken der antiken Skepsis an, nämlich wo immer es nötig ist, Urteilsenthaltung zu üben (vgl. Leibfried 2009).

    2) Dieses Verhalten hat auch den Mythos von sogenannten Elefantenfriedhöfen befördert, weil man an solchen Orten oft größere Mengen Knochen findet. Seinen Ursprung hat der Mythos jedoch in den »Tausendundeine Nacht«-Geschichten von Sindbad dem Seefahrer. Der sah sich in seiner Zeit als Elfenbeinjäger eines Morgens von wütenden Elefanten umringt, die ihn zu einen Hügel führten, der ganz mit Elefantenknochen und Elefantenzähnen bedeckt war. Sindbad zweifelte nicht daran, dass es sich um einen Elefantenfriedhof handelte und dass die Elefanten ihn dort hingebracht hatten, um ihm zu zeigen, dass es keinen Grund gab, Elefanten wegen ihrer Stoßzähne zu töten. Man musste sich an solchen Orten nur die Mühe machen, sie aufzuheben.

    3) Trotz naheliegender Parallelen zu menschlichen Trauer- und Fürsorgeverhalten ist bezüglich der genauen Intention (oder Interpretation) tierischen Verhaltens große Vorsicht angesagt. Es ist z. B. wiederholt beobachtet worden, dass Elefanten nicht nur tote Artgenossen, sondern auch Menschen, die von ihnen zuvor brutal verletzt oder getötet wurden, mit Ästen zugedeckten (vgl. Meredith 2003).

    4) Der Besuch einer Intensivstation oder eines Friedhofes sollte ausreichen, um sich davon zu überzeugen, dass das Fürsorge- und Trauerverhalten der Elefanten gegenüber dem von uns Menschen maximal als rudimentär einzustufen ist.

    5) Kutschera wird in seinen vielen Interviews nicht müde zu behaupten, dass wir Menschen »nur eine von Millionen Tierarten sind«. Hier sieht man, dass er - wenn es um seine propagandistischen Zwecke geht - sehr gut zwischen Tieren und Menschen zu differenzieren weiß.

    6) Das verzehrende Leiden seiner Lieblingstochter Annie, die 1851 im Alter von acht Jahren gestorben ist, ist ihm sicherlich erheblich näher gegangen, als es die Kenntnis von Kutscheras einfältiger Geschichte über zahnlos dahinsiechende Elefanten jemals vermocht hätte. Ihr früher Tod war der maßgebliche Auslöser dafür, dass Darwin sich vom konventionellen religiösen Glauben abwendete (vgl. Quammen 2008).

    Literatur

    Benn, Gottfried (1960): »Gesammelte Werke 1, Gedichte«. – Wiesbaden

    Douglas-Hamilton, Ian, Bhalla, S., Wittemyer, G. & Vollrath, F. (2006): »Behavioural reactions of elephants towards a dying and deceased matriarch«. – In: Applied Animal Behaviour Science

    Kutschera, Ulrich (2009): »Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. – München

    Leibfried, Erwin (2009): »Rezension: Tatsache Evolution – Was Darwin nicht wissen konnte«. – In: Wissenschaftlicher Literaturanzeiger

    Meredith, Martin ( 2003): »Der afrikanische Elefant«. – Kreuzlingen/München

    Quammen, David (2008): »Charles Darwin – Der große Forscher und seine Theorie der Evolution«. – München

    G. M., 28.04.2009


     

    Der Backenzahn eines Elefanten

    Im Unterschied zu anderen Tieren haben Elefanten in jedem Kiefer sechs ›Sätze‹ von Backenzähnen, die satzweise von hinten her nachwachsen, sich langsam nach vorne schieben und die alten vorne hinausdrücken, wenn diese abgenutzt sind:

    »Den ersten Satz verlieren Elefanten, wenn sie etwas zwei Jahre alt sind; den zweiten etwa mit sechs Jahren, den dritten mit 15 Jahren, den vierten mit etwa 28 Jahren, den fünften mit etwa 43 Jahren. Der sechste Satz Backenzähne entsteht, wenn die Tiere etwa 30 Jahre alt, und er kommt in Gebrauch wenn der Elefant Anfang 40 ist. Der letzte Satz hält weitere 20 Jahre. Wenn er abgenutzt ist, können Elefanten ihre Nahrung nicht mehr richtig aufnehmen und sterben.« (Meredith 2003)


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